Heute begann die Frühjahrstagung in Stralsund mit einer öffentlichen Abendveranstaltung. Neben den Begrüßungen gab es auch bereits zwei Vorträge: H.J. Freyberger, Greifswald/Stralsund, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sprach zum Stand der Aufarbeitung der NS-Zeit an der Stralsunder Klinik und Henrik Eberle, Halle zur Kampfstoffforschung der Greifswalder Professoren im Nationalsozialismus. Ich habe bei beiden Vorträgen mitgeschrieben. Damit das nicht in der Schublade verstaubt, stelle ich es hier online. Bitte beachten: Das sind keine Ausarbeitungen, sondern Mitschriften und enthalten sicher Fehler und Missverständnisse.

Vortrag 1:

Stand der Aufarbeitung an der Stralsunder Klinik
Stralsund Teil Pommerns mit vielen verschwundenen Kliniken
1. WK: in Stralsund stille Euthanasie, systematisch Lebensmittel entfernt
substantiell mehr Menschen im Krieg gestorben, noch mehr als im preussischen Durchschnitt
Zwangssterilisation: 33-39 632 Eingriffe, mehrheitlich Männer. 452 aus der psychiatrischen Klinik. 3 gestorben. Oft mit pol. Gewalt aus Klinik zum Eingriff geholt
Euthanasie
Franz Schwede Coburg mit Auftrag für Pilot Aktion, SS tragende Rolle. Anstalten später durch SS genutzt. Keine Selektion, frühe und fast vollständige Räumung der Anstalten.
1934 Gauleiter, 39 Reichsverteidigungskommissar. Initiator der Räumung. Transporte nach Meseritz-Obrawalde, Lauenburg und Ückermünde, Dezember 39 Stralsund an SS über geben, benutzt auch als psychiatrisches Lazarett, vielleicht als Ort der Tötung nicht mehr wehrmachtsfähiger Soldaten. 200 Patienten, v.a. forensische, erschossen in Piasnitz, später in andere Anstalten.

Aufarbeitung

Zwischennutzung als Kaserne f. Russische Soldaten, 1952 wieder psychiatrische Anstalt.
In  den 1980ern Artikelserie in Zeitung, Resonanz gering. SED-Kreisleitung wollte keine Gedenkplatte, 1996 Kunstwerk in Anstaltskirche aufgestellt.
1999 systematische Aufarbeitung versucht, Symposion, ökumenischer Gottesdienst. Über Spendenaufruf kamen 45.000 Mark für Gedenkzeichen/Stele zusammen.
In Ärzteschaft auch Skepsis.
2012 zum hundertjährigen Bestehen der Klinik dann Festschrift mit Zusammenfassung des Wissens.
Idee kam auf, vor Bahnhof Stolperschwelle zu errichten und zu Opfern zu recherchieren. Beschluss, auf Klinikgelände Namen ungekürzt zu präsentieren.
Idee, Anstaltsfriedhof zu revitalisieren. Nur mehr wenige Grabsteine übrig geblieben, viele im Zuge der Wende geklaut.
Personelle Kontinuität, v.a. Ebene der Pflegenden.
sehr späte Implementierung von Entschädigungsformen.
Verleugnung von Trauma-Folgeschäden.
Offene Fragen
Deutsche Wehrmachtssoldaten getötet?
Wer waren die Täter?
Psych. Aspekte der DDR-Diktatur. Dokumente und Zeitzeugnisse
Was war mit dem Anstaltspfarrer?

 

Vortrag 2:

Kampfstoff
Physik
Rüstungsbetrieb

Forschungscluster? Es waren Einzelforscher von der DFG gefördert, aber unzusammenhängend.
Lost- Gerhard Janda
Wurde an Uni Greifswald abgeschoben. Lost ist zäh, muss vernebelt werden auf dem Schlachtfeld. Forschungen erhalten höchste Dringlichkeitsstufe. Seine Habilschrift ist erhalten, benutzte eines der ersten Elektronenmikroskope.
Schlüsselpersonen Wilhelm Richter
Wird 1940 durch Sauerbruch ersetzt. Richter hat Ziel zu erforschen wie Kampfstoffe wirken. Kaninchen, Hasen, Hunde. – Quantitätsbestimmung durch Messung der Wirkung auf die Haut, auch Abwehr.
Ergebnis: keine Heilungsmöglichkeit. Beschäftigt sich auch mit Auslöschung von Tatoos durch Lost.
Freiwilligkeit?
Ort der Forschung? Heereslaboratorium Spandau? Keine Akten mehr vorhanden.
1942 Wechsel zu Otto Wels weil Richter an der Ostfront fällt. Versuche an Studenten, die bezahlt werden. Keine Ergebnisse
Virusforschung
Produktion von Biowaffen auf Insel Wiens. Noch kein Link zu Menschenversuchen nachweisbar.
Fritz Sander an Uni Rostock wird 1946 beschuldigt, Versuche an russischen Kriegsgefangenen durchgeführt zu haben.
Von Uniklinikum Greifswald gab es Verlegungen nach Ückermünde von Unheilbaren (amyotrophe Lateralsklerose), es wird auch viel nach Hause entlassen.
Verbindung nach Rostock? Unklar.