Wer?

Ziel der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) ist es,

jedermann über das Internet freien Zugang zum kulturellen und wissenschaftlichen Erbe Deutschlands zu eröffnen, also zu Millionen von Büchern, Archivalien, Bildern, Skulpturen, Musikstücken und anderen Tondokumenten, Filmen und Noten.

Die DDB formuliert hohe Ansprüche an das von ihr bereitgestellte Material: Nicht nur soll

das kulturelle und wissenschaftliche Erbe Deutschlands in digitaler Form

präsentiert werden, sondern man verspricht auch eine Kuratierung anhand der Kategorie „Authentizität“:

Die DDB stellt nur Informationen zu sorgfältig und fachkundig aufbereitetem Material zur Verfügung. Nutzerinnen und Nutzer können sich der Authentizität der Inhalte sicher sein. (Quelle)

Kurzum: Man will sich von der Zufälligkeit einer Google-Suche abheben und ein Gegenentwurf zur ansonsten im Netz herrschenden Anarchie sein, also klassische Aufgaben einer Bibliothek -Katalogisieren und Systematisieren- online nachvollziehen.

Barrieren

Im Gegensatz zu einer „echten“ Bibliothek besitzt die DDB keine Digitalisate, sondern verlinkt auf die von ihren Kooperationspartnern -momentan sind es über 2.000- bereitgestellten Inhalte. Damit hat sie auch keinen Einfluss auf die Darstellungsweise und Barrierefreiheit der Inhalte. Die DDB selbst erhielt von der Deutschen Zentralbücherei für Blinde  eine Bewertung von 93 Punkten. An Videos in Gebärdensprache ist aber nicht gedacht worden; damit bleibt sie z.B. hinter der Website der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas  zurück. Auch gibt es keine Erklärung oder gar Übersetzung des Portals in Einfache Sprache. Da der Träger der DDB die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist, also eine Stiftung des öffentlichen Rechts, wird hier vermutlich § 3 der Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0 verletzt. Ihr zu Folge müssen  Informationen zum Inhalt, Hinweise zur Navigation sowie Hinweise auf weitere in diesem Auftritt vorhandene Informationen in Deutscher Gebärdensprache oder in Leichter Sprache vorhanden sein.

Was?

Gibt man nun in das Suchfeld das Stichwort Euthanasie ein, wirft die DDB 431 Medien aus, eine Suche nach Krankenmord liefert dagegen nur zwei Ergebnisse. Es werden die üblichen Suchfilter geboten, auch gibt es die Möglichkeit, Suchergebnisse weiter einzuschränken. Nach einer Anmeldung, die man auch mittels eines Google- oder Yahookontos vollziehen kann (Was sagt eigentlich die Bundesdatenschutzbeauftragte dazu?), kann man seine Suchanfragen auch speichern und einzelne Ergebnisse favorisieren und damit in seinem Benutzerkonto auflisten.

 

Als erstes fällt die geographische Einseitigkeit der Datenlieferanten auf. Fast ausschließlich Archive aus dem süddeutschen Raum haben Inhalte zur Verfügung gestellt. Diese sind aber von außerordentlicher Qualität. So hat das Landesarchiv Baden-Württemberg Strafakten  aus dem Grafeneck-Prozess (Prozess gegen Dr. Otto Mauthe u.a. wegen Euthanasie) digitalisert. Damit lässt sich eines der ohnehin nicht sehr zahlreichen Verfahren gegen Täter der NS-„Euthanasie“ recht gut nachvollziehen. Hier hat man anscheinend auch keine Probleme damit, Namen von Opfern des Krankenmordes zugänglich zu machen. (z.B. hier Rosa Kramer) Bekanntlich haben die meisten Archive viele Sorgen deswegen. Ob die Namensveröffentlichung wohl beabsichtigt oder einem Flüchtigkeitsfehler geschuldet war?

Akten aus dem Verfahren machen aber auch gleich 351 der 431 Treffer aus.  Zweifelsohne interessant sind auch Treffer, die man als Marginalien abtun könnte, die aber doch den Blick öffnen: Wer weiß heute schon noch, dass die Gedenkstätte Grafeneck 1990 kurz nach der Eröffnung  mit rechtsradikalen Schmierereien verunstaltet wurde? 

 

Zweitens wird das Versprechen eingelöst,  Treffer von hoher Relevanz zu liefern. Nur sehr wenige Ergebnisse verweisen auf Bestände, die nichts mit dem NS-Krankenmord zu tun haben. Das mag dem Zufall geschuldet sein -etwa dass noch keine tiermedizinische Literatur verzeichnet wurde- ist aber auf jeden Fall sehr angenehm bei der Recherche.

 

Drittens ist als Kritikpunkt anzumerken, dass die versprochene Kuratierung nicht immer ganz nachvollziehbar ist. Warum etwa unter Relevanzkriterien das Buch von Christoph Braß zu Zwangssterilisation und „Euthanasie“ im Saarland relevanter sein soll als das immer noch Maßstäbe setzende Werk von Hans-Walter Schmuhl „Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie…“ bleibt rätselhaft. Hier wäre es hilfreich, zumindest ansatzweise die Benutzer einzubeziehen, in dem man direkt aus einem Suchergebnis ein Feedback senden kann. Darüberhinaus sollten über die Favoritenfunktion angelegte Sammlungen geteilt werden können. 

Dass beinahe sämtliche neue Forschungsliteratur nicht erfasst wird, ist selbstverständlich keine Schuld der DDB, sondern der Verweigerung von Autoren und Verlagen, sich Open Access zu öffnen, zuzuschreiben.

 

Alle Suchergebnisse verweisen auf Inhalte, die mit Persistent Identifiers ausgestattet sind. Damit wären sie auch nach Sever- und URL-Wechsel noch auffindbar.

 

Fazit

Ein sehr gutes Angebot, das hoffentlich von den Inhaltelieferanten noch weiter befüllt werden wird. Negativ zu bewerten ist die fehlende Barrierefreiheit und das intransparente Ranking der Inhalte. Positiv stechen die leichte Bedienbarkeit und das ansprechende Design hervor.