Ausstellung Im Gedenken der Kinder

Ausstellung Im Gedenken der Kinder

So heißt eine Ausstellung, die vorgestern in der Berliner Topographie des Terrors eröffnet wurde. Der NS-Kinder“euthanasie“ fielen über 10.000 von ihnen zum Opfer, ungefähr die Hälfte davon in den Kinderfachabteilungen wie der bei Wien gelegenen Anstalt „Am Spiegelgrund„.

Dort amtierte der Arzt Heinrich Groß, der über seinen Tötungsauftrag hinaus noch

Heinrich Groß Quelle DÖW

Heinrich Groß Quelle DÖW

mehrere Hundert Gehirne von Kinder zu „Forschungs“zwecken sammelte.

Wie die Tötungen vor sich gingen, erklärte der Vorgestzte von Groß, Erwin Jekelius so:

„… Man stellte Listen über die betreffenden Kinder zusammen und schickte sie mir zur unmittelbaren Ausführung. Ich wiederum habe diese Listen an Dr. Gross übergeben, der dann die Tötung der Kinder mittels Verabreichung von Luminal vornahm. […] Die Methodik zur Tötung von Kindern durch die Verabreichung von Luminal war vom Direktor der „Herden“-Klinik für Geisteskranke in der Provinz Brandenburg, Heinze, erarbeitet worden. Vor seiner Ankunft in Wien hatte mein Gehilfe Dr. Gross einen praktischen Lehrgang zur Tötung von Kindern bei dem genannten Heinze absolviert. […] Dr. Gross arbeitete in der Klinik unter meiner Leitung. Die Tötung der Kinder nahm er auf Grundlage seiner Erfahrungen und Instruktionen vor. […] In der Praxis unserer Arbeit hat es bei der Vergiftung kranker Kinder 2-3 Fälle gegeben, in denen die eingesetzte Dosis Luminal nicht ausreichend war und nicht den Tod des Kindes hervorrief. Nach einem langen Schlaf erwachten diese Kinder wieder und blieben am Leben. In diesen Fällen injizierte Dr. Gross zur Erreichung des Ziels in Absprache mit mir diesen Kindern eine kombinierte Dosis Morphium, Dial und Skupolamium, was nach 2-3 Stunden zum Tode führte. […] Die Tötung kranker Kinder wurde von uns unter strengster Geheimhaltung vorgenommen. Daher wussten die Eltern darüber gar nichts. Nach der Vergiftung eines Kindes durch Dr. Gross wurde den Eltern mitgeteilt, dass ihr Kind an dieser oder jener Krankheit gestorben sei, die er sich selbst ausdachte. Diese Mitteilungen habe ich als Klinikdirektor selbst unterschrieben. […] Was die Maßnahmen zur Tötung kranker Kinder betraf, so wurden diese systematisch während der gesamten Zeit meiner Tätigkeit als Klinikdirektor, im Verlauf eines Jahres also, durchgeführt. Monatlich töteten wir zwischen 6 und 10 Kinder. …“

Diese Tatsachen standen einer erfolgreichen Karriere von Groß als Arzt und Gerichtsgutachter bis in die 1980er Jahre hinein nicht im Weg -nur ein Beispiel dafür, wie die über 70 Jahre zurückliegende Geschichte Auswirkungen bis weit in die Gegenwart hinein zeigt.

 

Die Ausstellung wird begleitet von einem Vortragsprogramm:

  • Dienstag, 31. Januar 2012, 19 Uhr

Prof. Dr. Michael von Cranach (München): NS-Medizinverbrechen an Kindern –  Das Beispiel Bayern (Moderation: Uwe Neumärker)

  •  Dienstag, 13. März 2012, 19 Uhr

Prof. Dr. Volker Roelcke (Gießen): Medizin im Nationalsozialismus – Forschungsstand und Fragestellungen (Moderation: Volker Hess)

  •  Dienstag, 17. April 2012, 19 Uhr

Prof. Dr. Wolfgang U. Eckart (Heidelberg):  Medizin im Nationalsozialismus – Erinnerung und Verantwortung (Moderation: Petra Fuchs)

  • Dienstag, 8. Mai 2012, 19 Uhr

Prof. Dr. Jeanne Nicklas-Faust (Berlin): Das historische Argument in der aktuellen Ethik-Debatte (Moderation: Thomas Beddies)