Ja, Sie haben richtig gelesen: Was letztes Jahr so breit und groß angekündigt wurde, nämlich dass auch Euthanasiegeschädigte Anspruch auf eine erhöhte monatliche Rente von 291 Euro haben, ist auf ganzer Linie gescheitert. Exakt drei Personen haben Anspruch auf die erhöhte Rente aus einem solchen Titel. Dies erklärte die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine kleine Anfrage der Fraktion Die Linke im Bundestag. (Wir berichteten). Damit ist klar, was die Einschränkung auf „tatsächliche“ Euthanasieopfer bedeutet:

Nur diejenigen, die wie durch ein Wunder im allerletzten Moment buchstäblich kurz vor der Gaskammer weggeschickt wurden, bekommen die Rente. Schon Kinder, deren Elten (oder ein Elternteil) Opfer der NS-Gesundheitspolitik wurden, und damit mitten im Krieg als (Halb-)-Waisen dastanden, haben keinen Anspruch auf irgendeine Form der Entschädigung. Die Bundesregierung begründet dies folgendermaßen:

„Sie schließt es nicht aus, dass es bei dem angesprochenen Personenkreis [d.s. Kinder von Euthanasieopfern]  zu Traumatisierungen gekommen ist. Über Nachteile in deren beruflichem oder wirtschaftlichem Fortkommen liegen ihr keine Feststellungen vor.“

Wenn es noch irgendeines Beweises bedurft hätte, dass die Stimmen von Opfern der NS-Euthanasie vollkommen marginalisiert waren (und sind) und auch die Probleme und Schwierigkeiten von Angehörigen kaum an die Öffentlichkeit dringen, hier wäre er zu haben.

Jeder, der einmal Menschen zugehört hat, die sich auf die Suche nach Spuren ihrer in den Tötungsanstalten ermordeten Großeltern, Großtanten etc. gemacht haben, weiß gegenteiliges zu berichten. Dies alles vor einem gesellschaftlichen Hintergrund, in dem immer öfter auf das Schicksal von Kriegkindern und ihre vielfältigen Traumatisierungen aufmerksam gemacht wird. Hier werden, wenn man es denn böse formulieren will, die Angehörigen von Euthanasieopfern das zweite Mal ausgeschlossen. Das erste Mal war vor 70 Jahren, und da hiess es noch Ausschluss aus der „Volksgemeinschaft“.

Insgesamt wurden knapp 15.000 Menschen entschädigt, wenn man diese Begrifflichkeit  denn gebrauchen will. Diese Zahl könnte wesentlich höher sein, allein wurde den Opfern bereits 1961 jeglicher Entschädigungsanspruch verwehrt. Erst 1980 (Zwangssterilisierte) beziehungsweise 1988 (Euthanasiegeschädigte) wurde mit Zahlungen an die Opfer begonnen. Nicht unwesentlichen Anteil daran, dass die Zahlen so gering waren, hatten Sachverständige, die in der NS-Zeit oft genug ihr Scherflein zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ beitrugen.

Erfreulich wenigstens, dass Ulla Jelpke, die innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, ankündigte, das Thema weiter zu verfolgen. Umso schmerzhafter allerdings das allzu laute Schweigen der übrigen Parteien und sonstigen Zuständigen.