Der Paritiätische Wohlfahrtsverband Berlin veranstaltete vom 28.1.2013 bis zum 30.1.2013 unter der Schirmherrschaft des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Hubert Hüppe die von der Stiftung EVZ und der Europäischen Union geförderte Konferenz „NS-„Euthanasie“ in europäischer Perspektive“.

 

Die Tagung begann mit Grußworten des Schirmherren Hubert Hüppe, der Vorsitzenden des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin, Barbara John, und des Vorstandes der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft, Günther Saathoff.

 

Das erste Referat hielt Christoph Kopke. Er gab einen Überblick über die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen von den ideengeschichtlichen Grundlagen über die Zwangssterilisationen, die Aktion T4 bis hin zur Verweigerung von Entschädigung und Anerkennung in der Nachkriegszeit und fast bis auf den heutigen Tag.

 

Stefanie Endlich fokussierte auf Formen von Erinnerung an die nationalsozialistischen Krankenmorde in Deutschland und konstatierte eine bürgerschaftliche Grundierung des Erinnerns, wie es letztlich auch noch in dem beschlossenen Denkmal an der Tiergartenstraße in Berlin zum Ausdruck kommt, das ohne den von einer Angehörigen eines Opfers mitgegründeten Runden Tisch T4 nicht möglich gewesen wäre. Ein sehr interessanter Aspekt war der Ausblick auf Planungen, das Denkmal der grauen Busse nach Poznan und damit an den Ort der ersten Vergasungen von Menschen mit Behinderungen zu bringen.

 

Ulrich Baumann stellte in seinem Vortrag verschiedene Erinnerungsorte in Europa vor, die dem Gedenken an die Opfer des NS-Krankenmordes gewidmet sind. Dabei spannte er einen weiten Bogen von Belarus bis Frankreich, machte aber auch darauf aufmerksam, dass die Kartierung noch unvollständig ist und dies eine der Aufgaben einer zukünftigen Website sein soll, die mit dem Gedenk- und Informationsort an der Tiergartenstraße zu verknüpfen sei.


Für den erkrankten Helmut Vogel las Robert Parzer dessen Vortrag vor. Er stellte das Schicksal zweier hörbehinderter und psychisch kranker Opfers der NS-„Euthanasie“ vor. Dabei wurde deutlich, dass das Kriterium der Arbeitsfähigkeit auch für diese Opfergruppe entscheidend für ihre Überlebenschancen war. Vogel stellte auch widersprüchliche Angaben in Patientenakten vor und ermunterte zu einen genauem Studium dieser Quellen.

Mark Zaurov stellte nach der Kaffeepause die widersprüchliche Rolle von Gehörlosen im Dritten Reich vor: Einerseits von Zwangssterilisierungen betroffen und als gehörlose Juden doppelt stigmatisiert, gab es andererseits auch eigene Gehörlosen-Abteilungen in NSDAP- und SA-Formationen. Er betonte die Bedeutung der Erinnerungsarbeit für Gehörlose.

 

Michal Simunek stellte die Ergebnisse seine Forschungen zur NS-Euthanasie im Sudetengau und Protektorat Böhmen-Mähren vor. Einen besonders interessanten Aspekt stellten die Verlegungen jüdischer Patienten aus dem Altreich in das Ghetto Theresienstadt und von dort weiter in den Osten -etwa nach Maly Trostenez dar. Nur 17  jüdische Patienten des Protektorats überlebten den Krieg.

 

Artur Hojan stellte einen gemeinsam mit Cameron Munro erarbeiteten Vortrag zum Krankenmord im besetzten Polen vor. Er plädierte für einen sehr vorsichtigen Gebrauch von Begriffen wie „“Euthanasie“maßnahmen“ oder Krankenmord und wandte sich gegen eine Einbeziehung von Liquidierungen jüdischer Spitäler in Untersuchungen zu dem Thema, da er diese den antijüdischen Maßnahmen des NS-Regimes zuordnete und nicht denen, die spezifisch gegen Behinderte und psychisch Kranke gerichtet waren.

 

Kornel Miglus gab  eine Einführung zum Film „Szpital Przemienia“ (Hospital der Verklärung), der den ersten Tag der Konferenz  abschliessend gezeigt wurde.