Der Tag begann mit einer Vorstellungsrunde der Teilnehmer, wobei gerade gedenkort auf große Aufmerksamkeit stieß. Nach einer stürmischen Fragerunde, viel Kritik und Zuspruch zum Konzept, gab Gerrit Hohendorf einen Überblick über den Stand der Dinge an der Tiergartenstraße 4 und den dazu vor kurzem eingebrachten interfraktionellen Antrag. Es herrschte allgemeine Enttäuschung darüber, dass im Antrag von einem „Gedenkort“, nicht aber von einem „Informationsort“ die Rede war, ebenso wurde Kritik laut an dem Begriff der „Aufwertung“, der der jetzige Ort unterzogen werden sollte. Hohendorf berichtete, dass das Angebot der DGPPN, 100.000 Euro und eine 10-Jahresstelle zu stiften, bei der Politik wenig Gehör fand. Es bestand Konsens darüber, dass sich das weitere Vorgehen darauf konzentrieren solle, den Prozess der Ausschreibung zu begleiten.

Den ersten Vortrag des Tages hielt Michael Wunder

Michael Wunder

Michael Wunder

zum Thema „Aktuelle bioethische Diskurse und die Frage, ob wir mit der Geschichte lernen können.“ Als Mitglied des Deutschen Ethikrates berichtete er über die Kontroversen zur Präimplanatationsdiagnostik (PID). Neben einem Überblick über mögliche Anwendungsbereiche und Argumente dafür und dagegen  präsentierte Wunder auch Ergebnisse einer Studie aus Dänemark, in der die Kommunen Kopenhagen und Frederiksborg errechneten, dass die flächendeckende und freiwillige Einführung der Pränataldiagnostik die Geburtenzahl von Menschen mit Downsyndrom von jährlich 12 auf 2 senken würde -mit einem Einsparpotential von 300.000 € pro Jahr. Eine andere Studioe in den USA ergab, dass durch die Nichtgeburt von 1000 Kindern mit Mukoviszidose durch die Anwendung der PID 45 Mio. $ gespart werden könnten. Angesichts solcher obszöner Rechnungen drängt sich die Frage nach einer historischen Bewertung geradezu auf. Wunder gab drei Beispiele:

-Leo Alexanders Diskussion der Nürnberger Ärzteprozesse mit seinem Argument der slippery slope, auf der sich die Ärzteschaft begeben hätte. Wunder ergänzte diese um die Erkenntnis aus der Sozialpsychologie, dass es eine „shifting base line“ gebe.

Jay Katz‚ Argument von 1992, dass eine Menschenrechtsgarantie, die auf das Recht des Indivuduums auf das Leben basiert, es damals verhindert hätte, dass die Ärzte die „Magna Therapia“ zu verwirklichen trachten

Anton Leists Feststellung, dass die Lektion aus der NS-Geschichte mit der Implementierung der Prinzipien von informed consent und Freiwilligkeit gelernt sei. Das Problem der modernen Medizin sei, dass sie den moderenen Menschen ändern könne, bei zunehmender Ungewissheit, was den Menschen eigentlich ausmacht.

Wunder schloss mit der Feststellung, dass die Diskussion, je länger sie andauere, sie umso mehr Kritiker hervorbringe.

Morgen mehr vom Nachmittag und vom Sonntag.