Zu den Leichenfunden in Hall erschienen zahlreiche Medienberichte. Dabei gibt es durchaus widersprüchliche Meldungen: Einerseits wird berichtet,  dass wohl einige der entdeckten Gräber nicht im Zusammenhang mit der „Euthanasie“ stehen dürften. Andererseits meldete sich ein Zeitzeuge zu Wort:

Der heute 78-jährige Arthur Corazza, der im Herbst 1943 mit seiner Familie nach Hall gezogen war, berichtete von Beobachtungen, nach denen Patienten bis 1944 in Militärlastwagen verladen worden seien. Die Menschen seien in die Lkw hineingezwängt worden und hätten geschrien, weil sie geahnt hätten, dass die Fahrt nicht in ein Erholungsheim gehe, schilderte Corazza. (http://bit.ly/fg7YNM)

Damit wäre die Anstalt in Hall viel länger als bisher bekannt in die „Euthanasie“-Aktion einbezogen gewesen.  In einem auf zwei Jahre angelegten Projekt sollen die Leichten geborgen und ihre Identität geklärt werden.

Der Fundort der Leichen in Hall/Tirol

Der Fundort der Leichen in Hall/Tirol

Über den Leiters des Gesundheitswesens im Gau Tirol-Vorarlberg, Dr. Hans Czermak, existiert eine online zugängliche Veröffentlichung. Darin wird aus einem Gerichtsgutachten zitiert, das anlässlich des Prozesses von 1949 gegen Czermak von Dr. Gerhart Harrer angefertigt worden war:

Die beeindruckende politische Karriere Czermaks im NS-System wurde mit dessen Idealismus in Verbindung gebracht. So habe er für eine Tätigkeit in der Partei und im NS-Staat mit der Aufgabe seiner Facharztpraxis finanzielle Verluste in Kauf genommen. Er wäre „seiner kindlich anmutenden Ergebenheit gegenüber dem Gauleiter“ gefolgt und könne

„als ein ausserordentlich autoritätengläubiger Nationalsozialist bezeichnet werden, der im blinden Gehorsam das tat, was seine Parteidienststellen für richtig hielten. Er war im gewissen Sinn Idealist, aber kein Fanatiker. Durch seine leichte Lenkbarkeit und seine Vertrauensseligkeit wurde er leicht das Opfer von Leuten, die ihm, sei es durch ihr entschiedenes Auftreten, sei es durch ihre Dienstsstellung imponierten. Er war nicht imstande, größere Projekte durchzudenken, deren Folgen zu überblicken und ließ sich oft zu übereilten Handlungen hinreissen.“

Zu acht Jahren Haft verurteilt, wurde er 1950 unter Rücksichtnahme auf seinen schlechten Gesundheitszustand wieder entlassen. Er starb 1975.

Der Gutachter, Dr. Harrer, war übrigens SS-Mitglied und Gutachter in Opferfürsorgefällen, wo er über die Rechtmässigkeit von Entschädigungsanträgen von NS-Opfern zu Gericht sass. Wolfgang Neugebauer urteilt dazu:

Es hat sich herausgestellt, dass diese Nazi-Mediziner in der Regel keineswegs großzügig gegenüber den Opfern gewesen sind, sondern im Gegenteil, dass dort eine sehr viel restriktivere Gutachtertätigkeit stattgefunden hat – das finde ich wirklich bedenklich. (Quelle)

Detail am Rande: Der vielgeehrte Arzt hat immer noch eine Praxis in Salzburg.

Wie derstandard.at meldet, fanden Bauarbeiter in Hall in Tirol ein Gräberfeld mit Leichen von vermutlich 220 NS-„Euthanasie“-Opfern.

Hall ist keineswegs ein weißer Fleck in der Euthanasieforschung. Schon Ernst Klee gab den Briefwechsel des Leiters des Gesundheitswesens im Gau Tirol-Vorarlberg, Dr. Hans Czermak mit dem Hartheimer Euthanasie-Arzt Dr. Rudolf Lonauer wieder.

Am 7.1942 schrieb Czermak:

Sehr geehrter Berufskamerad! Herzlichen Dank für Ihr freundliches Antwortschreiben, über dessen Inhalt ich sehr enttäuscht war. Die Heil und Pflegeanstalt Hall ist nun glücklich so überfüllt, dass ich gezwungen bin, Pfleglinge wieder in den Altersheimen der Landkreise unterzubringen. Ein ganz außerordentlich beklagenswerter Zustand.

Lohnauer antwortete ihm darauf hin am 5.11., dass er

…mit den von Hall nach Niedernhart übernommenen Patienten keinerlei Schwierigkeiten [hatte] und die Abwicklung vollkommen reibungslos verlaufen [ist]… Ich bin daher zu der Überzeugung gekommen, dass diese Behandlungsmethode praktischer und reibungsloser ist, als die frühere.

Mit „Behandlungsmethode“ ist die Tötung durch Medikamente gemeint. Czermak zeigte sich hocherfreut, wie sich aus einem Schreiben am 12.11,1942 ablesen lässt:

…Ich bin sehr befriedigt, daß Ihre Behandlungsmethode so erfolgreich ist. Auch hier hat sich gar kein Anstand ergeben und ich hoffe, daß Dr. Renno bald in der Lage ist, die Methode in Hall einzuführen, wodurch sich die Transportkosten, vor allem der Kraftstoffaufwand einsparen ließe…

(alle Zitate: Ernst Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat. Hamburg 1991. S. 353)

Hoffentlich regt der Fund weitere Forschungen an. Verwiesen sei hier auf eine Publikation, die sich auf eine künstlerische Verarbeitung der Geschehnisse in Hall bezieht:

Andrea Sommerauer [Hrsg.]: Temporäres Denkmal : Prozesse der Erinnerung ; Wäscherei P, Kulturprojekt im PKH-Hall in Zusammenarbeit mit Franz Wassermann. Innsbruck ; Wien, Bozen. StudienVerl. 2009