
…ist in Ordnung. Diese unfassbare Meinung vertreten zwei anerkannte Wissenschaftler, tätig in Mailand, Oxford und Melbourne. Sie schrieben ihre “Erkenntnisse” auch nicht in irgendeinem abseitigen Blättchen nieder, sondern im rennomierten britischen Journal of Medical Ethics, das per Peer-Review seine Artikel auswählt.
Im Abstract legen sie ihre Postion wie folgt dar:
(1) both fetuses and newborns do not have the same moral status as actual persons, (2) the fact that both are potential persons is morally irrelevant and (3) adoption is not always in the best interest of actual people, the authors argue that what we call ‘after-birth abortion’ (killing a newborn) should be permissible in all the cases where abortion is, including cases where the newborn is not disabled. [(1) Föten und Neugeborene haben nicht den selben moralischen Status wie tatsächliche Personen, (2) der Fakt, dass beide potentielle Personen sind ist moralisch irrelevant und (3) ist Adoption nicht immer das Beste für tatsächliche Personen, daher argumentieren die Autoren dass das, war wir "nachgeburtliche Abtreibung" nennen (einen Säugling töten) erlaubt sein sollte in allen Fällen, in denen es auch die Abtreibung ist; solche Fälle beinhaltend, in denen der Säuglin nicht behindert ist.]
Sie verstehen die Tötung von Neugeborenen also als nachgeburtliche Abtreibung und sprechen sich nicht nur für die gesetzliche Erlaubnis zur Tötung behinderter Neugeborener aus.
Das Neue und gewissermassen der Tabubruch in ihrere Argumentation, die damit noch über die von Peter Singer hinausgeht, besteht darin, dass die Eltern auch nach der Geburt noch das Recht haben sollten, das Baby töten zu lassen, wenn sie es nicht wollen und auch nicht zur Adoption fregeben wollen. Sie verstehen dabei Neugeborene nicht als vollwertige Menschen, sondern nur als” potentielle Personen” und schliessen daraus:
“It is not possible to damage a newborn by preventing her from developing the potentiality to become a person in the morally relevant sense.” [Es ist unmöglich, ein Neugeborenes dadurch zu schädigen, dass man es daran hindert, sich zu einer Person im Sinne der Moral zu entwickeln]
Scheinbar kehren die Autoren am Schluss ihrer grauenhaften Argumentationskette zur Vernunft zurück, indem sie einräumen, dass eine frühe Abtreibung die bessere Wahl ist. Danach lassen sie allerdings ihren Gefühlen freien Lauf und holen den ganz großen Hammer raus:
However, if a disease has not been detected during the pregnancy, if something went wrong during the delivery, or if economical, social or psychological circumstances change such that taking care of the offspring becomes an unbearable burden on someone, then people should be given the chance of not being forced to do something they cannot afford. [Wenn jedoch eine Krankheit während der Schwangerschaft nicht entdeckt wurde, wenn unter der Geburt etwas schief lief, oder wenn wirtschaftliche, soziale oder psychologische Umstände sich so ändern, dass die Betreung des Nachwuchses eine unerträgliche Last für Jemanden wird, dann sollten Menschen nicht dazu gezwungen werden können, etwas zu tun, was sie sich nicht leisten können.]
Der Artikel verursachte in der angelsächsischen Welt eine riesige Aufregung, in Deutschland berichtete bis jetzt nur die Welt darüber. Kritik kam wohl vor allem von amerikanischen Abtreibungsgegnern und kirchlichen Gruppen.
Die Argumentation, dass jemand getötet werden darf, dessen Betreung für den Betreuenden zu teuer ist, muss jedoch auf einer viel breiteren Basis als religösen Überzeugungen, die man teilen kann oder nicht, erfolgen. Sie ist letztlich nichts Anderes als die extreme Weiterführung der Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche mit Versatzstücken angeblich rationalen ökonomischen Denkens. Der Herausgeber des Journal, Julian Savulescu, nannte die Kritik am Artikel bezeichnenderweise “Opposition gegen liberale Werte”. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft liberale Werte noch etwas Anderes beinhalten werden als die Tötung Neugeborener aus ökonomischen Gründen.

Die Autoren sollten – soweit noch nicht geschehen – sich einmal sehr gründlich die UN-Behindertenrechtskonvention zur Brust nehmen und – hoffentlich – überhaupt deren Sinn und Tragweite verstehen!
WEHRET DEN ANFÄNGEN!
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch
(Bertolt Brecht)
Das unbegreifliche zu begreifen, da hilft nur ein Blick in die Bücher von Foucault unter dem Stichwort Biomacht, Biopolitik. Meines Wissens wird hier erstmals in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift Mord als legales Mittel angesehen. Das kann, das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben und hat mit dem Nachdenken über Ethik nichts mehr zu tun. Die Frau stammt aus Italien. Ich rate mal zu einem Blick in “Sexualpolitik, Folter und säkulare Zeit” von Judith Butler in dem Buch Raster des Krieges. Dort kann man einen kleinen Eindruck bekommen, wie eventuell auch solche unaussprechbar und abscheuliche Gedanken entstehen können.
Danke für den Hinweis auf den Begriff der Biomacht, den ich schon kannte und auch auf Butler. Ich würde aber die Argumentation der Autoren schon als eine Positionierung im weiten Feld der praktischen Philosophie verstehen (nur halt eine völlig hirnverbrannte). Das eigentlich Erstaunliche ist ja, dass eine rennomierte Zeitschrift diese Position als veröffentlichungswürdig betrachtet.
Hallo,
die Verfasser haben am Freitag einen Text veröffentlicht, in dem sie den Medien vorwerfen, falsch und unwissend zu berichten. Leider verschweigen sie auch, dass solche Gedanken nicht erst 1975 durch Tooley veröffentlicht worden sind, sondern bereits in den 20er Jahren von Karl Binding und Alfred Hoche veröffentlicht worden sind, auf die sich dann auch nach 1933 die verantwortlichen Nazis für Euthanasie berufen haben.
http://bioetiche.blogspot.com/2012/03/open-letter-from-giubilini-and-minerva.html
Ja, es ist nicht zu verstehen, dass das dort veröffentlicht worden ist. Wenn die daraus keine Konsequenzen ziehen, dann kann sich die Zeitschrift nur selbst auflösen.
Ich selbst bin oder besser war >liberal< eingestellt. Derzeit recherchiere ich in einem anderen Feld im Bereich der Bioethik als Websitetreiber/freier Journalist und auch dort begegnen mir immer mehr Argumente, Personen und Positionen, die zu einem Nachdenken über meine Positionen geführt hat.
Was aber soll man noch als persönliche Wertgrundlage nehmen? Wenn man deren Argumente tatsächlich weiter denkt und überdenkt, dann muß man m.E. zum Abtreibungsgegner werden.
Das Unglaubliche an der Veröffentlichung ist vieleicht auch, dass hier so fundamental gegen die berechtigten "Gefühle" aller Leser verstoßen wird, die ethische Diskussionen für wahr gehalten haben in der Annahme, es gehe tatsächlich um die Herstellung humaner Positionen. Aber diese Veröffentlichung durchkreuzt jede iskussionsmöglichkeit, egal ob es sich um einen Teilbereich der praktischen Ethik im wissenschaftlichen Sinne handelt. Gesellschaft, das eigene ich, ist ja auch im Bereich der Wissenshaft kein ja nicht fern der persönlichen und zivilisatorischen Warnehmung von Güte, Menschlichkeit und dem Streben nach Wahrheit getrennt werden. Und das ist hier m.E.passiert. Wie soll man sich jemand, der auf der Grundlage einer wissenschaftlich logischen Argumentation Mord rechtfertigt, begegnen? Ich jedenfalls werde in den nächsten Monaten meine Positionen zu überdenken haben, denn offensichtlich hat diese liberale Zeitung eine Grenze überschritten, die dort nur deshalb überschritten werden konnte, weil sie sich liberal fühlt.
Wir haben Deinen Blog aufgegriffen:
http://rollingplanet.net/2012/03/03/abenteuerliche-forderung-eltern-sollen-behinderte-sauglinge-toten-durfen/
Danke!