„Im Warschauer Ghetto führten Ärzte Studien zum Hunger durch, weil der Mechanismus des Hungertodes damals unklar  und die sich bietende Chance zu ergreifen war. Die Chance war außergewöhnlich. Noch nie, so schrieben sie, verfügte die Medizin über so viel  Untersuchungsmaterial“. So erzählte es Hanna Krall in ihrer Interview-Erzählung mit und über Marek Edelmann, einem der „Anführer“ des Warschauer Ghettoaufstandes.

 

Die Ärzte und Ärztinnen im Ghetto wussten nicht, konnten nicht wissen, dass am 17. November 1942 in München eine Konferenz stattgefunden hatte, auf der bayrische Anstaltsdirektoren beschlossen, nicht arbeitsfähigen Patienten eine sogenannte Sonderkost zu verabreichen. Zwei Wochen später wurde diese Hungerkost eingeführt,  Patienten bekamen oft nicht mehr  als einen halben Schöpflöffel wässriger Suppe. Die Zustände wurden so schlimm, dass nicht nur viele Patienten starben; manche Ärzte weigerten sich, auf solchen Hungerstationen Visiten durchzuführen. (vgl. Cranach/Siemen: Psychiatrie im Nationalsozialismus. München 1997)

Selten wird man an den Zusammenhang zwischen dem Mord an den europäischen Juden und dem NS-Krankenmord erinnert, der heutige 70. Jahrestag des Ausbruchs des Aufstandes im Warschauer Ghetto ist so ein Ereignis.Was innerhalb der Vorkriegsgrenzen Deutschlands  für eine verhältnismäßig kleine Gruppe von arbeitsunfähigen Patienten galt, war in den besetzten Gebieten im Osten für Millionen von Menschen an der Tagesordnung.  Der Ghettoaufstand ist auch eine Gelegenheit, an den fast grenzenlosen Willen der jüdischen Ärzte, ihre Patienten zu heilen und zu beschützen, zu erinnern. Im Ghetto in Warschau, aber auch in vielen anderen, existierten Krankenhäuser. Maria Ciesielska stellte dankenswerterweise eine Übersicht zusammen, die ich hier publizieren darf:

Krankenäuser im Warschauer Ghetto

Krankenäuser im Warschauer Ghetto

 

Man kann, glaube ich, daraus sehr gut erkennen, dass die Krankenhäuser mehrheitlich zum Beginn der großen Deportationen aus dem Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka geschlossen wurden. Die Patienten wurden mit deportiert, in einigen Fällen schafften es einzelne Ärzte noch, Überdosen an Beruhigungsmitteln zu verabreichen und so ihren Schützlingen die Gaskammern zu erparen. Ein Teil der Ärzte wurde nach dem Ende des letzten Krankenhauses beim Zusammenbruch des Aufstandes auch in das KZ Majdanek gebracht, wo sie im November 1943 im Zuge der „Aktion Erntefest“ erschossen wurden.

 

Im zweitgrößten Ghetto im besetzten Polen, in Łódź, schafften es die eingeschlossenen jüdischen Ärzte sogar, eine psychiatrische Abteilung im Krankenhaus Nr. III einzurichten. Aus dieser wurden bereits im März 1940, und damit im zeitlichen Zusammenhang mit der Aktion T4, Patienten weggebracht und ermordet. Am 18. Juli 1942 wurde das Krankenhaus III und damit auch die psychiatrische Abteilung endgültig „liquidiert“. Heute weiß man fast gar nichts über diese Einrichtung. 1989 wurde immerhin eine (unvollständige) Liste von „unheilbar Kranken“ in der psychiatrischen Abteilung per 8.11.1941 veröffentlicht, die hier wiedergegeben sei:

 

Patienten psychiatrische Abteilung Lodz

Patienten psychiatrische Abteilung Lodz

Ich wäre sehr dankbar, wenn jemand weitere Hinweise zu vertieften Recherchemöglichkeiten, insbesondere zu den Namen auf der Liste, hätte.

 

Literatur:

Hanna Krall: Dem Herrgott zuvorkommen. Berlin 1979.

Barbara Engelking: „Getto Warszawskie -przewodnik po nieistniejącym mieście“. Warszawa 2001

Zdzislaw Jaroszewski: Pacjenci i Pracownicy szpitali psychiatrycznych w Polsce. Warszawa 1989.

Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen: Psychiatrie im Nationalsozialismus: die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. München 1999.

Vielen Dank an Maria Ciesielska.