Maria Blume,  die Frau eines Fabrikarbeiters im Saarland, wird als Folge einer außerehelichen Affäre schwanger. So wird Fritz geboren. Den Misshandlungen ihres Ehemannes versucht Maria zu entkommen, indem sie mit den drei jüngsten Kindern „ins Wasser geht“. Fritz überlebt und wird nun zum „Heimkind Fritz Blume“. Wir schreiben das Jahr 1936. – Sein Lebenslauf bis in die 50er Jahre ist der eindrucksvolle Inhalt der graphic novel „… und über uns kein Himmel…“ von Robert Krieg (story) und Daniel Daemgen (Zeichnung). Der Comic-Strip ist längst erwachsen geworden, spätestens seitdem Art Spiegelman das Schicksal seiner Familie in dem bahnbrechenden, damals umstrittenen Werk „Maus – die Geschichte eines Überlebenden“ auf neue Weise visualisiert hatte. Die Fabel vom Überleben im Holocaust hat die innovative, eigenständige Kunstform des XX.Jahrhunderts, die Bildergeschichte (auch der Zeichentrickfilm gehört dazu!) für die Auseinandersetzung mit den Jahrhundert-Verbrechen genutzt.

 

Fritz Blumes Überleben in den Institutionen öffentlicher Fürsorge ist eher ein Unterleben: Misshandlung im Waisenhaus, harte Zwangsarbeit in einer Provinzial-Heilanstalt. Die Geschichte beschreibt die rasseideologische Radikalisierung in den Institutionen, die vielleicht nur ein ideologisches Mäntelchen für Sadismus ist. Den anvertrauten Menschen wurde das „radikal Böse“ (Hannah Arendt) angetan. Deutlich wird auch, dass die „Euthanasie“-Morde nicht ohne die vorauseilende Hilfe der „Wohl-Täter“ in schwarzen und weißen Kitteln möglich waren. Mehr als 200.000 Menschen werden aus den Anstalten abtransportiert und ermordet. Fritz Blume ist einer der wenigen Überlebenden. Verstörend an seiner Lebensgeschichte ist auch die Kontinuität der Abwertung, Entrechtung von „Heim-Insassen“ bis in die Bundesrepublik der 50er Jahre. Im Nachwort heißt es dazu: “ In einer Zeit ungebrochener ideologischer Muster der NS-Zeit, entnazifizierungsbedingter Larmoyanz und fehlender Empathie“ (Prof. F.W.Kesting) blieben die Patienten der Willkür des Anstaltspersonals ausgesetzt. Fritz Blume wird nun entlassen in die aufziehende „Wirtschaftswunder“-Gesellschaft.

Das Buch ist eine Montage aus Original-Dokumenten und eindrucksvollen Zeichnungen. Seitenanordnung und Panels visualisieren die Sichtweise eines Kindes auf eine Welt, mit gebrochenen Kreuzen an den Wänden und darüber kein Himmel.

Das Buch gibt einen gut dokumentierten, zur Teilnahme anregenden Zugang zu einem finsteren, gerne ausgeblendeten Teil unserer Geschichte. Es unterstreicht auch, wie überfällig die Arbeit des „Runden Tisch Heimerziehung“ gewesen ist, an dem (vielleicht unzulänglich) versucht wurde, dieses institutionalisierte Unrecht aufzuarbeiten.

 

Robert Krieg u. Daniel Daemgen: und über uns kein Himmel. Verlag Graswurzelrevolution, 2012.

 

(c) Reinald Purmann