Sigirid Falkenstein

Sigirid Falkenstein

 

Im Folgenden dokumentieren wir die Rede von Sigrid Falkenstein, Angehörige eines NS-„Euthanasie“ Opfers, die sie am 27.1.2012 im Rahmen der Gedenkveranstaltung in der Berliner Philharmonie hielt. In den nächsten Tagen werden wir auch einen Video-Mitschnitt auf die Seite stellen. Sie finden die Rede auch in unserer Digitalen Bibliothek. Einen Überblick über die von Frau Falkenstein angesprochenen Gedenkformen an der Tiergartenstraße 4 finden Sie im Text von Prof. Stefanie Endlich auf unserer Hauptseite.

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Hüppe!

 

Als ich 1971 zum ersten Mal das Foyer der Philharmonie betrat, hatte ich keine Ahnung, dass dieses Haus der Hochkultur auf dem Boden der Unkultur erbaut worden war, dass sich genau hier ab 1940 die Zentraldienststelle der Nationalsozialisten befand, in der die Massentötung psychisch kranker und be-hinderter oder sozial nicht angepasster Menschen geplant und organisiert wurde. Der Begriff „Aktion T4“ geschweige denn seine Verbindung zur Adresse Tiergartenstraße 4 war mir unbekannt.
Mein Wissen über die NS-„Euthanasie“ war – wie das vieler Menschen – lange Zeit sehr oberflächlich. Auch war mir nicht klar, wie eng meine eigene Familiengeschichte damit verbunden ist. Das sollte sich erst viele Jahre später ändern, als ich 2003 per Zufall auf ein Familiengeheimnis stieß. Anna, die Schwes-ter meines Vaters, war geistig behindert. Sie war 24, als sie 1940 im Rahmen der „Aktion T4“ in Grafen-eck ermordet wurde, und ist eines von vielen hunderttausend vergessenen Opfern, denen auch die poli-tische Anerkennung jahrzehntelang verweigert wurde. Heute weiß ich, dass das Schweigen in meiner Familie Spiegel eines sehr komplexen gesamtgesellschaftlichen Verdrängungsprozesses war.
Ich will Ihnen ein Beispiel von vielen nennen, das unmittelbar mit Anna und diesem Ort zu tun hat: Hermann Schwenninger war der Geschäftsführer der Gekrat (Tarnname für die T4-Abteilung, die für den Transport in die „Euthanasie“-Anstalten verantwortlich war). Er leitete nicht nur persönlich den Trans-port von Anna und ihren Mitpatienten nach Grafeneck. Er war auch an unsäglichen „Euthanasie“-Propagandafilmen beteiligt, die von der T4-Zentrale in Auftrag gegeben wurden. Dabei schreckte er nicht davor zurück, die Vergasung durch ein Beobachtungsfenster zu filmen. Später sprach er davon, wie viel Überwindung es ihn gekostet habe, beim Filmen „den Anblick dieser entsetzlichen Gestalten zu er-tragen, die mit Menschen nichts mehr gemein hatten, in jeder Beziehung weit unter jedem Tier standen …“ Hermann Schwenninger ist juristisch nie belangt worden. Er war bei weitem nicht der einzige.
Wir gedenken heute aller Opfer des Nationalsozialismus. Das wird manchmal vergessen. Gestern habe ich in einem Berliner Oberstufenzentrum Annas Geschichte erzählt. Ich habe den begleitenden Lehrer gefragt, ob er den Gedenkort für die „Euthanasie“-Opfer an der Philharmonie kennt. Ich habe ein Jour-nalisten-Team vom RBB danach gefragt, das den Gedenktag in der Schule dokumentierte, und natürlich die Schüler. Niemand kannte diesen Gedenkort.
Auch ich habe erst im Zuge meiner persönlichen Spurensuche eher zufällig davon erfahren. Als ich im Herbst 2006 auf dem öden Platz dort draußen stand, fiel mir zunächst nur die Serra Skulptur ins Auge, die ich natürlich kannte, aber immer für Kunst am Bau gehalten hatte. Schließlich lenkte ein vertrockne-ter Kranz meinen Blick zur Gedenkplatte. Bei keinem meiner vorherigen Besuche in der Philharmonie war mir die Platte aufgefallen. Und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass das bürgerschaftliche Engagement in den 80-er Jahren, dem dieses Erinnerungszeichen zu verdanken ist, an mir vorbeigegangen war.
Mit viel Verspätung also machte ich meiner Empörung über diesen unscheinbaren Gedenkort Luft. Es war Professor Nachama von der Stiftung Topographie des Terrors, der mein Schreiben – aber auch den Unmut vieler anderer Menschen – zum Anlass nahm, mit mir gemeinsam einen Runden Tisch zu gründen.
Seit Januar 2007 trifft sich dieser Runde Tisch – unter Mitarbeit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Berliner Verwaltungen. Es ist ein Zusammenschluss von engagierten Einzelpersonen, Vertretern von Betroffenenverbänden, Politik, Gedenkstätten u. a.
Uns alle einte von Anfang an der Gedanke, dass der „Euthanasie“- Gedenkort in seinem jetzigen Er-scheinungsbild nicht seiner historischen Bedeutung entspricht. Darum haben wir uns zur Aufgabe ge-macht, die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Ort zu lenken und die Diskussion um eine angemes-sene Neugestaltung voranzutreiben.
Seit unserem ersten Treffen ist viel geschehen. Hier stichwortartig einige der Aktivitäten, die vom Run-den Tisch ausgingen:
Von 2008 bis 2009 stand das Denkmal der Grauen Busse auf dem Vorplatz der Philharmonie. Viele von Ihnen werden sich erinnern.
2008 wurde die Informationstafel in Sichtbeziehung zur Gedenkplatte aufgestellt.
2009 fand unter der Überschrift „Umgang mit dem historischen Gelände Tiergartenstraße 4“ ein öffentliches Symposium im Martin-Gropius-Bau statt.
Dazu kamen zahlreiche Initiativen Dritter, beispielsweise:
das Haltestellenprojekt von Ronnie Golz gleich gegenüber, mit dem er auf den Zusammenhang zwi-schen „Euthanasie“ und Holocaust verweist,
Schüler der Berliner Knobelsdorff-Schule markierten den Grundriss der historischen T4-Villa, der sich mit dem der Philharmonie – vom Vorplatz bis in das Foyer hinein – überlagert.
Seit kurzem gibt es den virtuellen Gedenk- und Informationsort gedenkort-t4.eu, wo Sie all die In-formationen finden, die ich Ihnen heute aufgrund der Kürze der Zeit schuldig bleiben muss.
Nicht zu vergessen ist die alljährliche Gedenkveranstaltung auf Initiative des „Aktionskreises ‚T4‘-Opfer nicht vergessen“.

 

Und nicht zuletzt ist es Hubert Hüppe zu verdanken, dass seit seinem Amtsantritt am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus hier der „Euthanasie“-Opfer gedacht wird.
Aber zurück zum Runden Tisch und unserem Hauptziel: der Umgestaltung des „T4“-Geländes zu einem Ort des Gedenkens und der Information. Unsere Forderung, die auch von vielen anderen Seiten erhoben wurde, blieb nicht ungehört in der Politik. Im November 2011 – zweiundsiebzig Jahre nach Hitlers „Euthanasie“-Erlass – hat der Deutsche Bundestag sich dazu bekannt, dass die Erinnerung an die „Euthanasie“-Morde am historischen Ort Tiergartenstraße 4 „eine Aufgabe von nationaler Bedeutung und ge-samtstaatlicher Verantwortung“2 sei. „Ziel sollte es sein, das bestehende Denkmal und den Gedenkort so aufzuwerten, dass dem Anliegen, am Ort der Täter über die Dimension des Verbrechens und seine Opfer zu informieren, entsprochen werden kann.
Bund und Land Berlin werden den Auftrag gemeinsam umsetzen und dabei die Stiftungen „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ und „Topographie des Terrors“ einbeziehen.
Der Bundestagsbeschluss ist ermutigend und enttäuschend zugleich.
Enttäuschend, weil das von vielen Menschen geforderte Dokumentationszentrum mit der vom Bund bereitgestellten mickrigen Summe von 500.000 Euro nicht realisiert werden kann.
Viele Menschen haben sich hier einen Lernort gewünscht, der auch Bezug nimmt auf die Situation von Menschen, die aufgrund von Behinderungen noch heute Diskriminierungen ausgesetzt sind, einen Ort, wo die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den „Euthanasie“-Verbrechen und deren Bedeutung für die heutigen biothetischen Debatten stattfinden kann.
Das wird der zukünftige Erinnerungsort in der Tiergartenstraße nach jetzigem Stand nur ansatzweise leisten können; was uns nicht daran hindern sollte, in den nächsten Jahren an der Verwirklichung dieses Ziels – in der Tiergartenstraße oder in der Nähe – zu arbeiten.
Gleichwohl ist der Bundestagsbeschluss auch ermutigend, denn er betont ausdrücklich die Bedeutung der Information. Das ist mehr, als noch vor einigen Jahren zu hoffen war.
Die Neugestaltung des „T4“-Geländes steht im engen Zusammenhang mit der schon lange geplanten Erneuerung des Kulturforums insgesamt. Das Land Berlin wird noch in diesem Jahr einen Wettbewerb zur Umgestaltung des „T4“-Areals ausschreiben, in den Betroffene und Verbände – auch der Runde Tisch – eingebunden werden. Die Realisierung und öffentliche Übergabe ist für 2013 geplant.
Vor uns liegen nun die entscheidenden Prozesse der inhaltlichen Gestaltung des zukünftigen Erinne-rungsortes. Im Gedenken an die Opfer reicht es nicht, ein abstraktes Denkmal für Sonntagsreden und Kranzniederlegungen zu errichten. Es wird darauf zu achten sein, dass an diesem Ort der Täter Informa-tionen über die Vorgeschichte, die Durchführung und die Nachwirkungen der „Euthanasie“-Verbrechen vermittelt werden, und natürlich auch über die Lebensgeschichten der Opfer.
Meine Tante wurde ermordet, weil sie behindert war. Sie galt den Tätern als „erblich minderwertig“ und „wertlos“ für die Gesellschaft. Dahinter steht ein mit Nützlichkeitsdenken verbundenes rassistisches Menschenbild, das vom „Wert“ und „Unwert“ der Menschen ausgeht. Es sind Denkmuster, die noch heute existieren. Wenn wir solchen Einstellungen, die mit Vorurteilen und Nichtwissen einhergehen, entgegentreten wollen, wenn wir sie im Hinblick auf Gegenwart und Zukunft nachhaltig verändern wol-len, brauchen wir einen Ort der Information: einen Ort, an dem uns das Wissen um die Vergangenheit Orientierungshilfe gibt bei der Gestaltung einer solidarischen, inklusiven Gesellschaft, einer Gesellschaft, die niemanden ausgrenzt und Individualität und Vielfalt der Menschen wertschätzt!
Sigrid Falkenstein, Berlin im Januar 2012