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„Euthanasie“ im Reichsgau Wartheland: Eine Exkursion der Osteuropäischen Geschichte der Universität Gießen nach Lodz im Mai 2017

Im Rahmen eines Seminars über die Patientenmorde der Nationalsozialisten im Deutschen Reich und im Reichsgau Wartheland unternahm eine kleine Studentengruppe in Begleitung von Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg und Robert Parzer eine Exkursion nach Lodz, um sich selbst vor Ort ein Bild des Geschehens der Krankenmorde im von Deutschland besetzten Polen zu machen. Ein Nebenfokus wurde auch gelegt auf die durchaus erzählenswerte Stadtgeschichte von Lodz mit Fokus auf der jüdischen Historie. Dass Exkursionen dieser Art ein überaus guter Weg sind, Studenten und jungen Forschern die Vergangenheit nahezubringen und für ein Thema zu begeistern, soll der nachfolgende Bericht aufzeigen.

 

Die Patientenmorde zur Zeit des Dritten Reichs, in der nationalsozialistischen Tätersprache auch euphemistisch als „Euthanasie“ bezeichnet, sind ein Thema, das im Schulunterricht nur an wenigen Stellen begegnet: Vielleicht als kurzer Exkurs im Fach Religion in der Mittelstufe oder im Fach Geschichte in den höheren Jahrgängen – vorausgesetzt, man besucht ein Gymnasium. Straffe Lehrpläne und Zeitdruck lassen eine intensivere Beschäftigung mit diesem sehr sensiblen Thema leider nicht zu – auch in der Geschichtswissenschaft gibt es erst in den letzten Dekaden vermehrt Tendenzen, sich dieses Themas zu widmen: Und noch immer gibt es große Lücken. Es handelt sich also um ein Feld, das durchaus Brisanz birgt und mehr in den Fokus der Wissenschaft gerückt sein will. Ganz besonders gilt dies für die Patientenmorde im Reichsgau Wartheland, einem zur Zeit des Zweiten Weltkrieges dem Deutschen Reich zugeschlagenen Teil Polens.

 

Den Studenten aus der Region um Gießen ist das Thema jedoch nicht gänzlich unbekannt: So findet sich in der näheren Umgebung die ehemalige Tötungsanstalt Hadamar, wo weit über 14.500 psychisch Kranke, körperlich Behinderte und andere von den Nationalsozialisten als minderwertig Empfundene zuerst vergast und später systematisch durch bewusste Vernachlässigung umkamen. Die „Euthanasie“-Verbrechen in Hadamar können also in zwei Phasen eingeteilt werden: Von Januar bis September des Jahres 1941 wurden mehr als 10.000 Menschen in der Gaskammer ermordet, von 1942 bis 1945 waren mehr als 4.500 Patienten, die vorsätzlich umkamen.

 

Zugegeben – es gibt „angenehmere“ Themen, mit denen man sich als Geschichtsstudent beschäftigen kann. Vielleicht schrecken solche „schweren“ Themen einige Studenten ab; Viele erwähnen, dass sie „es nicht mehr hören können“ – besonders durch die detaillierte Behandlung der Geschichte des Holocaust in mehreren Unterrichtsstufen in der Schule scheint sich bei vielen Lernenden eine ablehnende Haltung einzustellen. Dabei wird es umso wichtiger, sich mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu beschäftigen. Gäbe es einen desaströseren Fall, als den, dass sich breite Schichten der jungen Leute und der Schüler nicht mehr mit diesem unglaublichen Verbrechen befassen wollen und es irgendwann an den Rand der Geschichte verdrängt würde?

 

Genau deshalb war unsere Exkursion auch für Lehramtsstudenten interessant – und notwendig, denn um zu begreifen, was geschehen ist, sollte man es mit eigenen Augen gesehen haben.

 

Am Abend des 22. Mai verließ unser Reisebus mit 15 Studenten Gießen – die Fahrt sollte die ganze Nacht hindurch gehen. Die Gruppe war sich anfangs gänzlich unbekannt. Nur einige wenige kannten sich vorher: Man sah sich im Seminar, man nickt sich zu, man spricht kurz. Und nun werden wir uns für sieben Tage wohl sehr gut kennenlernen. Vielleicht auch angesichts des sensiblen Themas ist unsere Gruppe sehr schnell und gut zusammengewachsen.

 

Eine von Herrn Parzer geleitete thematische Einführung in die Materie der Patientenmorde allgemein und deren Durchführung im Wartheland als Grundlage für die nächsten Tage mündete in eine äußerst rege Diskussion und anschließend auch in persönliche Gespräche – das Interesse war geweckt.

 

Das Babiński-Spital (damals noch unter dem Namen Kochanówka-Krankenhaus, zur NS-Zeit dann Nord-West-Krankenhaus) in unmittelbarer Nähe der Stadt Lodz war einer der Schauplätze der „Euthanasie“ im besetzten Polen. Wie die meisten deutschen psychiatrischen Anstalten, die in die Patientenmorde verwickelt waren, ist auch das Krankenhaus bei Lodz bis heute als solches in Betrieb – was eigentlich jedem, der sich eingehender damit beschäftigt, sauer aufstoßen sollte.

In den ersten Jahren des Krieges wurden dort auf grauenvolle Weise psychisch Kranke und Behinderte ermordet. Zuerst wurde den Selektierten ein Beruhigungsmittel injiziert, daraufhin fuhr der eine Kolonne vor, die auch eine mobile Gaskammer, den Gaswagen, beinhaltete. Die Selektierten mussten Lastwägen besteigen, die zu einem nahe gelegenen Wald fuhren. Dort wurden die Patienten in den Gaswagen umgeladen, ermordet und von Mitgliedern eines aus polnischen Häftlingen bestehenden Arbeitskommandos verscharrt. Von März bis August des Jahres 1940 forderte diese Prozedur über 600 Menschenleben. Auch aus dem Ghetto Lodz sind Opfer bekannt. So wurden nach Einrichtung des Ghettos auch einige psychisch kranke und behinderte Internierte dorthin verbracht und im Zuge von Deportationen ermordet.

 

Bemerkenswert ist die Anbringung einer Gedenktafel am Krankenhaus – ein Prozess, der dadurch besondere Aufmerksamkeit auf sich zog, dass sich die Prozedur über drei Jahre hinzog. Interessant ist auch die Tatsache, dass sich auf der mehrsprachigen Tafel im heutigen Polen auch eine russischsprachige Inschrift finden lässt. So rückte dieses Verbrechen auch ein Stück weit mehr in den Fokus der städtischen Bevölkerung – wenn auch circa 70 Jahre später.

 

Die Tafeln am Babinski-Krankenhaus

Die Tafeln am Babinski-Krankenhaus

 

Eindrucksvolles Zeugnis des Alltags im psychiatrischen Krankenhaus ist eine weitestgehend erhaltene Sammlung künstlerischer Artefakte, wie Gemälde und Skulpturen von Patienten, die in der Anstalt bis heute verwahrt werden. Gerne war man bereit, uns diese zu zeigen. Sie zeichnen ein beinahe verstörendes Bild davon, wie diese Menschen den tristen Alltag in der Anstalt verarbeitet haben mussten. Keinesfalls handelt es sich dabei um naive oder einfache Kunst, sondern um beeindruckende Werke mit einer für Außenstehende vollkommen andere Sicht auf den Alltag und die Realität des Lebens. Die Portraits bestechen durch bizarre Farbgebung und Formen und wirken beinahe bedrückend, jedoch funktionieren sie wie eine Brille, die man sich aufsetzen kann, um die Welt mit den Augen eines Betroffenen zu sehen. Zu verweisen ist an dieser Stelle auf die Heidelberger Sammlung Prinzhorn, ein nach 1945 wiederentdecktes Konvolut von Artefakten der Patienten verschiedener psychiatrischer Anstalten. Erst kürzlich waren einige dieser Kunstwerke anlässlich des Festaktes zur Befreiung der Tötungsanstalt Hadamar am 26.03.1945 dort vor Ort zu sehen.

 

Vielleicht kann man annehmen, dass unsere Exkursion, neben neuen historischen Fakten und Eindrücken für die Studenten, für fortgeschrittenere Wissenschaftler wenig Neues zu bieten habe. Doch auch hier bot sich eine einmalige Gelegenheit: Als nach einiger Zeit, nach verschiedenen Präsentationen über die Anstaltsgeschichte und dem Besuch der Kunstsammlung, die Stimmung etwas familiärer wurde, schien die Leiterin des Krankenhauses einen echten Schatz aus dem Fundus geholt zu haben. Feinsäuberlich und detailliert wurde im Krankenhaus über Jahrzehnte ein Fotoalbum geführt, was nicht nur die Eindrücke für uns Studenten untermauerte, sondern auch für Doktoranden ausgesprochen interessant war: So fanden sich Fotos von Ärzten, von Pflegern und Tätern, deren äußere Erscheinung für deren Recherchen bis dato vollkommen unbekannt war. Und wieder einmal zeigt sich, dass, wer ein Historiker ist, nicht nur Expertise und Neugier braucht, sondern auch eine große Portion Glück – denn auch Zufallsfunde sind das, worauf man angewiesen ist.

 

Prof. Bömelburg mit Studierenden in Księży Młyń in Lodz

Prof. Bömelburg mit Studierenden in Księży Młyń in Lodz. Foto Robert Parzer CC-BY-SA.

Von besonderer Relevanz für das Gelingen der Exkursion war auch der Austausch zwischen deutschen und polnischen Studenten – so fand im Rahmen dessen auch ein gemeinsames Seminar mit polnischen und deutschen Studierenden statt, das sich mit der Geschichte des Reichsgaus Wartheland und den „Euthanasie“-Verbrechen befasste. Die Erfahrung lehrt, dass der beste Weg, um verschiedene Positionen zusammenzuführen, der direkte Dialog ist.

Neben den Patientenmorden im besetzten Polen standen aber auch andere Themen auf dem Exkursionsplan, wie einer Stadtführung allgemein, dem Besuch des Staatsarchivs, aber auch des jüdischen Friedhofs und des ehemaligen Ghettos von Lodz. Auch das Vernichtungslager Kulmhof in Chełmno wurde am letzten Tag der Exkursion besichtigt. Es war mit einer einjährigen Unterbrechung von 1941 bis 1944 in Betrieb war – zuletzt ausschließlich für die Ermordung der Juden des Ghettos der inzwischen in Litzmannstadt umbenannten Stadt Lodz.

 

Stadtführung durch Lodz mit Dr. Adam Sitarek

Stadtführung durch Lodz mit Dr. Adam Sitarek. Foto Robert Parzer CC-BY-SA

Exkursionen mögen aufwendig sein, sie mögen auch manchmal einige finanzielle Mittel benötigen. Aber es gibt wohl keinen besseren Weg, um Studenten und zukünftigen Forschern ein Thema nahezulegen, als sie es mit eigenen Augen erfahren zu lassen. Die gesammelten Eindrücke während der Studienreise fließen sicherlich in die Hausarbeiten ein – und vielleicht auch in längerfristige Projekte. Besonders für angehende Lehrer, deren Aufgabe es sein wird, der nächsten Generation unsere Geschichte zu vermitteln, ist es mehr als ratsam, das, was sie eines Tages unterrichten werden, selbst mit eigenen Augen gesehen zu haben. Und genau das ist in sieben sehr intensiven Tagen geschehen.

Gießen, den 07.08.2017

Dominik Käßler, Student der Osteuropäischen Geschichte

Die Exkursion wurde aus Mitteln der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ gefördert.

Weiterführender Link hier auf dem Blog:

NS-Krankenmord im besetzten Polen: Unbekannte Tatorte in Łódź

 

Forschungsarbeit zum Gedenkort T4: Der umstrittene Ort. Zur kollektiven Aushandlung von Erinnerung im öffentlichen Raum am Beispiel der Neugestaltung des Gedenk- und Informationsortes Tiergartenstraße 4 in Berlin.

Ende September werde ich an der Christian-Albrechts-Universität Kiel bei Frau Prof. Dr. Silke Göttsch-Elten meine Bachelorarbeit im Fach Europäische Ethnologie/Volkskunde vorlegen. Hier möchte ich vorab über mein Forschungsvorhaben informieren. Meine Forschungsergebnisse werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach im November auf der Herbsttagung des Arbeitskreises zur Erforschung der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisation in der Berliner Charité vorstellen.

 

 

Von Julia Frick

 

 

Der „Gedenk- und Informationsort Tiergartenstraße 4 für die Opfer der NS-‚Euthanasie‘-Morde“ in Berlin, kurz Gedenkort T4, befindet sich direkt neben der Philharmonie im Stadtteil Tiergarten. Sein heutiges Erscheinungsbild ist Ergebnis und Spiegel einer jahrelangen Debatte verschiedener Interessengruppen darüber, wie ein durch Kriegszerstörung und spätere Baumaßnahmen unsichtbar gewordener historischer Täterort als Erinnerungsort, als Denkmal und Bildungsstätte sichtbar gemacht werden kann.

 

 

Der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde. (Foto: Frick)

 

Umstrittene Erinnerung

 

Der Gedenkort T4 präsentiert sich somit als umstrittener Ort, an dem im Laufe der Jahre unterschiedliche Strategien der symbolischen Besetzung und des „Sichtbarmachens“ von Geschichte realisiert wurden bzw. werden sollten.

Sowohl Historiker_innen und Mediziner_innen, Politiker_innen und Stiftungen als auch im Dritten Reich zwangssterilisierte Menschen, Nachfahren von Ermordeten und Menschen mit Behinderungen und/oder psychischen Erkrankungen haben sich in diesen Ort eingeschrieben. So entstanden zwischen 1989 und 2014 zwei dauerhafte Objektivationen, die auf unterschiedliche Weise Erinnerung sichtbar machen. In gleicher Weise blieben jedoch andere Initiativen erfolglos, ihr Bild von Geschichte und Erinnerung unsichtbar.

Die Geschichte des heutigen Gedenkort T4 illustriert anschaulich, dass Erinnerung im öffentlichen, v.a. urbanen Raum stets als gesellschaftlicher Aushandlungsprozess zu verstehen ist. „An der öffentlichen Erinnerungskultur“, so fasst es Sabine Moller zusammen, „ist ablesbar, welche Erinnerung auf dieser Ebene durchgesetzt wurde“ (Moller 2010, S. 90).

 

 

Forschungsfrage und theoretische Basis

 

Meiner Bachelorarbeit wird die Forschungsfrage zugrunde liegen, wie Erinnerung im Kontext der Neugestaltung des Gedenkort T4 von den verschiedenen Interessengruppen ausgehandelt wurde. Welche Konfliktlinien wurden sichtbar? Welche Argumentationen und Aneignungsstrategien gab es, und welche haben sich letztlich in der Gestaltung und Konzeption des Ortes durchgesetzt?

Bei meiner Analyse möchte ich mich zum einen auf Maurice Halbwachs‘ Theorie der cadres sociaux (Soziale Bezugsrahmen/Kollektive Erinnerung als soziale Konstruktion) stützen. Zum anderen sollen Jan Assmanns Weiterentwicklungen des Halbwachs’schen Modells in Richtung eines kommunikativen und eines kulturellen Gedächtnisses Berücksichtigung finden. Aleida Assmanns Ansätze wiederum erscheinen mir unabdingbar, da sie dieses Konzept in mehreren Werken direkt auf die deutsche Erinnerungskultur zum Dritten Reich anwendet.

 

 

Vorgehen

 

Als zeitlichen Rahmen für meine Analyse habe ich den Zeitraum zwischen 2007 und 2014 gewählt. Im Jahr 2007 formierte sich der sogenannte „Runde Tisch T4“, eine Arbeitsgemeinschaft bestehend aus Stiftungsvertreter_innen, Politiker_innen, Angehörigen von NS-‚Euthanasie‘-Opfern, Wissenschaftler_innen sowie Betroffenen[1], deren erklärtes Ziel eine Neugestaltung des historischen Ortes „Tiergartenstraße 4“ war. Das Ende dieser Bemühungen markierte schließlich 2014 die Einweihung des im Rahmen eines Gestaltungswettbewerbs neu errichteten Gedenk- und Informationsortes T4.

Als Material liegen mir zum einen Anträge, Forderungen und Stellungnahmen der verschiedenen Interessengruppen vor, die mögliche Neukonzeptionen des Gedenkort T4 beinhalten. Zum anderen war der Ort „Tiergartenstraße 4“ auch (und gerade) in jenen Jahren des Umbruchs Raum für rituelle Praktiken des Erinnerns. Eine weitere Quelle werden demnach diverse Redebeiträge der immer Anfang September stattfindenden Gedenkfeier an der Tiergartenstraße 4 sein.

Um Aufschluss über die verschiedenen Konfliktlinien und Argumentationen zu erlangen, werden diese Dokumente systematisch erschlossen und qualitativ ausgewertet.

 

 

Aktueller Forschungsstand

 

Während die Forschung zu Erinnerungskulturen und -praktiken bezüglich des Nationalsozialismus in den Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften seit einigen Jahren regelrecht boomt (vgl. u.a. Assmann 2014, Assmann 2016 und Rürup 2014), so liegen die Forschungsschwerpunkte in allen beteiligten Disziplinen doch noch immer auf dem Holocaust. Die Erforschung der NS-‚Euthanasie‘-Morde in Bezug auf ein wie auch immer geartetes kollektives Gedächtnis hingegen ist aus wissenschaftlicher, vor allem kulturanthropologischer Sicht, noch ein weitgehend brachliegendes Feld.

Nach eingehender Recherche liegt mir zwar kein dezidiert kulturanthropologisches/europäisch-ethnologisches Werk vor, welches sich mit erinnerungskulturellen Praktiken bezüglich des Gedenkens an die Opfer der NS-‚Euthanasie‘-Morde befasst. Zwei interdisziplinäre Sammelbände seien hier jedoch zu nennen, einer davon gerade jüngst erst erschienen, die ein langsam aufkommendes kulturwissenschaftliches Interesse an der Thematik erkennen lassen.

 

Zum einen ist dies der Band „NS-‚Euthanasie‘ und Erinnerung. Vergangenheitsaufarbeitung. Gedenkformen. Betroffenenperspektiven.“ von Stefanie Westermann, Richard Kühl und Tim Ohnhäuser (2011). Gleich in der Einleitung benennen die Herausgeber_innen das Forschungsdefizit und sprechen bezüglich der NS-‚Euthanasie‘-Morde von einem „jahrzehntelang aus dem kollektiven Gedächtnis mehr oder weniger bewusst ausgegrenzten Verbrechenskomplex“ (Westermann et al. 2011, S. 8).

Zum anderen erscheint der gerade erst von Thomas Müller, Paul-Otto Schmidt-Michel et al. veröffentlichte Band „Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit. Das Denkmal der Grauen Busse.“ (2017) vielversprechend, da er Beiträge zur Aufarbeitung der NS-‚Euthanasie‘ aus den Geschichts- und Kulturwissenschaften ebenso beinhaltet wie solche aus (denkmal)gestalterischer bzw. künstlerischer Perspektive.

 

 

Auswahlbibliografie

 

Assmann, Aleida (2016)

Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. 2. Auflage. München.

 

Assmann, Aleida (2014)

Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. 2. Auflage. München.

 

Endlich, Stefanie (2016)

Orte und Formen des Gedenkens an Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen. In: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrg.): „Euthanasie“-Verbrechen. Forschungen zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 17). Bremen. S. 150-162.

 

Endlich, Stefanie et al. (Hrg.) (2014)

Tiergartenstraße 4. Geschichte eines schwierigen Ortes. Berlin.
Jaworski, Rudolf und Peter Stachel (Hrg.) (2007)
Die Besetzung des öffentlichen Raumes. Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich. Berlin.

 

Jureit, Ulrike und Christian Schneider (2010)
Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung. Stuttgart.

 

Moller, Sabine (2010)
Das kollektive Gedächtnis. In: Gudehus, Christian / Ariane Eichenberg / Harald Welzer (Hrg.): Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart. S. 85-92.

 

Müller, Thomas et al. (Hrg.) (2017)
Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit. Das Denkmal der Grauen Busse. Zwiefalten.

 

Rürup, Reinhard (2014)
Der lange Schatten des Nationalsozialismus. Geschichte, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Göttingen.

 

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Hrg.) (2015)
Tiergartenstraße 4. Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Berlin.

 

Westermann, Stefanie/Richard Kühl/Tim Ohnhäuser (Hrg.) (2011)
NS-„Euthanasie“ und Erinnerung. Vergangenheitsaufarbeitung, Gedenkformen, Betroffenen-perspektiven (Medizin und Nationalsozialismus, Band 3). Berlin.

 

 

[1] Mit „Betroffenen“ sind zwar in erster Linie Menschen gemeint, die zwischen 1933 und 1945 zwangssterilisiert
wurden. Als „Betroffene“ bezeichnen und definieren sich aber teilweise auch solche, die von einer
körperlichen, psychischen oder geistigen Einschränkung betroffen sind und sich aus dieser Gegebenheit
heraus mit den Opfern der NS-„Euthanasie“-Morde identifizieren.

 

 

 

„Ich fühlte mich verantwortlich dafür, das Schweigen zu brechen“ – Sigrid Falkenstein und ihre Tante Anna Lehnkering

 

Es wäre wohl nicht übertrieben, Sigrid Falkenstein (Jg. 1946), als Vorreiterin derjenigen Angehörigen von „Euthanasie“-Opfern zu bezeichnen, die mit ihren Recherchen an die Öffentlichkeit gingen. Den Anfang machte im Jahr 2003 ein überraschender Fund im Internet. Was dann geschah, ist vielen bereits bekannt – im Interview mit Julia Frick erzählte die Autorin und pensionierte Lehrerin die Geschichte ihrer Recherche noch einmal in ihren eigenen Worten.

 

Erinnern als Verpflichtung: Sigrid Falkenstein und ihre Tante Anna Lehnkering (1915-1940). Fotos: Falkenstein.

 

Julia Frick: Wann hast Du begonnen, über das Schicksal Deiner Tante nachzuforschen? Kannst Du Dich an einen Moment erinnern, der ausschlaggebend für den Beginn Deiner Recherchen war?

 

Sigrid Falkenstein: Ich erinnere mich noch genau an jenen Abend im Herbst 2003, als ich aus purem Zufall im Internet auf den Namen meiner Tante stieß. Auf der Suche nach genealogischen Daten hatte ich den Namen meiner Großmutter in die Suchmaschine eingegeben. Sie hieß wie ihre Tochter, Anna Lehnkering.
Zuerst war ich verwirrt, dann schockiert, denn der Name stand auf einer Liste von Personen, die – so hieß es dort in englischer Sprache – von deutschen Ärzten während der NS-Zeit ermordet worden waren, also auf einer Liste von Opfern der NS-„Euthanasie“. Aufgrund des Geburtsdatums konnte ich schlussfolgern, dass es sich um „Änne“, die fünf Jahre ältere Schwester meines Vaters, handeln musste. Bis dahin kannte ich lediglich ein Foto von ihr und wusste, dass sie jung gestorben war. Und ich konnte mich nicht erinnern, dass in unserer Familie jemals über Anna gesprochen worden war.

 

 

Julia Frick: Was waren Deine ersten Schritte und Anlaufstellen?

 

Sigrid Falkenstein: Natürlich habe ich zuerst meinen Vater mit der Entdeckung dieses „Familiengeheimnisses“ konfrontiert. Er bemühte sich um Antworten, doch seine Erinnerungen waren sehr bruchstückhaft. Es schien, als ob er die schlimmen Geschehnisse ausgeblendet hätte. Doch was ich erfuhr, war, dass Anna „irgendwann Mitte der 1930er-Jahre in irgendeine Anstalt eingewiesen worden war, und irgendwann während des Krieges in irgendeiner Anstalt gestorben sei“.

Meine Spurensuche wäre wohl in einer Sackgasse gelandet, wenn ich auf besagter Internetseite nicht einen Hinweis auf Annas Patientenakte im Bundesarchiv bekommen hätte. In dieser Akte aus der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau fand ich viele Informationen und Querverweise auf andere Unterlagen. Ich nahm unter anderem Kontakt zur Klinik in Bedburg-Hau und zur Gedenkstätte Grafeneck auf, kontaktierte das Archiv des Landschaftsverbands Rheinland und kommunale Archive im Ruhrgebiet.

Das Studium der Quellen war für mich als Laie manchmal ziemlich schwierig. Einerseits muss man die Akten aus der NS-Zeit mit Vorbehalt lesen, denn sie spiegeln den Zeitgeist der nationalsozialistischen Rassenhygiene. Vieles war lediglich zwischen den Zeilen zu lesen und ließ nur spekulative Rückschlüsse auf Annas Persönlichkeit zu. Andererseits wurde das Lesen zusätzlich durch die teilweise sehr undeutliche Sütterlin-Schrift erschwert.

Bis 2003 war mein Wissen über die NS-„Euthanasie“ eher oberflächlich. Danach begann ich, mich genauer zu informieren, unter anderem mithilfe des Internets. Auch habe ich verschiedene Bücher gelesen, vor allem die von Ernst Klee haben mir dabei geholfen, Annas Lebensgeschichte in einen größeren geschichtlichen Zusammenhang einzuordnen. So gelang es mir, nach und nach ihre Biografie aus vielen kleinen Puzzleteilen zusammenzusetzen.

 

 

 

Julia Frick: Was konntest Du herausfinden?

 

Sigrid Falkenstein: Im Laufe meiner Spurensuche habe ich nicht nur eine Menge über Anna und unsere Familie erfahren, sondern auch über die Geschichte und die Gesellschaft unseres Landes.

Hier einige biografische Fakten über Anna, hinter denen sich unendlicher Kummer und Leid verbergen: Sie wurde 1915 im Ruhrgebiet geboren. Anscheinend entwickelte sie sich bis zu ihrem vierten Lebensjahr normal. Dann zeigte sie zunehmend Auffälligkeiten, war laut Akte „nervös, ängstlich und schreckhaft“. 1924 kam sie wegen Lernschwierigkeiten in eine Hilfsschule. Nach ihrer Schulentlassung 1929 erlernte sie keinen Beruf, sondern half der Mutter im Haushalt. Rund zwei Jahre später erstellte die Bonner „Kinderanstalt für seelisch Abnorme“ die Diagnose „Schwachsinn“, ein damals üblicher Begriff für „geistige Behinderung“. 1935 wurde Anna auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ im Evangelischen Krankenhaus der Stadt Mülheim an der Ruhr zwangssterilisiert. Ende 1936 wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau (Kreis Kleve) eingewiesen. Anfang März 1940 wurde sie schließlich im Rahmen der „Aktion T4“ nach Grafeneck deportiert und dort als angeblich erbkranker und damit nach damaligem Gedankengut lebensunwerter Mensch in der Gaskammer ermordet.

 

 

 

„Wer – wenn nicht wir als Angehörige – könnte glaubwürdiger bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren?! Wer – wenn nicht wir – könnte ihnen besser Gesicht und Namen zurückgeben!“

 

 

 

Julia Frick: Wie hat Deine Familie bzw. Dein Umfeld auf Dein Engagement und auf die neuen Informationen reagiert?

 

Sigrid Falkenstein: Ich bin sehr froh, denn im Unterschied zu manchen anderen betroffenen Familien ist meine Spurensuche und Erinnerungsarbeit in meiner Familie weitgehend auf Interesse und Zustimmung gestoßen. Es war und ist mir sehr wichtig, meinen Kindern, Nichten, Neffen und Enkelkindern zu erzählen, was geschehen ist, denn sie werden die Zukunft mitgestalten. „Annas Geschichte lässt mich dankbar sein für die Zeit, in der ich leben darf und erinnert mich daran, wie wichtig Toleranz und Nächstenliebe in unserer Gesellschaft sein sollten“, so eine meiner Töchter. Sie hoffe, sagte sie weiter, dass dadurch dem ein oder anderen klar werde, wie wichtig es ist, dass wir respektvoll miteinander umgehen – mit jedem, so unterschiedlich wir auch sein mögen. Und was Anna selbst angeht: Sie ist heute fest im Familiengedächtnis verankert.

 

 

 

Julia Frick: Wie würdest Du den Einfluss beschreiben, den Deine Recherchen auf Dich selbst hatten und haben?

 

Sigrid Falkenstein: Die Erinnerungsarbeit für Anna hatte und hat großen Einfluss auf mein Leben und hat es in vielerlei Hinsicht verändert. Das liegt vor allem daran, dass sich aus den rein privaten Anfängen meiner Spurensuche nach und nach ein bürgerschaftliches Engagement gegen das Vergessen entwickelt hat.
Als ich 2004 eine Internet-Gedenkseite für Anna veröffentlichte, war das, als hätte ich einen Stein ins Wasser geworfen, der immer mehr Wellen erzeugte. Seitdem ich 2012 das Buch „Annas Spuren“ veröffentlicht habe, hat die öffentliche Aufmerksamkeit weiter zugenommen. Beteiligung an bürgerschaftlichen Initiativen, Vorträge, Lesungen, TV-Auftritte meinerseits waren die Folge und führten zu zahlreichen Begegnungen mit beeindruckenden Menschen an den verschiedensten Orten – Erlebnisse, die mein Leben bereichert haben und die es ohne Anna nie gegeben hätte.

Im Verlauf meiner Erinnerungsarbeit habe ich viel gelernt. So habe ich erfahren, dass man als einzelner Mensch etwas anstoßen bzw. verändern kann. Aber dazu braucht man Netzwerke und eine möglichst breite Unterstützung durch Politik, Institutionen, Verbände und nicht zuletzt durch die Presse. Um das zu organisieren, ist eine Menge Hartnäckigkeit und Ausdauer nötig.

Es ist manchmal schwierig für mich, ein „öffentlicher Mensch“ zu sein, und es bringt psychische und physische Belastungen mit sich. Aber wenn man sich „so weit aus dem Fenster lehnt“ wie ich, muss man lernen, das öffentliche Interesse auszuhalten. Dabei hilft mir, dass ich meine Erinnerungsarbeit als Aufgabe, als Verpflichtung Anna gegenüber verstehe.

 

 

 

Julia Frick: Was treibt Dich und Deine Arbeit an?

 

Sigrid Falkenstein: Am Anfang wollte ich einfach wissen, was geschehen ist. Ich war entsetzt über das, was ich erfuhr. Anna ist unfassbares Unrecht geschehen – das Auslöschen der Erinnerung gehört dazu. Ich fühlte mich verantwortlich dafür, das Schweigen zu brechen und an sie zu erinnern. So wollte ich ihr wenigstens symbolisch etwas von ihrer Identität und Würde zurückgeben – sozusagen als Akt später Gerechtigkeit.

Darüber hinaus haben mich Fragen über unsere Familie beschäftigt, über die Lebensumstände, die auch mein Leben geprägt haben. Ich wollte verstehen, wie es zu dem Teufelskreis von Schweigen und Verdrängen kommen konnte. Je mehr ich mich mit den rassehygienischen und gesellschaftspolitischen Hintergründen befasste, umso klarer wurde mir, warum die Themen Zwangssterilisation und „Euthanasie“ in vielen betroffenen Familien tabuisiert wurden – teilweise bis heute.

Ich habe in meiner Familie erlebt, dass Schweigen krankmachen kann. Es kann heilsam sein, die Vergangenheit aufzuarbeiten und über das Erlebte zu sprechen. Das wollte ich anderen Betroffenen mitteilen und sie zur Spurensuche ermutigen. Wer – wenn nicht wir als Angehörige – könnte glaubwürdiger bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren?! Wer – wenn nicht wir – könnte ihnen besser Gesicht und Namen zurückgeben!

Ich finde es wichtig, Geschichten wie die von Anna zu erzählen, denn es sind meiner Meinung nach Einzelschicksale, die jenseits anonymer Zahlenkolonnen Geschichte begreifbar machen. Wir können, wir müssen aus der Geschichte lernen, denn die alten Denkmuster von Ausgrenzung und Diskriminierung, rassistische Vorurteile und Vorbehalte gegenüber Minderheiten existieren nach wie vor. Der Mensch als Gegenstand ökonomischer Kosten-Nutzen-Rechnung, das sind Formen der Abwertung, auf die wir auch heute achten müssen. Vielleicht fassen die Worte von Max Mannheimer gut zusammen, was mich antreibt: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“

 

 

ANNAS SPUREN – Ein Opfer der NS-‚Euthanasie“ von Sigrid Falkenstein (unter Mitarbeit von Prof. Dr. Dr. Frank Schneider ist 2012 im Herbig-Verlag erschienen. 2015 erschien es zudem in Leichter Sprache.

 

 

Auch auf Gedenkort T4 ist Anna Lehnkerings Biografie zu lesen.

 

 

 

Neue Biografie: Herta Martha Wieland

Um 8.45 Uhr Tod in der Heil- und Pflegeanstalt Teupitz, ihr Mann besuchte gegen Mittag noch einmal die Klinik: da wird ihm nur ihr Tod mitgeteilt (er sagte später: „Die haben sie gespritzt.“ Wie sich eine Tochter erinnert). Todesursache: „Entkräftung bei Geisteskrankheit“ – wobei sie 6 Tage vorher, am Tag ihrer Einweisung, physisch vollkommen gesund und bei Kräften war. Tatsächliche Todesursache: vermutlich eine Luminal- oder Luftspritze.

 

Herta Wieland mit ihrer Familie 1935

Herta Wieland (links) mit ihrer Familie 1935. Quelle: Privatsammlung

Es ist nicht viel, was man über Herta Martha Wieland weiß. Das Wenige hat ihre Enkelin recherchiert und unserer Sammlung von Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“-verbrechen angefügt. Hier können Sie die Biographie lesen.

 

 

 

Buchvorstellung: Ausgegrenzt! Warum? Zwangssterilisierte und Geschädigte der NS-›Euthanasie‹ in der Bundesrepublik Deutschland

Wann: 20.6.2017, 19.00

Wo: Dokumentationszentrum Topogaphie des Terrors, Berlin

 

Die Geschichte der Menschen, die im Nationalsozialismus zwangssterilisiert wurden oder deren Angehörige den Patientenmorden zum Opfer fielen, wurde nach 1945 relativ konsequent verdrängt: Anträgen auf Entschädigungen wurde nicht entsprochen, weil die Opfergruppe nicht in das Bundesentschädigungsgesetz aufgenommen wurde, Zwangssterilisation oft nicht als Verbrechen gewertet und generell hing über den Thema ein Tabu. Dass sich 1987 der Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten e.V. gründete, bedeutete demzufolge auch, dass sich erstmals seit 1933 Betroffene und Angehörige austauschen konnten. Auch wenn sich der Verein 2009 auflöste, so existiert er als Arbeitsgemeinschaft weiter und kämpft immer noch um Entschädigungen und Anerkennung. Im Jahr 2003 produzierte der Verein die Wanderausstellung Lebensunwert – Zerstörte Leben und gab 2006 das Buch unter gleichem Titel heraus (Verlag).

 

Die Herausgeberin der neuen Publikation Margret Hamm wird das Buch in der Topographie des Terrors vorstellen. Man darf in diesem Zusammenhang auch gespannt sein, ob das Thema der Namensnennung von Opfern aufgebracht werden wird. Die Arbeitsgemeinschaft positionierte sich in letzter Zeit immer wieder gegen die öffentliche Nennung mit der Begründung, dass die Opfer nicht gefragt werden könnten und dass dies nach den Jahrzehnten der Verdrängung eine Art überholter Aktionismus sei. Verweisen sei hier auf einen Brief der AG vom März des Jahres an die Ministerin für Justiz, Kultur und Europa in Schleswig-Holstein, der sich gegen die Nennung der Namen der aus der Anstalt Neustadt deportierten Patienten wandte.

 

 

Familiengeschichte mit doppeltem Boden – Barbara Stellbrink-Kesy und ihre Großtante Irmgard Heiss

Barbara Stellbrink-Kesy (Jg. 1952) ist Vorstandsmitglied im Förderkreis Gedenkort T4 e.V. und arbeitet als Kunsttherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie in Berlin. Ihren beruflichen Schwerpunkt bildet seit 2003 die transkulturelle bzw. interkulturelle Kunsttherapie sowie die Kunsttherapie mit Kindern und Jugendlichen und speziell mit Frauen. Bei einem Umzug nach dem Tod ihres Vaters offenbarte sich ihr – buchstäblich – die Doppelbödigkeit der eigenen Familiengeschichte und eine umfangreiche Spurensuche begann.

 

Zwei mutige Frauen: Barbara Stellbrink-Kesy und Irmgard Heiss (1897-1944).

 

 

Julia Frick: Wann hast Du begonnen, über das Schicksal Deiner Großtante nachzuforschen? Kannst Du dich an einen Moment erinnern, der ausschlaggebend für den Beginn Deiner Recherchen war?

 

Barbara Stellbrink-Kesy: Zum ersten Mal sprachen meine Eltern Mitte der 90er Jahre in meiner Gegenwart über Irmgard Heiss. Ich war schon über 40 Jahre alt, sieben Jahre nach ihrem Tod geboren und in ihrem Elternhaus aufgewachsen. Mein Vater vermutete, Irmgard, die Schwester seiner Mutter, könne ein Opfer der Krankenmorde geworden sein, er wisse aber nichts Genaues. Es schockierte mich, dass ein Mitglied der Familie jahrelang einfach verschwiegen worden und unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen war. Gegenüber uns ‚Kindern‘ war das Familiengeheimnis offensichtlich streng gewahrt worden. Einige Zeit nach diesem Gespräch gab mir mein Vater eine Fotografie und einen handgeschriebenen Brief seiner Tante. Das waren meine ersten Anhaltspunkte.

 

Als ich dann nach dem Tod meines Vaters einen Schrank von einem Raum in einen anderen transportierte, fiel darin etwas polternd zur Seite, was sich als eingebauter doppelter Boden herausstellte. Darunter fanden sich Irmgards letzte Briefe aus den Jahren 1939 – 42 an die Familie…

 

 

Julia Frick: Was waren danach Deine ersten Schritte und Anlaufstellen?

 

Barbara Stellbrink-Kesy: Niemand in meinem Freundes- und Bekanntenkreis hatte bis dahin von einem ähnlichen Fall berichtet. Ich selbst war seit meiner Jugend  politisch interessiert und keineswegs uninformiert – doch dieses Thema stellte offenbar ein Tabu dar. Es war schwer, mit einer Geschichte umzugehen, für die es an Worten und Bildern fehlte. Ich versuchte zunächst, die in Sütterlin eng beschriebenen Briefe zu entziffern. Dazu wandte ich mich an diejenigen in der Familie, die noch direkt mit Irmgards Lebensgeschichte zu tun gehabt haben konnten. Die Nichte Irmgards half mir bei der Transkription der Briefe. Ihr Vater Karl-Friedrich Stellbrink war Irmgards Bruder gewesen, Pfarrer in Lübeck.

 

Ich rätselte damals noch, was es mit den Absender-Adressen der Anstalten ‚Lengerich‘ und ‚Weilmünster‘ auf sich hatte. Als ich dann 2003 einen Vortrag zum Thema „Psychiatrie im Nationalsozialismus“ hörte, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Was in unserer Familie geschehen war, stand in einem größeren Zusammenhang, es ist wichtig. Anschließend sprach ich den Vortragenden aufgeregt an um herauszufinden, welche Anstalten hinter diesen Adressen stehen mochten.

 

Im Jahr 2008 half mir ein Historiker dabei, die Krankenakte der Patientin Irmgard Heiss im westfälischen Landesarchiv zu finden. Die Akte des ‚Lindenhauses‘ erwies sich als vollständig über den Zeitraum von 1925 – 1944. Doch die Eintragungen stellten sich mir zunächst als verwirrende Fülle von Einzelinformationen dar. Viele Dokumente waren erschreckend in Wortwahl und Duktus. Da war von „Parasitismus Sozialis“ die Rede, sowie von „Minderwertigkeit“, „moralischem Schwachsinn“und „Asozialität“. Von solchen ‚Diagnosen‘ hatte ich noch nie gehört. Widersprüchliche Informationen gaben mir Rätsel auf: Warum wollen die Psychiater Irmgard Heiss 1925 nach ihrer Aufnahme gleich wieder entlassen, bezeichnen sie als „nicht irrenanstaltspflegebedürftig“? Und warum machten sie die Ankündigung dann doch nicht wahr? Warum wurde Irmgard stattdessen in die Anstalt Gütersloh verlegt, und warum schrieb der dortige Direktor Simon in ihrem Fall derartig menschenverachtende Briefe an den Landeshauptmann in Münster? War sie denn nun krank gewesen oder nicht?

 

Ich besuchte Tagungen, studierte die Literatur, sprach Fachleute an, und ein mühsamer Prozess begann. Viel Unterstützung bekam ich zwar ehrlich gesagt nicht, aber immerhin waren weitere Schritte in der Recherche möglich.

 

 

Julia Frick: Wie hat Deine Familie bzw. Dein Umfeld auf Dein Engagement reagiert?

 

Barbara Stellbrink-Kesy: Meine enge Familie war interessiert, andere hielten sich bedeckt. Auch jene Nichte, die mir beim Entziffern der Briefe geholfen hatte, war erschüttert, als ihr klar wurde, wie wenig sie über dieses Familienmitglied wusste. Mit dem Auffinden der Krankenakte wuchsen bei ihr Befürchtungen, es könne nun erneut ein Schatten auf das Andenken ihres Vaters fallen. Das Stigma schien durch die Generationenfolge hindurch seine Wirkung nicht verloren zu haben.

 

Nach und nach fand ich mit ihr gemeinsam heraus, worum es in ihren Befürchtungen genau ging: Würde jemand Karl-Friedrich Stellbrink nun rückwirkend vorwerfen, dass er seine Schwester nicht selbst aus der Anstalt abgeholt und gerettet hatte? Würde die nunmehr nachgewiesene Existenz einer Schwester, die Psychiatriepatientin war, als Indiz für eine angebliche Persönlichkeitsstörung Stellbrinks gewertet werden, wie sie nach seiner Verurteilung – und bis weit in die Nachkriegszeit hinein – gelegentlich behauptet worden war?* Musste nicht zwangsläufig ein schlechtes Licht auf Hildegard Stellbrink fallen, weil auch sie die Schwägerin und enge Freundin nicht gerettet hatte?

 

Einerseits wollte ich nun für Irmgard einen Stolperstein vor ihrem Elternhaus verlegen lassen, ein kleines Familienritual ermöglichen, um ihr ihren Platz im Familiengedächtnis zurückzugeben. Ihr Leben und Sterben weiterhin zu verschweigen, erschien mir als ein untergründiges Weiterwirken der Rassenhygiene und des nationalsozialistischen Denkens. Ich fand es schwer erträglich, dass das Andenken des einen Opfers gegen dasjenige des anderen aufgerechnet werden sollte.

 

Andererseits wollte ich keine Schritte gegen den Willen meiner Tante unternehmen, das war für mich ein Gebot des Respekts. Aber je mehr Einblick ich in die Zusammenhänge gewann, umso eher konnte ich ihre Befürchtungen entkräften. So kam es, dass nach zehn Jahren intensiver Auseinandersetzung die letzte noch lebende betroffene Angehörige dieser Generation ihre Einstellung veränderte. Seit 2011 liegt ein Stolperstein vor dem Elternhaus Irmgards in Detmold, der bislang Einzige in der Stadt. Meine Tante, bis ins hohe Alter geistig rege, die viel für das ehrende Andenken an ihren Vater getan hatte, war mir im Verlauf dieser Zeit zu einer wichtigen Zeugin und Vertrauten in der Aufarbeitung geworden. Als sich die Möglichkeit einer Kurzdarstellung der verschlungenen Lebenswege der Geschwister Irmgard Heiss und Karl-Friedrich Stellbrink im Rahmen der Ausstellung „Erfasst – Verfolgt – Vernichtet“ der DGPPN bot, war ich froh über ihre Zustimmung für eine Veröffentlichung.

 

* Mehr über Karl-Friedrich Stellbrink und die ‚Lübecker Märtyrer‘ finden Sie hier

 

 

Julia Frick: Was konntest Du letztlich über Deine Großtante herausfinden?

 

Barbara Stellbrink-Kesy: Irmgard ist in ihrer Jugend sehr musikalisch gewesen, sie tanzte und sang und wäre gern Künstlerin geworden, was von der pietistischen Familie jedoch missbilligt wurde. Später heiratete sie dann auch noch ‚unter ihrem Stand‘, nämlich einen Bergmann. Sie erlebte häusliche Gewalt, wollte sich scheiden lassen, geriet in Not. Als sich ihr Mann in Untersuchungshaft befand, plante sie mit ihren kleinen Söhnen die beschwerliche Schiffsreise nach Brasilien zu Bruder und Schwägerin, die dort deutschsprachige Kolonisten seelsorgerisch betreuten. Doch eine erneute Schwangerschaft zerstörte die Hoffnung auf einen Neubeginn. Irmgard gab die Kinder schweren Herzens in Pflegefamilien und brachte im Krankenhaus ein gesundes Mädchen zur Welt. Doch als sie sich dort gegen die Reglementierungen mit vorgeschriebenen Stillzeiten wehrt, wird sie von Baby Meta, zweieinhalb Monate alt, getrennt und als ‚geisteskrank‘ in die Psychiatrie eingewiesen.

 

Diese Diagnose zweifeln die Psychiater an und wollen sie entlassen. Doch wohin? Ihre Eltern wollen sie nicht unterstützen, die Ehe will sie unter keinen Umständen fortsetzen. Die Ärzte können sich damals nicht vorstellen, dass diese Frau ohne Aufsicht und strenge Führung eines Mannes leben kann. Ein sozialhygienisch orientierter Amtsarzt schreibt 1926, er sehe sich wegen ihrer „Haltlosigkeit und Triebhaftigkeit“ gezwungen, diese Frau aus der Gesellschaft auszuschließen. Sie müsse „in Anstalten gehalten“ werden, denn andernfalls bestehe die Gefahr, dass sie erneut „belastete Kinder“ in die Welt setze. Als Irmgard  im Sommer 1926 dann doch entlassen wird, ist Baby Meta im Waisenhaus von Bethel an Diphterie gestorben und die Scheidungsklage abgewiesen.

 

Am Tag nach der Entlassung beantragen ihre Eltern, in ihrer Familienehre schwer angeschlagen, mit Unterstützung des Amtsarztes Irmgards Entmündigung. Diese taucht unter,  hält sich mit Fabrikarbeit über Wasser. 1928 wird sie mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus von Münster aufgenommen. Dort will sie auf ihrer Station  in suizidaler Absicht den Medikamentenschrank aufbrechen. „Weil ich überflüssig bin, auf der Welt“, sagt sie. Es folgt erneut die Überführung in die Psychiatrie. Sie erhält nun die Diagnose Schizophrenie und wird letztlich entmündigt. Auch die Ehe wird jetzt, unter anderen Vorzeichen, geschieden. Ihr Bruder Karl Friedrich und seine Frau Hildegard, gerade vom anstrengenden Auslandspfarramt aus Brasilien zurückgekehrt, erklären sich auf Bitten der Großeltern bereit, Irmgards Söhne Ewald und Hugo aufzunehmen. Sie erwägen, auch Irmgard zu sich zu holen, doch die Ärzte raten ihnen ab. Irmgard Heiss ist nun Patientin in Lengerich und wird dort die nächsten zehn Jahre verbringen.

 

Am 7. August 1941 dann reist Karl-Friedrich Stellbrink beunruhigt und völlig überlastet von Lübeck nach Detmold, um seine Schwestern vor den unmittelbar drohenden Verlegungen von Patienten aus Westfalen und Schleswig-Holstein in die sogenannten Mordanstalten zu warnen. Hitler hatte gerade den Stopp der Vergasungen verfügt, unter anderem wegen der berühmten Predigten des Bischofs Clemens August Graf von Galen, die auch die vier Lübecker Geistlichen heimlich verbreitet hatten. Statt in der Tötungsanstalt Hadamar zu enden, wie vorgesehen, strandete darum bald darauf der letzte Transport aus Lengerich in der ‚Zwischenanstalt‘ Weilmünster. Unter den westfälischen Patienten war auch Irmgard Heiss. Ein Besuchsverbot für Verwandte war angeordnet, und es gab für die verlegten Patienten kaum mehr Versorgung, denn das Morden wurde nun mit anderen Mitteln weitergeführt. Der zuständige Anstaltsdezernent Bernotat, wird als ein besonders eifriger Überzeugungstäter beschrieben.

 

 

Jedes rekonstruierte Leben schließt einen bis dahin ausgegrenzten Menschen wieder in die Erinnerung ein und bietet Möglichkeiten, die Dinge besser im Zusammenhang zu begreifen.

 

 

Julia Frick: Wie würdest Du den Einfluss beschreiben, den Deine Recherchen auf Dich selbst hatten und haben?

 

Barbara Stellbrink-Kesy: Ich schreibe seit einiger Zeit an Irmgards Biografie, das hat natürlich mein Leben verändert. Die Quellen, die ich zur Verfügung habe, die Briefe an meine Urgroßeltern nach Brasilien, schildern das Geschehen aus ihrer Sicht. Karl-Friedrichs und Irmgards beeindruckende Briefe ordnen sich allmählich wie von selbst zu einem Gesamtbild – eine Erzählung entsteht. Da diese Quellen so viele Zusammenhänge aufzeigen, ist es eine sehr herausfordernde Aufgabe, die Zeit und Sorgfalt benötigt. In einem eigenen Teil des entstehenden Buchs erkläre ich die Hintergründe, z.B. die Frage nach der damaligen Psychopathiediagnose. Die Veröffentlichungen anderer Angehöriger von Opfern der Krankenmorde waren für mich inspirierend und ermutigend. Jedes rekonstruierte Leben schließt einen bis dahin ausgegrenzten Menschen wieder in die Erinnerung ein und bietet Möglichkeiten, die Dinge besser im Zusammenhang zu begreifen.

 

Ich habe daher auch viel über meine Geschichte erfahren. Mir ist z.B. klar geworden, wie sehr mein Vater Ängste auf mich projiziert hatte, ich könne seiner Tante ähnlich sein. Als Kind spürte ich diese Ängste, das Geheimnis und die buchstäbliche ‚Doppelbödigkeit‘ der Familienerinnerung. Die Recherche förderte zutage, dass ich allen Grund hatte, meiner Wahrnehmung zu vertrauen.

 

Auch schaue ich jetzt genauer auf die heutigen Entwicklungen im Gesundheitswesen, die ja unter Vorzeichen der Ökonomisierung stehen, ähnlich wie in der Weimarer Zeit. Was mich aktuell sehr beschäftigt ist z.B. die Frage, warum die Gesellschaft den damaligen Psychiatern so viel unhinterfragte Macht übertragen hat. Die Geschichte konsequent aus Irmgards Sicht zu erzählen, auf der Grundlage der Dokumente und eingebettet in die Literatur, heißt für mich auch, die Deutungsmacht  dieser damaligen Psychiater zu brechen und den Machtmissbrauch, den Verrat an den Patienten sichtbar zu machen. Und der begann in diesem Fall schon 1925. Oft genug wird mir diese Feststellung als Anmaßung ausgelegt, ich muss also auch sehr widerständig sein, wie meine Großtante Irmgard. Wer weiß, vielleicht hätte ich 1925 auch eine „Psychopathiediagnose“ bekommen?

 

 

Julia Frick: Was treibt dich und Deine Arbeit an?

 

Barbara Stellbrink-Kesy: Unangepasste Frauen, als „asozial“ abgestempelt, sind bis heute als Opfer des Nationalsozialismus nicht anerkannt. Irmgards Lebensgeschichte kann als beispielhaft für Frauen betrachtet werden, die in jener Zeit gegen moralische Normen verstießen. Viele von ihnen landeten statt in den Psychiatrien später in KZs oder wurden zwangssterilisiert. Das Stigma von ihnen zu nehmen, ihre Einzelschicksale in die Erinnerungskultur einzuschließen und in ihrem widerständigen Handeln auch Keimformen kommender Veränderungen zu erkennen, das ist mir wichtig.

 

Motivation war mir auch meine Arbeit als Kunsttherapeutin mit Heilpraktikererlaubnis im Bereich der Psychotherapie. Die Erkenntnis: Wer seine eigene Vergangenheit nicht beachtet, wird auch die entscheidenden Themen in den Biografien anderer Menschen nicht auffinden.

 

Zum Schluss möchte ich das Wort an Irmgard übergeben. 1940 schrieb sie als Randbemerkung an den letzten Brief, den sie aus der Anstalt Lengerich an ihren Sohn Ewald schickte:

 

„Ich weiß gar nicht, ob ich schon richtig gelebt habe? Bewusst jedenfalls nicht, darauf warte ich noch. Nur krank stellenweise und gehemmt. Und frei, aber verpönt.“

 

 

 

 

 

Hier können Sie die vollständige Biografie von Irmgard Heiss nachlesen:

http://www.gedenkort-t4.eu/de/vergangenheit/heiss-irmgard

 

 

 

Hadamar: Hier wurden Patienten ermordet. Hier wohnen Patienten!

[UPDATE 31.5.2017: Der (Wieder-)Einzug von Menschen mit Behinderungen in die Räume der ehemaligen Tötungsanstalt ist abgewendet, wie aus einer Pressemitteilung des Landeswohlfahrtsverbandes hervorgeht.]

 

In Hadamar haben die Nationalsozialisten in den Jahren 1941 – 1945 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen, ab 1942 auch kranke Zwangsarbeiter und sog. halbjüdische (gesunde) Kinder im Rahmen der NS-Krankenmorde getötet.

Tötungsanstalt Hadamar Haupteingang 1945

Tötungsanstalt Hadamar Haupteingang 1945

Heute ist die Gedenkstätte Hadamar ein wichtiger Ort des Gedenkens an die Opfer der NS-„Euthanasie“, der allein in Hadamar fast 15.000 Menschen zum Opfer fielen. Darüber hinaus leistet die Einrichtung mit fast 20.000 Besuchern pro Jahr (Tendenz steigend) einen wichtigen Beitrag zur Demokratie-Erziehung vor allem junger Menschen.

Die meisten Ortskundigen haben sich längst daran gewöhnt: Betritt man „Haus 5“ der Vitos Klinik in Hadamar durch den Haupteingang, so kommt man zur Rechten in die Gedenkstätte, zur Linken in das Wohn- und Pflegeheim von Vitos. Dass im Ostflügel des Gebäudes Kranke ermordet wurden, daran erinnern die Gaskammer, Reste der Einäscherungsöfen, ein Seziertisch und nicht zuletzt die Gedenkstätten-Ausstellung in den historischen Räumlichkeiten.

 

Gedenkstätte Hadamar, Ergotherapie und Wohn- und Pflegeheim in einem Haus.

 

Was viele nicht wissen: Im Westflügel des Gebäudes, das heute so unscheinbar „Haus 5“ heißt, wurde in den Jahren 1942 bis 1945, also in den Jahren der Medikamentenmorde, mindestens im gleichen Umfang gemordet wie im Ostflügel, der die Gedenkstätte beherbergt.

 

Dessen ungeachtet wurde und wird der Westflügel seit Ende des 2. Weltkriegs weiter genutzt für die Unterbringung psychisch und seelisch kranker Menschen.

 

Wegweiser auf dem Gelände

Wegweiser auf dem Gelände

Dieser aus ethischer Sicht sehr fragwürdige Zustand sollte im Juni 2017 endlich ein Ende haben. In der Woche nach Pfingsten werden die Bewohner aus Haus 5  in neu errichtete Gebäude auf dem Vitos-Gelände umziehen.

 

Es bietet sich also eine großartige Gelegenheit, endlich einen Neuanfang zu wagen, dem Gedenken einen angemessenen Platz einzuräumen und auch diesen historisch bedeutsamen Teil des Gebäudes in die bestehende Gedenkstätte zu integrieren.

 

Leider planen der Landeswohlfahrtsverband Hessen und die Vitos GmbH aktuell anscheinend, diesen ehemaligen Mordtrakt wiederum für mehrere Jahre als Wohnraum für Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen zu nutzen!

 

Dieses Vorgehen erscheint uns gleich aus mehreren Gründen inakzeptabel, denn es leugnet:

 

–          die historische Bedeutung des Westflügels, in dessen Räumen nachweislich mehr als 1.000 Menschen ermordet wurden und viele Menschen zum Teil wochenlang unter Hunger und Vernachlässigung und in dem Wissen um die drohende Ermordung gelitten haben,

–          die Gefühle von Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen, die dort untergebracht werden sollen im Wissen um die Historie dieser Räume und

–          die Verantwortung des LWV Hessen als Nachfolgeorganisation des Bezirksverbandes Wiesbaden, des ehemaligen Trägers der Landesheilanstalt Hadamar während der Zeit des Nationalsozialismus.

 

Die Weiterverwendung des Westflügels von Haus 5 auf dem Gelände der Vitos Hadamar wäre gleichbedeutend mit einer Verleugnung der nationalsozialistischen Taten in diesen Räumen. Wir fordern daher die Verantwortlichen auf, auch dieses Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte endlich zu einem guten Ende zu bringen und die Räumlichkeiten der Gedenkstätte zum Zweck des Gedenkens und der Bildungsarbeit zur Verfügung zu stellen. Ein „Weiter so!“ darf es in Hadamar nicht geben!

 

„Er ist nie Teil der Familie gewesen“ – Jörg Waßmer und sein Großonkel Alois Zähringer

Jörg Waßmer ist 40 Jahre alt, lebt in Berlin und ist als Historiker am Jüdischen Museum tätig. Bereits im Kindesalter begann er, seine Großmutter über ihre Familie zu befragen und ahnte nicht, was er damit in Bewegung setzen würde. Vor einigen Wochen konnte ich ihn in Berlin treffen – und er erzählte mir eine der bewegendsten Geschichten meiner bisherigen Arbeit.

 

 

Jörg Waßmer begann im Alter von 12 Jahren, das Schicksal seines Großonkels Alois zu erforschen. Auf der einzig erhaltenen Fotografie ist dieser (links hinter den Baumstämmen) kaum erkennbar. (Fotos: David M. C. Miller / Archiv Waßmer)

 

 

Julia Frick: Wann hast Du begonnen, über das Schicksal deines Großonkels nachzuforschen? Kannst Du Dich an einen Moment erinnern, der ausschlaggebend für den Beginn Deiner Recherchen war?

 

Jörg Waßmer: Ja, so einen Moment gab es. Das war 1989, da war ich gerade einmal 12 Jahre alt – und hatte wohl ein recht außergewöhnliches Hobby für ein Kind dieses Alters: Ich interessierte mich für Familiengeschichte. Ich begann, meine Großmutter zu unserer Familie zu befragen, vor allem zu ihren Eltern und Geschwistern. Sie erzählte mir daraufhin unter anderem, dass sie einen Bruder namens Karl-Friedrich gehabt habe, der aber schon „ganz klein“ gestorben sei.

 

Was sie nicht ahnen konnte: Für meine 12 Jahre war ich schon ziemlich professionell unterwegs! Ich schrieb das Standesamt in Bleichheim an, weil ich mich für die Geburts- und Sterbeurkunde interessierte. Doch von dort sollte ich eine äußerst seltsame Antwort erhalten. Einen Karl-Friedrich Zähringer habe es nie gegeben, da müsse wohl eine Verwechslung vorliegen. Ein Alois Zähringer hingegen sei verzeichnet.

 

Ich forderte also die Kopien an und staunte nicht schlecht. Denn abgesehen davon, dass Karl-Friedrich offenbar Alois geheißen hatte, war dieser Alois auch nicht „klein“ gestorben. In einer Randnotiz konnte ich die Jahreszahl 1940 entziffern – da wäre Alois 18 Jahre alt gewesen – und als Ortsangabe „Grafeneck, Württemberg“. Da das Thema NS-“Euthanasie“ in meinem Schulunterricht in den 80er und 90er Jahren keine Rolle gespielt hatte, sagte mir und auch meiner Familie dieser Ort zunächst nichts. Und das, obwohl wir damals im Schwarzwald lebten, also gar nicht allzu weit entfernt von der Schwäbischen Alb.

 

Im Herbst 1990 stieß ich dann in der Lokalzeitung auf einen Artikel, in dem es darum ging, dass in Grafeneck eine Gedenkstätte für die Opfer der NS-“Euthanasie“ eingeweiht worden sei. Ich erfuhr, dass dort im Jahr 1940 mehr als 10.000 Menschen ermordet worden waren – und begann zu kombinieren. Meine Großmutter hatte offenbar einen Bruder namens Karl-Friedrich erfunden, so dachte ich, weil sie sich dafür schämte, einen „Kranken“ in der Familie zu haben.

 

 

Julia Frick: Was waren Deine ersten Schritte und Anlaufstellen?

 

Jörg Waßmer: Mein erster Schritt, nachdem ich den Zeitungsartikel gelesen hatte, war, dass ich das Samariterstift Grafeneck anschrieb. Von dort bekam ich die Auskunft, dass es keinerlei Akten aus der NS-Zeit mehr gebe und sie mir daher auch nicht weiterhelfen könnten. Ich besorgte mir dann noch die einzige Publikation, die es damals zu Grafeneck gab. Aber im Endeffekt war meine Recherche zum damaligen Zeitpunkt vorerst am Ende – bevor sie richtig angefangen hatte.

 

Erst sieben Jahre später startete ich einen neuen Anlauf. Da konnte ich mir dann Einblick in die Sterbebücher der Pfarrei seines Geburtsortes verschaffen. Und ich nahm Kontakt mit der letzten noch lebenden Halbschwester meiner Großmutter auf, mit der sie bereits viele Jahre zuvor gebrochen hatte.

 

 

Julia Frick: Was konntest Du herausfinden?

 

Jörg Waßmer: In den Sterbebüchern fand ich überraschenderweise einen Sterbeeintrag zu Alois Zähringer und zudem noch eine Notiz zu einer Heilanstalt, nämlich der St.-Josephs-Anstalt Herten. Ich wandte mich dorthin und man konnte mir bestätigen, dass mein Großonkel dort ab 1928 Patient gewesen war. Außerdem wurde mir mitgeteilt, dass und wann er von dort nach Emmendingen in eine sogenannte „Zwischenanstalt“ verlegt worden war. So konnte ich nun zumindest grob seinen letzten Weg rekonstruieren. Eine Patientenakte habe ich jedoch leider bis heute nicht, was insofern erstaunlich ist, als dass Alois‘ Name in der International Claims List auftaucht – die ja wiederum auf den Namen der Opfer beruht, zu denen im Bundesarchiv Akten vorhanden sind.

 

Letztlich war es dann meine Großtante Margarethe, die Licht ins Dunkel brachte, als ich sie etwa fünf Jahre nach dem Tod meiner Großmutter kontaktierte. Sie erzählte mir, dass meine Großmutter, die ganze neun Jahre älter gewesen war als Alois, oft auf ihren kleinen Bruder aufpassen musste. Eines Tages sei es dabei zu einem Unfall gekommen: Als sie Alois auf dem Arm hielt, fiel er ihr herunter, was offenbar zu einer schweren Verletzung mit bleibenden Folgen führte.

 

Ich vermute stark, dass meine Großmutter sich dadurch ihr Leben lang schuldig gefühlt hat. Schuldig an dem Unfall, schuldig an der Behinderung ihres Bruders und damit auch an seinem Tod.

 

 

„Es ist die Erinnerung um ihrer selbst Willen, die mich dazu bewegt, weiterzumachen. Ich will Alois dem Vergessen entreißen. Die Nazis haben ihn ermordet, haben ihn ausgelöscht, haben seine Spuren verwischt. Und meine Familie hat in dem Sinn kollaboriert, dass sie ihn auch „vergessen gemacht“ hat. Mir geht es darum, das nicht fortzuführen.“

 

 

Julia Frick: Wie hat Deine Familie bzw. Dein Umfeld auf Dein Engagement und auf die neuen Informationen reagiert?

 

Jörg Waßmer: Meine Großmutter hatte recht schnell begriffen, in welche Richtung meine Recherchen gehen würden, und da begann sie zu blocken. Meine Eltern hingegen haben mich von Anfang an unterstützt und waren zum Beispiel auch 1999 mit mir zusammen erstmalig in Grafeneck und später auch noch in Herten und Emmendingen.

 

Den Mut, Kontakt zu Halbgeschwistern meiner Großmutter aufzunehmen, hatte ich wie gesagt erst nach ihrem Tod. Margarethe, die mir auch von dem tragischen Ereignis in Alois‘ Kindheit erzählt hatte, schickte mir das einzige Foto, das es von Alois gibt.

 

Das Erschreckende daran ist, dass sie selbst ihn auf diesem Foto nicht wahrgenommen hat. Erst ich entdeckte den nur schemenhaft zu erkennenden Jungen am linken Bildrand. Sie bestätigte mir daraufhin, dass es sich nur um Alois handeln konnte. Für mich unterstreicht dieses Foto die ganze Geschichte auch noch einmal symbolisch: Mein Großonkel war immer abseits, ist offenbar nie Teil der Familie gewesen. Bereits als Siebenjähriger kam er in die Anstalt und lebte fortan fernab seiner Familie. Einschränkend muss ich sagen, dass nach seiner Ermordung zumindest die Urne aus Grafeneck angefordert und im Familiengrab beigesetzt wurde.

 

2010 habe ich dann vor seinem Elternhaus einen Stolperstein verlegen lassen. Dort leben heute noch Kinder eines Halbbruders meiner Großmutter, die ich demnach auch kontaktierte. Sie waren erfreulicherweise von Anfang an sehr offen. Und gerade neulich erreichte mich eine E-Mail von einem Großcousin, der jetzt – sechzehnjährig – in der Schule eine Arbeit über Alois schreiben möchte. Das hat mich extrem gefreut, da tatsächlich einmal die Initiative nicht von mir ausging!

 

 

Ins Gedächtnis zurückgeholt: Heute liegt unweit der Stelle, an der Alois hier saß, ein Stolperstein, der an ihn und sein Schicksal erinnert.

 

 

Julia Frick: Wie würdest Du den Einfluss beschreiben, den Deine Recherchen auf Dich selbst hatten und haben?

 

Jörg Waßmer: Meine Recherche hat mich auf jeden Fall geprägt, da ich dadurch schon früh erkannt habe, dass die NS-Verbrechen Bezug zu meiner eigenen Familiengeschichte haben. Sie blieben nichts Abstraktes für mich, ich wusste, ich bin mit dieser Geschichte verwoben, ob ich will oder nicht. Außerdem habe ich einen gesunden Zweifel entwickelt was Familiengeschichten angeht. Ich glaube, manchmal muss man Geschichten gegen den Strich lesen, um dem eigentlichen Kern auf den Grund zu gehen.

 

Meinen ohnehin schon existenten Wunsch, Geschichte zu studieren, hat diese frühe Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte sicher noch verstärkt. Meine Magisterarbeit habe ich letztlich sogar zu Grafeneck geschrieben, und heute arbeite ich als Historiker im Jüdischen Museum in Berlin. Ich glaube, dass meine eigene Rechercheerfahrung bei meiner beruflichen Tätigkeit von Vorteil ist, da sie mich sensibilisiert hat. Denn auch wir bekommen ja viele Anfragen von forschenden Familienangehörigen.

 

 

Julia Frick: Was treibt Dich und Deine Arbeit an?

 

Jörg Waßmer: Manchmal fühle ich mich tatsächlich regelrecht als Getriebener, kann schlecht aufhören, weil ich immer denke, dass ich vielleicht noch etwas finde. So habe ich ja bis heute kein Porträt von ihm – und ich gäbe viel dafür, eines zu haben. Es ist diese Hoffnung, dass so ein Foto vielleicht noch in irgendeinem Archiv schlummert und nur darauf wartet, gefunden zu werden, die mich immer wieder antreibt.

 

Ansonsten ist es einfach die Erinnerung um ihrer selbst Willen, die mich dazu bewegt, weiterzumachen. Ich will Alois dem Vergessen entreißen. Die Nazis haben ihn ermordet, haben ihn ausgelöscht, haben seine Spuren verwischt. Und meine Familie hat in dem Sinn kollaboriert, dass sie ihn auch „vergessen gemacht“ hat. Mir geht es darum, damit zu brechen, das nicht fortzuführen.

 

Außerdem ist es mir wichtig, öffentlich an ein Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern, das verhältnismäßig wenig Spuren hinterlassen hat. Ursächlich hierfür ist vor allem, dass er seit frühen Kindertagen eine schwere Behinderung hatte und deshalb auch mehr als die Hälfte seines Lebens hinter Anstaltsmauern verbrachte. Alois hatte keinen Beruf, hat keine Familie gegründet, er ist deshalb so wenig fassbar.

 

In „Euthanasie“-Gedenkstätten liegt der Fokus oft auf Menschen, zu denen viel Material vorhanden ist und zu denen man viel erzählen kann. Das ist ja einerseits auch notwendig, wenn man Besucher dazu anregen will, sich mit jemandem ein Stück weit zu identifizieren. Aber andererseits ist es auch ein Dilemma, denn solche Opfer wie Alois, über die es nur wenige Informationen gibt, die fallen sozusagen hinten herunter.

 

 

Hier können Sie die ausführliche und von Jörg Waßmer verfasste Biografie Alois Zähringers lesen.

 

 

 

Frühjahrstagung des AK NS-Euthanasie in Werneck

Wo: Guddensaal, Krankenhaus Schloss Werneck

Wann: 19.-21.5.2017

 

Der Tagungsort Schloss Werneck CC-BY-SA 4.0 Rainer Lippert

Der Tagungsort Schloss Werneck CC-BY-SA 4.0 Rainer Lippert

 

Der Arbeitskreis zur Erforschung der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen trifft sich jährlich zweimal – und das seit 1983. Er dürfte damit einer der langlebigsten Zirkel sein, der in einer solchen Intensität zu einem eingegrenzten Themenfeld arbeitet. „Eingegrenzt“ trifft es dann aber auch nicht wieder ganz, denn jede Tagung ist eine kleine Wundertüte, und man ist immer wieder erstaunt, wie viele engagierte Forschende es vor Ort schaffen, Quellen zu sichern, sie zu analysieren und sie Interessierten nahezubringen. Auch diese Tagung hat wieder einige sehr spannende Vorträge zu bieten, aus dem reichhaltigen Programm sei hier nur beispielsweise der von Christian Marx zur Öffnung der Gedenkstätte Brandenburg/Havel für Menschen mit Lernschwierigkeiten herausgegriffen. Die Organisatoren der Tagung, das Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Medizin Schloss Werneck und das Bildungswerk Irsee greifen auch dankenswerter Weise die schon bei den letzten Tagungen merkbare Transformation der Erinnerungsarbeit durch Angehörige der dritten und vierten Generation auf.

 

Hier das Programm mit Anmeldebogen

 

 

Rezension: „24 Wochen“

von Stana Schenck

 

Auf der Berlinale 2016 lief der Film „24 Wochen“ als einziger deutscher Wettbewerbsbeitrag. Der offizielle Text zum Film beschreibt die Handlung:

„Astrid und Markus stehen mit beiden Beinen fest im Leben. Astrid lebt und liebt ihren Beruf als Kabarettistin, ihr Mann und Manager Markus unterstützt sie besonnen und liebevoll. Doch als die beiden ihr zweites Kind erwarten, wird ihr Leben aus der Bahn geworfen: Bei einer Routineuntersuchung erfahren sie, dass das Baby schwer krank ist. Die Diagnose trifft sie wie das blinde Schicksal, das sie auf sich nehmen müssen. Gemeinsam wollen sie lernen, damit umzugehen. Doch während Heilungspläne, Ratschläge und Prognosen auf sie niederprasseln, stößt ihre Beziehung an ihre Grenzen. Die Suche nach der richtigen Antwort stellt alles in Frage: die Beziehung, den Wunsch nach einem Kind, ein Leben nach Plan. Je mehr Zeit vergeht, desto klarer erkennen sie, dass nichts und niemand ihnen die Entscheidung abnehmen kann, die eine Entscheidung über Tod und Leben ist.“

 

Am 28. April 2017 erhielt der Film die Silberne Lola. „24 Wochen“ ist damit offiziell der zweitbeste deutsche Film der Saison und wird bald zur besten Sendezeit im ZDF laufen.

 

Im Programmhefter der Berlinale wurde das Ende des Films nicht verraten: wird Astrid, die ein Kind mit Down Syndrom erwartet, dieses Kind abtreiben, oder nicht? Und so hatte ich große Hoffnungen. Dass es gut ausgeht. Dass die Filmfamilie es schafft, dieses Kind zu bekommen. „24 Wochen“ will aber authentisch und realistisch sein. Es kommt daher anders, als ich es mir wünschen würde.

 

Film Still 24 Wochen

Film Still 24 Wochen

 

 

Zunächst habe ich mich dagegen entschieden, den Film anzusehen. Und dann plötzlich, begegnete mir „24 Wochen“ dort, wo ich es am wenigsten erwartet hätte: in meiner slowakischen Heimatstadt. Ein einzelnes Poster, das ich zufällig entdeckt habe, wies auf das Filmfestival  B2C hin. Unter den vertretenen Filmen aus Cannes und der Berlinale 2016 war auch „24 Wochen“, der an genau dem kalten Herbsttag gezeigt wurde. Das war kein Zufall. Mein Mann und ich sollten reingehen.

 

Wir wussten während meiner Schwangerschaft nicht, ob unser Kind eine Behinderung haben würde oder nicht. Wir wissen also nicht, wie sich ein Entscheidungsprozess wie in „24 Wochen“ anfühlt. Was wir aber wissen, ist, wie sich das Leben mit unserem bald 18-jährigen Sohn mit Down Syndrom anfühlt. Wir leben unser Leben mit einem besonderen Mehrwert. Es ist ein sehr erfülltes Leben. Dank unserer Kinder, die, jedes für sich, besondere Menschen sind. Wir fühlen uns sehr reich, sehr stolz und glücklich.

 

Nun sahen wir uns gemeinsam „24 Wochen“ an und sahen ein Elternpaar, das bereits in der Schwangerschaft erfährt, dass ihr Ungeborenes das Down Syndrom hat. Diese Information wurde von den Ärzten im Film ungefragt an den Hinweis gekoppelt, dass sie das Kind bis in die späte Schwangerschaft hinein abtreiben könnten. Und so fangen Astrid und Markus an abzuwägen. Ab sofort ist das Leben ihres ungeborenen Kindes in Frage gestellt. Sie wollen möglichst viel wissen, gehen zu Fachleuten, besuchen einen Chor von Menschen mit Down Syndrom.

 

Und sie entscheiden sich zunächst für das Kind. An dieser Stelle bin ich ganz froh über die Zwischenbotschaft des Films. Wo aber „24 Wochen“ komplett versagt, ist, Menschen mit Down Syndrom als Persönlichkeiten abzubilden. Die Regisseurin Anne Zohra Berrached hat keine Idee von der Vielfältigkeit und der Lebenslust dieser Menschen. Wir lernen in ihrem Film keinen Menschen mit Down Syndrom näher kennen. Sie bleiben eine Momentaufnahme, festgehalten durch die Filmszene im Chor, sie sind für den Zuschauer nicht greifbar. Eine vertane Chance angesichts des weiteren Verlaufs der Geschichte.

 

„24 Wochen“ hat einen starken Fokus auf die Mutter. Die Rolle ist vielschichtig, Astrid wird in ihrer Komplexität durch Julia Jentsch, sicher zurecht gelobt, in allen ihren Facetten als Mutter eines 4-jährigen Kindes mit einem interessanten Beruf, als Ehefrau und Tochter hervorragend dargestellt.  Ihre Zerrissenheit, das Wechselbad der Gefühle ist glaubwürdig. Dennoch nimmt Astrid immer mehr Abstand zu der, mit ihrem Mann Markus gemeinsam getroffenen Entscheidung, das Kind bekommen zu wollen. Als die Eltern erfahren, dass das Kind auch noch einen schweren Herzfehler hat, rückt die Mutter ganz von der Möglichkeit ab, ihr Kind auszutragen. Anne  Zohra Berrached will unbedingt glaubhaft machen, dass die Entscheidung alleine die Mutter treffen kann und darf. Nur worauf begründet sich diese Entscheidung? Wogegen entscheidet sie sich? Da der Zuschauer zuvor keinen ebenso vielschichtigen Menschen mit Down Syndrom kennenlernen durfte, keine Familie mit einem Kind mit Behinderung zur Sicht bekam, den Hauptfiguren keine Eltern von Kindern mit Down Syndrom und einem Herzfehler begegneten, bleibt die Meinung der Ärzte und damit die medizinische Sicht auf das Leben omnipräsent.

 

Mich erschreckt die Szene sehr, in der Astrid und Markus zwei Herzspezialisten gegenüber sitzen. Die Experten werden von echten Ärzten gespielt. Es gibt kein Drehbuch zu ihren Texten. Sie sprechen das, was sie in solchen Situationen immer sagen. „Sie müssen wissen, dass sie mit dieser Belastung ihr ganzes Leben lang zu tun haben werden“ – sagt einer der Ärzte.

Nein!“– geht mir durch den Kopf. So manipulativ darf ein Arzt nicht sprechen! Er muss sachlich aufklären, erläutern, welche Eingriffe, Operationen geplant sind. Er darf aber das Kind NICHT als Belastung werten, er darf nicht das Leben mit einem Kind mit Behinderung für die Eltern vorverurteilen!

 

Ob es der Herzfehler, das Down Syndrom oder beides war, weshalb Astrid letztlich abgetrieben hat, bleibt, nach ihrer ursprünglichen Entscheidung, ein Kind mit DS bekommen zu wollen, unklar. In der Realität ist ein Herzfehler als Grund für Abtreibung kaum Gegenstand des Diskurses zur Pränataldiagnostik. Das Down Syndrom dagegen steht im Mittelpunkt. In 95 von 100 Fällen, in denen in der Schwangerschaft das Down Syndrom beim Kind festgestellt wird, wird eine Abtreibung vorgenommen.

 

Eigentlich wäre für mich der Film an der Stelle zu Ende, als Astrid ihre Koffer packte und in die Klinik fuhr. Wir wurden aber mitgenommen, sind mit Astrid gemeinsam den Weg bis in den Kreissaal hinein gegangen. Wir sahen die Kaliumspritze, die für das kleine Herz bestimmt war und wir sahen den Wehen zu, die das tote Baby durch den Geburtskanal leiteten. Wir nahmen Abschied von dem Bündel, das Astrid nach der Totgeburt auf den Arm nahm. Wir sahen sie traurig zuhause aufwachen ohne Bauch und ohne Kind. Da liefen mir längst schon die Tränen und ich dachte an unseren Sohn, der so ein wunderbarer Mensch ist.

 

Ja, es war mutig, die Spätabtreibung fast dokumentarisch in einen Spielfilm einzubauen. Aber spätestens jetzt wäre es gut gewesen, einen Schlusspunkt zu setzen und die Zuschauer damit alleinzulassen, was da gerade geschah. Es wäre besser gewesen, wenn „24 Wochen“ keine Position bezogen hätte. Leider wollte Anne Zohra Berrached uns unbedingt ihre Wertung unterschieben, indem sie ihre Astrid (die als öffentliche Person kurz nach der Spätabtreibung ein Interview gibt) klar, selbstbewusst und sogar leicht lächelnd in die Kamera sagen lässt: „ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht war, es war von allem etwas“. Diese Ambivalenz tut weh, sie ist für mich kaum auszuhalten. Der letzte Satz ist das Fazit von „24 Wochen“ und es nimmt den Zuschauern das eigene Urteil vorweg ohne eine reale und authentische Vorstellung vom Leben mit Behinderung mitzuliefern.

 

„24 Wochen“ ist trotz seines heftigen, aufwühlenden Inhalts ein Verstärker von Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderung .  „24 Wochen“ wird gefeiert. Ich feiere nicht mit.

 

 

Stana Schenck arbeitet seit 2010 in der AG Gedenkort-T4.eu mit. Sie war für die Durchführung des Wettbewerbs „andersartig gedenken on stage“ verantwortlich. Sie ist gebürtige Slowakin und lebt mit ihrem Mann Stefan und ihren fünf Kindern, darunter einem Jungen mit Down Syndrom, in Berlin.

 

Konferenz: Die Vision vom gesunden Menschen – Zum Diskurs über Prädiktion und Gentherapie

Wann: 9. bis 10. Juni 2017

Wo: Erinnerungs-, Bildungs- und Begenungsstätte Alt Rehse

Flyer, Programm, Anmeldung

 

Die Möglichkeiten der Gendiagnostik und der Gentherapie werden unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit, unseren Umgang damit und letztlich das Verständnis, was der Mensch ist, entscheidend verändern.
Die genetische Diagnostik eröffnet die Möglichkeit der individuell maßgeschneiderten und damit wirksameren medikamentösen Behandlung des einzelnen Patienten, meist als personalisierte Medizin bezeichnet. Dabei steht allerdings nicht der Mensch als selbstbestimmungsfähige Person, sondern der einzelne Patient mit seinen Biomarkern im Mittelpunkt. Psychomarker und Soziomarker werden vernachlässigt und das Verständnis von Gesundheit und Krankheit droht wieder „biologisiert“ zu weden. Dies geschieht auch bei der Prädiktion, die entweder genetische Dispositionen identifiziert, die später im Leben des betreffenden Menschen zu Erkrankungen führen können,  oder Anlageträgerschaften, die erst bei Nachkommen zu Krankheiten oder Behinderungen führen können. In der sich international entwickelnden Disziplin der „Public Health Genetics“ werden Konsequenzen wie  individuelle Verhaltensänderungen und Eigenverantwortlichkeit, aber auch die sogenannte Reproduktionsverantwortung diskutiert. Droht eine Moralisierung des Gesundheitsbegriffs? Geht es um Selbstbestimmung oder um Pflichten zur gesundheitlichen Optimierung?
Treiber der Diskussion sind die enormen technischen Fortschritte auf dem Gebiet der Eingriffe in das menschliche Genom, das sog. Genome Editing durch Techniken wie CRISPR/Cas. Diese erlauben gezielte  Eingriffe zur Heilung von Krankheiten, aber auch Eingriffe in die Keimbahn, Eingriffe die dann noch einmal zu unterteilen sind in die Verhinderung von Erbkrankheiten und solche zur Optimierung des Menschen. Alte, überwunden geglaubte eugenische Gedankenmuster leuchten wieder auf.

 

Information und Diskussion, wie die neuen Entwicklungen in Prädiktion und Gentherapie bewertet werden können und wie mit ihnen vor dem Hintergrund geschichtlicher Kenntnisse und Verantwortung umgegangen werden sollte, sind Ziel der Alt-Rehse-Konferenz 2017.

Als Referentinnen und Referenten haben bisher zugesagt:

 

•  Dr. Tobias Eichinger, Zürich
•  Prof. Dr. Boris Fehse, Hamburg
•  Prof. Dr. Regine Kollek, Hamburg
•  Prof. Dr. Reinhard Merkel, Hamburg
•  Prof. Dr. Ingrid Schneider, Hamburg
•  Dr. Oliver Tolmein, Hamburg
•  Uta Wagenmann, Berlin
•  Ludger Weß, Hamburg

 

Dies ist die vierte Tagung in der Reihe „Alt Rehser Wissenschaftsforum“, die von der 2001 gegründeten Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse (EBB Alt Rehse) veranstaltet wird. Die EBB Alt Rehse hat sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der ehemaligen NS-„Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ in Alt Rehse aufzuarbeiten und zum Ausgangspunkt von verschiedenen Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Bildungsangeboten zu machen, die sich auch mit aktuellen Fragen beschäftigen.

 

Innerhalb dieses Programms nimmt das „Alt Rehser Wissenschaftsforum“ eine zentrale Rolle ein: Alle zwei Jahre wird eine Tagung zum Thema „Ethik in der Medizin und im Gesundheitswesen“ durchgeführt, die relevante aktuelle Fragestellungen und Probleme der Biomedizin und Bioethik vor dem Hintergrund der Geschichte zum Thema hat.

 

Die Tagungen werden vom Wissenschaftlichen Beirat der EBB Alt Rehse unter der Leitung von Prof. Dr. Gerhard Baader, Berlin und Dr. Michael Wunder, Hamburg konzeptionell vorbereitet.

 

Kontakt:
EBB Alt Rehse
Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse
Am Gutshof 34
17217 Penzlin – OT Alt Rehse

Tel.:     03962 – 22 11 23
Fax:     03222 – 688 51 44
Mail:   info@ebb-alt-rehse.de

Buchprojekt zur Reichshebammenführerin

Die Neubrandenburger Pflegehistorikerin Anja K. Peters hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um ihre Doktorarbeit über die „Reichshebammenführerin“ Nanna Conti (1881-1951) als Buch herausgeben zu können. Conti war als Leiterin der „Reichshebammenschaft“ wie als Mutter des „Reichsärzte- und -gesundheitsführers“ Leonardo Conti in die mörderische Gesundheitspolitik des Deutschen Reichs involviert.

Nanna Conti

Nanna Conti. Quelle: Communications of the International Midwives‘ Union. No 7 1938, S. 8.

Im September 1941 sandte Leonardo Conti ein Rundschreiben an die Reichsstatthalter, Regierungspräsidenten, den Berliner Polizeipräsidenten, den dortigen Oberbürgermeister sowie an alle Gesundheitsämter. Darin bemängelte er, dass die Meldungen „missgebildeter“ Neugeborener durch Hebammen nur spärlich eingehen würden. Möglicherweise kamen viele Hebammen der Meldepflicht nicht nach, da sie befürchteten, das Vertrauen ihrer Patientinnen in den meist ländlichen, überschaubaren Gemeinschaften zu verlieren.  Gleichzeitig wies Leonardo Conti jedoch darauf hin, dass in einigen Bezirken die Hebammen eifrig Kinder meldeten. Wie viele Kinder von Hebammen als „erbkrank“ denunziert wurden, lässt sich in Zahlen derzeit nur punktuell darstellen: Im thüringischen Hauptstaatsarchiv in Weimar liegen vereinzelte Abrechnungen vor. So beantragte der Amtsarzt von Eisenach 1942 die Barerstattung von jeweils RM 2,- für die Hebammen Lina Arndt und Luise Meisterhagen, die je ein Kind gemeldet hatte. Als „Art der Mißbildung“ wurden „Hermaphroditismus maskularis pseudo“ [sic] und „Hydrocephalus“ angegeben.  Aus den vorliegenden Akten kann derzeit nicht geschlossen werden, ob sich die Hebammen der Konsequenzen ihrer Meldungen voll umfänglich bewusst waren.

Gleiches gilt für Nanna Conti. In einem Brief schrieb sie 1946 über ihren Sohn:

 

(…) Ich nehme an, daß man meinem Sohn die Euthanasie, auf ausdrücklichen Befehl von Adolf Hitler durchgeführt, aber auch seiner eigenen Überzeugung entsprechend, als „Massenmord“ anrechnete und, da auch einige russische Geisteskranke getötet oder erlöst [sic] waren, Rußland als Ankläger auftrat. Vielleicht sollte er auch nach Rußland ausgeliefert werden. Etwa am 1. Okt. war das „Urteil Hadamar“. Da sagte ich mir:“ Mein armer Junge! Das ist auch dein Todesurteil!“ (…)

 

Allerdings kann sie auch nicht völlig unwissend gewesen sein, wie ein weiter Abschnitt desselben Briefes belegt:

 

(…) Mein Sohn nahm es im übrigen mit der Schweigepflicht sehr genau; er sprach nicht mit mir über solche Dinge, ausgenommen die letzte große Aussprache im April unter vier Augen, als er sein ganzes Herz ausschüttete. Aber andere sprachen mit mir über alles, vielleicht in der Meinung, daß ich ohnehin unterrichtet wäre. (…)

 

Wenn sie aber, wie hier angedeutet wird, von den Morden wusste und dennoch die Einbindung der Hebammen dabei durch die Meldepflicht unterstützte, muss sie als Reichshebammenführerin nach ihrem eigenen Amtsverständnis für die daraus resultierenden Morde verantwortlich gemacht werden. Zu diesem Schluss allerdings kam Nanna Conti – zumindest in den vorliegenden Unterlagen – nie. Sie verdrängte vielleicht auch Wissen oder zumindest den Gedanken an die tatsächliche Umsetzung der von ihr propagierten „ Notwendigkeit aller bevölkerungspolitischen Maßnahmen“. Der Verleger der Hebammenzeitschrift, Kurt Zickfeld, schrieb später:

Nur ganz am Schluß des Krieges im Frühjahr 1945 hat Frau Conti einmal anklingen lassen, dass sie um ihren Sohn, den Reichsärzteführer Leonardo Conti, Angst habe. Aber auch, dass viele Dinge, die sie von ihm erfahren hatte, so schrecklich waren, dass sie sie lieber nicht erzählen wollte und auch lieber nicht daran denken wollte.

 

Alle Quellenangaben bei Anja K. Peters.

Informationen zur Verfasserin unter www.anja-peters.de

Der Link zur Crowdfunding-Kampagne: https://www.startnext.com/nanna-conti

 

„Das Kapitel ist noch nicht abgeschlossen“ – Ulrich Raschkowski und sein Onkel Kurt Georg Vogt

Ulrich Raschkowski (Jg. 1945) ist pensionierter Lehrer aus Wolfsburg und der Neffe von Kurt Georg Vogt, der 1941 in Pirna-Sonnenstein ermordet wurde. Vor sieben Jahren hat sich Ulrich Raschkowski auf die Suche nach den Spuren seines Onkels begeben.

 

Kurt Georg Vogt wurde 1941 in Pirna-Sonnenstein ermordet. 70 Jahre später beginnt sein Neffe Ulrich, das Schicksal seines Onkels zu erforschen.

 

 

Julia Frick: Wann haben Sie begonnen, über das Schicksal Ihres Onkels nachzuforschen? Können Sie sich an einen Moment erinnern, der ausschlaggebend für den Beginn Ihrer Recherchen war?

 

Ulrich Raschkowski: Es muss um 1990 herum gewesen sein, als ich ein Familienbuch erbte, in dem mir ein Eintrag besonders ins Auge sprang. Dort stand: „Nr. 182 am 20ten August 1941 zu Hadamar-Mönchberg (Lahn) verstorben.“ Es war der Eintrag zu meinem Onkel Kurt Vogt. Also wandten wir uns an die Gedenkstätte Hadamar, um herauszufinden, was es mit dieser Information auf sich haben könnte. Wirklich intensiv mit dem Schicksal meines Onkels habe ich mich dann aber erst seit meiner Pensionierung im Jahr 2010 befasst.

 

 

Julia Frick: Was waren Ihre ersten Schritte und Anlaufstellen?

 

Ulrich Raschkowski: Nach unserer Anfrage in Hadamar waren wir nach Berlin weiterverwiesen worden und konnten dort tatsächlich eine Kopie der Krankenakte unseres Onkels erhalten. Darin fehlten aber die Angaben zu seinem Tod, über den ich dann schließlich 2012/13 durch Kontakt mit der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein informiert wurde. Auch die in der Akte fehlende Karteikarte der Anstalt Zschadraß, in der mein Onkel sich zeitweise aufgehalten hatte, erhielt ich dort. So ergaben sich Schritt für Schritt Orte und Abläufe seines Anstaltsaufenthalts, denen ich nun gezielt nachgehen wollte. Außerdem wollte ich mehr über seine Krankheiten und deren Behandlung erfahren.

 

 

Julia Frick: Was konnten Sie herausfinden?

 

Ulrich Raschkowski: Mein Onkel Kurt Vogt wurde am 21. September 1912 in Königsberg geboren. Aus Erzählungen und Andeutungen seiner Schwester, also meiner Mutter, wussten wir, dass mein Onkel Epileptiker gewesen war. Zuerst hatte die Familie ihn zu Hause gepflegt und versorgt, doch irgendwann kamen sie mit ihm nicht mehr  zurecht und gaben ihn dann Ende April 1924 in die Anstalt Carlshof bei Rastenburg, wo sie ihn regelmäßig besuchten. Auch Familienbesuche seinerseits hatte es laut Akte gegeben. Ebenso war dort von „guter Führung“ die Rede, aber auch davon, dass Kurt „geistig recht tiefstehend“ sei. Gleichermaßen waren der Akte die Anstalten Kortau und Zschadraß zu entnehmen, nichts aber von Hadamar, von wo aus nach Erinnerung meiner Mutter die Nachricht über seinen „plötzlichen Tod“ am 20. August 1941 und der „sofort notwendigen Einäscherung“ eingetroffen war.

Die Mutter meines Onkels hatte seine Asche offenbar auch geordert und eine Urne erhalten – jedoch soll sie sich schon damals ziemlich sicher gewesen sein, dass es nicht die Asche ihres Sohnes war. Und sie sollte Recht haben: Denn in Wahrheit wurde mein Onkel nicht in Hadamar, sondern in Pirna-Sonnenstein ermordet und seine Asche auf dem vorliegenden Abhang „beseitigt“ – wie ich es Anfang 2013 in der dortigen Gedenkstätte erfahren habe.

Sein Leidensweg hatte ihn davor noch über zwei Zwischenanstalten geführt. Im Dezember 1940 wurde er in Kortau aufgenommen, im Juli 1941 dann nach Zschadraß in Sachsen verlegt. Von dort wurde er schließlich am 4. August 1941, wohl mit einem der sogenannten „Grauen Busse“, nach Pirna-Sonnenstein gebracht und direkt nach seiner Ankunft ermordet. Die Todesmitteilung aus Hadamar war also – wie auch die angebliche Übersendung der Asche und das angegebene Todesdatum – eine Täuschung gewesen, eine Täuschung der Familie und der Provinzialanstalt Ostpreußen, die dadurch über Kurts Tod hinaus noch bis zum angegebenen Todesdatum das Pflegegeld bezahlen musste.

 

 

„Ich bedauerte es zutiefst, mich nicht schon früher mit meiner Familiengeschichte befasst zu haben – und gleichzeitig wuchs in mir unweigerlich ein Gefühl des direkten Betroffen-Seins: Das ist mein Onkel gewesen!“

 

 

Julia Frick: Wie hat Ihre Familie bzw. Ihr Umfeld auf Ihr Engagement und auf die neuen Informationen reagiert?

 

Ulrich Raschkowski: Zu Beginn meiner aktiven Nachforschungen lebte kein direkter Angehöriger meines Onkels mehr. In meiner, also der nachfolgenden Generation stieß ich mit meiner Arbeit tatsächlich durchgehend auf Akzeptanz und auf positives Interesse. In meinem Freundeskreis rief mein Vorgehen teilweise großes Erstaunen hervor – außer mir schien sich niemand einer solchen Recherche zu widmen.

 

 

Julia Frick: Wie würden Sie den Einfluss beschreiben, den Ihre Recherchen auf Sie selbst hatten und haben?

 

Ulrich Raschkowski: Durch die Recherche zum Mord an meinem Onkel hat sich mein Interesse an einem würdigen Gedenken und an der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“-Morde immer mehr verstärkt. Ich wollte die Organisation und den Ablauf dieses Mordprogramms verstehen und auch den Umgang mit diesem Teil der deutschen Geschichte – von 1945 bis heute – nachvollziehen. Ich selbst bedauere es, mich nicht schon früher mit meiner Familiengeschichte befasst zu haben. Und gleichzeitig wuchs in mir unweigerlich ein Gefühl des direkten Betroffen-Seins: Das ist mein Onkel gewesen!

 

 

Julia Frick: Was treibt Sie und Ihre Arbeit an?

 

Ulrich Raschkowski: Ich spüre, dass dieses Kapitel noch nicht abgeschlossen ist, für mich nicht und auch nicht für die deutsche Gesellschaft. Ich möchte alleine für mich selbst alle Informationen, an die ich irgendwie noch kommen kann, soweit es geht (be)greifbar machen und dadurch meine Empathie weiter wachsen lassen, besonders auch für den heutigen Umgang mit Minderheiten und Kranken. Aber auch für die kommenden Generationen sollen die Dokumente und Informationen zugänglich sein, damit mein Onkel und die Schicksale dieser Opfergruppe nicht vergessen werden.

 

 

 

Die Biografie von Kurt Georg Vogt wird in Kürze auf Gedenkort-T4.eu erscheinen.

 

 

 

Dorothea Buck zum 100. Geburtstag – eine Würdigung

 

Heute, am 5. April 2017 wird Dorothea Buck 100 Jahre alt. Ein stolzes Alter, das eine Würdigung ihrer Person bzw. den Versuch, einen Blick auf ihr Lebenswerk zu richten, geradezu einfordert. Letzteres ist aber gar nicht so einfach, da Dorothea Bucks Wirken und ihr Lebenswerk sehr umfangreich und vielfältig sind. Es lässt sich nicht reduzieren auf ihre Erfahrung, in den 1930er und 1940er Jahren aufgrund mehrerer psychotischer Schübe in  Heilanstalten Behandlungen erlebt zu haben, die wir heute als „Misshandlung“1)Diese Einordnung und Wertung wird von der Autorin dieses Blogbeitrags vorgenommen, die zudem darauf verweist, dass keine der genannten „Behandlungsformen“ ausschließlich während der Nazizeit auftraten, sondern sowohl VOR 1933 als auch NACH 1945 angewandt worden sind. Es waren keine nationalsozialistischen Erfindungen, wenn man so will. Eugenisches Denken, das die Abwertung von Menschen mit Beeinträchtigung beinhaltete (Stichwort „lebensunwertes Leben“), ging dem Nationalsozialismus voraus – wenngleich auch dieses die Diskriminierung und Abwertung beeinträchtigter Menschen nur bedingt erklären kann. verstehen (insbesondere in ihrem Zusammenspiel und wenn es keine Wahl gibt) und auch so benennen sollten, u.a. Dauerbäder, Kaltwasserkopfgüsse, „nasse Packungen“, Zwangsmedikation (Cardiazol-Schocktherapie, später auch Neuroleptikagaben), angeordnete Sprachlosigkeit und Redeverbot, Elektroschocks, Insulin-Koma-„Behandlung“, Zwangssterilisation, dann kamen noch dazu: Berufswahlverbot, Heiratsverbot).2)Wer sich mit Psychiatriegeschichte nicht auskennt, weiß kaum, was hinter dem scheinbar so harmlos klingenden Be-griff wie der „nassen Packung“ zu verstehen ist. In ihrer „Eröffnungsrede zur Einweihung des Mahnmals für die in Bethel von 1934 bis 1945 zwangssterilisierten Menschen“ schreibt Dorothea Buck: „An der hellgrünen Wand mir ge-genüber stand in großer Schrift das Jesuswort »Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!« Erquicken nicht mit einem freundlichen Wort, um unsere Angst vor der ungewohnten Einsperrung zu nehmen, oder durch ein Aufnahmegespräch, das es hier nicht gab. Erquicken nicht mit einer Beschäftigung, sondern »erquicken« mit den hier üblichen Kaltwasserkopfgüssen; Dauerbädern, in denen ich unter einer über die Wanne ge-spannten Segeltuchplane 23 Stunden von einer Visite zur nächsten lag. Mein Hals war in einem steifen Stehkragen ein-geschlossen. »Erquicken« mit der gefürchteten »nassen Packung«, in kalte, nasse Tücher so fest eingebunden, dass man sich nicht mehr bewegen konnte. Die Tücher wurden durch die Körperwärme erst warm, dann heiß. Ich schrie vor Empörung über diese unsinnige Fesselung in den heißen Tüchern. Dass Bethel das Vernünf[t]ige und Natürliche wie Gespräche und Beschäftigung durch diese quälenden Beruhigungsmaßnahmen mit ausschließlichem Strafcharakter er-setzte und das unter dem Jesuswort, fand ich so unheimlich, dass ich allen Ernstes glaubte, hier dem Teufel, den Jesus als den »Vater der Lüge« bezeichnet hatte, ausgeliefert zu sein.“ Quelle: http://www.bpe-online.de/infopool/geschichte/pb/buck_verleugnet.htm (Abruf: 1.4.2017).

Dorothea Buck und Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks.: BGV/Ahrendt

Dorothea Buck und Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks.: BGV/Ahrendt

 

Zu Dorothea Buck können viele verschiedene Verdienste und Lebensleistungen angeführt werden, u.a. ihr gesellschaftspolitisches Engagement (sie hat den „Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten“ und auch den Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. mitgegründet), ihre menschenrechtsorientierte Selbstvertretung und zahlreichen Initiativen, kritischen Briefe und Stellungnahmen, mit denen sie sich an Ärzt*innen, Politik und Gesellschaft für die Anerkennung des erlittenen Unrechts der Opfer von NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen wandte und sich für Ächtung psychiatrischer Gewalt einsetzte, ihre künstlerischen Arbeiten als Bildhauerin, und sie ist auch als Theoretikerin zu entdecken (insb. zu Gesundheits- und Krankheitstheorien, speziell: Genesungsprozessen bei psychotischen Erkrankungen, Selbsthilfe-Potenzialen, aber auch Anforderungen an stationäre psychiatrische Behandlung).

 

Diesem Aspekt widmet sich aktuell ein Buchprojekt, das anlässlich des 100. Geburtstages von Dorothea Buck 100 Stimmen zum Thema „Psychose als Selbstfindung“ sammelt. Im Aufruf zur Beitragseinreichung heißt es: „Dorothea Buck ist schon längst berühmt, aber als originelle Denkerin ist sie wohl erst noch richtig zu entdecken.“3)Vgl. den Aufruf zur Beitragseinreichung für die Fest- und Feierschrift anlässlich Dorothe Bucks 100. Geburtstag: http://files.feedplace.de/vielfalter/fest_und_feierschrift.pdf (Abruf: 1.4.2017).

Ihre zentralen Themen waren und sind u.a. Würde, Selbstbestimmung, Freiheit von Zwang und psychiatrischer Gewalt, respektvolle Kommunikation, Dialog und Trialog, Freiheit von ungewollter Medikation, Gedenken und Einforderung der Aufarbeitung gesellschaftlichen Unrechts aus der Zeit des Nationalsozialismus. Einer angemessenen Würdigung von Dorothea Bucks „Lebenswerk“ komme ich mit meinen wenigen Stichpunkten wohl nicht einmal ansatzweise nahe, da dieses sehr vielschichtig ist und noch viele Aspekte zu entdecken und herauszuarbeiten sind. Ich verweise im Folgenden deshalb auf einige Links, wo die Auseinandersetzung mit ihr bei Interesse vertieft werden kann:

 

Unter dem Link http://www.peter-lehmann.de/termine/2017-04-06.pdf ist das Programm des „Trialogischen Symposiums zum 100. Geburtstag von Dorothea Buck. Auf der Spur des Morgensterns. Menschenwürde und Menschenrechte in der Psychiatrie“ einzusehen, das morgen (am 6. April 2017) an der Universität Hamburg stattfinden wird. Es werden wichtige Etappen ihres Lebens nachgezeichnet und Perspektiven für Akutpsychiatrie, Eingliederungshilfe, Peer-Arbeit und Zusammenleben nach den Maßstäben von Dorothea Buck aufgezeigt. Dorothea Buck wird per Skype zugeschaltet sein, zudem werden Film-Ausschnitte von der Regisseurin des Films über Dorothea Buck „Himmel und mehr“, Alexandra Pohlmeier, gezeigt.

 

Auf der Webseite des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE) finden sich die wohl umfassendsten Informationen zu ihrem Leben und Wirken (Biographisches, Veröffentlichungen von und über sie, Gratulationen und Auszeichnungen, etc.): http://www.bpe-online.de/buck Die Seite wird von Peter Lehmann betreut und stets aktualisiert.

 

Schließlich möchte ich auch noch auf die Webseite der Stadt Hamburg verweisen, die Dorothea Buck am 22. Februar 2017 die höchste Hamburger Auszeichnung verliehen hat: die „Medaille für Treue Arbeit im Dienste des Volkes“ in Silber für ihr Lebenswerk: http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/8217658/2017-02-22-bgv-dorothea-buck/ Eine berührende Laudatio der Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks ist dort ebenfalls abrufbar.

 

Dorothea Buck gehört zu der Gruppe der so genannten „vergessenen“ bzw. „verleugneten Opfer“, über die – gerade auch um den 27. Januar dieses Jahres herum viel gesprochen wurde. Seit 1996 gilt der 27. Januar als gesetzlich verankerter Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Der Deutsche Bundestag widmet sich in einer Gedenkstunde jedes Jahr einer bestimmten Gruppe oder einem besonderen Aspekt der Erinnerung und des Gedenkens. 2017 standen als Opfergruppe zum ersten Mal Menschen mit psychischen, geistigen oder körperlichen Erkrankungen, Beeinträchtigungen oder Behinderungen (sowie Menschen, die derart diagnostiziert und stigmatisiert wurden), und die von Ärzten und medizinischem Pflegepersonal im Namen eugenischer Vorstellungen während der Naziherrschaft zwangssterilisiert, psychisch und körperlich misshandelt, für Menschenversuche missbraucht und/oder ermordet wurden, im Fokus des offiziellen Gedenkens.4)Eine Dokumentation der Gedenkstunde im Bundestag findet sich (inklusive Fotos, Redebeiträgen und Video-Aufzeichnung) unter folgendem Link: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2017/kw04-de-gedenkstunde/490478 (Abruf: 4.2.2017).

 

Der Deutsche Bundestag hat die Überlebenden der Zwangssterilisationen bis zum heutigen Tag jedoch immer noch nicht offiziell als Verfolgte des Nationalsozialismus anerkannt. Es gibt immer noch Überlebende der „Aktion T4“: „Euthanasie“-geschädigte und zwangssterilisierte Menschen. Wir sollten nicht warten, bis die Betroffenengruppe verstorben ist.

 

100 Jahre sind ein stolzes Alter. Ich gratuliere Dorothea Buck von Herzen.

 

Autorin:

Eva Buchholz

 

Eva Buchholz, M.A. (Jg. 1978). Politikwissenschaftlerin, psychiatrieerfahren aufgrund mehrerer Episoden schwerer Depression, mehrfach chronisch krank. Gesundheitspolitische Referentin bei der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. – ISL. Mitglied u.a. im Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE) und im Berliner Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen e.V. (BZSL), Gründungsmitglied des Förderkreises Gedenkort T4 e.V. und dort Initiatorin und Leiterin des Arbeitskreises „Was vor 1933 begann und mit dem Jahr 1945 noch nicht zu Ende gekommen ist“.

Kontakt: respekt-und-menschenrechte@web.de

 

 

 

[1]     Wer sich mit Psychiatriegeschichte nicht auskennt, weiß kaum, was hinter dem scheinbar so harmlos klingenden Begriff wie der „nassen Packung“ zu verstehen ist. In ihrer „Eröffnungsrede zur Einweihung des Mahnmals für die in Bethel von 1934 bis 1945 zwangssterilisierten Menschen“ schreibt Dorothea Buck: „An der hellgrünen Wand mir gegenüber stand in großer Schrift das Jesuswort »Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!« Erquicken nicht mit einem freundlichen Wort, um unsere Angst vor der ungewohnten Einsperrung zu nehmen, oder durch ein Aufnahmegespräch, das es hier nicht gab. Erquicken nicht mit einer Beschäftigung, sondern »erquicken« mit den hier üblichen Kaltwasserkopfgüssen; Dauerbädern, in denen ich unter einer über die Wanne gespannten Segeltuchplane 23 Stunden von einer Visite zur nächsten lag. Mein Hals war in einem steifen Stehkragen eingeschlossen. »Erquicken« mit der gefürchteten »nassen Packung«, in kalte, nasse Tücher so fest eingebunden, dass man sich nicht mehr bewegen konnte. Die Tücher wurden durch die Körperwärme erst warm, dann heiß. Ich schrie vor Empörung über diese unsinnige Fesselung in den heißen Tüchern. Dass Bethel das Vernünf[t]ige und Natürliche wie Gespräche und Beschäftigung durch diese quälenden Beruhigungsmaßnahmen mit ausschließlichem Strafcharakter ersetzte und das unter dem Jesuswort, fand ich so unheimlich, dass ich allen Ernstes glaubte, hier dem Teufel, den Jesus als den »Vater der Lüge« bezeichnet hatte, ausgeliefert zu sein.“

Quelle: http://www.bpe-online.de/infopool/geschichte/pb/buck_verleugnet.htm (Abruf: 1.4.2017).

[2]     Weitere Infos, insb. auch über den Kampf um Anerkennung dieser Opfergruppe siehe https://www.euthanasiegeschaedigte-zwangssterilisierte.de

[3]     Vgl. den Aufruf zur Beitragseinreichung für die Fest- und Feierschrift anlässlich Dorothe Bucks 100. Geburtstag:  http://files.feedplace.de/vielfalter/fest_und_feierschrift.pdf (Abruf: 1.4.2017).

[4]     Eine Dokumentation der Gedenkstunde im Bundestag findet sich (inklusive Fotos, Redebeiträgen und Video-Aufzeichnung) unter folgendem Link: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2017/kw04-de-gedenkstunde/490478 (Abruf: 4.2.2017).

Einzelnachweise   [ + ]

1. Diese Einordnung und Wertung wird von der Autorin dieses Blogbeitrags vorgenommen, die zudem darauf verweist, dass keine der genannten „Behandlungsformen“ ausschließlich während der Nazizeit auftraten, sondern sowohl VOR 1933 als auch NACH 1945 angewandt worden sind. Es waren keine nationalsozialistischen Erfindungen, wenn man so will. Eugenisches Denken, das die Abwertung von Menschen mit Beeinträchtigung beinhaltete (Stichwort „lebensunwertes Leben“), ging dem Nationalsozialismus voraus – wenngleich auch dieses die Diskriminierung und Abwertung beeinträchtigter Menschen nur bedingt erklären kann.
2. Wer sich mit Psychiatriegeschichte nicht auskennt, weiß kaum, was hinter dem scheinbar so harmlos klingenden Be-griff wie der „nassen Packung“ zu verstehen ist. In ihrer „Eröffnungsrede zur Einweihung des Mahnmals für die in Bethel von 1934 bis 1945 zwangssterilisierten Menschen“ schreibt Dorothea Buck: „An der hellgrünen Wand mir ge-genüber stand in großer Schrift das Jesuswort »Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!« Erquicken nicht mit einem freundlichen Wort, um unsere Angst vor der ungewohnten Einsperrung zu nehmen, oder durch ein Aufnahmegespräch, das es hier nicht gab. Erquicken nicht mit einer Beschäftigung, sondern »erquicken« mit den hier üblichen Kaltwasserkopfgüssen; Dauerbädern, in denen ich unter einer über die Wanne ge-spannten Segeltuchplane 23 Stunden von einer Visite zur nächsten lag. Mein Hals war in einem steifen Stehkragen ein-geschlossen. »Erquicken« mit der gefürchteten »nassen Packung«, in kalte, nasse Tücher so fest eingebunden, dass man sich nicht mehr bewegen konnte. Die Tücher wurden durch die Körperwärme erst warm, dann heiß. Ich schrie vor Empörung über diese unsinnige Fesselung in den heißen Tüchern. Dass Bethel das Vernünf[t]ige und Natürliche wie Gespräche und Beschäftigung durch diese quälenden Beruhigungsmaßnahmen mit ausschließlichem Strafcharakter er-setzte und das unter dem Jesuswort, fand ich so unheimlich, dass ich allen Ernstes glaubte, hier dem Teufel, den Jesus als den »Vater der Lüge« bezeichnet hatte, ausgeliefert zu sein.“ Quelle: http://www.bpe-online.de/infopool/geschichte/pb/buck_verleugnet.htm (Abruf: 1.4.2017).
3. Vgl. den Aufruf zur Beitragseinreichung für die Fest- und Feierschrift anlässlich Dorothe Bucks 100. Geburtstag: http://files.feedplace.de/vielfalter/fest_und_feierschrift.pdf (Abruf: 1.4.2017).
4. Eine Dokumentation der Gedenkstunde im Bundestag findet sich (inklusive Fotos, Redebeiträgen und Video-Aufzeichnung) unter folgendem Link: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2017/kw04-de-gedenkstunde/490478 (Abruf: 4.2.2017).

Keine Ehrung für Robert Rössle

In Berlin-Buch ist eine Straße nach Robert Rössle benannt. Im Skulpturenpark des Wissenschaftscampus wird durch einen Bronzekopf zusätzlich an ihn erinnert. Es gibt öffentlich zugängliche Hinweise, dass der Geehrte ein Verfechter der nationalsozialistischen Ideologie war, für den sich eine derartige öffentliche Ehrung verbieten sollte. Allerdings blieben mehrere Anschreiben an das Bezirksamt Pankow, in denen um eine Umbenennung gebeten wurde, bisher unbeantwortet.

Büste des Pathologen Robert Rössle. Geschaffen 1960 von Gerhard Thieme. Standort auf dem biomedizinischen Campus Berlin-Buch vor der Robert-Rössle-Klinik. Date 6 July 2010

Büste des Pathologen Robert Rössle. Geschaffen 1960 von Gerhard Thieme. Standort auf dem biomedizinischen Campus Berlin-Buch vor der Robert-Rössle-Klinik.
6 July 2010 CC BY 3.0. DE Axel Mauruszat

Robert Rössle war Pathologe und Anatom. Ab 1929 hatte er in Berlin den Lehrstuhl für Pathologie an der Charité inne. Eines seiner Arbeitsgebiete war die Pathologie der Familie, die er durch Leichensektionen an ganzen Familien studierte. Im Nationalsozialismus hatte er dazu besonders viele Gelegenheiten und nützte, wie er es in einer seiner Publikationen selbst ausdrückte, „die plötzlichen Massentodesfälle in Familien“ aus (aus R. Rössle, Virchows Archiv Bd. 308, 495ff, 1942). Weshalb damals ganze Familien den Freitod wählten, ist hinlänglich bekannt.

 

Im Jahr 1942 war Robert Rössle bereits 66 Jahre. Er hätte sich emeritieren lassen können. Er ließ sich jedoch in den wissenschaftlichen Senat des Heeressanitätswesens berufen, wo er die Folgen von Luftstoßschäden und der Druckfallkrankheit untersuchte. Für wie wichtig er seine zweifelhafte Arbeit hielt, wird in folgendem Zitat deutlich: „Bei dem Gewicht, welches die staatiche Gesundheitsführung heute der Erhaltung und Förderung gesunder Sippen, der Ausmerzung Iebensunwerten Erbgutes beimißt, sollte der Beitrag, den die Pathologischen Institute durch ihre Arbeit zur Klärung erbpathologischer Zusammenhänge zu leisten vermögen, nicht unterschätzt werden.“ (aus R. Rössle, Virchows Archiv Bd. 308, 485ff, 1942).

 

Für „die Ausmerzung lebensunwerten Erbgutes“ war Karl Brandt, einer der Hauptverantwortlichen der Aktion T4,  zuständig. Der war nicht nur Hitlers Begleitarzt, sondern führte den verschleiernden Titel Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen. Rössle wurde 1944 in den wissenschaftlichen Beirat von Brandts Generalkommissariat berufen. Dem wissenschaftlichen Kuratorium des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung, das aktiv an der T4-Aktion beteiligt war, gehörte Rössle bereits ab 1932 ununterbrochen an.

 

Robert Rössle ist wahrscheinlich kein NSDAP-Mitglied gewesen. Dennoch machen ihn seine aktive Laufbahn in herausgehobener Position, seine Beteiligung an Menschenversuchen für die Luftwaffe und seine Nähe zum Krankenmord der Nationalsozialisten zu einem Mittäter der NS-Greuel, nach dem keine Straße benannt werden darf. Zu einer ähnlichen Einschätzung kam auch Prof. Thomas Beddies vom Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité. Er bestätigte in einer ersten historischen Einordnung, dass „Hinweise auf eine NS-Belastung vorhanden sind, die es aus heutiger Sicht undenkbar erscheinen lassen würden,“ Robert Rössle „durch die Benennung einer Klinik oder einer Straße positiv herauszustellen“.

 

Als Ärztin ist es mir ein Anliegen, dass die Adresse einer renommierten medizinischen Forschungseinrichtung (Max-Delbrück-Centrum, Robert-Rössle Str. 10, 13125 Berlin) nicht den unrühmlichen Namen eines Mannes in die Welt trägt, der mit den menschenverachtenden Taten der Nationalsozialisten in Zusammenhang steht. Das im Skulpturenpark des Campus Berlin-Buch befindliche Mahnmal „Zur Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Euthanasieverbrechen“ von Anna Franziska Schwarzbach wird, meines Erachtens, durch die gleichzeitige Präsenz des Bronzekopfes von Robert Rössle entwertet. Meine Großmutter, Katharina von Keutz, war eines von Tausenden Opfern der „T4-Aktion“. Auch ihr bin ich es schuldig, dass ich mich dafür einsetze, dass niemand, der mit diesen abscheulichen Taten in Verbindung stand, heute noch geehrt wird.

 

Dr. Ute Linz, 12621 Berlin