Wilhelm Werner Sterelationszeichnungen Cover

Wilhelm Werner Sterelationszeichnungen Cover

Erschienen Heidelberg 2014.Verlag Das Wunderhorn. Umfang 118 Seiten. Preis 24,80 €. ISBN 978-3884234709

 

Publikationen zur nationalsozialistischen Praxis und Theorie der Zwangssterilisationen gibt es mittlerweile einige, darunter auch solche, die die Nachgeschichte in Form von Rekompensationsforderungen und ihrer hauptsächlichen Ablehnung in der BRD untersuchen 1) Stefanie Westermann: Verschwiegenes Leid. Der Umgang mit den NS-Zwangssterilisationen in der Bundesrepublik Deutschland. Köln 2010. Die vorliegende Publikation geht nun weit über die vorhandene Literatur hinaus und  präsentiert  in einer überzeugenden Art und Weise „die einzig bislang bekannten bildkünstlerischen Reaktionen eines Betroffenen auf die Zwangssterilisation“ (S. 5). Die Herausgeber zeichnen im einleitenden Aufsatz das Leben von Wilhelm Werner nach, der, nachdem er seine Sterilisation erdulden musste, ein Opfer des NS-Krankenmordes in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein wurde. Werner, der die Operation konsequent als „Sterelation“ bezeichnete, empfand sich selbst als „Volksredner und Theaterrekesör“ (S.9) und wurde 1898 bei Nürnberg geboren. Bereits als Zehnjähriger von den Eltern in die „Idiotenanstalt“ Gemünden“ gegeben, wurde er nach dem Ersten Weltkrieg  in der Heil- und Pflegeanstalt Werneck aufgenommen. Die von dort an die Zentrale des Krankenmordes in der Berliner Tiergartenstraße 4  gesandten Meldebögen wurden erst vor kurzem zufällig im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden aufgefunden und enthalten auch denjenigen, den ein Arzt der Anstalt für Wilhelm Werner ausfüllte und der ihn somit der Ermordung überantwortete.

Eine der Zeichnungen Wilhelm Weners zeigt eine Sterilisation. Inv.Nr.8083_3_2010 Sammlung Prinzhorn Heidelberg

Eine der Zeichnungen Wilhelm Werners zeigt seine Sterilisation. Inv.Nr. 8083_3_2010 Sammlung Prinzhorn Heidelberg

 

Die Autoren ziehen zur Interpretation seiner Zeichnungen lange kunsthistorische Linien und verweisen auf italienische Maler des 16. Jahrhunderts ebenso wie auf expressionistische Graphiken Oskar Schlemmers aus den 1920er Jahren. Sie deuten die Arbeiten Werners als „Zeitsignatur“, als „Reflexe der umgebenden Kultur, von der kein Gesellschaftsmitglied unberührt bleibt“ (S. 25) und stellen fest, dass sie unseren Erfahrungshorizont überschreiten und in ihrer rätselhaften Darstellungsweise die Eigenschaft des Autors als Außenseiter betonen.

 

Die eingangs erwähnte überzeugende Art der Präsentation des Werkes Wilhelm Werners beruht jedoch nicht nur auf dem großen Wissensschatz, aus dem die Autoren schöpfen. Hervorzuheben ist insbesondere die optische Gestaltung des Buches, die sich durchgängig an den Stil der im Jahr 2008 vom Museum Sammlung Prinzhorn angekauften Blätter des Zeichners orientiert. Erwähnt werden muss auch die durchgängige Zweisprachigkeit in englischer und deutscher Sprache, womit ein Grundstein gelegt sein könnte für die Überwindung des viel beklagten Mangels an Übersetzungen von Arbeiten aus dem Bereich der Forschungen zum NS-Krankenmord. Nicht zuletzt ist der Fund der Meldebögen der Anstalt Werneck ein Beweis dafür, dass auch nach mehr als 30 Jahren an Forschung zur NS-„Euthanasie“ durchaus noch neue Ergebnisse zu erwarten sind.

 

 

Einzelnachweise   [ + ]

1. Stefanie Westermann: Verschwiegenes Leid. Der Umgang mit den NS-Zwangssterilisationen in der Bundesrepublik Deutschland. Köln 2010.