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Neue Erinnerungs- und Gedenkstätte in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz eröffnet

Neue Erinnerungs- und Gedenkstätte in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz eröffnet

Am 10.07.2016 wurde im Rahmen einer Gedenkveranstaltung auf dem Gelände der ehemaligen Landesirrenanstalt Domjüch bei Neustrelitz eine neue Erinnerungs- und Gedenkstätte für die Domjücher Opfer der Euthanasie und Zwangssterilisation in der Zeit des Nationalsozialismus eröffnet.

 

Am 11.07.1941 wurden von der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Domjüch am Stadtrand von Neustrelitz ca. 100 Patienten abgeholt und vermutlich noch am gleichen Tag in der Vernichtungsanstalt Bernburg umgebracht. Zum 75. Jahrestag dieses Transportes fand in der Kapelle der ehemaligen Anstalt ein Gedenkgottesdienst statt, der vom Verein zum Erhalt der Domjüch –  ehemalige Landesirrenstalt e.V. und der Kirchgemeinde Alt-Strelitz organisiert wurde. Bei dieser Veranstaltung waren u.a. auch Angehörige von ehemaligen Euthanasieopfern anwesend. Ein Höhepunkt dieser Veranstaltung war die Enthüllung einer Gedenktafel am Haupteingang des ehemaligen Verwaltungsgebäudes.

Gedenktafel am Haupteingang des ehemaligen Verwaltungsgebäudes

Gedenktafel am Haupteingang des ehemaligen Verwaltungsgebäudes

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Othering – Verfolgung von Minderheiten in Heidelberg 1933-1945

Über Twitter sind wir auf ein spannendes Projekt in Heidelberg aufmerksam geworden: (Danke @DerGuenther !).  Eine studentische Initiative, die sich  mit Prozessen des „Othering“ im NS in Heidelberg beschäftigt. Dabei geraten auch die NS-Krankenmorde in der Stadt in den Blick. Im Folgenden ihre Selbstdarstellung, verfasst vom Projektleiter, Felix Pawlowski.

 

Wer wir sind:

 

Der studentische Verein “Heidelberger Lupe – Verein für Historische Forschung und Geschichtsvermittlung” befindet sich seit Februar 2016 in Gründung und hat es sich zum Ziel gesetzt, die Regionalgeschichte Heidelbergs im Nationalsozialismus zu erforschen und didaktische Zugangsmethoden für den Schulunterricht zu entwickeln. Er besteht derzeit aus zwölf aktiven Mitgliedern und kooperiert mit dem Arbeitsbereich „Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa“ des Lehrstuhls für Zeitgeschichte der Universität Heidelberg, der Jüdischen Kultusgemeinde, dem Dokumentation- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, der Stadt und diversen Schulen Heidelbergs. Hervorgegangen ist die Gruppe aus früheren Projekten des Arbeitsbereiches, mit dem sie u.a. im Januar 2015 die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Rathaus der Stadt Heidelberg gestaltet und im Oktober des Selben Jahres die Ausstellung „Herausgerissen – Deportation von Heidelbergern 1940“ konzipiert und umgesetzt hat. Im Zuge dieser Ausstellung kamen Lehrer und Lehrerinnen aus Heidelberg auf die Gruppe zu und fragten ob die Möglichkeit bestünde regionalgeschichtlich fokussierte Zusatzmaterialien zur Verfolgung von Minderheiten für den Geschichtsunterricht zu entwerfen.

 

Konzept:

 

Wir konzipieren und planen eine fächerübergreifende Handreichung für Lehrer und Lehrerinnen und außerschulische Bildungseinrichtungen und wollen gleichermaßen Erinnerungsorte in Heidelberg mit einbeziehen und didaktisch zugänglich machen. Nicht nur für den Geschichtsunterricht, auch für den Deutsch, Kunst oder Religionsunterricht sollen die Textbausteine, Arbeitsblätter und das Begleitmaterial das wir erstellen werden nutzbar sein. Der Holocaust ist fest verankert im Curriculum vieler Fächer. Da die gängigen Schulbücher aber von großen und überregionalen Verlagshäusern gedruckt werden, geht der regionale Fokus dabei verloren. Uns ist es jedoch wichtig zu zeigen, dass die Verfolgung von Minderheiten kein entrücktes Thema ist, sondern auch in der unmittelbaren Umgebung stattfand. Durch Stereotypisierungsprozesse und ‚Othering’  wurden auch Heidelberger Mitbürger*innen im Nationalsozialismus fremd gemacht und verfolgt. Durch den Fokus auf persönliche Schicksale und Biographien, sollen die nationalsozialistischen Stereotype aufgebrochen werden. Schüler*innen sollen den konstruktiven Charakter von Stereotypen erkennen und ähnliche Mechanismen in aktuellen Diskursen kritisch hinterfragen. Wir glauben, dass eine Geschichtsvermittlung zum so wichtigen Thema Nationalsozialismus und Verfolgung erfolgreicher sein kann, wenn man diese den Schülern anhand von vertrauten Orten und Personen zeigt die um sie herum sind oder waren, die sie vielleicht täglich unbewusst wahrnehmen und mit denen sie sich vielleicht auch leichter identifizieren können. Dieser direkte Bezug soll die Möglichkeit bieten, das komplexe und doch emotional sehr aufgeladene Thema leichter zu verstehen und einzuordnen.

 

Im Zuge des Besuchs jüdischer ehemaliger Heidelberger im Mai 2016, hatte unsere Gruppe von der Stadt Heidelberg die Möglichkeit erhalten, Zeitzeugeninterviews zu führen und persönliche Schicksale zu dokumentieren. Wir waren so in der Lage mit Video- und Audioaufnahmen die Geschichten der letzten sieben jüdischen Heidelberger Zeitzeugen zu dokumentieren. Auch diese Aufnahmen fließen direkt in unser Projekt ein.

 

Die Gruppe hat sich dazu entschlossen das gesamte Projekt aufgrund seines Umfangs in mehreren Phasen vorzubereiten. Zunächst werden die am Projekt beteiligten Studierenden anhand ausgewählter Themen und Erinnerungsorte bis Ende des Jahres ein Muster an Arbeitsmaterialien erstellen. Mit diesen Materialien werden wir anschließend in verschiedenen Schulklassen von Heidelberger Gymnasien den Praxistest machen und die Verwendbarkeit innerhalb des Unterrichts eruieren. Danach entscheidet sich ob das Projekt erweitert wird und die restlichen vorgesehenen Themenbereiche bearbeitet werden. Der Gesamtumfang des Projektes erstreckt sich von 1933-1945. Dieser Zeitraum wird in der Geschichtswissenschaft üblicherweise in mehrere Phasen eingeteilt:

 

I. 1 Phase 1933-35: Verdrängung von Minderheitengruppen aus dem wirtschaftlichen Leben

II. 2 Phase 1935-38: Nürnberger Gesetzte + Folgen → Themenschwerpunkt: Konstruktion von „Anderssein“ und realgesellschaftliche Folgen

III. 3 Phase 1938-39: Novemberpogrom + Kriegsausbruch

IV. 4. Phase 1939-45 (weitere Unterteilung möglich)

 

Für die Erstellung der ersten Materialien wird lediglich die Phase 2 bearbeitet und der Schwerpunkt dabei auf die Konstruktion des „Anderssein“ gelegt.

 

Erste Themenfestlegung:

 

Die Themenwahl innerhalb der Verfolgen-Gruppen geschieht nach Orten und Personen in Heidelberg:

–              „Geisteskranke” à „Entartete“ Kunst?; Euthanasie + Kliniken HD + Grafeneck, (Kunstbezug über die Sammlung Prinzhorn) Sammlung Prinzhorn + Gedenkstelle für die Opfer der Euthanasie, Bruno Oppenheimer, Maja Bitsch, Wilhelm Werner.

Gedenkstein in Heidelberg

Gedenkstein in Heidelberg

–              „Widerständler“ vs Volksgemeinschaft à Thingstätte und Thingbewegung; BDM und HJ in HD → Thingstätte (Volksgemeinschaft), Widerstand von Studentischer Seite, Helmut Meyer, Hermann Maas

–              „Homosexuelle“ + „Politisch Verfolgte“ à Gedenkstätte auf dem Bergfriedhof, Max Brosch

–              „Juden“ à Synagogenplatz, Wohnorte,  Zeitzeugeninterviews mit Hans Flor, Ronald & Eric Kay, Michael Pinkuss, Mia Forscher, Henry Baer und Rahel Anili

–              „Sinti“ à Gedenkplakette Steinstraße, Wohnorte (lokale Häufung, u.a. Friedrich-Ebert-Haus): Sinti in HD + Vertreibung, Fam. Meinhardt, Fam. Birkenfelder

–              „Intellektuelle“ à Ort Bücherverbrennungen (Bildung, Universität)

 

Jeder Themenkomplex wird von ein bis zwei Studierenden bearbeitet. Im kommenden September findet zudem ein erster Didaktikworkshop mit Dozenten aus den Bildungswissenschaften, Lehrern, dem Stadthistoriker Dr. Norbert Giovannini und dem Holocaust-Education Experten Dr. Bertram Noback (angefragt) statt. Das Projekt des Vereins ist offiziell am Arbeitsbereich „Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa“ des Lehrstuhls für Zeitgeschichte der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg angesiedelt und wird inhaltlich von diesem betreut.

Verantwortliche Betreuer sind Dr. Birgit Hofmann und M.A. Daniela Gress. Projektleiter und –koordinator ist B.A. Felix Pawlowski.

 

Gebäude und Gelände der NS-Euthanasiegedenkstätte Kalmenhof in Idstein sollen verkauft werden

[UPDATE 13.7.2016: Es berichteten das Wiesbadener Tagblatt, das Lokalportal Idstein live und der Vitos Konzern gab bereits am 7.7. eine Pressemitteilung heraus, in der er die Verkaufsabsichten bestritt. Wie dann wohl die Immobilienanzeige zu Stande kam, erklärt er nicht.]

[UPDATE 12.7.2016: Das ZDF-Magazin heute in Deutschland brachte einen Beitrag über die aktuelle Situation am Kalmenhof, am Minute 10:00]

Der Kalmenhof in Idstein, im Jahr 1888 als interkonfessionelle Bürgerstiftung vor allem auf Initiative des Frankfurter Bankiers, Philanthropen und Sozialreformers Charles Hallgarten gegründet und heutzutage ein Standort von „Vitos Teilhabe gemeinnützige GmbH“, erlebte eine wechselvolle Geschichte.

1933 wurde die vormals privat finanzierte Einrichtung gleichgeschaltet, der private Trägerverein zerschlagen. Der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) übernahm mit seiner Gründung 1953 die Trägerschaft und das Eigentum des Kalmenhofes.

 

Während der Zeit der „Euthanasie“-Morde fungierte der Kalmenhof als Zwischenanstalt; von dort aus wurden viele Menschen zum Zwecke ihrer Ermordung in Tötungsanstalten deportiert.

 

Auch auf dem Gelände des Kalmenhofes wurde im Kontext der „dezentralen Euthanasie“ in großem Umfang gemordet.

 

Im 1927 erbauten Krankenhaus war 1941 eine „Kinderfachabteilung“ eingerichtet worden. Hunderte Menschen wurden dort bis zum Frühjahr 1945 planvoll getötet und auf dem Gelände verscharrt.

 

Ehemaliges Kalmenhof-Krankenhaus (Kinderfachabteilung) Foto M. Hartmann-Menz 2015

Ehemaliges Kalmenhof-Krankenhaus (Kinderfachabteilung) Foto M. Hartmann-Menz 2015

Im Bereich der vermuteten Massengräber wurde 1987 eine mit Bundesgeldern finanzierte Gedenkstätte errichtet. Die hier begrabenen Opfer sind namentlich bekannt; eine genaue Lokalisierung der Gräber auf dem Gelände ist bisher nicht erfolgt.

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Nun stehen das Krankenhausgebäude, die ehemalige Leichenhalle sowie 8000m² dazugehöriges Gelände in einem großen Immobilienportal zum Verkauf. Im Anzeigentext werden weder die Geschichte der Gebäude noch die Gedenkstätte erwähnt.

Screenshot immoblienscout24.de. Zugriff am 5.7.2016

Screenshot immoblienscout24.de. Zugriff am 5.7.2016

Ehemalige Leichenhalle nahe dem Kalmenhof-Krankenhaus Foto C. Frohn (2016)

Ehemalige Leichenhalle nahe dem Kalmenhof-Krankenhaus Foto C. Frohn (2016)

Es stellt sich die Frage, ob es dem LWV überhaupt zusteht, die Veräußerung von derart geschichtsträchtigen Gebäuden und Grundstücken zu betreiben? Schließlich wurden diese ursprünglich privat gestiftet und konnten nur infolge der Übernahme durch den NS-Machtapparat in öffentliche Hand gelangen.

In einer Publikation des LWV anlässlich des 125-jährigen Jubiläums (2013) heißt es: „Dagegen ist die Mittäterschaft beim Krankenmord … das schwärzeste Kapitel der Kalmenhof-Geschichte. Diese Verbrechen dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Dafür tritt der LWV als Rechtsnachfolger des Trägers ein.“

 

Wird der LWV diesem Anspruch gerecht, indem er plant, den Ort des Gedenkens zu veräußern? 

Hinweis auf Gräberfeld und Gedenkstätte Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Hinweis auf Gräberfeld und Gedenkstätte Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Inschrift im Gedenkrondell Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Inschrift im Gedenkrondell Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Wir halten es für notwendig, diese Information weiträumig weiterzuleiten.

 

Detaillierte Himntergrundinformationen zum Kalmenhof, der juristischen Aufarbeitung und dem Gedenken vor Ort erhalten Sie auch auf der Website von Lutz Kälber (Universität Vermont)

 

 

 

 

Wessen Name nicht genannt wird, der ist ungedenkbar.

Am 29. Juni 2016 fand im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin eine Konferenz mit einem sperrigen Titel statt: Den Opfern einen Namen geben – Gedenken und Datenschutz im Zusammenhang mit der öffentlichen Nennung der Namen von NS-Opfern in Ausstellungen, Gedenkbüchern und Datenbanken.

Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien, betonte in ihrem Grußwort die Brisanz und Wichtigkeit dieses nicht leicht (in Worte) zu fassenden Themas. Während die öffentliche Nennung von Vor- und Zunamen der Holocaustopfer – sei es in Gedenkstätten oder online in Gedenkbüchern – schon lange Praxis ist, wird dies im Zusammenhang mit den Opfern der NS-“Euthanasie“ noch immer kontrovers diskutiert.

Die gestrige Konferenz war keineswegs die erste ihrer Art: Bereits im November 2013 fand eine vergleichbare Veranstaltung in München statt.

Nicht vergleichbar aber sind der Verlauf und der daraus hervorgegangene Konsens der aktuellen Debatte. Noch vor drei Jahren argumentierten die Gegner vor allem damit, dass durch eine öffentliche Bekanntgabe der vollen Namen „schutzwürdige Belange Dritter“ berührt würden. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem sehr offen gehaltenen Begriff?

 

Eine „stahlbetonharte Wand aus Paragraphen“

Es gehe darum, so Dr. Ehrhart Körting (Ehem. Innen und Justizsenator Berlins), dass manche Angehörige der Opfer in der angeblichen Erbkrankheit ihrer ermordeten Vorfahren eine Stigmatisierung ihrer selbst sähen und sich daher gegen die Nennung der Namen und die damit möglicherweise einhergehende Verbindung zu ihrer Person aussprächen. Faktisch handle es sich hier aber um eine „bloße Reflexwirkung“, der man nicht mit einer prophylaktischen Anonymisierung begegnen könne. 1)Mehr zum Standpunkt von Erhart Körting ist in seinem diesbezüglichen Gutachten aus dem Jahr 2014 zu lesen: http://gedenkort-t4.eu/de/content/gutachten-namensnennung-ns-euthanasieopfer ,letzter Zugriff am 30.06.2016.

Erhart Körting

Erhart Körting auf der Konferenz

Im Tagungsbericht von 2013 ist zu lesen, dass „an den beschriebenen Diskursmodi nicht gerüttelt [wurde]: Für die Archivare und Juristen […] galten axiomatisch die schutzwürdigen Belange Dritter, für die Historiker und Angehörigen die Würde der Opfer, die gebiete, dass man die Namen nenne. So kam man nicht zusammen.“ Vor gerade einmal drei Jahren als konnte die „stahlbetonharte Wand aus Paragraphen und Vorschriften“ in München nicht durchbrochen werden – wie erfreulich anders sah es da gestern in Berlin aus! Unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Nachama (Stiftung Topographie des Terrors) und Uwe Neumärker (Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas) diskutierten Fachleute aus Geschichtswissenschaft, Gedenkarbeit, Archivwesen, Medizinethik und Rechtswissenschaft vor und mit ca. 180 Gästen.

 

Über inkonsistente Archivgesetze und den mutmaßlichen Willen der Opfer

Im ersten Teil der Konferenz lag der Fokus auf rechtlichen Belangen. Den Anfang machte Dr. Erhart Körting, der noch einmal eindringlich darauf hinwies, dass eine Orientierung am mutmaßlichen Willen des Verstorbenen geboten sei. Zwar gebe es das sogenannte postmortale Persönlichkeitsrecht (über dessen Schutzfrist sich jedoch niemand so recht einig sei), dieses sei jedoch nur berührt, wenn der oder die Verstorbene posthum erniedrigt oder herabgewürdigt werde. Dass dies bei einer Nennung von Namen und Sterbedaten im Kontext des Opfergedenkens und der Aufklärung nicht der Fall sei, müsse eigentlich nicht diskutiert werden.

Auch Dr. Michael Hollmann vom Bundesarchiv sprach sich im Namen seiner Kolleginnen und Kollegen für eine öffentliche Nennung der Opfernamen aus. Bisher sei der Zugang zu den Daten in den Archiven zwar trotz § 1 BarchG (Nutzungsrecht für jedermann) erschwert, dies wolle man jedoch in Zukunft ändern.

Im Anschluss gab der Historiker und Polonist Robert Parzer Einblicke in die durchaus kuriosen Archivpraxen in Deutschland und Polen. Trotz manchmal gleicher Gesetzeslage (konkret: NRW) sei die Praxis der Zugänglichmachung uneinheitlich. Vom Kopierverbot bis zum Versenden von Originaldokumenten habe er bereits alles erlebt. Parzers Conclusio: Polnische Archive sind, gerade was die Zugänglichkeit von Daten angeht, fortschrittlicher als deutsche.

 

Medizin- und datenschutzrechtliche Aspekte

Mit Prof. Dr. Thomas Beddies vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Berliner Charité hatte nun der Medizinhistoriker das Wort. Beddies stellte die klare Trennung von Opfergedenken und Wissenschaft in den Mittelpunkt seines Vortrags. Details aus Krankenakten beispielsweise sollten auf keinen Fall veröffentlicht werden, da dies zum einen die ärztliche Schweigepflicht verletze und zum anderen für das Andenken Verstorbener nicht von Bedeutung sei. Für die Forschung hingegen sei das Studium dieser Akten von großer Wichtigkeit, hier würden die Informationen aber anonymisiert, weil im wissenschaftlichen Kontext eben die Identität der Opfer nicht relevant sei. Was die schlichte Nennung der vollen Namen und der Geburts- und Sterbedaten angeht, sprach sich auch Beddies klar dafür aus. Auf den Stolpersteinen, so sein simples wie einschlägiges Argument, stünden schließlich auch – öffentlich – die Namen der Opfer.

Als letzter Redner vor der Mittagspause brachte Ministerialdirektor Diethelm Gerhold die datenschutzrechtliche Perspektive in die Debatte ein. Bei der Nennung von Opfernamen in Gedenkstätten habe er überhaupt keine Bedenken – anders sehe dies jedoch bei Onlineveröffentlichungen aus. Dort drohe, so Gerhold, der absolute Kontrollverlust über die Daten, weil eben jeder „Feld-, Wald- und Wiesennutzer“ mit ihnen hantieren und sie willkürlich mit Informationen verknüpfen könne.

 

Die Vergessenen ins Gedächtnis zurückholen – ethische Aspekte

Der Fokus des zweiten Teils der Konferenz lag nun auf den ethischen und persönlichen Aspekten der Debatte. Anstelle von PD Dr. Gerrit Hohendorf, der leider verhindert war, trat Herr Dr. Michael von Cranach (München) ans Rednerpult. Auch er betonte den mutmaßlichen Willen der Opfer, der – zusammen mit einem gesellschaftlichen Interesse an Aufklärung und Erinnerung – über den vermeintlichen „Belangen Dritter“ stünde. Ganz klar plädierte auch von Cranach für die öffentliche Namensnennung: Nur so könne man die Vergessenen ins individuelle und kollektive Gedächtnis zurückholen.

Margret Hamm vom Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten  sorgte mit ihrem Vortrag für eine Überraschung. Waren doch bisher alle Redner miteinander konform, zeichnete sich doch eine klare Richtung für die zukünftige Praxis ab – Frau Hamm als Stimme der Betroffenen selbst sprach sich gegen die öffentliche Namensnennung aus. Man solle sich, so Hamm, an den noch wenigen Lebenden orientieren, die laut ihrer Aussage allesamt nicht wollten, dass man ihre Namen im Kontext der NS-“Euthanasie“ und der Zwangssterilisierungen öffentlich nenne.

Dr. Georg Lilienthal, langjähriger Leiter der Gedenkstätte Hadamar, gab anschließend Einblicke in die bisherige Praxis der verschiedenen NS-“Euthanasie“-Gedenkstätten. So schreiben Brandenburg, Pirna-Sonnenstein und Grafeneck die Namen der Opfer mittlerweile konsequent aus, Hartheim und Hadamar nur in Rücksprache mit Angehörigen.2)Aus der Gedenkstätte Bernburg lag keine Stellungnahme vor.Lilienthal betonte aber auch die Notwendigkeit der Überarbeitung, da einige Dauerausstellungen mittlerweile in die Jahre gekommen seien.

 

„Daß über den Namen hinaus etwas von uns verbleibe“

Als letzte Rednerin des Tages äußerte sich Dr. Gabriele Hammermann von der KZ-Gedenkstätte Dachau zur Praxis der Namensnennung von Menschen aus verschiedenen Opfergruppen. Sie schloss mit einem Zitat des italienischen Schriftstellers und Holocaustüberlebenden Primo Levi, das nun auch hier zum Abschluss wiedergegeben werden soll:

„Man hat uns die Kleidung, die Schuhe und selbst die Haare genommen; sollten wir reden, so wird man uns nicht anhören, und wird man uns auch anhören, so wird man uns nicht verstehen. Auch den Namen wird man uns nehmen; wollen wir ihn bewahren, so müssen wir in uns selbst die Kraft dazu finden, müssen dafür Sorge tragen, daß über den Namen hinaus etwas von uns verbleibe, von dem was wir einmal gewesen 3)Primo Levi: Ist das ein Mensch?, 1991.

 

Wessen Name nicht genannt wird, der ist ungedenkbar

Ja – wäre nicht schon lange Zeit (illegalerweise) eine Liste mit Namen von NS-“Euthanasie“-Opfern online, hätten so manche Angehörige ihre Vorfahren nicht ins individuelle und kollektive Gedächtnis zurückholen können, um noch einmal von Cranachs Worte aufzugreifen. Denn wessen Name nicht bekannt ist, wessen Name nicht genannt wird, der ist ungedenkbar.

Die Stigmatisierungen, die für manche Angehörige scheinbar noch immer mit den angeblichen Diagnosen der nationalsozialistischen Ärzte einhergehen, sind Reproduktionen alter Bilder – indem ich etwas als Makel ansehe, mache ich es oft erst zu einem. Dennoch lässt sich nicht verleugnen, dass Behindertenfeindlichkeit ein noch immer existierendes Problem in unserer Gesellschaft ist.

Der allgemeine Konsens der gestrigen Veranstaltung war, dass man dieser realen Feindlichkeit und den ebenso realen Ängsten nur entgegenwirken kann, indem man aufklärt. Und genau im Licht dieser Schlussfolgerung wurde im Anschluss an die Konferenz in den Räumen des Tagesspiegels der Förderkreis des Gedenk- und Informationsortes Tiergartenstraße 4 für die Opfer der NS-“Euthanasie“-Morde e.V. gegründet.

Einzelnachweise   [ + ]

1. Mehr zum Standpunkt von Erhart Körting ist in seinem diesbezüglichen Gutachten aus dem Jahr 2014 zu lesen: http://gedenkort-t4.eu/de/content/gutachten-namensnennung-ns-euthanasieopfer ,letzter Zugriff am 30.06.2016.
2. Aus der Gedenkstätte Bernburg lag keine Stellungnahme vor.
3. Primo Levi: Ist das ein Mensch?, 1991.

Neue Biographie: Olga Lisitzki

Olga Lisitzki war Arbeiterin. Ludwig Russ, der erste Mann von Olga, war 1916 gefallen, ihr erstes Kind, eine Tochter, starb an Unterernährung im Ersten Weltkrieg.

So beginnt die Geschichte einer Frau, die sich aus den Wirren des Ersten Weltkrieges befreite und dann doch alles nicht aushielt. Aus der Heil- und Pflegeanstalt Eberswalde kam sie nicht mehr heraus – bis auf den Transport in den Tod zur Tötungsanstalt in Brandenburg/Havel. Die Biographie wurde recherchiert von ihrer Enkelin und steht hier.

 

Vortrag: Die ‚Sonderbehandlung 14f13‘ in Schloss Hartheim 1941-1944

Wo: Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein

Wann: 21. Juni 2016 um 18 Uhr

 

Artur Jacobs kam 1883 als viertes Kind seiner jüdischen Eltern zur Welt. Er wurde Kaufmann, bis das NS-Regime im Zuge seiner atisemitischen Politik ihm die wirtschaftliche Existenz unmöglich machte. Er kam wegen angeblichen Sozialhilfebtrugs zwei Mal in Haft; am 15.6.1938 wurde er im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Die Versuche seiner katholischen Frau, ihm zur Ausreise nach Brasilien zu verhelfen, schlugen fehl, und Artur Jacobs wurde in das KZ Dachau überstellt. Seine Odysee durch den KZ-Archipel führte ihn nach Neuengamme, von wo aus er wieder nach Dachau kam, wo er schwer erkrankte. Mit einem so genannten Invalidentransport wurde er in die „Euthanasie“-Tötungsanstalt Hartheim gebracht und dort in der Gaskammer ermordet. (Quelle)

Arthur Jacobs. Quelle http://lebensspuren.schloss-hartheim.at/index.php/2-biografie/23-arthur-jacobs

Arthur Jacobs. Quelle http://lebensspuren.schloss-hartheim.at/index.php/2-biografie/23-arthur-jacobs

Dies ist eine von vielen Biographien, die der Vortragende Florian Schwanninger und sein Team des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim erarbeitet haben. Florian Schwanninger wird in Pirna über die Ermordung tausender KZ-Häftlinge durch das Personal der Aktion T4 sprechen.

 

Gründung des Förderkreises des Gedenk- und Informationsortes an der Tiergartenstraße 4

Wann: 29.6.2016

Wo: Berlin (Ort wird noch bekannt gegeben)

 

Die blaue Glaswand am Denkmal im Aufbau. August 2014

Die blaue Glaswand am Denkmal im Aufbau. August 2014

Der Förderkreis soll die Initiativen, die zur Entstehung des Denkmales für die Opfer der NS-„Euthanasie“ an der Berliner Tiergartenstraße 4 führten, fortsetzen. Wir wollen insbesondere folgendes angehen:

 

  • Angehörigen von Opfern eine Anlaufstelle bieten, wo sie sich informieren und austauschen können
  • Begleitende Informationsangebote in leichter Sprache sowie in Fremdsprachen entwickeln und anbieten
  • Veranstaltungen zum Gedenken am 27.1. in Zusammenarbeit mit anderen konzipieren.

 

Eingeladen zum Mitmachen sind alle, denen die Erinnerung an die NS-„Euthanasie“ ein Anliegen ist. Den vollständigen Aufruf zur Gründung und den Entwurf der Satzung finden Sie hier.

 

Ank.: Konferenz in Doorn und Haarlem (NL) zu NS-„Euthanasie“ 20.5-22.5.2016

Was? Frühjahrstagung des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation zum Thema: Internationaler Vergleich der Sterberaten in ausgewählten Anstalten 1940-1945 und mögliche Implikationen für aktuelle ethische Fragen.

 

Wann? Freitag, 20.5.2016 bis Sonntag, 22.5.2016

 

Wo? Het Dolhuys Haarlem und De Basis, Doorn

 

Zum ersten Mal in seiner über dreißigjährigen Geschichte tagt der Arbeitskreis im westeuropäischen Ausland. Gleich zwei spannende Aspekte lassen sich bereits jetzt hervorheben: Zum einen wäre da die immer noch ungelöste Frage, ob es auch in den besetzten Niederlanden gezielte Krankenmorde gab. Die Organisatorin der Konferenz, Cecile aan de Stegge, arbeitet hierzu momentan an einem Forschungsprojekt, so dass ein hoch interessanter Vergleich mit ebenfalls aktuell laufenden Forschungsprojekten zu den Anstalten Wehnen (Oldenburg) und Eglfing-Haar (München) möglich wird. Zum anderen bergen die „aktuellen ethischen Fragen“ ein gewaltiges Diskussions-, wenn nicht sogar Konfliktpotenzial. Wer die im Arbeitskreis Versammelten etwas kennt, weiß, dass sie überwiegend sehr, sehr skeptisch eingestellt sind, wenn es um assistierten Suizid, vulgo Sterbehilfe, geht. Das Aufeinandertreffen mit den sehr liberal eingestellten Niederländern wird da sicher „interessant“.

 

Die Anmeldung läuft über www.sympopna.nl, die Anmeldefrist gilt nicht, man kann sich immer noch anmelden!

 

Hier das Programm

 

Konferenz: Den Opfern einen Namen geben

Wann: 29.6.2016 11:30-18:00

Wo: Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Berlin

 

Anmeldung bis spätestens 23. Juni unter veranstaltungen@topographie.de oder 030 25450913
Eintritt frei

 

Wenn man die Seiten der Gedenkstätte Hadamar aufruft, begegnet einem ein Opfer namens „Emilie R.“ Warum man nicht erfährt, dass es sich dabei um Emilie Rau handelt und ob man das ändern soll, wird auf der Konferenz diskutiert werden. Es ist nicht die erste ihrer Art -erinnert sei hier z.B. an eine Veranstaltung in München (Tagungsbericht) und eine in Berlin. Die Konferenz kennzeichnet aber eine veränderte Wahrnehmung des Problems in der Politik, da mit Monika Grütters MdB die Staatsministerin für Kultur und Medien ein Grußwort spricht.

 

Allen bisherigen Tagungen ist gemein, dass man auch 70 Jahre nach dem Ende der NS-„Euthanasie“-Morde die Frage, ob man die Opfer mit vollem Namen nennen soll und darf, nicht einheitlich geregelt hat. Das stellt die Forschung und Akteure der Erinnerung oft vor große Probleme. Dahinter stehen oft Bedenken von Archiven wegen der schutzwürdigen Belange von Dritten, womit heute lebende Angehörige gemeint sind, die nicht mit einem Menschen mit Behinderung(en) in Zusamenhang gebracht werden sollen (und selten tatsächlich das auch nicht wollen).

Hier der Flyer. Wer mag, kann zur Vorbereitung auch das Gutachten von Dr. Erhart Körting pro Namensnennung lesen.

 

Neues Bildungsangebot zu NS-„Kranken“-Morden in Berlin

Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas betreut auch den Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen ›Euthanasie-Morde‹« in der Berliner Tiergartenstraße 4. Bisher organisierte sie bereits Führungen vor Ort, nun ist auch eine Einführung in Geschichte und Erinnerung am Ort der Information (unter dem Holocaust-Denkmal) mit einem anschliessenden Besuch des NS-„Euthanasie“-Gedenkortes.

 

Die Einführung bietete einen umfassenden Einstieg in die Geschichte und die Hintergründes des nationalsoizalistischen Krankenemordes. Es werden Biografien von Opfern und Tätern vorgestellt und es werden verschiedene Ansätze diskutiert, wie die Erinnerung an diesen Ort und die damit verbundenen Taten gestaltet wurde.

 

Das Angebot nimmt ca. 2,5 Stunden in Anspruch und kostet 90 €. Es richtet sich unter anderem an Mitarbeiter von Einrichtungen der Behindertenhilfe, von Pflegeeinrichtungen und Angehörige von sozialen Berufen.

 

Mehr zu den Buchungsmöglichkeiten hier.

 

Protest gegen Verleihung des Peter Singer Preises an PETA

Wie bereits letztes Jahr trifft auch dieses Jahr die Verleihung des nach dem Philosophen Peter Singer benannten Preises auf breiten Widerspruch. Hatte man 2015 den Preis noch sinnigerweise an Peter Singer selbst verliehen, so ist dieses Mal mit Ingrid Newkirk die Präsidentin der Tierschutzorganisation PETA an der Reihe.

 

Peter Singer ist äußerst umstritten, weil er als Philosoph, der vor allem die Rechte von Tieren stärken will, gleichzeitig behinderten Neugeborenen das unbedingte Lebenrecht aberkennt. So sagte er 2015 in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung:

 

Ein Embryo hat kein Recht auf Leben. Es ist nicht falsch, ihn zu verwerfen, wenn man ein Kind mit Genen, die zu einer Behinderung führen, nicht will.

 

Nun mag es so wirken, als würde man einen Philosophen mit einer sehr langen Publikationsliste auf ein, zwei „skandalöse“ Aussagen reduzieren. Dies ist -leider- nicht der Fall. Peter Singers ganzes Denkgebäude ist seit seiner Veröffentlichung aus dem Jahr 1979 „Praktische Ethik“ darauf aus gerichtet, dass keine Art einer anderen vorgezogen werden dürfe – also darf man auch (behinderte) Menschen töten, wenn man Tiere töten darf.

PETA ist übrigens durch eine geschmacklose Kampagne aufgefallen, die u.a. wegen ihres  Slogans „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ zu einer „„Bagatellisierung und Banalisierung des Schicksals der Holocaustopfer“ führe, wie das Bundesvefassungsgericht feststellte.

 

Peter Singers Thesen werden seit Jahrzehnten insbesondere von Menschen mit Behinderungen bekämpft. Ein Bündnis fordert  nun die Freie Universität Berlin dazu auf, den ihr gehörenden Botanischen Garten nicht für die Preisverleihung am 23.4.2016 um 18:00 zur Verfügung zu stellen. Mehr Informationen bietet die Seite eines Bündnisses hier.

 

 

Abschlusskolloquium zum Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde

Wann: 7. und 8. April 2016

Wo: Wissenschaftszentrum Bonn, Ahrstraße 45, 53175 Bonn

 

Die Tagung wird veranstaltet vom DFG-Projekt „Erinnern heißt Gedenken und informieren“ (Christof Beyer, Petra Fuchs, Annette Hinz-Wessels, Gerrit Hohendorf, Maike Rotzoll, Hedwig Thelen, Jens Thiel) zusammen mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

 

Im Folgenden ein Auszug aus der Einladung und das Programm: (Hier und hier zum Download)

 

„Wir möchten das Erkenntnistransfer-Projekt mit einer kleinen Tagung abschließen und hierzu die interessierte Öffentlichkeit und all diejenigen einladen, die das Projekt in den Jahren 2012 bis 2016 begleitet und gefördert haben. In vier Gesprächsrunden soll einerseits über neue Forschungs-ergebnisse und -perspektiven zu den nationalsozialistischen Patientenmorden diskutiert und ihre europäische Dimension herausgearbeitet werden. Andererseits fragen wir nach der gesellschaft-lichen Dimension des Themas: Was bedeuteten die Patientenmorde für die betroffenen Familien? Und: Wie kann Barrierefreiheit in der Geschichtsvermittlung – als Zeichen der Teilhabe von Men-schen mit Behinderungen an ihrer Geschichte – in der Zukunft realisiert werden? Eine öffentliche Podiumsdiskussion am Abend widmet sich dem Lernen mit der Geschichte und ethischen Konse-quenzen, die aus der Geschichte der NS-„Euthanasie“ und der Eugenik gezogen werden können.“

 

Programm
Donnerstag 7. April 2016

Begrüßung/Grußworte, 13.00h
– Wissenschaftszentrum
– DFG
– Dr. Thomas Lutz, Stiftung Topographie des Terrors

 
Rundgang durch die Ausstellung, 13.15h

 
Einführender Vortrag (20 Minuten mit anschließender Diskussion), 13.45h – 14.30h
Das Erkenntnistransfer-Projekt „Erinnern heißt gedenken und informieren“ – Wo stehen wir in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und in der historischen Forschung zu den nationalsozialisti-schen „Euthanasie“-Verbrechen?
Gerrit Hohendorf (München) und Maike Rotzoll (Heidelberg)

 
Pause: 14.30h – 14.45h

 
Gesprächsrunde 1 Nationalsozialistische „Euthanasie“ – Neue Erkenntnisse und Forschungs-perspektiven, 14.45h – 16.15h
Moderation: Hans-Walter Schmuhl (Bielefeld)
– Die Organisationszentrale der Krankenmorde in der Berliner Tiergartenstraße 4: Annette Hinz-Wessels (Berlin)
– Dezentrale „Euthanasie“, Stand der Diskussion: Uwe Kaminsky (Bochum)
– Die Reaktion auf die Krankenmorde in England und USA: Thorsten Noack (Düsseldorf)
– Nach dem Krankenmord: Maike Rotzoll (Heidelberg)

 
Pause: 16.15h – 16.45h

 

 
Gesprächsrunde 2 Nationalsozialismus im Familiengedächtnis, 16.45h – 18.15h
Moderation: Jens Thiel (Münster/Berlin)
– Familiengedächtnis: Sabine Moller (Berlin)
– Angehörige von „Euthanasie“-Opfern: Helmut Bader (Schwäbisch Gmünd)

– Angehörige von Tätern: Isabella Kaltenegger (angefragt)

– Namensnennung der „Euthanasie“-Opfer: Michael von Cranach (München)

 
Abendessen 18.15h – 19.30h

 

 
Abendveranstaltung 7. April 2016, 19.30h – ca. 21.00h

 
Lernen mit der Geschichte – Welche ethischen Konsequenzen ergeben sich aus der historischen Erfahrung der nationalsozialistischen Eugenik und der „Euthanasie“-Verbrechen?
Gesprächspartner:
Johann S. Ach (Münster)
Michael Wunder ( Hamburg)
Moderation: Norbert Jachertz (Köln)

 
Freitag, 8. April 2016

 
Gesprächsrunde 3 Barrierefreiheit in der Geschichtsvermittlung, 9.00h – 10.30h

 
Moderation: Hedwig Thelen (Bremen)
Referenten und Referentinnen:
– Barrierefreie Geschichtsvermittlung und Disability History: Petra Fuchs (Berlin)
– Leichte Sprache in der Gedenkstättenarbeit: Uta George (Bad Homburg)
– Netzwerk People First Deutschland: Anette Bourdon (Kassel)
– Geschichtsvermittlung und barrierefreie Gedenkstätte: Sebastian Priwitzer (Grafeneck)

 
Pause: 10.30h – 11.00h

 

Gesprächsrunde 4 Patientenmorde in Europa, Vernichtungskrieg und Holocaust, 11.00h – 12.30h
Moderation: Christof Beyer (Berlin)
– Patientenmorde in Polen: Ingo Loose (Berlin)
– Patientenmorde in der Sowjetunion: Martin Holler (Berlin)
– Frankreich: Chantal Marazia (Paris)
– Niederlande: Cecile aan de Stegge (Bunnik, NL)

 
Abschlussdiskussion, 12.30h – 13.00h

 
Mittagsimbiss und Ausklang, 13.00h

 

 

Justiz-, medizin- und lokalhistorische Hintergründe zum Auschwitz-Prozess in Neubrandenburg. Veranstaltung am 28.2.2016 in Neubrandenburg

Ein Prozess 71 Jahre danach
Medizin, Justiz und Auschwitz
Justiz-, medizin- und lokalhistorische Hintergründe zum Auschwitz-Prozess in Neubrandenburg

 

Am 29.2.2016 wird in Neubrandenburg der Prozess gegen einen Mann beginnen, der im KZ Auschwitz als Sanitäter im Dienste der SS arbeitete. Schon im Vorfeld gibt es viele Diskussionen über den Sinn eines solchen Verfahrens. Wenig bekannt sind aber die historischen Fakten. Die Erinnerungs-, Bildungs – und Begegnungsstätte Alt Rehse (EBB) bietet deshalb in Kooperation mit dem Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern der Friedrich-Ebert-Stiftung ein zweistündiges Seminar mit historischen Hintergründen zum Prozess an. Drei Referentinnen und Referenten werden zum Sanitätsdienst der SS, zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch die Justiz und zur NS-„Führerschule der Deutschen Ärzteschaft Alt Rehse“ sprechen.

 

Der Beschuldigte Hubert Zafke. Foto von 1948

Der Beschuldigte Hubert Zafke. Foto von 1948

Die Veranstaltung wendet sich besonders an die Prozessbeobachterinnen und -beobachter der Presse sowie die interessierte Öffentlichkeit. Sie findet im Medienhaus des Nordkurier, Friedrich-Engels-Ring 29, 17033 Neubrandenburg am 28.2.2016 von 15.00 – 17.00 Uhr statt. Dr. Frank Wilhelm, Mitglied der Chefredaktion des Nordkuriers, wird moderieren. Da die Plätze begrenzt sind, wird eine Anmeldung unter schwerin@fes.de erbeten.
Die Veranstalterinnen behalten sich vor, vom Hausrecht Gebrauch zu machen.
Programm:
Dr. Anja K. Peters (Neubrandenburg): Medizin im Dienste des Nationalsozialismus – die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ in Alt Rehse
Dr. Judith Hahn (Berlin): Der Sanitätsdienst der SS
Dr. Stephan Glienke (Schleswig): Die Blockierung der Ahndung von NS-Verbrechen
Fragen und Diskussion, Moderation: Dr. Frank Wilhelm (Neubrandenburg)
Für Fragen stehen wir Ihnen gerne zu Verfügung:
Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Arsenalstraße 8 (Haus der Kultur) 19053 Schwerin
EBB Alt Rehse, Am Gutshof 1 17217 Alt Rehse Telefon: 0176-72705631 E-Mail: info[at]ebb-alt-rehse.de

 

Flyer zum Downoad

Eröffnung der Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde“

Die Eröffnung der Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde“ findet am 16. Februar 2016 statt.  Die Veranstaltung beginnt um 18:00 im Wissenschaftszentrum in Bonn (Stadtbahnstation Hochkreuz/Kennedyallee). Flyer

 

Die Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde“ nimmt die Inhalte des Gedenk- und Informationsortes in Berlin auf, erweitert um die europäische Dimension des Gedenkens an die Opfer der „Euthanasie“-Morde. Die Ausstellung ist barrierearm gestaltet. Alle Texte sind in deutscher und Leichter Sprache verfügbar. Es handelt sich um insgesamt 21 Roll-ups, die auf einer Stellfläche von 6m x 12m oder 18 x 3 m variabel gestellt werden. Zwei Medienstationen mit Angeboten für Menschen mit Beeinträchtigungen des Sehens und Hörens sowie vertiefenden Informationen können optional ausgeliehen werden. Ein detailliertes Ausstellungsexposé kann bei der Stiftung Topographie des Terrors (Peter Eckel, Dirk  Dotzer / eckel@topographie.de; dotzer@topographie.de / tel. 030/25 45 09-0) angefordert werden. Der Verleih erfolgt ebenfalls über die Stiftung Topographie des Terrors.

 

Die Kataloge zur Ausstellung in Leichter, deutscher und englischer Sprache können bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (presse@stiftung-denkmal.de) für € 5 bzw. € 10 bestellt werden. Eine Website mit vertiefenden Informationen steht unter www.t4-denkmal.de zur Verfügung.

 

Am 7. und 8. April 2016 wird ebenfalls das Abschlußkolloquiumzum  Erkenntnistransfer-Projekt ,ebenfalls im Wissenschaftszentrum in Bonn, stattfinden.  Dabei soll es um die Perspektiven der Forschung und der Vermittlung von Wissen zu den nationalsozialistischen Patientenmorden gehen. Programm und Einladung folgen. Rückfragen und Anmeldung bitte an: gerrit.hohendorf@tum.de bzw. adina.von-malm@tum.de, tel. 089/4140-4041.

 

„Was für ein schreckenerregendes Wort“ Theater und Erinnerung

Hier der zweite Teil unserer Reihe dazu, wie das Theater dazu beitragen kann, die Erinnerung an NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen wach zu halten. Nachdem Michael Stacheder im vorigen Beitrag zu Wort kam, berichtet nun Gisela Höhne vom Theater Ramba Zamba über ihre Arbeit zum Thema. Mehr dazu auf der Website unseres Theaterwettbewerbes andersartig gedenken on stage.

 

EUTHANASIE. Was für ein schreckenerregendes Wort, wenn man ein Kind mit Down Syndrom hat und die Bücher von Klee und Götz Aly gelesen hat.
Ein Wort, das mich verpflichtet, hochgradig sensibilisiert und mich nichts entschuldigen läßt, auch wenn Götz Aly zu gewissem den Umständen geschuldeten Verständnis mahnt.

 

In der Theaterarbeit von RambaZamba gab es dreimal Erfahrungen mit dem Thema. Das erste Mal bereiteten wir 1994 eine Matinee im Deutschen Theater Berlin vor, in der Giora Feidmann zusammen mit Künstlern von Sonnenuhr, so hieß damals der Verein, auf der Bühne musizierte und bekannte Schauspieler des Deutschen Theaters Texte von Augenzeugen lasen. Schon in den Vorbereitungsworkshops verließen uns Teilnehmer, weil allein das Wort Euthanasie sie tief erschreckte. So berichteten es uns die Betreuer, die über die Reaktionen tief beunruhigt waren. Diese Menschen waren zu jung, um es erlebt zu haben, aber doch alt genug, um die Stigmatisierung in beiden deutschen Staaten erlebt zu haben, aber auch den Nicht-Umgang mit diesem Verbrechen spürten, das insgeheim immer noch viele Deutsche in Ordnung fanden. Menschen mit geistiger Behinderung haben einen ungeheuer starken Draht zu allem, was verschwiegen wird. Giora Feidmann hatte sehr spät verstanden, daß es darum geht und war entsetzt. Er wollte keine Aufarbeitung, sondern diese Menschen glücklich machen. In der Matinee lief es dann so, daß die Teilnehmer mit einer Behinderung die Bühne verließen, wenn die Texte gelesen wurden.

 

 

Das nächste Mal beschäftigten wir uns in der Vorbereitung zu dem Stück „Mongopolis“ mit der Auslese unperfekter Lebewesen zugunsten perfekter. Ein Sciencefiction-Krimi-Comic nannten wir ihn. Frech, witzig, unsentimental. Es spielte in der Zukunft, alles „ungefährlich“. Aber dann gab es die Probe, in der Adam die letzten drei Perfekten auswählen sollte und damit auch die bestimmen, die „aussortiert“ werden. Der Adam-Darsteller wählte versehentlich vier aus. Der Teufel-Darsteller schrie: „Drei und nicht vier!“ Schon bevor der Darsteller erneut gewählt hatte, brach einer der vier zusammen und weinte, und plötzlich war allen klar, worum es ging. Nicht nur er weinte, alle, und wir konnten lange nicht proben und haben viel Zeit für die Stabilisierung der Spieler gebraucht. Die Lösung, die wir dann stets spielten, war für alle keine Belastung mehr, denn das Publikum wird aufgefordert, die drei auszuwählen, die , angesichts knapper Wasserresourcen, geboren werden sollen. Die Kamera fährt die Gesichter ab und projeziert sie groß. Die Spieler spüren, daß sie die Aufgabe los sind und fühlen sich, eingebettet in das Stück, sicher. Das Erschrecken liegt beim Publikum, das bis dahin viel gelacht hatte. Nur Publikumsgespräche gehen gar nicht mit ihnen. Hier brachen sie jedes Mal in heftiges Weinen aus. Darum gibt es das nicht mehr. Es zeigt, wie dünn die Haut ist und wie genau sie um ihre fragile Existenz wissen.

 

 

Das dritte Erlebnis hing mit der Buchvorstellung von Götz Alys Buch „Die Belasteten“ im Jahr 2013 in der Berliner Charite zusammen. Er hatte uns gebeten, ein Programm mit ihm zusammen zu erarbeiten. Die Gruppe war zu diesem Zeitpunkt schon sehr erfahren und konnte gut reflektieren. Wir ließen zwei Darsteller, die im Rollstuhl sitzen und keine geistige Beeinträchtigung haben, einige Kapitel aus dem Buch lesen, die Aly zusätzlich erklärte. Andere Schauspieler sangen Lieder aus der „Winterreise“, die wir seit einigen Jahren als szenisches Musikstück spielen und Gedichte von Else Lasker-Schüler und Inge Müller sprechen. Di, die sie aus „Orpheus ohne Echo“ kannten. Es wurde ein tief bewegender Abend von großer künstlerischer Qualität und starker Wirkung. Die Schauspieler waren geschützt durch die künstlerische Form ihrer Beiträge, die Künstler im Rollstuhl Nur eine Schauspielerin kam erst in der Aufführung mit den Buchtexten in Kontakt. Sie begann immer mehr zu weinen und wurde sanft hinausgeführt. Noch eine ganze Weile hallte in den gekachelten Fluren ihr lautes Weinen und begleitete das Programm. Sie kam wieder und sang gefaßt ihr Lied. Was für eine Kraft!