Die Hymne der Eugeniker

Die Hymne der Eugeniker

 

Übersetzung

[Überschrift: Weckt das Verantwortungsbewußtsein gegenüber den zukünftigen Generationen, der Nation und dem Staat!]

 

Wir schreiten zur Sonne, zur Sonne/und strecken die Hände aus in den Raum/zur neuen Morgenröte hin/die menschliche Würde bis zum Ende zu stärken//In aller Welt wollen wir unser neues Testament verkünden/Unsere Losung sei „fähiges, schaffendes Volk“/Volk, das sein stolzes Haupt vor dem Feind nicht beugt!/das weder Sklaverei noch der Schmutz der Schande besudelt,/die Sippe der polnischen Eugeniker/unsere Legionen stärkt die Arbeit!

 

Klingt wie ein schlechter Scherz? Nein, die Quelle des oben präsentierten Ausschnittes ist der 1936 erschienene Sonderdruck „W trosce o przyszłość“ [In Sorge um die Zukunft], im Juni 1936 in Warschau herausgegeben von der Polskie Towarzystwo Eugeniczne, also der Polnischen Eugenischen Gesellschaft. Online hier

 

In Polen gab es nach der Wiedererlangung der Staatlichkeit im Jahr 1918 eine sehr breit ausdifferenzierte eugenische Bewegung, die sich zunächst mit der chaotischen bevölkerungspolitischen Situation nach mehr als einem Jahrhundert der Teilungen befasste. Die von Medizinern, Publizisten und (wenigen) Politikern aufgeworfenen Thesen waren zunächst dieselben, die auch anderswo auf der Welt aufgestellt wurden: Die Biologisierung sozialer Probleme ging einher mit der Identifizierung von sozialen Gruppen, derer es entweder zu viele oder zu wenige gäbe. Auch durch den nahe liegenden Kontakt mit der deutschen Praxis und Theoriebildung radikalisierten sich Teile der polnischen eugenischen Bewegung und versuchten ab 1935, eine Gesetzgebung in Gang zu setzen, die auch Zwangssterilisationen erlaubt hätte. Auch antisemitische Zwischentöne waren zu vernehmen, wenn in dem im psychiatrischen Krankenhaus in Koscian heraugegebenen Blatt „Hygiena Psychiczna“ [Psychische Hygiene] zu lesen war, dass Untersuchungen bewiesen hätten, dass polnische Schüler durchschnittlich bessere Leistungen brächten als jüdische. Auch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde eifrig nachgedruckt und diskutiert  -letztlich hatten all diese Bemühungen keinen Erfolg. Zu konservativ war die politische Elite, zu dominant der Einfluss der in Polen immer besonders wichtigen katholischen Kirche.

Im selben Zeitraum führten Norwegen und Schweden eine Sterilisationsgesetzgebung ein, ein Jahr später Finnland. Was das polnische Beispiel aber so interessant macht und gleichzeitig tragisch erscheinen lässt, ist der Umstand, dass der extreme Flügel der polnischen Eugenikbewegung zwar dem deutschen „vorbild“ nacheiferte, aber sich gleichzeitig dessen bewusst war, dass die von ihnen verehrten deutschen Rassentheorethiker sie bei erstbester Gelegenheit als slawische „Untermenschen“ qualifiziert hätten. Diese Gelegenheit bot sich dann im zweiten Weltkrieg, den viele polnische Mediziner nicht überlebten. Erst vor kurzem brach über ihre Rolle bei der Räumung polnischer psychiatrischer Krankenhäuser durch deutsche Wehrmachts- und SS-Einheiten ein heftiger Streit aus. (nachzulesen hier).

 

Diese Geschichte ist also noch nicht zu Ende. Die Versuche des Flügels der polnischen Eugeniker, die Eugenik vor allem als Sexualerziehung und „bewusste Eheschlieführung“ mit Zugang zu Verhütungsmitteln  verstanden, werden heute in der polnischen rechtsgerichteten Presse mit einer Vehemenz kritisiert, die einen ausländischen Beobachter nur mit Verwunderung zurücklässt.

Interessant wäre es natürlich auch zu erfahren, ob es auch anderswo solche Hymnen gab und ob sie denn nur auf dem Papier standen oder tatsächlich muskalisch unterlegt und gesungen wurden. Über einen Austausch darüber würde ich mich freuen.

 

Ausgewählte Literatur zum Thema:

 

Artur Hojan: Dr Bielawski i eugenika. Koscian 2009.

Magalena Gawin: Progressivism and Eugenic Thinking in Poland 1905-1939. In: Marius Turda und Paul Weindling (Hg.): Blood and Homeland. Budapest/New York 2007.  S. 167-185.

Magdalena Gawin: Rasa i Nowoczesność. Historia polskiego ruchu eugenicznego. Warszawa 2003.