Ich war vom 6.7.1940 bis zum 18.1.1945 in Auschwitz inhaftiert.

Mit diesen Worten beginnt die zweiseitige Verschriftlichung einer Aussage von Kazimierz Smoleń vom 8.5.1968. Smoleń wurde vom Langerichtsrat Bach in der „Voruntersuchungssache Dr. Horst Schumann“, wie es im Protokoll der Zeugenvernehmung heisst, vernommen.   Der Zeuge war nicht nur einfach ein ehemaliger Häftling des Lagerkomplexes Auschwitz-Birkenau gewesen, sondern war zur Zeit der Aussage bereits seit einigen Jahren Leiter des Staatlichen Museums Auschwitz. Diese Funktion sollte er noch bis 1990 innehaben.

 

Aussageprotokoll Kazimierz Smoleń. Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Sig. 631a/1722

Aussageprotokoll Kazimierz Smoleń. Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Sig. 631a/1722

Aussageprotokoll Kazimierz Smoleń. Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Sig. 631a/1722

Aussageprotokoll Kazimierz Smoleń. Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Sig. 631a/1722

 

Dr. Horst Schumann, gegen den ermittelt wurde, war Arzt, hatte u.a. in Leipzig und Insbruck studiert und mit einer „gerade die notwendigen Rahmenbedingungen“(Ruth Jolanda Weinberger: Fertilitätsexperimente in Auschwitz  S. 19) erfüllenden Dissertation „Zur Frage der Jodresorption und der therapeutischen Wirkung sogenannter Jodbäder“ seinen Doktortitel erworben. Sein Weg führte ihn in den öffentlichen Gesundheitsdienst in Halle und schließlich an die Tötungsanstalten Grafeneck und Pirna-Sonnenstein. Im Frühjahr 1941 kam Heinrich Himmler mit Phillip Bouhler, dem Leiter der Kanzlei des Führers und Hauptveranwortlichen für die Aktion T4, überein, auch kranke Häftlinge in den Krankenmord einzubeziehen. Schumann reiste im Sommer 1941 zusammen mit zwei weiteren Ärzten, die für die Aktion T4 arbeiteten, Robert Müller und Friedrich Mennecke, nach Auschwitz. Dort hatte die Lagerleitung vorher ein Gerücht gestreut, dass es bald Transporte in ein Sanatorium geben werde. Zusammen mit SS-Ärzten inspizierten sie dann am 28. Juli die Häftlinge, teilweise aber auch nur die Akten. Am Abend bestiegen 575 selektierte Häftlinge dann einen Zug, der nach Pirna fuhr. Innerhalb von fünf Tagen wurden sie in der Gaskammer der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet.

Horst Schumann führte später in Auschwitz noch Zwangssterilisationen mittels Röntgenstrahlen durch. Ein Opfer erinnerte sich später:

„There we had to get undressed and two metal pipes were placed under our lower body. Then he handled the machine, which was a big monster. I don’t know what he did, but the machine made some noise.” (Quelle, S.24)

 

Dass es überhaupt zu Ermittlungen gegen Schumann kam, war keineswegs selbstverständlich. Nach 1945 waren in Ost und West überhaupt nur 90 Prozesse gegen „Euthanasie“-Täter eröffnet worden, von denen 65 mit einem Freispruch endeten oder eingestellt wurden. Schumannn floh aus der DDR 1951 nach Ghana, wo er als Arzt prakizierte. 1966 in die BRD ausgeliefert, musste er gleich nach Beginn des Prozesses in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Chronischer Bluthochdruck verhinderte zwar die Fortführung der Verhandlung, allerdings nicht Schumanns Weiterleben bis 1983. Ein Artikel im Spiegel vom 11.12.1972 beschrieb ein Komplott aus willfährigen Ärzten, die ihrem Standesgenossenmit Gefälligkeitsdiagnosen den Prozeß ersparten, und einem Angeklagten, der die Justiz zum Narren hielt. Smoleń hatte umsonst ausgesagt, konnte aber noch bis 2012 auch dieses Detail der Geschichte des Lagers Auschwitz weitererzählen.

Er starb am 27.1.2012.

 

Dank an Dr. Boris Böhm von der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein für den Vortrag „Die Ermordung von polnischen Psychiatriepatienten und KZ-Häftlingen in der „Euthanasie“-Anstalt Pirna-Sonnenstein 1940/41“ auf der Konferenz Medizin im besetzten Polen im Schatten des Nationalsozialisms. Er wird im Tagungsband Ende des Jahres erscheinen.