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Nach einer langen Anreise und einem intensiven ersten (Halb)Tag sei mir verziehen, wenn ich nicht allzu detailliert über die Vortragsinhalte schreiben kann. Immerhin kündigte der Gastgeber, Dr. Stefan Raueiser von Bildungszentrum Irsee, an, dass die Vorträge bzw. die Materialien dazu zum Download bereitgestellt würden.Stefan Raueiser wies in seinem Einführungsvortrag auf die 600-jährige Geschichte des Klosters Irsee

Kloster Irsee. Quelle: Wikimedia Commons

Kloster Irsee. Quelle: Wikimedia Commons

hin, das von 1849 bis 1972 als Krankenhaus  (unter verschiedenen Bezeichnungen und in Verbindung mit Kaufbeuren) diente. Während der Zeit der NS-Euthanasie war Valentin Faltlhauser als Anstaltsdirektor mitverantwortlich für den Tod von etwa 2000 Patienten, die auf mehreren Friedhöfen bestattet wurden. In den 60er Jahren wurde dem Gebäude Baufälligkeit attestiert, es konnte jedoch durch Anstrengungen im Rahmen des Europäischen Jahres des Denkmalschutzes 1974/75 gerettet werden. Seit den 1980er Jahren bestehen Bemühungen um eine Denkmalkultur in der ehemaligen Anstalt, unter anderem wurden 2009 drei Stolpersteine für ermordete Patienten der Anstalt verlegt. Interessantes Detail am Rande ist, dass dies ein Abweichen von den Grundsatz ist, dass Stolpersteine nur vor dem letzten selbstgewählten Wohn- oder Arbeitsort eines Opfers verlegt werden sollen.

Der zweite Vortrag von Isabelle Ruhland wurde wegen Erkrankung  der Referentin von Gerrit Hohendorf verlesen. Ruhland untersuchte das Spannungsfeld von Kunst und Gedenken an die NS-Euthanasie. Sie stellte fest, dass von 46 Orten der NS-Euthanasie in Bayern 28 in irgendeiner künstlerischen Form, vom gekreuzigten Jesus bis zum multimedialen Mahnmal, an ihre Geschichte erinnern. Einige Mahnmale entstanden gegen große Widerstände, wobei vor allem religiöse Formen meist kein individuelles Gedenken zulassen und sogar versuchen, dem Geschehen nachträglich einen Sinn aufzugeben. Für gedenkort unglaublich interessant war der Hinweis auf Franz Wassermann und seine Installation „Prozesse der Erinnerung – Temporäres Denkmal“,

Temporäres Denkmal

Temporäres Denkmal

die ähnlich wie wir ihre Besucher dazu aufruft, Erinnerungen zu teilen und Lebensgeschichten von Euthanasie-Opfern zu veröffentlichen.

Nach dem überaus leckeren Abendessen stellte Michael von Cranach

Michael von Cranach (Quelle: dgppn)

Michael von Cranach (Quelle: dgppn)

die Nachkriegspsychiatrie in Irsee und Kaufbeuren vor, wobei seine Doppelrolle als Wissenschafter und Zeitzeuge eine ganz besondere Spannung in seinen Vortrag brachte. Nicht nur die Ausführungen zur frühen Nachkriegsgeschichte Kaufbeurens, wo der letzte dokumentierte Anstaltsmord an einem Patienten am 20.6.1945 (sic!) stattfand, sondern seine eigenen Wahrnehmungen als Leiter der Anstalt von 1980 bis 2006 zogen die Zuhörer in ihren Bann. Vor allem die Geschichte vom Arzt, der in seinem Büro eine Karte des großdeutschen Reiches aufhängte und mit seiner Mitgliedschaft in der Legion Condor prahlte und die Erinnerung an die Stimmung in den 80er Jahren, die eine Erforschung der NS-Vergangenheit fast erzwang, waren überaus beeindruckend.

Insgesamt also ein beeindruckender Beginn. Morgen lesen Sie die Berichte vom zweiten Konferenztag.