Startseite Evangelischer Widerstand

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Die Online-Ausstellung „Evangelischer Widerstand!?“ ist wohl eines der ambitioniertesten Projekte der letzten Zeit, was die Vermittlung von Geschichte im Internet betrifft. Unter der Redaktion der Münchener Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte (PD Dr. Claudia Lepp) wurde ein Auftritt entwickelt, der Wissen über die Tätigkeit von evangelischen Christen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus vermittelt. Gut zwei Dutzend Autoren, ein „Geschäftsführender Ausschuss“ und ein sehr prominent besetztes Kuratorium arbeiteten an der Seite, die November 2011 online ging, mit.

Kann die Seite diesen hohen Anspruch erfüllen? Zunächst einmal ist positiv hervorzuheben, dass sie Ihren Gegenstand schon im Titel durch die Verwendung von Fragezeichen und Ausrufezeichen gewissermaßen in Frage stellt und der Diskussion dessen, was Widerstand bezogen auf den christlichen Glauben bedeutet, recht breiten Raum gibt. Der gewählte Widerstandsbegriff ist  weit gefasst und reicht

von einem Nichtmitmachen,Widerspruch und situativen Verweigerungen über öffentliche Kritik und Resistenz bis zu einem subversiven Kampf für einen politischen Umsturz.

Wie der Autor ausführt, sollen damit

ganz bewusst alle Ausformungen des Widerstands gewürdigt werden.

Der User hat mehrere Möglichkeiten, auf die Inhalte  zuzugreifen:

Einmal über eine große Karte, die nach dem Intro erscheint und sich langsam mit vielen Piktogrammen von Menschen füllt, aus denen mehrere groß abgehoben sind. Diese kann man per mouse-over ansteuern und sieht dann ein Foto sowie eine Kurz-Information zur Person. Ein verschiebbarer Zeitstrahl lässt immer wieder andere Personen in den Vordergrund treten. Diese kann man dann anklicken, woraufhin sich eine Unterseite öffnet, die den Zugang zu Informationen über diese Person und ihr Wirken ermöglicht. Dabei handelt es sich meistens um kurze Texte, die Bildern, d.h. Fotos und Abbildungen von Quellen, zugeordnet sind. Alle Bereiche, in denen evangelische Christen Widerstand leisteten, sind repräsentiert. Es war sicher keine leichte Aufgabe, den riesigen Berg an Materialien und Forschungsergebnissen zusammen zu tragen und sinnvoll miteinander zu verknüpfen.

 

Bildquellen werden immer genannt, die Autoren der Texte allerdings nicht. Das ist schade, denn wer wird sich beispielsweise in einer Seminararbeit trauen, eine quasi anonyme Internetseite zu zitieren (v.a. bei der bekannten Allergie, die an Universitäten gegenüber „dem Internet“ herrscht). Für den Zeitraum nach 1945 sind übrigens keine Personen hervorgehoben, hier wird man auf das „Zeiten“-Menü verwiesen, das vor allem über die Rezeption des Widerstandes Auskunft gibt. An dieser Stelle muss allerdings auf ein Manko in Form des Fehlens irgendeines Hinweises auf Lothar Kreyssig und die Aktion Sühnezeichen hingewiesen werden. Warum man diese große evangelische Organisation, die als eine der ersten überhaupt auf die Schuld der evangelischen Kirche hingewiesen hat und dieses Schuldeingeständnis dann auch praktisch und überaus tatkräftig dazu benutzt hat, seit 1958 Zehntausende junger Deutscher mit den Verbrechen des NS zu konfrontieren, vergessen hat, bleibt leider ein Rätsel.

 

Eine andere Zugriffsmöglichkeit bietet das Menü, über das man die Punkte Zeiten, Regionen, Menschen und Grundfragen ansteuern kann. Insbesondere der Punkt Grundfragen bietet eine detaillierte Einführung in die Thematik und spricht viele Punkte an, die mit der Fragestellung, was christlicher Widerstand war, verbunden sind. Auch hier leider nur schlecht (akademisch) verwertbar, weil wiederum die Texte ohne Autorenangabe erscheinen. Die Texte kann man sich übrigens nach dem Klick auf einen Menüpunkt vorlesen lassen -zumindest theoretisch. Bei mir hat das mit dem Chrome-Browser nicht funktioniert. Wo wir schon dabei sind: Der Firefox weigerte sich gleich, die Seite zu öffnen (aber ich habe auch recht extreme Sicherheitseinstellungen) und der Explorer öffnete immer die Nicht-Flash-Version der Seite. Dies übrigens eine gute Idee, wird doch damit immerhin ein Minimum an Barrierefreiheit hergestellt. Nicht ganz nachvollziehbar dann allerdings, dass in dieser Version der Seite der „Vorlesen“-Button gar nicht erscheint. Mühsam ist auch der Umstand, dass man in der Flash-Version der Seite die Texte nicht markieren und kopieren und auch keine Screenshots anfertigen kann. Dies funktioniert allerdings problemlos in der html-Version. Die se ist auch sehr gut über mobile Endgeräte aufrufbar.

 

Im Punkt Regionen gelangt man zu einem „Special-Feature“ der Seite. Hier wird nach einem Klick auf „Bayern“ ein Überblick über das Herrschaftssystem des Nationalsozialismus und die Reaktion der verschiedenen Strömungen des deutschen Protestantismus darauf  gegeben. Dies allerdings bezogen auf das gesamte Dritte Reich, nur ein Unterpunkt beschäftigt -dann aber sehr detailliert- mit der Situation in Bayern. Hier hätte man mehr Arbeit in eine genauere Zuordnung der Texte investieren müssen.

 

Hervorzuheben ist, dass die Seite versucht, soziale Medien zu integrieren. So wurden ein Facebook und ein Twitter-Profil erstellt, in einem Forum ist die Möglichkeit gegeben, Fragen zu stellen und Vorschläge zur Weiterentwicklung der Seite zu machen. Die englische Version der Seite ist noch im Aufbau begriffen und scheint nicht so detailliert zu werden wie die deutsche Ausgabe.

 

Mich interessiert natürlich ganz besonders, wie die Seite auf den Umgang von evangelischen Christen mit der NS-„Euthanasie“ und den Zwangssterilisationen eingeht. Insgesamt ist zu konstatieren, dass das Thema in einer großen Breite gewürdigt wird. Neben Artikeln zu Clemens Graf von Galen und Friedrich v. Bodelschwingh finden auch weitgehend unbekannte Menschen, die gegen die Tötung von Kranken und Behinderten zumindest protestierten, eine Würdigung. Beispielsweise in der Biografie von Wunibald Löhe fehlen auch nicht die Hinweise auf Ambivalenzen und die begrenzten Möglichkeiten von Widerstand. Mit Werner Sylten wird auch ein Opfer der Aktion 14f13 porträtiert, der in der Tötungsanstalt Hartheim (das leider unrichtig als KZ Hartheim bezeichnet wird) vergast wurde.

 

Differenzierungen fehlen aber weitgehend in der Darstellung Friedrich von Bodelschwinghs. Es hätte meiner Meinung nach etwas mehr als den dezenten Hinweis, dass sein Verhalten „in der sogenannten Euthanasie-Frage heute auch kritisch gesehen“ wird, bedurft, um ein zutreffendes Bild dieser unumstritten bedeutenden Persönlichkeit zu zeichnen. Bereits 1929 hielt der Leiter der Diakonie-Anstalt Bethel einen Vortrag, in dem er  feststellen zu glauben musste, dass „relativ die Zahl der Schwachen an Körper und Geist, der Minderwertigen, wächst“. Ernst Klee konstatierte, dass Bodelschwingh die „Sterilisierungspraxis mit Überzeugung vertreten“ habe. Auch wenn dem nicht folgen will -eine Erwähnung wäre es doch wert. Fatal auch Bodelschwinghs Einschätzung von Karl Brandt, dem Euthanasiebeauftragten Hitlers, von dem er noch 1943 „de[n] gleich guten Eindruck wie früher“ hatte. (Alle Zitate nach Ernst Klee: „Euthanasie“ im Dritten Reich. Frankfurt/Main 2010.)

 

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass hier sehr viel geleistet wurde und überhaupt  gar nicht genug gelobt werden kann, dass überhaupt so ein Projekt gestartet wurde. Ein ansprechendes Design ermöglicht einen guten Zugriff auf die Inhalte, bei  denen man sich an der einen oder anderen Stelle ein tieferes Schürfen wünschen würde. Bleibt zu hoffen, dass die Ausstellungsmacher den nötigen langen Atem und den Willen habe, auch weiterhin die sozialen Medien einzubeziehen und so den großen Rückstand und die Skepsis gegenüber dieser Art von Wissenschaftskommunikation, die in Deutschland herrscht, ein wenig zu überwinden.