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Übergabe der Erinnerungs-Orte bei Regens Wagner an die Öffentlichkeit

In Michelfeld wird seit einigen Tagen an die Frauen, die während des Nationalsozialismus bei Regens Wagner Michelfeld gelebt haben und von dort deportiert wurden, erinnert. Zur Erinnerungsstunde begrüßte der  Direktor der Regens Wagner Stiftungen,  Pfr. Rainer Remmele, die Gäste.  Gesamtleiter Peter Miltenberger (Leitung RW Michelfeld), der Mitarbeiter Bernhard Kallmeier und der Beschäftigte mit Behinderung Andreas Steger sowie Sr. M. Gerda Friedel (Provinzoberin der Dillinger Franziskanerinnen) legten Gedenksteine nieder. Abschließende Worte sprach Direktor Remmele, der Hinweise auf weitere Möglichkeiten der Erinnerungs-Orte gab. Nach der Erinnerungsstunde gab es einen geführten Rundgang zu den 10 Erinnerungs-Orte auf dem Gelände der Einrichtung.

Die Erinnerungs-Orte erzählen barrierearm und in leichter Sprache die Geschichte der Einrichtung während des Nationalsozialismus.  Die Erinnerungs-Orte gibt es auch als Ausstellung auf Rollbannern, um damit in Schulen oder öffentlichen Einrichtungen das Thema platzieren zu können. Es ist eine Handreichung in leichterer Sprache erschienen, welche die Geschichte des Projekts und der Einrichtung aufgreift. Außerdem wurde ein Orientierungsflyer zu den Erinnerungs-Orten auf dem Gelände vorgestellt. Von Seiten verschiedener Schulen gibt es großes Interesse an einer Zusammenarbeit zu dem Thema und in den nächsten Monaten werden bereits erste Projekte und Workshops mit Schüler*innen umgesetzt werden.

Einladung zur Erinnerungsstunde bei Regens Wagner Michelfeld

Wo: Klosterhof 2-1, 091275 Auerbach

Wann: 22.09.2016 um 16.00

Flyer

Seit einiger Zeit erarbeitet eine Arbeitsgruppe der oberpfälzischen Einrichtung der Behindertenhilfe Regens Wagner Michelfeld ein Konzept zur Erinnerung an die betreuten Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden. Es begann mit einem Fund auf einem Dachboden: In Bananenkisten lagerten über Jahrzehnte hinweg Akten. Die Arbeitsgruppe um Sabrina Renk und Norbert Aas entschied, verschiedene Erinnerungszeichen über das Gelände zu verteilen. „Behutsames Erinnern“ nennt dies die den Prozess gestaltende und begleitende Berliner Agentur bar_m, die auf ihrer Website beeindruckende Bilder und Texte präsentiert, die die Komplexität des Vorhabens gut veranschaulichen. Am 22.9.2016 wird es nun die Ergebnisse zu sehen geben.

 

prozessbegleitung-erinnerungsort-gedenken-agentur-bar-m-berlin

Andersartig Gedenken on Stage – herzliche Einladung zur Preisverleihung

Datum: 1. Oktober 2016, 18.30 Uhr Preisverleihung, 20.00 Uhr Aufführung des Siegerbeitrags

Ort: Die Weisse Rose, Martin-Luther-Straße 77, 10825 Berlin (barrierefrei)

Eintritt: der Eintritt ist frei, um eine Spende an den Förderkreis Gedenkort T4 wird gebeten.

Anmeldung: bis zum 26. September bei Stana Schenck (stana.schenck@gedenkort-t4.eu)

 

 


 

 

Der Wettbewerb

 

Im Herbst 2015 rief die AG Gedenkort T4 unter dem Motto Andersartig Gedenken on Stage‘ bundesweit Schultheater sowie inklusive Theatergruppen dazu auf, die Lebensgeschichte eines NS-‚Euthanasie‘-Opfers auf die Bühne zu bringen.

 

Gefördert vom Paritätischen Berlin, der Stiftung EVZ, der Bundesvereinigung der Lebenshilfe sowie der Lebenshilfe Berlin, knüpfte ‚Andersartig Gedenken on Stage‘ direkt an die Idee des Vorgängerwettbewerbs, ‚Andersartig Gedenken‘, an. Das Ziel war auch diesmal, junge Menschen zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit der Geschichte von Ausgrenzung und Inklusion zu motivieren. Doch statt der Gestaltung eines Denkmals ging es nun um die Entwicklung eines Theaterstücks.

 

Ein so dunkles Kapitel deutscher Geschichte darstellerisch zu verarbeiten, war keine leichte Aufgabe. Es bedeutete Mut, Einfühlungsvermögen und eine kompetente pädagogische Begleitung. Vierzehn Schauspielgruppen haben diesen Mut bewiesen, haben ein Theaterstück konzipiert, aufgezeichnet und eingesandt. Als Basis für die inhaltliche Arbeit diente den Jugendlichen das unter Gedenkort T4 frei zugängliche Onlinegedenkbuch. Dort sind Biografien von Menschen zu lesen, die zwischen 1939 und 1945 Opfer der nationalsozialistischen Patientenmorde wurden.

 

Eine unabhängige Jury bestimmte schließlich Anfang Juni 2016 die sieben Preisträger_innen. Die Wahl, das lässt sich ganz klar sagen, fiel nicht leicht. In einer intensiven, beinahe zwölfstündigen Sitzung diskutierte die Jury die eingesandten Beiträge, beleuchtete Stärken und Schwächen der Stücke.

 

 

Im Rahmen der Preisverleihung wird auch der Siegerbeitrag „KÄTHE“ aufgeführt. (Foto: Christiane Matthäi)

 

 

Die Preisträger_innen

 

Zunächst wurde der 5. Platz (500 Euro) vergeben. Dieser geht an die Theatergruppe der Geschwister-Scholl-Oberschule Bad Laer, die mit ihrem Beitrag ‚Rupprecht Villinger – Recht auf Leben‘ den Bogen in die Gegenwart schlagen konnte. Auf Basis der Menschenrechte und des Grundgesetzes setzten sich die Schüler_innen damit auseinander, wie Menschen früher miteinander umgingen und wie dies heute der Fall ist.

 

Die Produktion ‚Kannst Du schweigen – Ich auch‘ des Theaters Backnang, die gleich an mehrere Backnanger Bürger_innen erinnert, erhält den 4. Platz (500 Euro). Anhand der Darstellung einzelner Charaktere und deren Rollen im System näherten sich die jungen Schauspieler_innen dem Thema Verantwortung an.

 

Den 3. Platz (1.000 Euro) vergibt die Jury an Schüler_innen des Ernst-Mach-Gymnasiums und der Mittelschule Haar, die sich mit ihrem Stück ‚Spurensuche  – Was für ein Mensch willst Du sein?‘ für eine dokumentarisch-performative Inszenierung entschieden haben. Sie eröffnen in ihrem Stück einen historischen Kontext, der von der ersten Londoner Eugenik-Konferenz bis hin zur Flüchtlingskrise der Gegenwart reicht. „Es ist diese Arbeit am kollektiven Gedächtnis, die das Theaterprojekt ‚Spurensuche‘ vor allem auszeichnet“, sagt Florian Kemmelmeier, der in der Jury für die historische Expertise verantwortlich war. „Nicht einzelne Biografien standen im Vordergrund, nicht die Geschichte an sich, sondern vielmehr die Mechanismen von Einteilung, Stigmatisierung und Ausgrenzung“.

 

Das Stück ‚Geheimnisse im Kopf‘, inszeniert von einer Kooperation des Carl-Orff-Gymnasiums und des Heilpädagogischen Centrums Augustinum aus Unterschleißheim, konnte sich den 2. Platz (1.500 Euro) sichern. Als Grundlage diente den Darsteller_innen ein Roman von Elisabeth Zöller, die die Geschichte ihres Onkels aufgearbeitet hat. Besonders lobenswert sei bei dieser Einsendung, so Schauspieldozentin und Jurymitglied Sigrid Kolster, dass durch die theaterpädagogische Arbeit eine intensive Begegnung von Schüler_innen des Gymnasiums und Mitarbeiter_innen der Werkstatt zustande kam.

 

Am meisten überzeugte die Jury das Stück ‚KÄTHE – Ein Opfer der Euthanasie im Nationalsozialismus‘, das einstimmig den 1. Platz (2.000 Euro) zugesprochen bekam. Entwickelt und inszeniert wurde das Stück von Schüler_innen des Schulzentrums ‚Geschwister Scholl‘ in Bremerhaven. Als Grundlage diente ihnen die Biografie Käthe Spreens, einer jungen Frau aus Bremerhaven, die 1941 in Hadamar ermordet wurde. Basierend auf Originaldokumenten und ergänzt durch fiktive Inhalte, zeigt es neben Käthes Sicht auch die Perspektive von deren Cousine Henrita. Denn wie in vielen betroffenen Familien, so herrschte auch bei Käthes Angehörigen Ungewissheit und Stillschweigen über ihren Tod.

 

„Wir wünschen uns, dass durch das Stück die Erinnerung an Käthe lebendig bleibt und deutlich wird, dass alle Menschen in ihrer Verschiedenheit respektiert und integriert werden müssen.“ – aus dem Begleitschreiben der Schüler_innen des Schulzentrums ‚Geschwister Scholl‘

 

Das vergleichsweise kurze Theaterstück setze einen intensiven Prozess in Gang, begründet Sigrid Falkenstein – Jurymitglied und selbst Angehörige eines ‚Euthanasie‘-Opfers – die Entscheidung. „Es baut Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Käthes Biografie, der Suche ihrer Angehörigen und den eigenen Lebenserfahrungen der jungen Darsteller_innen“. Dies, so Falkenstein, geschehe ohne die Überfrachtung mit historischen Fakten und ohne den mahnenden ‚pädagogischen Zeigefinger‘.

 

 

Die Sonderpreisträger_innen

 

Zusätzlich zu den allgemeinen Preisen waren auch ein Sonderpreis für eine besonders gelungene Umsetzung des Inklusionsgedankens (Inklusionspreis der Lebenshilfe Berlin) sowie ein Förderpreis für eine herausragende schauspielerische Einzelleistung ausgelobt.

 

Über den Inklusionspreis der Lebenshilfe Berlin dürfen sich die Mitglieder des Theaters 36 aus Hamburg freuen. Deren Stück ‚Der Brief – Ein Spiel zwischen Gestern und Heute‘, so die Jurorin Prof. Dr. Marianne Hirschberg, zeige gleich mehrere inklusive Strukturen, die jedoch nicht als ‚besonders‘ dargestellt seien. Vielmehr würden gesellschaftliche Differenzen wie Alter, Geschlecht und Nicht_Behinderung als selbstverständlich angesehen – etwas, das weder historisch noch gegenwärtig immer der Fall ist. Zudem breche ‚Der Brief‘ mit klassischen Rollenverteilungen und somit auch mit dem gängigen Muster ‚Menschen mit Behinderung spielen Menschen mit Behinderung‘.

 

Der Förderpreis für eine herausragende schauspielerische Einzelleistung geht an Kai Bosch vom Theater Backnang. Ihm, so der Regisseur Michael Stacheder, sei eine authentische und reflektierte Darstellung gelungen, die unmittelbar unter die Haut gehe.

 

Unter www.andersartig-gedenken.de sind die Trailer aller ausgezeichneten Stücke abrufbar.

 

 

Die Preisverleihung

 

Am 1. Oktober 2016 um 18.30 Uhr ist es so weit: Im Kulturzentrum ‚Weisse Rose‘ in Berlin werden die Preisträger_innen geehrt. Im Anschluss an die Vergabe der Preise wird auch der Siegerbeitrag ‚KÄTHE‘ live zu sehen sein.

 

Mit Ulla Schmidt (Bundesvorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags), Prof. Barbara John (Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Berlin) und Günter Saathoff (Vorstandsvorsitzender der Stiftung EVZ) werden auch Vertreter von Fördererseite der feierlichen Preisverleihung beiwohnen.

 

„Wir hoffen und wünschen uns“, so der Juryvorsitzende Michael Stacheder, „dass der Theaterwettbewerb ‚Andersartig Gedenken on Stage‘ auch in den nächsten Jahren kontinuierlich weitergeführt und weitergedacht wird. Denn die daraus entstehenden Projekte können die Gesellschaft nachhaltig für ein inklusives Miteinander sensibilisieren, prägen und voranbringen“.

 

 

Gedenktag 1.9.2016

Der Erlaß Adolf Hitlers, der zur Rechtfertigung der NS-„Euthanasie“ diente, wurde im Oktober 1939 verfaßt und auf den Kriegsbeginn 1.9.1939 zurückdatiert. Heute wird an diesem Datum an den Beginn der systematischen Ermordung von Menschen mit psychischen Krankheiten und geistigen Behinderungen erinnert. Wie schon zum Gedenktag 27.1.2016 haben wir eine Landkarte des Gedenkens erstellt, die alle weiteren Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen enthält.

Jeder Mensch ein Abbild Gottes – interreligiöser Gedenkgottesdienst für NS-‚Euthanasie‘-Opfer

Jeder Mensch ein Abbild Gottes – so lautet der Leitgedanke einer interreligiösen Gedenkfeier mit Gottesdienst, zu der die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), das Erzbistum Berlin, die Stiftung Topographie des Terrors und die St. Matthäus-Kulturstiftung der EKBO am Sonntag, 28. August 2016 herzlich einladen.

© Julia Frick.

© Julia Frick.

Begonnen wird die Feier um 17.30 Uhr mit einem stillen Gedenken am Mahnmal T4 vor der Philharmonie. Die Teilnehmenden, so heißt es in der Pressemitteilung, seien gebeten, weiße Rosen mitzubringen, um diese vor dem Mahnmal niederzulegen.

Unter Glockengeläut begeben sich die Versammelten dann zur St. Matthäus-Kirche im Kulturforum (Matthäikirchplatz, 10785 Berlin-Tiergarten).

Dort beginnt um 18.00 Uhr der interreligiöse Gottesdienst, gemeinsam gestaltet von Pfarrerin Marion Gardei (Beauftragte für Erinnerungskultur der EKBO), Pfarrer Lutz Nehk (Beauftragter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit im Erzbistum Berlin), Rabbiner Professor Andreas Nachama (Direktor der Stiftung Topographie des Terrors), Pfarrer Ulrich Lilie (Präsident der Diakonie Deutschland), Professorin Ulrike Kostka (Diözesancaritasdirektorin), Pfarrer Christhard-Georg Neubert (Direktor der St. Matthäus-Kulturstiftung) und dem Künstler Nikolaus Koliusis.

Musikalisch umrahmt wird der Abend von Valentin Heyn (Saxophon), Christoph Bachmann (Violoncello) und Lothar Knappe (Orgel).

Neue Erinnerungs- und Gedenkstätte in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz eröffnet

Neue Erinnerungs- und Gedenkstätte in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz eröffnet

Am 10.07.2016 wurde im Rahmen einer Gedenkveranstaltung auf dem Gelände der ehemaligen Landesirrenanstalt Domjüch bei Neustrelitz eine neue Erinnerungs- und Gedenkstätte für die Domjücher Opfer der Euthanasie und Zwangssterilisation in der Zeit des Nationalsozialismus eröffnet.

 

Am 11.07.1941 wurden von der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Domjüch am Stadtrand von Neustrelitz ca. 100 Patienten abgeholt und vermutlich noch am gleichen Tag in der Vernichtungsanstalt Bernburg umgebracht. Zum 75. Jahrestag dieses Transportes fand in der Kapelle der ehemaligen Anstalt ein Gedenkgottesdienst statt, der vom Verein zum Erhalt der Domjüch –  ehemalige Landesirrenstalt e.V. und der Kirchgemeinde Alt-Strelitz organisiert wurde. Bei dieser Veranstaltung waren u.a. auch Angehörige von ehemaligen Euthanasieopfern anwesend. Ein Höhepunkt dieser Veranstaltung war die Enthüllung einer Gedenktafel am Haupteingang des ehemaligen Verwaltungsgebäudes.

Gedenktafel am Haupteingang des ehemaligen Verwaltungsgebäudes

Gedenktafel am Haupteingang des ehemaligen Verwaltungsgebäudes

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Othering – Verfolgung von Minderheiten in Heidelberg 1933-1945

Über Twitter sind wir auf ein spannendes Projekt in Heidelberg aufmerksam geworden: (Danke @DerGuenther !).  Eine studentische Initiative, die sich  mit Prozessen des „Othering“ im NS in Heidelberg beschäftigt. Dabei geraten auch die NS-Krankenmorde in der Stadt in den Blick. Im Folgenden ihre Selbstdarstellung, verfasst vom Projektleiter, Felix Pawlowski.

 

Wer wir sind:

 

Der studentische Verein “Heidelberger Lupe – Verein für Historische Forschung und Geschichtsvermittlung” befindet sich seit Februar 2016 in Gründung und hat es sich zum Ziel gesetzt, die Regionalgeschichte Heidelbergs im Nationalsozialismus zu erforschen und didaktische Zugangsmethoden für den Schulunterricht zu entwickeln. Er besteht derzeit aus zwölf aktiven Mitgliedern und kooperiert mit dem Arbeitsbereich „Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa“ des Lehrstuhls für Zeitgeschichte der Universität Heidelberg, der Jüdischen Kultusgemeinde, dem Dokumentation- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, der Stadt und diversen Schulen Heidelbergs. Hervorgegangen ist die Gruppe aus früheren Projekten des Arbeitsbereiches, mit dem sie u.a. im Januar 2015 die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Rathaus der Stadt Heidelberg gestaltet und im Oktober des Selben Jahres die Ausstellung „Herausgerissen – Deportation von Heidelbergern 1940“ konzipiert und umgesetzt hat. Im Zuge dieser Ausstellung kamen Lehrer und Lehrerinnen aus Heidelberg auf die Gruppe zu und fragten ob die Möglichkeit bestünde regionalgeschichtlich fokussierte Zusatzmaterialien zur Verfolgung von Minderheiten für den Geschichtsunterricht zu entwerfen.

 

Konzept:

 

Wir konzipieren und planen eine fächerübergreifende Handreichung für Lehrer und Lehrerinnen und außerschulische Bildungseinrichtungen und wollen gleichermaßen Erinnerungsorte in Heidelberg mit einbeziehen und didaktisch zugänglich machen. Nicht nur für den Geschichtsunterricht, auch für den Deutsch, Kunst oder Religionsunterricht sollen die Textbausteine, Arbeitsblätter und das Begleitmaterial das wir erstellen werden nutzbar sein. Der Holocaust ist fest verankert im Curriculum vieler Fächer. Da die gängigen Schulbücher aber von großen und überregionalen Verlagshäusern gedruckt werden, geht der regionale Fokus dabei verloren. Uns ist es jedoch wichtig zu zeigen, dass die Verfolgung von Minderheiten kein entrücktes Thema ist, sondern auch in der unmittelbaren Umgebung stattfand. Durch Stereotypisierungsprozesse und ‚Othering’  wurden auch Heidelberger Mitbürger*innen im Nationalsozialismus fremd gemacht und verfolgt. Durch den Fokus auf persönliche Schicksale und Biographien, sollen die nationalsozialistischen Stereotype aufgebrochen werden. Schüler*innen sollen den konstruktiven Charakter von Stereotypen erkennen und ähnliche Mechanismen in aktuellen Diskursen kritisch hinterfragen. Wir glauben, dass eine Geschichtsvermittlung zum so wichtigen Thema Nationalsozialismus und Verfolgung erfolgreicher sein kann, wenn man diese den Schülern anhand von vertrauten Orten und Personen zeigt die um sie herum sind oder waren, die sie vielleicht täglich unbewusst wahrnehmen und mit denen sie sich vielleicht auch leichter identifizieren können. Dieser direkte Bezug soll die Möglichkeit bieten, das komplexe und doch emotional sehr aufgeladene Thema leichter zu verstehen und einzuordnen.

 

Im Zuge des Besuchs jüdischer ehemaliger Heidelberger im Mai 2016, hatte unsere Gruppe von der Stadt Heidelberg die Möglichkeit erhalten, Zeitzeugeninterviews zu führen und persönliche Schicksale zu dokumentieren. Wir waren so in der Lage mit Video- und Audioaufnahmen die Geschichten der letzten sieben jüdischen Heidelberger Zeitzeugen zu dokumentieren. Auch diese Aufnahmen fließen direkt in unser Projekt ein.

 

Die Gruppe hat sich dazu entschlossen das gesamte Projekt aufgrund seines Umfangs in mehreren Phasen vorzubereiten. Zunächst werden die am Projekt beteiligten Studierenden anhand ausgewählter Themen und Erinnerungsorte bis Ende des Jahres ein Muster an Arbeitsmaterialien erstellen. Mit diesen Materialien werden wir anschließend in verschiedenen Schulklassen von Heidelberger Gymnasien den Praxistest machen und die Verwendbarkeit innerhalb des Unterrichts eruieren. Danach entscheidet sich ob das Projekt erweitert wird und die restlichen vorgesehenen Themenbereiche bearbeitet werden. Der Gesamtumfang des Projektes erstreckt sich von 1933-1945. Dieser Zeitraum wird in der Geschichtswissenschaft üblicherweise in mehrere Phasen eingeteilt:

 

I. 1 Phase 1933-35: Verdrängung von Minderheitengruppen aus dem wirtschaftlichen Leben

II. 2 Phase 1935-38: Nürnberger Gesetzte + Folgen → Themenschwerpunkt: Konstruktion von „Anderssein“ und realgesellschaftliche Folgen

III. 3 Phase 1938-39: Novemberpogrom + Kriegsausbruch

IV. 4. Phase 1939-45 (weitere Unterteilung möglich)

 

Für die Erstellung der ersten Materialien wird lediglich die Phase 2 bearbeitet und der Schwerpunkt dabei auf die Konstruktion des „Anderssein“ gelegt.

 

Erste Themenfestlegung:

 

Die Themenwahl innerhalb der Verfolgen-Gruppen geschieht nach Orten und Personen in Heidelberg:

–              „Geisteskranke” à „Entartete“ Kunst?; Euthanasie + Kliniken HD + Grafeneck, (Kunstbezug über die Sammlung Prinzhorn) Sammlung Prinzhorn + Gedenkstelle für die Opfer der Euthanasie, Bruno Oppenheimer, Maja Bitsch, Wilhelm Werner.

Gedenkstein in Heidelberg

Gedenkstein in Heidelberg

–              „Widerständler“ vs Volksgemeinschaft à Thingstätte und Thingbewegung; BDM und HJ in HD → Thingstätte (Volksgemeinschaft), Widerstand von Studentischer Seite, Helmut Meyer, Hermann Maas

–              „Homosexuelle“ + „Politisch Verfolgte“ à Gedenkstätte auf dem Bergfriedhof, Max Brosch

–              „Juden“ à Synagogenplatz, Wohnorte,  Zeitzeugeninterviews mit Hans Flor, Ronald & Eric Kay, Michael Pinkuss, Mia Forscher, Henry Baer und Rahel Anili

–              „Sinti“ à Gedenkplakette Steinstraße, Wohnorte (lokale Häufung, u.a. Friedrich-Ebert-Haus): Sinti in HD + Vertreibung, Fam. Meinhardt, Fam. Birkenfelder

–              „Intellektuelle“ à Ort Bücherverbrennungen (Bildung, Universität)

 

Jeder Themenkomplex wird von ein bis zwei Studierenden bearbeitet. Im kommenden September findet zudem ein erster Didaktikworkshop mit Dozenten aus den Bildungswissenschaften, Lehrern, dem Stadthistoriker Dr. Norbert Giovannini und dem Holocaust-Education Experten Dr. Bertram Noback (angefragt) statt. Das Projekt des Vereins ist offiziell am Arbeitsbereich „Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa“ des Lehrstuhls für Zeitgeschichte der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg angesiedelt und wird inhaltlich von diesem betreut.

Verantwortliche Betreuer sind Dr. Birgit Hofmann und M.A. Daniela Gress. Projektleiter und –koordinator ist B.A. Felix Pawlowski.

 

Gebäude und Gelände der NS-Euthanasiegedenkstätte Kalmenhof in Idstein sollen verkauft werden

[UPDATE 13.7.2016: Es berichteten das Wiesbadener Tagblatt, das Lokalportal Idstein live und der Vitos Konzern gab bereits am 7.7. eine Pressemitteilung heraus, in der er die Verkaufsabsichten bestritt. Wie dann wohl die Immobilienanzeige zu Stande kam, erklärt er nicht.]

[UPDATE 12.7.2016: Das ZDF-Magazin heute in Deutschland brachte einen Beitrag über die aktuelle Situation am Kalmenhof, am Minute 10:00]

Der Kalmenhof in Idstein, im Jahr 1888 als interkonfessionelle Bürgerstiftung vor allem auf Initiative des Frankfurter Bankiers, Philanthropen und Sozialreformers Charles Hallgarten gegründet und heutzutage ein Standort von „Vitos Teilhabe gemeinnützige GmbH“, erlebte eine wechselvolle Geschichte.

1933 wurde die vormals privat finanzierte Einrichtung gleichgeschaltet, der private Trägerverein zerschlagen. Der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) übernahm mit seiner Gründung 1953 die Trägerschaft und das Eigentum des Kalmenhofes.

 

Während der Zeit der „Euthanasie“-Morde fungierte der Kalmenhof als Zwischenanstalt; von dort aus wurden viele Menschen zum Zwecke ihrer Ermordung in Tötungsanstalten deportiert.

 

Auch auf dem Gelände des Kalmenhofes wurde im Kontext der „dezentralen Euthanasie“ in großem Umfang gemordet.

 

Im 1927 erbauten Krankenhaus war 1941 eine „Kinderfachabteilung“ eingerichtet worden. Hunderte Menschen wurden dort bis zum Frühjahr 1945 planvoll getötet und auf dem Gelände verscharrt.

 

Ehemaliges Kalmenhof-Krankenhaus (Kinderfachabteilung) Foto M. Hartmann-Menz 2015

Ehemaliges Kalmenhof-Krankenhaus (Kinderfachabteilung) Foto M. Hartmann-Menz 2015

Im Bereich der vermuteten Massengräber wurde 1987 eine mit Bundesgeldern finanzierte Gedenkstätte errichtet. Die hier begrabenen Opfer sind namentlich bekannt; eine genaue Lokalisierung der Gräber auf dem Gelände ist bisher nicht erfolgt.

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Nun stehen das Krankenhausgebäude, die ehemalige Leichenhalle sowie 8000m² dazugehöriges Gelände in einem großen Immobilienportal zum Verkauf. Im Anzeigentext werden weder die Geschichte der Gebäude noch die Gedenkstätte erwähnt.

Screenshot immoblienscout24.de. Zugriff am 5.7.2016

Screenshot immoblienscout24.de. Zugriff am 5.7.2016

Ehemalige Leichenhalle nahe dem Kalmenhof-Krankenhaus Foto C. Frohn (2016)

Ehemalige Leichenhalle nahe dem Kalmenhof-Krankenhaus Foto C. Frohn (2016)

Es stellt sich die Frage, ob es dem LWV überhaupt zusteht, die Veräußerung von derart geschichtsträchtigen Gebäuden und Grundstücken zu betreiben? Schließlich wurden diese ursprünglich privat gestiftet und konnten nur infolge der Übernahme durch den NS-Machtapparat in öffentliche Hand gelangen.

In einer Publikation des LWV anlässlich des 125-jährigen Jubiläums (2013) heißt es: „Dagegen ist die Mittäterschaft beim Krankenmord … das schwärzeste Kapitel der Kalmenhof-Geschichte. Diese Verbrechen dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Dafür tritt der LWV als Rechtsnachfolger des Trägers ein.“

 

Wird der LWV diesem Anspruch gerecht, indem er plant, den Ort des Gedenkens zu veräußern? 

Hinweis auf Gräberfeld und Gedenkstätte Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Hinweis auf Gräberfeld und Gedenkstätte Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Inschrift im Gedenkrondell Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Inschrift im Gedenkrondell Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Wir halten es für notwendig, diese Information weiträumig weiterzuleiten.

 

Detaillierte Himntergrundinformationen zum Kalmenhof, der juristischen Aufarbeitung und dem Gedenken vor Ort erhalten Sie auch auf der Website von Lutz Kälber (Universität Vermont)

 

 

 

 

Wessen Name nicht genannt wird, der ist ungedenkbar.

Am 29. Juni 2016 fand im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin eine Konferenz mit einem sperrigen Titel statt: Den Opfern einen Namen geben – Gedenken und Datenschutz im Zusammenhang mit der öffentlichen Nennung der Namen von NS-Opfern in Ausstellungen, Gedenkbüchern und Datenbanken.

Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien, betonte in ihrem Grußwort die Brisanz und Wichtigkeit dieses nicht leicht (in Worte) zu fassenden Themas. Während die öffentliche Nennung von Vor- und Zunamen der Holocaustopfer – sei es in Gedenkstätten oder online in Gedenkbüchern – schon lange Praxis ist, wird dies im Zusammenhang mit den Opfern der NS-“Euthanasie“ noch immer kontrovers diskutiert.

Die gestrige Konferenz war keineswegs die erste ihrer Art: Bereits im November 2013 fand eine vergleichbare Veranstaltung in München statt.

Nicht vergleichbar aber sind der Verlauf und der daraus hervorgegangene Konsens der aktuellen Debatte. Noch vor drei Jahren argumentierten die Gegner vor allem damit, dass durch eine öffentliche Bekanntgabe der vollen Namen „schutzwürdige Belange Dritter“ berührt würden. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem sehr offen gehaltenen Begriff?

 

Eine „stahlbetonharte Wand aus Paragraphen“

Es gehe darum, so Dr. Ehrhart Körting (Ehem. Innen und Justizsenator Berlins), dass manche Angehörige der Opfer in der angeblichen Erbkrankheit ihrer ermordeten Vorfahren eine Stigmatisierung ihrer selbst sähen und sich daher gegen die Nennung der Namen und die damit möglicherweise einhergehende Verbindung zu ihrer Person aussprächen. Faktisch handle es sich hier aber um eine „bloße Reflexwirkung“, der man nicht mit einer prophylaktischen Anonymisierung begegnen könne. 1)Mehr zum Standpunkt von Erhart Körting ist in seinem diesbezüglichen Gutachten aus dem Jahr 2014 zu lesen: http://gedenkort-t4.eu/de/content/gutachten-namensnennung-ns-euthanasieopfer ,letzter Zugriff am 30.06.2016.

Erhart Körting

Erhart Körting auf der Konferenz

Im Tagungsbericht von 2013 ist zu lesen, dass „an den beschriebenen Diskursmodi nicht gerüttelt [wurde]: Für die Archivare und Juristen […] galten axiomatisch die schutzwürdigen Belange Dritter, für die Historiker und Angehörigen die Würde der Opfer, die gebiete, dass man die Namen nenne. So kam man nicht zusammen.“ Vor gerade einmal drei Jahren als konnte die „stahlbetonharte Wand aus Paragraphen und Vorschriften“ in München nicht durchbrochen werden – wie erfreulich anders sah es da gestern in Berlin aus! Unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Nachama (Stiftung Topographie des Terrors) und Uwe Neumärker (Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas) diskutierten Fachleute aus Geschichtswissenschaft, Gedenkarbeit, Archivwesen, Medizinethik und Rechtswissenschaft vor und mit ca. 180 Gästen.

 

Über inkonsistente Archivgesetze und den mutmaßlichen Willen der Opfer

Im ersten Teil der Konferenz lag der Fokus auf rechtlichen Belangen. Den Anfang machte Dr. Erhart Körting, der noch einmal eindringlich darauf hinwies, dass eine Orientierung am mutmaßlichen Willen des Verstorbenen geboten sei. Zwar gebe es das sogenannte postmortale Persönlichkeitsrecht (über dessen Schutzfrist sich jedoch niemand so recht einig sei), dieses sei jedoch nur berührt, wenn der oder die Verstorbene posthum erniedrigt oder herabgewürdigt werde. Dass dies bei einer Nennung von Namen und Sterbedaten im Kontext des Opfergedenkens und der Aufklärung nicht der Fall sei, müsse eigentlich nicht diskutiert werden.

Auch Dr. Michael Hollmann vom Bundesarchiv sprach sich im Namen seiner Kolleginnen und Kollegen für eine öffentliche Nennung der Opfernamen aus. Bisher sei der Zugang zu den Daten in den Archiven zwar trotz § 1 BarchG (Nutzungsrecht für jedermann) erschwert, dies wolle man jedoch in Zukunft ändern.

Im Anschluss gab der Historiker und Polonist Robert Parzer Einblicke in die durchaus kuriosen Archivpraxen in Deutschland und Polen. Trotz manchmal gleicher Gesetzeslage (konkret: NRW) sei die Praxis der Zugänglichmachung uneinheitlich. Vom Kopierverbot bis zum Versenden von Originaldokumenten habe er bereits alles erlebt. Parzers Conclusio: Polnische Archive sind, gerade was die Zugänglichkeit von Daten angeht, fortschrittlicher als deutsche.

 

Medizin- und datenschutzrechtliche Aspekte

Mit Prof. Dr. Thomas Beddies vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Berliner Charité hatte nun der Medizinhistoriker das Wort. Beddies stellte die klare Trennung von Opfergedenken und Wissenschaft in den Mittelpunkt seines Vortrags. Details aus Krankenakten beispielsweise sollten auf keinen Fall veröffentlicht werden, da dies zum einen die ärztliche Schweigepflicht verletze und zum anderen für das Andenken Verstorbener nicht von Bedeutung sei. Für die Forschung hingegen sei das Studium dieser Akten von großer Wichtigkeit, hier würden die Informationen aber anonymisiert, weil im wissenschaftlichen Kontext eben die Identität der Opfer nicht relevant sei. Was die schlichte Nennung der vollen Namen und der Geburts- und Sterbedaten angeht, sprach sich auch Beddies klar dafür aus. Auf den Stolpersteinen, so sein simples wie einschlägiges Argument, stünden schließlich auch – öffentlich – die Namen der Opfer.

Als letzter Redner vor der Mittagspause brachte Ministerialdirektor Diethelm Gerhold die datenschutzrechtliche Perspektive in die Debatte ein. Bei der Nennung von Opfernamen in Gedenkstätten habe er überhaupt keine Bedenken – anders sehe dies jedoch bei Onlineveröffentlichungen aus. Dort drohe, so Gerhold, der absolute Kontrollverlust über die Daten, weil eben jeder „Feld-, Wald- und Wiesennutzer“ mit ihnen hantieren und sie willkürlich mit Informationen verknüpfen könne.

 

Die Vergessenen ins Gedächtnis zurückholen – ethische Aspekte

Der Fokus des zweiten Teils der Konferenz lag nun auf den ethischen und persönlichen Aspekten der Debatte. Anstelle von PD Dr. Gerrit Hohendorf, der leider verhindert war, trat Herr Dr. Michael von Cranach (München) ans Rednerpult. Auch er betonte den mutmaßlichen Willen der Opfer, der – zusammen mit einem gesellschaftlichen Interesse an Aufklärung und Erinnerung – über den vermeintlichen „Belangen Dritter“ stünde. Ganz klar plädierte auch von Cranach für die öffentliche Namensnennung: Nur so könne man die Vergessenen ins individuelle und kollektive Gedächtnis zurückholen.

Margret Hamm vom Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten  sorgte mit ihrem Vortrag für eine Überraschung. Waren doch bisher alle Redner miteinander konform, zeichnete sich doch eine klare Richtung für die zukünftige Praxis ab – Frau Hamm als Stimme der Betroffenen selbst sprach sich gegen die öffentliche Namensnennung aus. Man solle sich, so Hamm, an den noch wenigen Lebenden orientieren, die laut ihrer Aussage allesamt nicht wollten, dass man ihre Namen im Kontext der NS-“Euthanasie“ und der Zwangssterilisierungen öffentlich nenne.

Dr. Georg Lilienthal, langjähriger Leiter der Gedenkstätte Hadamar, gab anschließend Einblicke in die bisherige Praxis der verschiedenen NS-“Euthanasie“-Gedenkstätten. So schreiben Brandenburg, Pirna-Sonnenstein und Grafeneck die Namen der Opfer mittlerweile konsequent aus, Hartheim und Hadamar nur in Rücksprache mit Angehörigen.2)Aus der Gedenkstätte Bernburg lag keine Stellungnahme vor.Lilienthal betonte aber auch die Notwendigkeit der Überarbeitung, da einige Dauerausstellungen mittlerweile in die Jahre gekommen seien.

 

„Daß über den Namen hinaus etwas von uns verbleibe“

Als letzte Rednerin des Tages äußerte sich Dr. Gabriele Hammermann von der KZ-Gedenkstätte Dachau zur Praxis der Namensnennung von Menschen aus verschiedenen Opfergruppen. Sie schloss mit einem Zitat des italienischen Schriftstellers und Holocaustüberlebenden Primo Levi, das nun auch hier zum Abschluss wiedergegeben werden soll:

„Man hat uns die Kleidung, die Schuhe und selbst die Haare genommen; sollten wir reden, so wird man uns nicht anhören, und wird man uns auch anhören, so wird man uns nicht verstehen. Auch den Namen wird man uns nehmen; wollen wir ihn bewahren, so müssen wir in uns selbst die Kraft dazu finden, müssen dafür Sorge tragen, daß über den Namen hinaus etwas von uns verbleibe, von dem was wir einmal gewesen 3)Primo Levi: Ist das ein Mensch?, 1991.

 

Wessen Name nicht genannt wird, der ist ungedenkbar

Ja – wäre nicht schon lange Zeit (illegalerweise) eine Liste mit Namen von NS-“Euthanasie“-Opfern online, hätten so manche Angehörige ihre Vorfahren nicht ins individuelle und kollektive Gedächtnis zurückholen können, um noch einmal von Cranachs Worte aufzugreifen. Denn wessen Name nicht bekannt ist, wessen Name nicht genannt wird, der ist ungedenkbar.

Die Stigmatisierungen, die für manche Angehörige scheinbar noch immer mit den angeblichen Diagnosen der nationalsozialistischen Ärzte einhergehen, sind Reproduktionen alter Bilder – indem ich etwas als Makel ansehe, mache ich es oft erst zu einem. Dennoch lässt sich nicht verleugnen, dass Behindertenfeindlichkeit ein noch immer existierendes Problem in unserer Gesellschaft ist.

Der allgemeine Konsens der gestrigen Veranstaltung war, dass man dieser realen Feindlichkeit und den ebenso realen Ängsten nur entgegenwirken kann, indem man aufklärt. Und genau im Licht dieser Schlussfolgerung wurde im Anschluss an die Konferenz in den Räumen des Tagesspiegels der Förderkreis des Gedenk- und Informationsortes Tiergartenstraße 4 für die Opfer der NS-“Euthanasie“-Morde e.V. gegründet.

Einzelnachweise   [ + ]

1. Mehr zum Standpunkt von Erhart Körting ist in seinem diesbezüglichen Gutachten aus dem Jahr 2014 zu lesen: http://gedenkort-t4.eu/de/content/gutachten-namensnennung-ns-euthanasieopfer ,letzter Zugriff am 30.06.2016.
2. Aus der Gedenkstätte Bernburg lag keine Stellungnahme vor.
3. Primo Levi: Ist das ein Mensch?, 1991.

Neue Biographie: Olga Lisitzki

Olga Lisitzki war Arbeiterin. Ludwig Russ, der erste Mann von Olga, war 1916 gefallen, ihr erstes Kind, eine Tochter, starb an Unterernährung im Ersten Weltkrieg.

So beginnt die Geschichte einer Frau, die sich aus den Wirren des Ersten Weltkrieges befreite und dann doch alles nicht aushielt. Aus der Heil- und Pflegeanstalt Eberswalde kam sie nicht mehr heraus – bis auf den Transport in den Tod zur Tötungsanstalt in Brandenburg/Havel. Die Biographie wurde recherchiert von ihrer Enkelin und steht hier.

 

Vortrag: Die ‚Sonderbehandlung 14f13‘ in Schloss Hartheim 1941-1944

Wo: Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein

Wann: 21. Juni 2016 um 18 Uhr

 

Artur Jacobs kam 1883 als viertes Kind seiner jüdischen Eltern zur Welt. Er wurde Kaufmann, bis das NS-Regime im Zuge seiner atisemitischen Politik ihm die wirtschaftliche Existenz unmöglich machte. Er kam wegen angeblichen Sozialhilfebtrugs zwei Mal in Haft; am 15.6.1938 wurde er im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Die Versuche seiner katholischen Frau, ihm zur Ausreise nach Brasilien zu verhelfen, schlugen fehl, und Artur Jacobs wurde in das KZ Dachau überstellt. Seine Odysee durch den KZ-Archipel führte ihn nach Neuengamme, von wo aus er wieder nach Dachau kam, wo er schwer erkrankte. Mit einem so genannten Invalidentransport wurde er in die „Euthanasie“-Tötungsanstalt Hartheim gebracht und dort in der Gaskammer ermordet. (Quelle)

Arthur Jacobs. Quelle http://lebensspuren.schloss-hartheim.at/index.php/2-biografie/23-arthur-jacobs

Arthur Jacobs. Quelle http://lebensspuren.schloss-hartheim.at/index.php/2-biografie/23-arthur-jacobs

Dies ist eine von vielen Biographien, die der Vortragende Florian Schwanninger und sein Team des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim erarbeitet haben. Florian Schwanninger wird in Pirna über die Ermordung tausender KZ-Häftlinge durch das Personal der Aktion T4 sprechen.

 

Gründung des Förderkreises des Gedenk- und Informationsortes an der Tiergartenstraße 4

Wann: 29.6.2016

Wo: Berlin (Ort wird noch bekannt gegeben)

 

Die blaue Glaswand am Denkmal im Aufbau. August 2014

Die blaue Glaswand am Denkmal im Aufbau. August 2014

Der Förderkreis soll die Initiativen, die zur Entstehung des Denkmales für die Opfer der NS-„Euthanasie“ an der Berliner Tiergartenstraße 4 führten, fortsetzen. Wir wollen insbesondere folgendes angehen:

 

  • Angehörigen von Opfern eine Anlaufstelle bieten, wo sie sich informieren und austauschen können
  • Begleitende Informationsangebote in leichter Sprache sowie in Fremdsprachen entwickeln und anbieten
  • Veranstaltungen zum Gedenken am 27.1. in Zusammenarbeit mit anderen konzipieren.

 

Eingeladen zum Mitmachen sind alle, denen die Erinnerung an die NS-„Euthanasie“ ein Anliegen ist. Den vollständigen Aufruf zur Gründung und den Entwurf der Satzung finden Sie hier.

 

Ank.: Konferenz in Doorn und Haarlem (NL) zu NS-„Euthanasie“ 20.5-22.5.2016

Was? Frühjahrstagung des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation zum Thema: Internationaler Vergleich der Sterberaten in ausgewählten Anstalten 1940-1945 und mögliche Implikationen für aktuelle ethische Fragen.

 

Wann? Freitag, 20.5.2016 bis Sonntag, 22.5.2016

 

Wo? Het Dolhuys Haarlem und De Basis, Doorn

 

Zum ersten Mal in seiner über dreißigjährigen Geschichte tagt der Arbeitskreis im westeuropäischen Ausland. Gleich zwei spannende Aspekte lassen sich bereits jetzt hervorheben: Zum einen wäre da die immer noch ungelöste Frage, ob es auch in den besetzten Niederlanden gezielte Krankenmorde gab. Die Organisatorin der Konferenz, Cecile aan de Stegge, arbeitet hierzu momentan an einem Forschungsprojekt, so dass ein hoch interessanter Vergleich mit ebenfalls aktuell laufenden Forschungsprojekten zu den Anstalten Wehnen (Oldenburg) und Eglfing-Haar (München) möglich wird. Zum anderen bergen die „aktuellen ethischen Fragen“ ein gewaltiges Diskussions-, wenn nicht sogar Konfliktpotenzial. Wer die im Arbeitskreis Versammelten etwas kennt, weiß, dass sie überwiegend sehr, sehr skeptisch eingestellt sind, wenn es um assistierten Suizid, vulgo Sterbehilfe, geht. Das Aufeinandertreffen mit den sehr liberal eingestellten Niederländern wird da sicher „interessant“.

 

Die Anmeldung läuft über www.sympopna.nl, die Anmeldefrist gilt nicht, man kann sich immer noch anmelden!

 

Hier das Programm

 

Konferenz: Den Opfern einen Namen geben

Wann: 29.6.2016 11:30-18:00

Wo: Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Berlin

 

Anmeldung bis spätestens 23. Juni unter veranstaltungen@topographie.de oder 030 25450913
Eintritt frei

 

Wenn man die Seiten der Gedenkstätte Hadamar aufruft, begegnet einem ein Opfer namens „Emilie R.“ Warum man nicht erfährt, dass es sich dabei um Emilie Rau handelt und ob man das ändern soll, wird auf der Konferenz diskutiert werden. Es ist nicht die erste ihrer Art -erinnert sei hier z.B. an eine Veranstaltung in München (Tagungsbericht) und eine in Berlin. Die Konferenz kennzeichnet aber eine veränderte Wahrnehmung des Problems in der Politik, da mit Monika Grütters MdB die Staatsministerin für Kultur und Medien ein Grußwort spricht.

 

Allen bisherigen Tagungen ist gemein, dass man auch 70 Jahre nach dem Ende der NS-„Euthanasie“-Morde die Frage, ob man die Opfer mit vollem Namen nennen soll und darf, nicht einheitlich geregelt hat. Das stellt die Forschung und Akteure der Erinnerung oft vor große Probleme. Dahinter stehen oft Bedenken von Archiven wegen der schutzwürdigen Belange von Dritten, womit heute lebende Angehörige gemeint sind, die nicht mit einem Menschen mit Behinderung(en) in Zusamenhang gebracht werden sollen (und selten tatsächlich das auch nicht wollen).

Hier der Flyer. Wer mag, kann zur Vorbereitung auch das Gutachten von Dr. Erhart Körting pro Namensnennung lesen.

 

Neues Bildungsangebot zu NS-„Kranken“-Morden in Berlin

Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas betreut auch den Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen ›Euthanasie-Morde‹« in der Berliner Tiergartenstraße 4. Bisher organisierte sie bereits Führungen vor Ort, nun ist auch eine Einführung in Geschichte und Erinnerung am Ort der Information (unter dem Holocaust-Denkmal) mit einem anschliessenden Besuch des NS-„Euthanasie“-Gedenkortes.

 

Die Einführung bietete einen umfassenden Einstieg in die Geschichte und die Hintergründes des nationalsoizalistischen Krankenemordes. Es werden Biografien von Opfern und Tätern vorgestellt und es werden verschiedene Ansätze diskutiert, wie die Erinnerung an diesen Ort und die damit verbundenen Taten gestaltet wurde.

 

Das Angebot nimmt ca. 2,5 Stunden in Anspruch und kostet 90 €. Es richtet sich unter anderem an Mitarbeiter von Einrichtungen der Behindertenhilfe, von Pflegeeinrichtungen und Angehörige von sozialen Berufen.

 

Mehr zu den Buchungsmöglichkeiten hier.