Die Reportage “Die vergessenen Kinder von Leipzig” über das Gedenkbuchprojekt der Gedenkstätte Pirna Sonnenstein wird am 31.8. um 9:55 im RBB ausgestrahlt. Die Sendung lief bereits vor einigen Wochen im MDR und hat große Aufregung aufgrund von Aussagen einer 93-jährigen Zeitzeugin hervorgerufen.  Sie war in der Tötungsanstalt Großschweidnitz als Krankenschwester tätig. Dort starben in der „zweiten Phase“ der NS-„Euthanasie“ mehr als 3.000 Menschen an Unternährung und tödlichen Injektionen. Die Berliner Behinderten-Zeitung hob in ihrer September-Ausgabe  das Skandalöse an der ansonsten gut gemachten Sendung hervor:

Ihre [der Zeitzeugin, d.A.] Aussagen sind unfassbar menschenverachtend, doch das eigentlich Skandalöse an der Dokumentation ist, dass die Aussagen wiedergegeben werden. So spricht Frau Oleg von behinderten Menschen als Material: „Ja, aber zum Teil- was das für Material war“

In einer zweiten Sequenz spricht die Zeitzeugin noch von den Kindern als „Urmenschen“. Nicht nur die Sprache ist skandalös. Der eigentliche Lapsus der verantwortlichen Redakteure liegt darin begründet, dass man es verabsäumt hat, die Aussagen der Zeitzeugin einzuordnen und zu kontextualisieren. Natürlich könnte man argumentieren, dass sich solcher Sprachgebrauch von selbst desavouiert, allerdings scheint mir das kein valides Argument zu sein, sondern letztlich Ausdruck einer mangelnden Sensibilität. Man stelle sich nur vor, was passieren würde, wenn in einer Dokumentation über den Holocaust ein Zeitzeuge unkommentiert Juden diffamieren würde: Ein internationaler Skandal wäre unweigerlich die Folge, die Redakteure ihre Aufträge los.

Weiters ist es mehr als bemerkenswert, dass solche Versatzstücke von NS-Ideologie noch nach 70 Jahren ungebrochen von Zeitzeugen wiedergegeben werden. Jede Aufklärung, jegliche Inklusionsbemühungen, selbst das Grundgesetz scheinen an der Dame vollkommen vorbeigegangen zu sein. Dabei hätte sie allen Grund, vorsichtig mit ihren Äußerungen zu sein. Nach Meinungen einiger Juristen eröffnet das Demjanjuk-Verfahren auch grundsätzlich die Möglichkeit, erneut gegen Täter der NS-„Euthanasie“ vorzugehen. Wenn Demjanjuk verurteilt werden konnte, obwohl man ihm keine konkrete Tat nachweisen konnte, warum sollte das nicht analog für eine ehemalige Krankenschwester an einer Massenmordanstalt gelten, zumal sie sich in der Doku noch sehr gut an das Aussehen des Tötungsinstruments, der Medikakmente, erinnern konnte? Im Fall Demjanjuk reichte es für die Verurteilung, dass er als Hilfskraft bei der Ermordung mehrerer Hunderttausend Wehrloser in Sobibor anwesend war.

Könnte man nicht ähnliches über eine Krankenschwester vermuten, die den ärztlich angeordneten Massenmord schon alleine durch ihre Anwesenheit förderte?