Nur mehr fünf Tage, dann beginnt die Konferenz des Arbeitskreises in Stralsund (Das Programm liegt hier). Eine gute Zeit, um Rückschau zu halten. Udo Dittmann vom Braunschweiger Fritz-Bauer-Freundeskreis hat einen Bericht über die Tagung in Leipzig im November 2013, geschrieben, den ich mich freue, hier präsentieren zu dürfen.

 

Der Beginn der Tagung am Freitagabend fand in Leipzig am Naschmarkt in der Alten Handelsbörse, einem bedeutenden historischen Gebäude, statt. Nach einer Begrüßung durch Thomas Seyde (Psychiatriekoordinator der Stadt Leipzig) und einem offiziellen Vertreter Stadt erfolgte ein erster Vortrag über „Kindereuthanasieverbrechen“ von Ulrich Rottleb.

Die weitere Tagung am Samstag und Sonntag war im Grassi-Museum  (einem renommierten Museum u.a. für Völkerkunde) am Johannisplatz. Zunächst gab es eine ausführliche Vorstellungsrunde der ca. 80 Teilnehmer der Tagung, die aus zahlreichen Gedenkstätten der Euthanasie-Aktionen in Deutschland und Österreich kamen sowie weitere Mediziner, Psychologen, Historiker und andere  Interessierte.

 

In einem ersten Beitrag berichtete Margarete Hamm vom „Bund der Euthanasie-Opfer und Zwangssterilisierten“ über die Frage der Entschädigungszahlungen an Zwangssterilisierte. – In einem weiteren Vortrag würdigte Susanne Hahn die Verdienste von Prof.Achim Thom in der ehemaligen DDR hinsichtlich seiner Forschungen über „Medizin im Nationalsozialismus“ und seiner Aufarbeitung von Medizin-Verbrechen in der NS-Zeit. Prof.Thom suchte dabei auch eine enge Zusammenarbeit mit westdeutschen Fachleuten.

 

Boris Böhm (von der Gedenkstätte Pirna/ Sonnenstein) stellte anschließend das Projekt „Gedenkbuch der Opfer der NS-Euthanasie“ vor. Dietmar Schulze (Universität Heidelberg) berichtete über „Todesanzeigen von T4-Opfern in sächsischen Tageszeitungen“. Im letzten Beitrag am Vormittag berichtete Astrid Ley (T4-Gedenkstätte Brandenburg) über die neu eingerichtete Gedenkstätte in Brandenburg/ Havel. Die Eröffnung hatte sich verzögert, da es zunächst wenig Unterstützung von politischer Seite gegeben hatte.

 

Infos zur T4- Anstalt Brandenburg: Es war eine der ersten Euthanasie-Mordanstalten. Im Mittelpunkt der ca. 120 qm umfassenden Dauerausstellung stehen die Bedeutung der Stätte als Ort einer ersten „Probevergasung“ sowie als Ort des systematischen Massenmordes an jüdischen Anstaltspatienten. Die Ausstellung thematisiert die direkte Verbindungslinie, die von der Tötungsanstalt Brandenburg zum Massenmord an den europäischen Juden führte. – Im Januar 1940 führten hochrangige NS-Vertreter eine erste „Probetötung“ durch, bei der die Entscheidung für das Tötungsverfahren mit Gas getroffen wurde. Da die Tötungsanstalt mitten in der Stadt lag, wurde sie im Oktober 1940 geschlossen. Bis dahin wurden mehr als 9000 Menschen aus psychiatrischen Anstalten des nord- und mitteldeutschen Raumes dort getötet. – Viele Mitarbeiter dieser Euthanasie-Anstalt übernahmen später Schlüsselpositionen bei der Ermordung der ins „Generalgouvernement“ deportierten Juden. Sie transferierten die in Brandenburg entwickelte Tötungstechnik in die NS-Vernichtungslager.

 

Am Samstagnachmittag:

Exkursion mit Bussen zu den Orten der ehemaligen „Kinderfachabteilungen“

Vom Grassimuseum fuhr man zunächst in die frühere Universitätskinderklinik Oststraße. Dort war Prof.Catel tätig, der 1939 die erste „Kindereuthanasie“ durchführte (der Fall des Kindes „K“). Wahrscheinlich erfolgte die Tötung des Kindes in einer Baracke auf dem Gelände, die jetzt aber nicht mehr erhalten ist.

Dieser als „Fall Leipzig“ oder als „Kind K“ in der Geschichtsforschung bekannt gewordene Vorgang gilt heute als Initialzündung für die reichsweite Ermordung behinderter Kinder und Jugendlicher.

Von der Kinderfachabteilung Ostraße ging es (bei Mieselwetter) zum Gedenkort Friedenspark. Dies war früher der Neue Johannisfriedhof. Die meisten der Euthanasieopfer (mit etwa 100 Grabstätten) wurden auf dem Neuen Johannisfriedhof beerdigt. Am 6.Mai 2011 hatte Oberbürgermeister Jung die Gedenkstätte für die Opfer der NS-Kindereuthanasieverbrechen – als zentralen Gedenkort von Euthanasieverbrechen – im Leipziger Friedenspark eingeweiht. Infos dazu hier.

 

Anschließend wurde das Gelände der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen besichtigt, das ca. 4-5 km von Zentrum entfernt liegt. Nach den schweren Bombenangriffen auf Leipzig wurden viele der Patienten aus der Stadt nach Dösen verlegt. Es ist ein weitläufiges Gelände, das heute sehr herunter gekommen ist. Die meisten Häuser stehen  leer und werden nicht mehr benutzt. Im Krieg war dort eine zweite „Kinderfachabteilung“ zur Tötung behinderter Kinder eingerichtet worden. Allein für Leipzig-Dösen wurden für den Zeitraum Okt.1940- Dez.1943 die Zahl von 551 Tötungen nachgewiesen Das Gebäude wurde dann zu DDR-Zeiten auch mit Patienten belegt, ohne dass eine Erinnerung an die frühere Verwendung stattfand.

Den Abschluss der Exkursion bildete ein Besuch im „Sächsischen Psychiatriemuseum“, in dem Lebensgeschichten bekannter Psychiatriepatienten wie J.Chr.Woyzeck, D.P.Schreber, Lene Voigt und Biographien wichtiger Psychiater wie Hermann Paul Nitsche und Entwicklungen psychiatrischer Institutionen dargestellt werden (www.psychiatriemuseum.de)

 

Themen am Sonntag

Stefan Raueiser: Über den Internetauftritt des Arbeitskreises

Die Webseite des AK soll endlich aktualisiert werden. Dies ist seit etwa 10 Jahren nicht mehr erfolgt. Auch das Layout soll verändert werden. Stefan Raueiser stellte einen ersten Vorschlag vor (www.ak-nseuthanasie.de)

Barbara Degen: Kindertötungen in Bethel

Die Referentin stellte ihre Forschungen zu Kindertötungen in Bethel vor. Bislang galt Bethel als ein Ort, der von Kindertötungen weitgehend verschont geblieben sei. Die neuen Forschungen korrigieren das Bild.

Thomas Beddries: Über Visionen einer „angewandten Psychiatrie“ in der Weimarer Republik

Georg Lilienthal (Gedenkstätte Hadamar): Über vergessene Zeitzeugen der Krankenmorde in Hadamar in der zweiten Mordphase

Maria Fiebrandt (TU Dresden): Über Siedlerselektion – die rassenhygienisch motivierte Selektion der „Volksdeutschen“ durch Ärzte der Einwanderungszentrale (EWZ) 1939-45.