[UPDATE: Die taz berichtete am 27.1.2016 über die Eröffnung des Denkmals]

Der Arbeitskreis Cap Arcona leistet seit Jahren anerkannte und unermüdliche Gedenkarbeit in Neustadt (Schleswig-Holstein). Eines seiner Arbeitsfelder ist die Erinnerung an die Ermordung von psychiatrischen Patient_innen in der NS-„Euthanasie“. Er sieht sich aber Widerständen ausgesetzt: Das Landesarchiv Schleswig-Holstein möchte die Namen nicht herausgeben, das zuständige Ministerium sie nicht veröffentlichen lassen. Dabei wird mit Versatzstücken eugenischen Denkens der 1930er Jahre argumentiert.

Wir dokumentieren hier einen Text des Arbeitskreises und rufen alle auf, ihn zu unterstützen und sich im Kampf gegen das Verschweigen und Vergessen zu engagieren und zu vernetzen.

 

„Die Bemühungen des Arbeitskreises, mit einer Veröffentlichung der Namen der ermordeten Patienten auf einem Gedenkstein in Neustadt einen Beitrag dazu zu leisten, dass der ermordeten Patienten angemessen gedacht werden kann, läßt sich in drei Phasen aufteilen.

 

Nachdem bekannt geworden war, dass die Ameosklinik sämtliche Unterlagen über die ermordeten Patienten zur Aufbewahrung in das Landesarchiv Schleswig gegeben hatte, stellte der AK in dieser ersten Phase dort am 6.3.2014 den Antrag, Einsicht in die Verlegungslisten und Unterlagen betreffend die ermordeten Patienten aus dem Jahr 1941 nehmen zu können.

Gedenkstele auf dem Gelände der AMEOS-Klinik Neustadt/Holstein

Gedenkstele auf dem Gelände der AMEOS-Klinik Neustadt/Holstein

Dieser Antrag wurde – für alle überraschend – vom Landesarchiv Schleswig am 11.3.2014 abgelehnt.

Noch überraschender als die Ablehnung waren die für die Ablehnung vorgebrachten Gründe. Zusammengefaßt und vereinfacht ausgedrückt, meinte das Landesarchiv Schleswig, noch lebende Angehörige der von den Nazis ermordeten Patienten und Patientinnen könnten sich für ihre ermordeten Verwandten schämen und den Umstand,  dass ihre Verwandten als Patienten einer psychiatrischen Klinik getötet wurden, als Makel empfinden. Deshalb sei eine Einsicht in die Akten ebenso wenig möglich wie eine  Veröffentlichung der Namen auf einem Gedenkstein.

 

Aber: Nicht die Opfer, sondern die Täter, von denen viel zu viele nicht einmal wegen ihrer Untaten angeklagt, geschweige denn verurteilt wurden, müssen sich schämen. Sie, und nicht ihre Opfer, sind zu ächten. Darüber sollte Einigkeit bestehen.

Das Landesarchiv verkehrt diese Selbstverständlichkeit ins Gegenteil.

Es behauptet, alle Patienten, die im Rahmen des sog. Euthanasie-Programms ermordet wurden, hätten dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses unterstanden, und dieses Gesetz habe über eine Reihe von Zwischenstationen zur gezielten Tötung der Patienten geführt.

Detail der Gedenkstele

Detail der Gedenkstele

Die Nazis hatten bereits am 14.7.1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen. Auf der Grundlage dieses Gesetzes konnten psychisch Kranke, vermeintlich psychisch Kranke und andere Menschen, von denen die Nazis meinten, sie seien lebensunwert, zwangsweise sterilisiert werden.  Die Nazis behaupteten, die tatsächlichen oder vermeintlichen Erkrankungen dieser Patienten seien erblich bedingt, deshalb müsse verhindert werden, dass sie sich fortpflanzen.

Das hierauf abzielende Gesetz ist offenkundig verfassungswidrig und nichtig. Hierüber verliert der Ablehnungsbescheid des Landesarchivs kein Wort. Zudem unterstellt es, die später ermordeten Patienten hätten die Krankheit, unter der sie unter Umständen litten, geerbt.

Dies alles liest sich nahezu wie eine Rechtfertigung der Euthanasie, Worte der Kritik sucht man ebenso vergeblich wie einen Hinweis auf das Monströse dieser Nazi-Verbrechen.
Die Mitglieder des Arbeitskreises waren fassungslos angesichts dieser vom Landesarchiv vertretenen Position und legten deshalb gegen den ablehnenden Bescheid  Widerspruch ein. Mit dem Widerspruch begann die zweite Phase.

In seinem Widerspruch betonte der Arbeitskreis insbesondere drei Gesichtspunkte:

  • Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses stellte zu keinem Zeitpunkt eine Rechtsgrundlage für die Morde an den Patienten und Patientinnen dar. Eine Rechtsgrundlage hierfür gab es nicht, eine solche ist auch nicht vorstellbar, weil jedes Gesetz, welches solche Verbrechen erlauben würde, wegen Verstoßes gegen die Menschenwürde verfassungswidrig und nichtig wäre.
  • Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses enthält die Behauptung, die meisten psychischen Krankheiten seien erblich bedingt. Dies ist wissenschaftlich nicht haltbar. Nur bei sehr wenigen psychischen Erkrankungen gibt es Nachweise für die Möglichkeit einer Vererbbarkeit. Hinsichtlich der ermordeten Patienten kann und darf schon deshalb von einer ererbten Krankheit nicht ausgegangen werden.
  • Da es den Nazis in ihrem Rassenwahn darum ging, die angebliche „Reinheit des deutschen Volkskörpers“ zu erhalten und gleichzeitig angebliche „unnütze Esser“ zu eliminieren, sollten so viele vermeintlich psychisch Kranke wie möglich umgebracht werden. Schon deshalb verbietet es sich, den sog. Diagnosen irgendeinen Wert zukommen zu lassen. Entscheidend ist aber, dass auch eine zutreffende Diagnose einer psychischen Erkrankung, sei sie auch erblich bedingt, niemals die Ermordung des Betroffenen rechtfertigen kann.

Über den eingelegten Widerspruch hatte ein Schiedsausschuß zu entscheiden. Der AK beantragte, vom Schiedsausschuß persönlich angehört zu werden.

Ein weiterer Antrag, gemeinsam mit den Vertretern des Landesarchivs angehört zu werden, scheiterte an der Ablehnung durch das Landesarchiv. Auch ein Antrag, wenigstens bei der Anhörung der Vertreter des Landesarchivs zuhören zu können, scheiterte an deren Ablehnung. Die Vertreter des Landesarchivs wollten die Mitglieder des Arbeitskreises nicht sehen, nicht hören und nicht mit ihnen sprechen.

Die Anhörung dauerte mehr als zwei Stunden. Es stellte sich heraus, dass das Landesarchiv an seiner – unhaltbaren – Argumentation nicht mehr festhielt und stattdessen nunmehr – völlig überraschend – behauptete, aus den Verlegungslisten ergebe sich nicht, wer getötet worden sei.

Informationstext an der Gedenkstele

Informationstext an der Gedenkstele

 

Für den AK lag auf der Hand, dass diese neue Begründung nur ein Scheinargument war.
Denn es ist offenkundig, dass – wenn überhaupt – nur wenige Patienten, die auf den Verlegungslisten aufgeführt sind, nicht ermordet worden sind.  Deshalb erklärte sich der Arbeitskreis damit einverstanden, die Namen aus den Verlegungslisten mit den in den Tötungsanstalten dokumentierten Namen der Getöteten abzugleichen.

Nach Beendigung der Anhörung entschied der Schiedsausschuß noch am selben Tag und gab dem Antrag des AK im Wesentlichen statt.

Die Einsichtnahme in die Verlegungslisten beim Landesarchiv wurde unter folgenden Auflagen gestattet:

  • Es dürfen nur Abschriften aus den Verlegungslisten erstellt werden, nicht aber analoge oder digitale Kopien.
  • Die auf den Verlegungslisten enthaltenen Namen müssen mit den Namen der Ermordeten abgeglichen werden, die in den Tötungsanstalten dokumentiert sind.
  • Die so erlangten Namen dürfen nur im Bereich der Stadt Neustadt, soweit möglich auf dem Gelände der Ameos-Klinik sichtbar gemacht werden.

 

Mit dem Bescheid des Schiedsausschusses endete die 2. Phase.
Der AK befindet sich jetzt in der 3. Phase: dem Abschreiben der Verlegungslisten und dem Namensabgleich.

Ehe mit der Einsicht in die Verlegungslisten begonnen werden konnte, versuchte das Ministerium trotz der eindeutigen Entscheidung des Schiedausschusses mit Email vom 24.7.2014 , den AK dazu zu bewegen, von der gestatteten Sichtbarmachung der vollständigen Namen der Ermordeten abzusehen. Das Ministerium begründete diese Intervention mit dem angeblichen „Interesse der heute lebenden Angehörigen am Nichtwissen“.

Der AK hat in mühevoller Arbeit die Namen, Geburtsdaten und – soweit vorhanden – die Verlegungsdaten in die Tötungsanstalten aus den Akten abgeschrieben und in eine Liste überführt. Diese Daten müssen jetzt abgeglichen werden.

Arbeitskreis Cap Arcona“

 

Warum der auch vom Landesarchiv angeführte Datenschutz nicht greift und ein Scheinargument ist, können Sie hier in einem Gutachten von Dr. Erhart Körting nachlesen.