Enthüllung einer Gedenktafel am 13.6 Ende Juni am 9.7. um 14. Uhr

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Endlich wird sie enthüllt. Einer der Initiatoren, Marcin Pryt, wird anschließend hier darüber berichten. Und so sehen die Tafeln (es sind zwei -eine in polnisch, die andere mehrsprachig), momentan aus:

 

Die noch verhüllten Tafeln am Pförtnerhäuschen des Krankenhauses (Irgendwie klappt momentan das Einbetten des Bildes nicht -darum der Link)

 

Es ist ein Kapitel in der Geschichte der nationalsozialistischen Herrschaft im besetzten Polen, das nicht einmal Spezialisten geläufig ist. Kurz nach dem Beginn des Überfalls  am 1. September 1939 wurden auch die polnischen Krankenhäuser und psychiatrischen Anstalten besetzt. Was folgte, war ein systematischer Massenmord an weitgehend wehrlosen Patienten.

Das Vorgehen unterschied sich in den einzelnen Anstalten nur minimal: Der Besetzung durch Wehrmachtseinheiten folgte die Übergabe der Anstalt an deutsche Ärzte oder Verwaltungsbeamte. Diese befahlen dem Personal, Namenslisten der Patienten anzufertigen. Tage oder Wochen später kamen dann SS-Einheiten und brachten die Bewohner in umliegende Wälder, wo sie entweder erschossen oder in mobilen Gaswägen ermordet wurden. Bei der erstenVergasung überhaupt im Dritten Reich wurden in Posen im KZ Fort VII mehrere Hundert Patienten der Anstalt Owinsk getötet.

Die Namen der Anstalten -Dziekanka, Owinsk, Kościan- sagen heutzutage keinem mehr etwas. Damals allerdings waren es Institutionen, die teils mit einer mehr als 100 Jahre dauernden Geschichte aufwarten konnten und die oft mehr als 1000 Patienten versorgten. Einige von ihnen, wie etwa das Spital in Koscian, galten in der Zwischenkriegszeit in Polen als führend in der Erforschung und Behandlung von psychiatrischen Krankheiten. Dass sich dabei die Ärzte auch und vor allem an Deutschland orientierten und einige von ihnen zunehmend radikalere Positionen, wie etwa die Forderung nach Zwangssterilisationen, vertraten, ist die andere Seite der Medaille.

Lange Zeit waren die Geschehnisse vergessen. Die Opfer wurden jahrzehntelang nicht beachtet. In den 1970ern und 1980er Jahren entstanden an den Orten der Verbrechen kleine Gedenkorte. 1989 gab die historische Kommission der polnischen psychiatrischen Gesellschaft einen Sammelband heraus, der die wesentlichen Fakten zur Vernichtung der einzelnen Anstalten zusammenfasste. Sie publizierte auch die Namen der damals bekannten polnischen Opfer, und das war wirklich eine Pioniertat, die zur Nachahmung, gerade auch in Deutschland, aufruft.

Quelle: Jaroszewski et al: Pacjenci i pracownicy szpitali psychiatrycznych w Polsce zamordowanych przez okupanta histlerowskiego i los tych szpitali w latach 1939-1945. Tom II: Imienne wykazy zamordowanych. Warschau 1989.

Namensliste ermordeter Patienten des Krankenhauses Kochanowka in Lodz (Ausschnitt). Quelle: Jaroszewski et al: Pacjenci i pracownicy szpitali psychiatrycznych w Polsce zamordowani przez okupanta histlerowskiego i los tych szpitali w latach 1939-1945. Tom II: Imienne wykazy zamordowanych. Warschau 1989.

 

Jedoch sind nach wie vor fast keine Details zu den Opfern bekannt. Auf gedenkort-t4.eu gibt es die Biographie von Erna Kronshage (po polsku), die in Dziekanka/Tiegenhof ermordet wurde – meines Wissens nach die einzige ausgearbeitete Biografie eines Opfers der NS-„Euthanasie“ im besetzten Polen.

Auch das Krankenhaus Kochanówka bei Łódź entging nicht den euphemistisch „Evakuierungen“ genannten Mordaktionen. Beginnend am 13. März 1940 wurden in drei Phasen über 800 Patienten vergast oder in den nahen Wäldern erschossen. Dabei ging es nicht alleine darum, Platz in der Anstalt für z.B. volksdeutsche Umsiedler zu schaffen. Die ideologiegeleitete  Besessenheit, „unwertes Leben“ zu vernichten, führte auch dazu, dass bereits in Familienpflege entlassen gewesene Patienten in die Anstalt zurückgebracht wurden, nur um sie kurze Zeit später zu ermorden.

 

2011 startete das unabhängige Lodscher Künstlerkollektiv kosmopolitania eine Aktion zur Erinnerung an die Opfer der NS-„Euthanasie“  vor Ort. In einer einzigartigen Kampagne wurde in Clubs, auf Festivals, Vorträgen Spenden gesammelt, um eine Gedenktafel zu stiften,

"Den von der deutschen Besatzungsmacht 1940-1941 bestialisch ermordeten Paienten des Kochanowka-Krankenhauses"

„Den von der deutschen Besatzungsmacht 1940-1941 bestialisch ermordeten Paitenten des Kochanowka-Krankenhauses“ Ehre Ihrem Andenken.

die am Portierhäuschen des Krankenhauses angebracht werden soll.

 

Marcin Pryt, Mitglied von kosmopolitania und mehrerer legendärer polnischer Bands, erzählte auf der Konferenz NS-„Euthanasie“ in europäischer Perspektive von den Schwierigkeiten, aber vor allem von der ungeheuren Energie, die hinter diesem Projekt stand, und dem Willen, den Opfern ein Gesicht zu geben. 

Der Vortrag ist auf polnisch, eine deutsche Übersetzung gibt es hier.

Als musikalisches Andenken an die Ermordung der Lodzerer Patienten entstand auch eine CD der Band TRYP, die unbedingt hörenswert ist. Hier eine kurze Hörprobe, hier die Texte auf Englisch

 

Jetzt werden diese Bemühungen tatsächlich belohnt. Die Gedenktafel wird in einer kleinen Zeremonie am 13.6. enthüllt werden. Hier wird es einen Bericht darüber geben und hoffentlich auch Interviews mit den Initiatoren.

 

Mehr zum Thema im Netz:

http://tiergartenstrasse4.org/lecture.html

http://p-ntzp.com/dok/15Tadeusz_Nasierowsk1_de.pdf

http://gedenkort-t4.eu/vergangenheit/aktion-t4