Paintballspiele, Spukschloss-Gerüchte und Dreharbeiten zu Cobra 11 an einem Ort, an dem etwa 100 Kinder ermordet wurden? Wie kann das möglich sein im Deutschland des Jahres 2012, in dem gerade nicht unerhebliche Summen für die Errichtung eines Gedenk- und Informationsortes in Berlin zur Verfügung gestellt wurden?

 

Waldniel/Hostert in der Nähe von Mönchengladbach war eine von etwa 30 Kinderfachanstalten, in denen im Rahmen der NS-„Euthanasie“ etwa 5.000 Kinderermordet wurden -durch Medikamente und/oder Hunger. Bezeichnend für die auch von wissenschaftlicher Seite erfolgte jahrzehntelange Vernachlässigung des Ortes und seiner Geschichte ist, dass mit Andreas Kinast erst ein Bankkaufmann kommen musste, um ein Buch über die Kinderfachanstalt zu schreiben. Anlässlich einer Führung für den Arbeitskreis referierte er in dem Trakt des Anwesens, in dem die Morde verübt wurden, über seine Forschungen:

Eine Leseprobe aus Kinast’s Buch findet sich hier.

Nach einer Reihe von Eigentümerwechseln ist das Gelände der ursprünglich kirchlichen Pflegeanstalt verwahrlost, überall liegen Softair-Kugeln herum, ein privater „Wachschutz“ demonstriert mit martialischem Auftreten in schwarzen Uniformen die Unzugänglichkeit des Geländes. Als wäre all das nicht schon beschämend genug, hängen im Inneren der auch unter kunstgeschichtlichen Aspekten interessanten Anstaltskirche auch noch rassistische Schilder.

Der Eigentümer versucht seit einiger Zeit, das Gelände als „Sondergebiet Hotel“ wieder zu verkaufen, offensichtlich aber erfolglos, denn das diesbezügliche Angebot bei Immobilienscout ist seit mehreren Monaten online. Selbstredend findet sich dort kein Verweis auf die Geschichte des Anwesens als Ort von Kindertötungen im Nationalsozialismus, dürfte dies doch den Verkehrswert entsprechend senken.

An einer Ecke ist der ehemalige Anstaltsfriedhof als eine Art Gedenkstätte eingerichtet, an dem auch Gedenkveranstaltungen stattfinden. Eine Tafel und ein Gedenkstein informieren dort sehr knapp über den Ort. Eine Website bietet eine Art Tagebuch der Ereignisse an diesem Ort.

Diese Form des Gedenkens hält nicht nur der Arbeitskreis zur Erforschung der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen nicht für ausreichend und fordert in einem Appell an die Bundesregierung, das Land NRW und den Landschaftsverband Rheinland im Wesentlichen Folgendes:

1. die Entwürdigung des historischen Ortes der nationalsozialistischen Kindertötungen durch paramilitärische und Horrorspiele sofort wirksam zu unterbinden.
2. das gesamte Gelände unter Denkmalschutz zu stellen.
3. den Eigentümer dazu aufzufordern, schnellstmöglich ein überzeugendes Gesamtnutzungskonzept für das Gelände vorzulegen, das auch die Einrichtung eines würdigen Ortes der Erinnerung, des Gedenkens und der Information (s. u.) berücksichtigt.
4. unter Umständen auch eine Enteignung des Geländes in Erwägung zu ziehen,
5. zusammen mit den historisch aktiven Personen und Gruppen vor Ort so bald als möglich ein Konzept für einen würdigen Ort der Erinnerung, des Gedenkens und der Information über die nationalsozialistischen Verbrechen an geistig und körperlich behinderten Kindern zu entwickeln.

Wir stellen den Appell hier zum Download bereit und würden uns über Rückmeldungen und die weitere Verbreitung freuen. Bisher waren die Reaktionen eher spärlich, so dass noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten sein wird, bis an diesem authentischen Ort die Gelegenheit genutzt werden kann, über das immer noch schlecht erforschte und lange verdrängte Kapitel der NS-„Kindereuthanasie“ umfassend zu informieren.

Literatur:

Paul-Günter Schulte, Die Euthanasie in der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Johannistal, Abteilung Waldniel, insbesondere der dortigen Kinderfachabteilung, in: Linda Orth, Transportkinder, Düsseldorf 1989, S. 98–110.

Peter Zöhren, Nebenan – eine andere Welt, Waldniel-Hostert 1909 – 1945, Schwalmtal, 1988.

Andreas Kinast: „Das Kind ist nicht abrichtfähig.“ Euthanasie in der Kinderfachabteilung Waldniel 1941–1943. Reihe: Rheinprovinz, 18. SH-Verlag, Köln 2010

 

Alle Fotos CC-BY-SA-NC Robert Parzer