Frau Sigrid Falkenstein ist Angehörige eines „Euthanasie“-Opfers, Mitinitiatorin des Runden Tisches T4 und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von gedenkort-t4.eu. Im folgenden Beitrag ruft sie Angehörige von „Euthanasie“-Opfern dazu auf, Ihre Erinnerungen und Erfahrungen zu teilen:

Im Laufe der letzten Jahre hatte ich im Zusammenhang mit dem Schicksal meiner Tante Anna Lehnkering, die 1940 in Grafeneck ermordet wurde,  Kontakt mit vielen Menschen. Darunter waren auch zahlreiche Angehörige, in deren Familien – genauso wie in meiner Familie – das Thema „Euthanasie“ lange Zeit verschwiegen und verdrängt wurde. Aus meinen Briefwechseln habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich Angehörige zunehmend auf Spurensuche begeben und die Lebensgeschichten ihrer ermordeten Verwandten und damit ihre eigene Familiengeschichte aufarbeiten. Nicht selten setzen sie sich damit gegen immer noch existierende Widerstände über die jahrzehntelange Tabuisierung des Themas in Gesellschaft und Familie hinweg. Der Umgang mit „Euthanasie“ und Zwangssterilisation in der eigenen Familie ist teilweise bis heute geprägt von Unsicherheit (Ist die Krankheit erblich?), von Scham (Leben mit dem Stigma der „erblichen Minderwertigkeit“) und Schuld (Warum haben wir unsere Angehörigen nicht geschützt? Warum haben wir geschwiegen?).

An Sie alle richte ich heute diesen Aufruf. Zurzeit entsteht mit der Internetplattform http://www.gedenkort-t4.eu ein virtuelles Mahnmal zum Thema NS-„Euthanasie“. Das zum größten Teil vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin getragene Projekt wird im November 2011 freigeschaltet. Ein wichtiger Bestandteil soll die Erinnerung an Einzelschicksale von Opfern der „Euthanasie“-Verbrechen sein.

Wer – wenn nicht wir als Angehörige – könnte glaubwürdiger bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren?! Wer – wenn nicht wir – könnte ihnen besser Gesicht und Namen zurückgeben und so dazu beitragen, die Mauern des Schweigens und der Tabuisierung einzureißen?! Indem wir die Anonymisierung aufheben, geben wir unseren ermordeten Verwandten ihre Identität und etwas von ihrer Würde zurück. Über das Gedenken hinaus können wir aber auch mit der Erinnerung an ihre Lebensgeschichten die Geschichte unserer Gesellschaft sichtbar machen und auf diese Weise vielleicht dazu beitragen, dass sich Derartiges nie wiederholen möge!

Auf Gedenkort-t4.de werden Familienangehörige gebeten, über ihre Erfahrungen, ihre Familiengeschichte bzw. die Lebensgeschichte ihrer ermordeten Familienmitglieder zu berichten (gerne mit Fotos oder Dokumenten). Es wäre eine wertvolle Unterstützung, wenn diejenigen von Ihnen, die bereits publiziert haben, eine Kurzversion Ihrer Geschichte zur Verfügung stellen würden. Falls Sie – in welcher Form auch immer – bereit wären, einen Beitrag zu diesem Erinnerungsprojekt zu leisten, wenden Sie sich bitte an Herrn Robert Parzer  robert.parzer@gedenkort-t4.eu .

Übrigens ist der virtuelle Gedenk- und Informationsort nur als Ergänzung und nicht als Alternative zu realen Orten der Information und des Gedenkens gedacht. Ich selbst gehöre mit anderen Mitgliedern des Berliner Runden Tisches zu „T4“ dem Beirat für das o. g.  Internetprojekt an. Unser Hauptziel ist nach wie vor die Errichtung eines realen Gedenk- und Informationsortes am historischen Ort Tiergartenstraße 4.

mehr …  http://www.sigrid-falkenstein.de/euthanasie/runder_tisch.htm

Ich hoffe auf zahlreiche Rückmeldungen!

Sigrid Falkenstein