Unser Kollege Artur Hojan ist im Dezember 2013 gestorben. Wir verlieren einen Kollegen und Freund, der uns seit den ersten Schritten, die wir mit unserem Projekt gegangen sind, begleitet hat. Seine Ratschläge und Hinweise, sein Wissen und seine unbestechliche Kritik waren fundamental wichtig für die Konzeption der Seite; sein Humor, sein Einfühlungsvermögen und seine vielfältigen Interessen unersetzlich für die grandiose Zusammenarbeit. 

 

Artur Hojan war es nicht in die Wiege gelegt, einer der Experten für den nationalsozialistischen Krankenmord und den Holocaust im besetzten Polen zu werden. Von seiner Ausbildung her Geologe, arbeitete er in den 1990ern als Journalist für die Posener Lokalausgabe der Gazeta Wyborcza. Einen Wendepunkt stellte sein Zusammentreffen mit den Machern der Seite Action Reinhard Camps  dar, die auf ausgedehnten Forschung- und Dokumentationsreisen durch Polen Material zu den nationalsozialistischen Vernichtungslagern sammelten, das sie dann im Internet veröffentlichten. Für die Seite stellte Artur Materialien zu den „Euthanasie“-Verbrechen im besetzten Polen zusammen. 2002 folgte dann seine erste Publikation „terra incognita“, eine Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte seiner Heimatstadt Kościan. Es folgten einige Veröffentlichungen zum Krankenmord, darunter „Nazistowska Pseudoeutanazja w Krajowym Zakladzie Psychiatrycznym w Kościanie“ [„NS-„Euthanasie in der Landesheilanstalt Kosten“] und zusammen mit Cameron Munro „The Chronicle from Dead Places/ Following the footsteps of the Lange Kommando“. All diese und die folgenden Bücher wurden durch Arturs unermüdliche Archivarbeit möglich. Dabei scheute er sich nicht, auch schmerzhafte Themen aufzugreifen. In seinem Buch „Dr. Bielawski i Eugenika“, aber auch hier, polemisierte er fundiert gegen den polnischen Opfermythos, der seiner Ansicht nach zu einer allzu milden Betrachtung der Rolle polnischer Ärzte im Krankenmord geführt habe.

 

Artur war gesegnet mit einem untrüglichen Gespür dafür, wo noch Quellen zu diesem in der etablierten Forschung im Grunde bis heute vernachlässigten Verbrechenskomplex liegen könnten. Wochen und Monate verbrachte er in den polnischen Staatsarchiven und Dienststellen des Instituts des Nationalen Gedenkens. Niemand sonst dürfte ein ähnlich tief gestaffeltes Wissen um die Quellen des Krankenmordes gehabt haben. 

 

Er  fand schnell Anerkennung: So war er ein geschätzter Gast und Beiträger auf Tagungen des Staatlichen Museums Auschwitz und anderern Konferenzen in Polen und Deutschland. Der ebenfalls vie zu früh verstorbene Raimond Reiter lud ihn dazu ein, einen Beitrag für seinen Band „Opfer der NS-Psychiatrie. Gedenken in Niedersachsen und Bremen“ zu verfassen. Zusammen mit Cameron Munro gründete er die Tiergartenstraße 4 Association, die neben anderen Projekten eine Ausstellung zum Vernichtungslager Kulmhof initiierte. Sie war bis jetzt im Centrum Judaicum und im Bundesarchiv Berlin zu sehen.

 

Kurz bevor er völlig unerwartet aus dem Leben gerissen wurde, stellte er noch seine letzte Publikation zur Rolle des polnischen Arbeitskommandos im Vernichtungslager Kulmhof fertig. Freunde und Kollegen werden dieses Buch zur Druckreife bringen und noch dieses Jahr herausgeben. Vom 10. bis 12.10. 2014 wird in Poznan die Herbsttagung des Arbeitskreises zur Erforschung der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisation stattfinden, die ohne Arturs unermüdlichen Einsatz nicht auf den weg gebracht worden wäre.

 

Wir werden ihn nie vergessen. Unsere Gedanken gelten seiner Frau Adrianna und seiner kleinen Tochter Suzy.

 

Das Team von gedenkort-t4.eu