Franz Stangl und Gitta Sereny

Franz Stangl und Gitta Sereny 1971

Franz Stangl war Österreicher, aus dem eher deutschnational gesinnten Teil der Donaumonarchie. Er war Polizist und wurde nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland Büroleiter der Euthanasie-Mordanstalt Hartheim und danach Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka. Sereny, selbst ein spätes Kind Österreich-Ungarns, interviewte ihn für ihr Buch „Am Abgrund. Eine Gewissensforschung“ 1971 im Gefängnis kurz vor seinem Tod. Gerd Bucerius schrieb 1982 in der Zeit nach der Lektüre dieses Buches einen langen, bedrückenden Essay über die Möglichkeit der Täterschaft.

„Da liegt auch – kommen wir je in eine gleiche Lage – unsere Chance, die wir nicht glauben dürfen, wir seien so viel besser geschaffen worden als Stangl. Sind wir erst auf dem Wege, ist selbst für den Redlichen kaum noch eine Entkommen; das hat Gitta Sereny bewiesen.“

Der Essay gehört wohl zum Besten, was im Feuilleton jemals zur „Euthanasie“ und zum Holocaust geschrieben wurde. Geschickt, aber nicht effektheischend, verwob Bucerius immer wieder persönliche Erinnerungen in den Text, der in weiten Teilen auch eine Auseinandersetzung mit der Rolle der katholischen und der evangelischen Kirche ist. Für ihn ergab sich völlig klar, ohne großes Hin und Her über die Validität des historischen Arguments, die Ablehnung von Sterbehilfe:

„Ich erinnere, daß mein Vater vor mehr als 60 Jahren (als Beigeordneter der Stadt Essen) abends nach Hause kam vom Besuch einer Anstalt, in der katholische Schwestern solche Unglücklichen pflegten. Unter dem Eindruck des Entsetzlichen hat er gefragt, ob der Tod nicht einem solchen Leben vorzuziehen sei. „Aber wir dürfen sie nicht töten“, sagte er. „Wir müssen ertragen, daß diese Unglücklichen leiden. Wir müssen ihnen helfen, wie wir nur können.“ – Heute ist die Entscheidung einfach: Wir haben erlebt, wo die Mitleidstötung endet.“

Die deutsche Biographie des Österreichers Stangl wurde durch seine Beschäftigung bei VW in Brasilien nach seiner Flucht mit Hilfe des katholischen Bischofs von Graz, Hudal, noch abgerundet. Dass es letzlich nur dem unbedingten Willen eines anderen Österreichers (und auch jüdischen Sohnes der k.u.k. Monarchie), nämlich Simon Wiesenthals, zu verdanken ist, dass er überhaupt vor Gericht gestellt wurde, mag da wie eine Ironie des Schicksals wirken. Stangl, der Mörder mehrerer Hunderttausend Menschen, blieb für seine Tochter Renate ein beinahe Heiliger, wie Bucerius am Schluss seines Essays erzählt:

„Nichts in der Welt kann mich veranlassen zu glauben, daß er je etwas Falsches getan hat. Er verstand mich. Er hat durch dick und dünn zu mir gehalten. Ich liebe ihn – ich werde ihn immer lieben. Ich hoffe, er weiß es dort, wo er jetzt ist.““

Damit leistete sie die Verleugnungsarbeit, die Harald Welzer in seiner Studie „Opa war kein Nazi“ für die Generation der Enkel nachwies. Ob Renate Stangl jetzt, 30 Jahre nach dem Erscheinen des Essays von Bucerius, wohl anders denkt? Und wie denken -oder vorsichtiger gefragt: was wissen- die Nachkommen der vielen Tausend Ärzte, Pfleger, Bürokraten und anderer, die den Krankenmord durchführten? Bis jetzt hat nur eine einzige Stellung bezogen: Mireille Horsinga-Renno ist die Nichte des Hartheimer „Euthanasie“-Arztes Georg Renno. In einem Interview erzählt sie von ihrer Konfrontation mit der Familiengeschichte, die im Buch „Der Arzt von Hartheim“ resultierte.