Erschienen: Leipzig 2015; Leipziger Universitätsverlag. Umfang: 172 Seiten. Preis: 22 €. ISBN: 978-3-86583-976-3

 

„Wird heute nach einer Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Sachsen überführt.“ Die Ermordung ostpreußischer Patienten in der nationalsozialistischen Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein im Jahre 1941.

„Beim Thema NS-„Euthanasie“ vermischt sich diese Kollektivgeschichte erschreckend real mit meiner Familiengeschichte“.

Dieses Bekenntnis von Birte Lauer Winkler in ihrem die Publikation einleitenden Porträt ihrer Urgroßmutter, die aus Ostpreußen nach Pirna-Sonnenstein deportiert und dort ermordet wurde, steht beispielhaft für einen großen Teil der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ nach 1945. Sie fand sehr oft aus einer persönlichen Betroffenheit von Angehörigen, Ärzten, Familienforschern und Amateurhistorikern statt.

 

Dieser Band nun istauch  das Ergebnis einer Professionalisierung von Forschung zur NS-„Euthanasie“, die oft mit der Einrichtung von Gedenkstätten einherging. Wie Boris Böhm in seiner Einführung hervorhebt, soll die Mordaktion, der 623 Ostpreußen zum Opfer fielen, nicht als ein singuläres Ereignis gefasst, sondern in die deutsche und ostpreußische Sozial- und Gesellschaftsgeschichte eingeordnet werden (S. 14)

 

Boris Böhm, Hagen Markwardt und Ulrich Rottleb zeichnen demzufolge kenntnisreich und unter Nutzung zahlreicher auch abgelegener Quellen die Geschichte der ostpreußischen Antalten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges nach. Dabei werden nicht nur die Entwicklungslinien der  großen Anstalten wie etwa Tapiau, sondern auch kleinerer Einrichtungen der Behindertenhilfe geschildert. Sie führen die im Vergleich mit anderen Teilen Deutschlands verspätete Einrichtung einer psychiatrischen Versorgungsstruktur auf die durch die überwiegend agrarische Struktur der ostpreußischen Wirtschaft gegebenen Möglichkeiten der Betreuung innerhalb der Familien zurück.

 

Ulrich Rottleb und Birte Laura Winkler schildern in dem anschließenden Kapitel den Beginn der Krankenmorde 1939 und die Ermordung ostpreußischer Patienten im Frühjahr 1940 durch ein Sonderkommando in Soldau. Damit weichen sie die etwas enge Eingrenzung des Titels des Bandes zwar auf und weiten den Blick sowohl chronologisch wie auch geographisch. Sie folgen aber im Wesentlichen der neueren wie auch älteren Forschungsliteratur zum Thema und zeigen den Beginn der Benutzung von Giftgas im Warthegau, das mittels eines Gaswagens auch zur Ermordung von etwa 1500 Patienten in einem Lager im ostpreußischen Soldau verwendet wurde. Etwas unverständlich bleiben muss hier, warum die bahnbrechende Arbeit von Michael Alberti 1)M. Alberti: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im ReichsgauWartheland. Wiesbaden 2006. Rezension nicht rezipiert wurde. Dies kann angesichts der Menge der verarbeiteten Literatur aber als marginaler Mangel betrachtet werden. Nicht so aber der Umgang mit Materialien der Justizbehörden, die im Zuge des Düsseldorfer Verfahrens gegen den HSSPF Wilhelm Koppe entstanden. Dass der Argumentation der Anklageschrift des Staatsanwaltes einfach so gefolgt wird, ohne die besonderen Entstehungsbedingungen, die verfolgten Ziele (nämlich eben explizit nicht geschichtswissenschaftliche Forschung zu leisten) und die beschränkte Aussagekraft dieser Quellenform zu thematisieren, ist ein Versäumnis, das eigentlich seit dem wegweisenden, von Jürgen Finger u.a. herausgegebenen Sammelband nicht vorkommen sollte. 2)Jürgen Finger, Sven Keller, Andreas Wirsching (Hrsg.) :Vom Recht zur Geschichte. Akten aus NS-Prozessen als Quellen zur Zeitgeschichte.  Göttingen 2009. Rezension  Dies wird aber mehr als ausgeglichen durch eine fundierte Analyse der Gruppenstruktur der Opfer und durch zwei Biographien von Opfern der Mordaktion in Soldau, deren volle Namen dankenswerter Weise genannt werden.

 

Boris Böhm und Birte Laura Winkler zeigen im nächsten Kapitel, dass die Anstalt Kortau als Sammelanstalt für Transporte nach Sachsen im Sommer 1941 diente. Etwa 4.000 Patienten waren dabei auf die sächsischen Anstalten Groschweidnitz, Arnsdorf und Zschadraß, aber auch auf solche in Brandenburg verteilt worden. Böhm schildert die Entwicklung der zur Ermordung vorgesehenen Anstalt Pirna-Sonnenstein, an der auch Direkttransporte aus Ostpreußen ankamen und analysiert die Tatbeteiligung unterschiedlicher Ärzte sowie die Logistik der Transporte, die schon im Vorfeld der Morde zu zahlreichen Todesfällen unter den Patienten u.a. durch die Überbelegung von Anstalten geführt hatte. Hier machen sich die im Rahmen eines Projektes zur Erfassung aller in Sachsen ermordeter Patienten geleisteten Vorarbeiten außerordentlich positiv bemerkbar: So kann Böhm den genauen Todestag für die nach Pirna gebrachten ostpreußischen Patienten nennen.

 

Birte Winkler beschreibt daran anschließend in biographischen Skizzen, die auf den im Bundesarchiv Berlin archivierten Krankenakten basieren, die Lebenwege von Opfern der Morde in Pirna-Sonnenstein. Es ist eine emotional nur schwer zu ertragende Lektüre, wenn durch die dichte und empathische Beschreibung die oft schwierigen und verwickelten Lebensgeschichten dieser Menschen hervortreten.

 

Böhm, Christoph Hanzig und Ulrich Rottleb schildern im nächsten Beitrag den Fortgang der Morde nach der Einstellung der Aktion T4 im August 1941. In Zschadraß, Arnsdorf und Großschweidnitz wurden ostpreußische Patienten durch Medikamente, Hunger und Mangelversorgung ermordet, wobei die Beweisführung oft schwierig ist. Dennoch beeindruckt, welche Detailstufe durch das genaue Studium der überlieferten Krankenakten möglich ist. Auch hier schließen sich Biografien von Patienten dem Analyseteil des Beitrages ein.

 

Im dem den Band abschließenden Beitrag zum Umgang mit den Krankenmorden bis in die Gegenwart unterziehen Böhm und Hagen Markwardt die Erinnerung an die Krankenmorde einer kritischen Analyse. Sie kontestieren ein „idealisiertes Ostpreußenbild für die Zeit vor 1944/45“ (S. 156) und behaupten einen „fast vollständigen Bruch der über 90-jährigen psychiatrischen Tradition“. (S. 157) Damit zeigen sie zwei Komponenten auf, die neben der fehlenden Zugänglichkeit von Quellen als Ursachen für die inadäquate Erinnerungskultur nach 1945 ins Spiel kamen. Bemerkenswert ist die von den Autoren rekonstruierte Diskurspraxis auf den Seiten der Heimatvertriebenen-Publikation „Wir Ostpreußen“, in der noch 1950 behauptet wurde, die Patienten seien von ihrem Leiden erlöst worden. (S. 159) Ob es von Seiten sowjetischer bzw. russischer Historiker eine Aufarbeitung der Krankenmorde auf dem Gebiet des Oblast‘ Königsberg gab, bleibt leider unerwähnt. Die Autoren kommen zum Schluß, dass die ostpreußischen Opfer der Krankenmorde nicht mehr vergessen seien und können als Beleg eine eindrucksvolle Liste an Publikationen und Gedenkformen an unterschiedlichen Orten anführen.

Ein Orts-, Literatur-, und Abblildungsverzeichnis beschließen den Band.

 

Zusammenfassend ist zu sagen, dass den Autoren des Bandes eine eindrucksvolle Kompilation gelungen ist, die in sich stimmig ist und z.B. Wiederholungen weitestgehend vermeidet. Der Anspruch, die Ereignisse in Ostpreußen und in Pirna in die deutsche Sozial- und Gesellschaftsgeschichte einzuordnen, kann nicht immer als gelungen bezeichnet werden. Dies ist jedoch ein Manko nicht nur dieses Bandes, sondern nahezu aller mittlerweile erschienener Detailstudien zu Regionen oder Anstalten, die von den NS-Krankenmorden betroffen waren. Er ist aber angesichts des ansonsten exzellent analysierten Quellenmaterials auch vielleicht einfach unnötig. Besonders hervorzuheben ist die lückenlose Integration von Biografien von Opfern in den Band. Damit wurde ein Level an integrierter Geschichtsschreibung erreicht, an dem sich zukünftige Publikationen werden messen lassen müssen. Wünschenswert wäre ein Überblick über die Quellenlage gewesen und damit vielleicht auch eine Aussage über die Perspektiven der Forschung zu diesem Gebiet.

 

Insgesamt ist eine Arbeit zu loben, die Standards setzt und teilweise weit übertroffen hat.

Einzelnachweise   [ + ]

1. M. Alberti: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im ReichsgauWartheland. Wiesbaden 2006. Rezension
2. Jürgen Finger, Sven Keller, Andreas Wirsching (Hrsg.) :Vom Recht zur Geschichte. Akten aus NS-Prozessen als Quellen zur Zeitgeschichte.  Göttingen 2009. Rezension