Noch in diesem Jahr wird das Team von gedenkort-t4.eu durch Artur Hojan, der in Polen zur Geschichte der „Euthanasie“-Verbrechen forscht, verstärkt werden. Mitarbeiten wird auch sein Kollege, Cameron Munro. Im folgenden Text gibt Artur Hojan einen Einblick in ihre bisherige Arbeit.

Von Kościan nach Kulmhof – Auf den Spuren des SS-Sonderkommandos Lange

Als ich im Jahr 2001 mein erstes Buch, einen literarischen Essay über die Geschichte der jüdischen Gemeinde eines Provinzstädtchens in der Posener Gegend, vorbereitete, wurde ich mit der nationalsozialistischen „Euthanasie” konfrontiert. Ich hatte zwar alleine schon durch die Geschichte meiner Familie, die – wie übrigens die Mehrzahl aller polnischen Familien – ziemlich hart durch das Nazi-Regime in Polen getroffen wurde (inklusive Vertreibung in das Generalgouvernement, Zwangsarbeit von Minderjährigen, Haft in Gestapogefängnissen und Konzentrationslagern) ein Grundwissen über die von den Nazis in Polen begangenen Verbrechen. Dass es aber außer Vernichtungs- und Konzentrationslagern auch Gaskammern und Krematorien gab, in denen geistig Behinderte und unheilbar Kranke ermordet wurden, war mir neu. Wie ich schnell herausfand, gab es in Polen kaum Wissen über dieses Thema, von Fachliteratur ganz zu schweigen. Das heisst, dass ich vor der seltsamen Situation stand, dass die ersten Massenmorde dieser Art ihren Anfang im besetzten Polen hatten, dort aber heute niemand mehr etwas darüber wusste.

Anlässlich eines Studienaufenthalts an der Universität Hannover bei Prof. Manfred Heinemann machte ich mich mit der deutsch- und englischsprachigen Literatur zur Aktion T4 bekannt. Wieder stellte sich heraus, dass durch eine fast völlige Vernachlässigung die Geschichte der Ermordung von Geisteskranken in Polen

In dem Krankenhaus Tiekanka wurden geistig Behinderte ermordet (Quelle:http://bit.ly/eZZ6Bp?r=bb)

In dem Krankenhaus Dziekanka wurden geistig Behinderte ermordet (Quelle:http://bit.ly/eZZ6Bp?r=bb)

nahezu unbekannt und der Kreis an Fachleuten, die sich damit beschäftigen, extrem klein ist.

Archäologie des Holocaust

Kurz darauf begann ich meine Mitarbeit an dem von unabhängigen internationalen Historikern koordinierten Internetprojekt Action Reinhardt Camps. Dadurch lernte ich den britischen Experten und Historiker Cameron Munro kennen, der  mir die Durchführung des Projektes „Auf den Spuren des SS-Sonderkommandos Lange” vorschlug. Das war der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit, bei der wir uns, als „Tiergarstenstraße 4 Association” firmierend, mit nationalsozialistischen Verbrechen befassen.

Ausgangspunkt all unserer Untersuchungen sind breit konzipierte Studienaufenthalte an den authentischen Orten der Verbrechen, wofür Professor Heinemann den Begriff der „Holocaust-Archäologie” prägte. Wie wir seit unserem ersten Projekt, das die Ermordung psychisch Kranker im Warthegau behandelte, arbeiten, zeigt folgender Ablaufplan:

  • Literaturrecherche und Abschätzung des Wissensstandes zum Thema
  • Bestimmung des Ortes:

a) von Verbrechen

b) von Massengräbern

c) von bereits bestehenden Erinnerungszeichen

  • Anfertigung von Karten und einer fotografischen Dokumentation, die manchmal auch Vergleiche zu in der Vergangenheit gefertigten Fotos zulässt.Archiv- und Bibliotheksbesuche im untersuchten Gebiet
  • Analyse des gesammelten Materials

Durch unser Projekt zu den „Euthanasie“-Verbrechen im Warthegau kamen wir auf die Spur des Kriminalkommissars Herbert Lange,

Herbert Lange (deathcamps.org)

Herbert Lange (deathcamps.org)

dessen SS-Einheit auf Veranlassung von Heinrich Himmler und dem Gauleiter des Warthegau, Arthur Greiser, geistig Behinderte und unheilbar Kranke in „Gaswägen”, also fahrbaren Gaskammern, ermordete. Unsere Forschungen ermöglichten es uns, eine genaue Topographie der „Todesschwadron” Langes zu erstellen, was in Polen eine Pioniertat darstellte.

Warum „Euthanasie”?

Bis heute änderte sich nichts an unserem damaligen Befund, dass das Thema noch lange nicht ausgeschöpft ist. Dennoch interessiert sich keine einzige polnische Forschungsinstitution für die nationalsozialistische „Euthanasie”-Morde in Polen.

Wir hingegen denken, dass unser Forschungsgegenstand in vielerlei Hinsicht wichtig ist:

  1. können aus der Beschäftigung mit der Nazi-„Euthanasie” viele Querverbindungen zu Forschungen zu anderen Massenmorden gezogen werden.
  2. bestand die reale Chance, dass die genaue Analyse des Vorgehens des SS-Sonderkommandos Lange Antworten auf die Frage nach den Anfängen des Holocaust liefern kann.
  3. interessierten uns die technischen Grundlagen der Vernichtung von psychisch Kranken in fahrbaren Gaskammern, weil dieser Aspekt bis jetzt noch nicht genügend rezipiert wurde. Nach wie vor bleiben selbst grundlegenden Fragen wie die nach dem Produktionsort offen.
  4. hatten die Euthanasiemorde im Warthegau eine enge Verbindung zum etwas später entstandenen ersten Vernichtungslager überhaupt, Kulmhof am Ner.

Zur Zeit bereiten wir eine Veröffentlichung über Herbert Lange und seine SS-Kommandos vor.

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Bis jetzt publizierten wir einige Bücher und Artikel, darunter Chronicle of Death Places: Following the Footsteps of SS-Sonderkommando Lange, Überblick über nnationalsozialistische „Euthanasie” im Wartheland (Polen) im Zweiten Weltkrieg, Typologie der nationalsozialistischen Euthanasieaktionen im Gebiet des besetzen Polen; wir arbeiteten auch an zwei Dokumentarfilmen über die erste Vergasung im Rahmen der Aktion T4 im psychiatrischen Krankenhaus in Owinsk und im Fort VII in Posen mit.

Artur Hojan

Tiergartenstrasse 4 Association

www.tiergartenstrasse4.org