Grafik aus der Auslobung in leichter Sprache

Grafik aus der Auslobung in leichter Sprache

Der Wettbewerb zur Gestaltung des Gedenk- und Informationsortes an der Berliner Tiergartenstraße 4 ist in seine Endphase eingetreten. Am 22.11. tritt die Jury zusammen, um einen Sieger auszuwählen und schon Anfang des Jahres 2013 sollen dann die Baumaschinen auffahren, um den Ort, an dem die Aktion T4 und damit verbunden der Mord an etwa 300.000 Menschen europaweit administrativ gesteuert wurde, umzugestalten.

 

Da, wo jetzt die 1987 von Götz Aly initiierte Platte und die kurzerhand zum Denkmal umfunktionierte Skulptur „Curves“ von Richard Serra an die Taten der Ärzte, Juristen, Sekretärinnen und anderer erinnert (mehr dazu hier), wird ein Denkmal entstehen, das vielen Ansprüchen genügen soll. Nicht nur muss es ein würdiges Gedenken ermöglichen, es soll auch Informationen zur Geschichte der NS-„Euthanasie“, der Zwangssterilisationen und der dahinter stehenden Ideologie vermitteln, Täter benennen und deren (Nicht-)Verfolgung nach 1945 darstellen, auf den Kampf um Anerkennung und Entschädigung seitens der Opfer eingehen und auf die existierenden Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen verweisen.

 

Darüber hinaus muss es ohne ein Gebäude auskommen und –auch aufgrund der besonderen Thematik- so barrierefrei wie nur irgend möglich sein, das heißt für alle  Menschen mit Behinderungen zugänglich, erhörbar, erfühlbar und ertastbar sein. Das heißt konkret, dass man für die geforderte Informationsebene auch nicht einfach Monitore einbauen kann und dass man sich überlegen muss, wie man der Tag- und Graffitikultur an diesem doch recht abgeschiedenen Ort begegnen will. Es darf auch nicht allzu auffällig sein -schließlich ist das Kulturforum mit Philharmonie, Kammermusiksaal und einigen anderen Objekten als Baudenkmal geschützt –

Der räumliche Gesamteindruck des Ensembles darf nicht beeinträchtigt bzw. gestört werden

heißt es in der Auslobung.

 

Das Budget für die „eierlegende Wollmilchsau“, wie einer der Wettbewerbsteilnehmer das zu bauende Denkmal nannte?  Eine halbe Million Euro, also weniger als ein Drittel der Summe, die für das Roma- und Sinti Denkmal zur Verfügung stand (Quelle). Immerhin gibt es für die siegreichen Teilnehmer auch Preisgelder – die gab es beim Homosexuellen-Denkmal nicht- und drei Werke werden auch angekauft.

 

Grafik aus der Auslobung in leichter Sprache

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Die hohen Anforderungen und das vergleichsweise schmale Budget haben dann auch nicht unbedingt die hochkarätigsten „professionellen Gestalter/innen, Künstler/innen und Landschaftsarchitekt/en/innen“, denn nur solche Arbeitsgemeinschaften waren zugelassen, zur Teilnahme zu bewegen vermocht. Insgesamt wurden 30 aus insgesamt 92 Bewerbern ausgewählt, wobei auffällt, dass ganz anders als beim  Homosexuellen-Denkmal nur eine Arbeitsgemeinschaft aus dem nicht-deutschsprachigen Ausland teilnimmt. Grund ist hierfür sicher auch, dass die Auslobung nicht ins Englische übersetzt wurde.

 

Eine Übertragung in Leichte Sprache wurde zwar vorbildlich gelöst, konnte allerdings keine Menschen mit Behinderung zur Mitwirkung als Teilnehmer am Wettbewerb  bewegen.

 

Von den Teilnehmern dürften einer breiteren Öffentlichkeit noch   die Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz als Schöpfer des Denkmals der Grauen Busse am ehesten bekannt sein. Ob sie zum Zuge kommen oder eine andere Arbeitsgemeinschaft, werden wir im Dezember erfahren. Die Arbeiten sollen auch ausgestellt werden. Bleibt nur zu hoffen, dass dem Gedenkort ein ähnlich langer und mühsamer Streit, wie er um das Roma- und Sinti Denkmal herrschte, erspart bleibt. Ein Quantum an Missstimmung gab es schon, seit die Initiative zur Errichtung des Gedenk- und Informationsortes existiert und entzündet sich immer wieder an dem Streitpunkt, ob es richtig ist, am Ort der Täter der Opfer zu gedenken.

 

Die Auslobungstexte finden Sie hier zum Download. Sie enthalten nicht nur die Regulatorien für den Wettbewerb, sondern auch Texte zum historischen Hintergrund.Die Auslobung zum Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen gibt es hier.

 

DISCLAIMER: Ich war an der Auslobung beteiligt und verfasste den Text zur Geschichte der Villa an der Tiergartenstraße.