Am 15.11.2013 fand in München eine hochkarätig besetzte Tagung zur Frage statt, ob, und wenn ja, in welcher Form die Namen von Opfern des NS-„Euthanasie“-Programmes genannt werden dürfen. Die Frage ist insbesondere in München virulent, da dort eine Arbeitsgruppe um Prof. Anette Eberle ein Gedenkbuch aller 3.000 Münchner anlegen will, die dem nationalsozialistischen Krankenmord zum Opfer  fielen.

Für nicht mit der Thematik vertraute mag die Fragestellung der Tagung verwunderlich klingen. Es ist ja nicht so, dass die Münchner Arbeitsgruppe damit Neuland betreten würde -im Gegenteil, Gedenkbücher für die Opfer des Nationalsozialismus gibt es unzählige, und begonnen wurde mit ihrer Erstellung oft schon direkt nach dem zweiten Weltkrieg, z.B. in Form der Yizkor-Bücher, die das Leben und die Vernichtung meist osteuropäischer jüdischer Gemeinden beschreiben. Ihnen und später nachfolgenden Gedenkbüchern ist  zu eigen, dass sie es als wesentliches Ziel haben, die Opfer des NS nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen. Wie Prof. Gerhard Baader auf der Tagung ausführte, sei es gerade für Juden sehr wichtig, dass der Name eines Menschen genannt werde, um ihn in Erinnerung zu halten.

 

Weshalb ist dies nun für Opfer der NS-Euthanasie anders? Jeder, der einmal eine Ausstellung zum Thema oder eine Gedenksätte besuchte, kennt die Tafeln, auf denen die Lebensgeschichte eines ermordeten Behinderten oder psychisch Kranken präsentiert wird. Oft findet sich darüber aber nicht der volle Name, sondern eine Abkürzung des Nachnamens nach dem ersten Buchstaben, z.B. Franz K. Auch in Internetpräsentationen, wie etwa der Gedenkstätte Hadamar, wird der Nachname regelmäßig weggelassen. Dort findet man dann kurze Portraits von Emilie R., Anna V. und Nikolaus K. 

 

 

Über den Grund dafür gaben auf der Tagung eine Reihe von Archivaren, Historikern, Gedenkstättenmitarbeitern und Juristen Auskunft. Die Gegner einer Namensnennung argumentieren, dass durch die volle Namensnennung die Gefahr bestünde, dass „schutzwürdige Belange Dritter“  berührt würden. Damit ist gemeint, dass die Opfer deshalb ermordet wurden, weil sie als „erbkrank“ galten. Wegen der Vererblichkeit der Krankheit eines vor 70 Jahren Gestorbenen könnten Menschen in der Gegenwart in Verbindung mit dieser Krankheit gebracht werden.  Das Bundesarchivgesetz (§ 5, Abs.6) macht damit die Benutzung unzulässig.

 

Die Befürworter, überwiegend Historiker, hoben vor allem auf die Würde der Opfer ab. Sie seien jahrzehntelang verschwiegen worden, deshalb sei es nun eine Art historischer Gerechtigkeit, sie in die Öffentlichkeit zu bringen. Insbesondere Wolfgang Benz äußerte sich besonders prägnant und ausführlich in einem Plädoyer für die volle Namensnennung. Er begann sein Statement mit der Feststellung, dass es eine Art anthropologische Konstante sei, dass der, dem Unrecht widerfährt, wolle, dass die Öffentlichkeit darüber informiert werde. Es sei letztlich eine Frage des Respekts, dass man den Opfern von NS-Unrecht diesen erweise, indem man auf die Umstände ihres Todes hinweise. Schließlich seien die Opfer für die Mörder nur eine Masse gewesen, eine Re-Individualisierung könne über die Namensnennung erfolgen.  Der britische Medizinhistoriker Paul Weindling berichtete überdies von ganz konkreten Hemmnissen für seine Forschung. Sein Vorhaben, ein Verzeichnis aller Opfer des NS-Krankenmordes und medizinischer Experimente zu erstellen, sei durch die archivrechtliche Regelungen in Deutschland nicht durchführbar. Die Rechtsanwältin Angelika von der Decken wies die Rechtsinterpretation der Gegner der Namensnennung zurück. Sie argumentierte, dass das postmortale Persönlichkeitsrecht nicht berührt sei und es juristisch gesehen egal sei, ob Angehörige peinlich berührt seien oder nicht.

 

Damit waren die Rahmenbedingungen für eine Diskussion gelegt, die in ihrer Emotionalität und Vielschichtigkeit sicher als außergewöhnlich  gelten kann und in Erinnerung bleiben wird. So berichtete Dr. Georg Lilienthal, Direktor der Gedenkstätte Hadamar, dass dort das Gedenkbuch der Opfer nur ausgedruckt und nicht öffentlich zugänglich sei. Man habe „Angst vorm Fotografieren“. Angehörige von Opfern und Historiker äußerten wiederholt ihr Unverständnis über den als starr und engstirnig beschriebenen Standpunkt der Archivare.

 

An den beschriebenen Diskursmodi wurde jedoch nicht gerüttelt: Für die Archivare und Juristen (mit einer Ausnahme) galten axiomatisch die schutzwürdigen Belange Dritter, für die Historiker und Angehörigen die Würde der Opfer, die gebiete, dass man die Namen nenne. So kam man nicht zusammen.

 

Als Kompromiss wurde schließlich genannt, dass man ein Gedenkbuch mit voller Namensnennung machen könne, wenn man es nur in einem Exemplar an einem nicht öffentlich zugänglichen Ort auslege. Die Arbeitsgruppe wollte sich damit nicht abfinden und weiterarbeiten, auch wenn sie sich damit möglicherweise in der Illegalität befänden.

 

Als Fazit lässt sich festhalten, dass wohl noch selten ein derart intensives Zusammenprallen zweier Zugänge zu dem Thema  beobachtet werden konnte. Mittlerweile jahrzehntelang eingeübte Praxen der Erinnerung und des Gedenkens trafen auf eine stahlbetonharte Wand aus Paragraphen und Vorschriften. Es bleibt zu hoffen, dass eine Lösung gefunden werden kann. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass  die Tagung einen regen Anklang auch auf Twitter fand -und dass, obwohl nur zwei Twitterer anwesend waren: @t4eu und @thesismum. Die Tweets können über die Timeline der beiden nachgelesen werden.