Der nationalsozialistische Krankenmord im besetzten Polen ist ein Thema, das von der ansonsten sehr intensiven Forschung zur NS-„Euthanasie“, zur Aktion T4 und Zwangssterilisationen kaum aufgenommen wurde.

 

Die deutsch- wie die polnischsprachige Historiographie brachte jeweils genau eine Monographie zu Stande: „Die Anfänge der Vernichtung lebensunwerten Lebens in den Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Warthegau“ von Volker Rieß 1)Volker Rieß: Die Anfänge der Vernichtung lebensunwerten Lebens in den Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Warthegau 1939/40. Frankfurt/Main 1995  und „Zagłada osób z zaburzeniami psychicznymi w okupowanej Polsce: Początek ludobójstwa“ [Die Vernichtung von psychisch kranken Menschen im besetzten Polen: Der Anfang des Völkermordes] 2)Tadeusz Nasierowski: Zagłada osób z zaburzeniami psychicznymi w okupowanej Polsce: Początek ludobójstwa. Wasrschau 2008. von Tadeusz Nasierowski. Während Rieß ein riesiges Quellenkorpus, bestehend aus Unterlagen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg, meisterte, konnte Nasierowski auf zahlreiche Egodokumente, Erinnerungen polnischer Psychiater an die Zeit des Zweiten Weltkrieges, zurückgreifen. Zugleich jedoch stehen diese Titel symptomatisch für die Unmöglichkeit, alleine schon der Sprachkenntnisse wegen, eine histoire croisée dieses Aspekts der deutschen Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg zu versuchen. So nimmt es auch nicht wunder, dass bisher vor allem die Geschichte der großen psychiatrischen Anstalten und ihrer Patienten untersucht wurden: Es gibt dazu bereits Forschung, vor allem aus den 1970-er Jahren, und es gibt Unterlagen der Justizbehörden, die erfolglos versuchten, Täter zur Verantwortung zu ziehen.

 

Dabei gibt es darunter noch eine Ebene an Heimen, Sanatorien und anderen Einrichtungen, deren Insassen ebenfalls in das Blickfeld der deutschen Besatzungspolitik gerieten. Unklar ist dabei, neben der noch weitgehend unbekannten Quellenlage, aber alleine schon die Frage nach dem Warum. Waren es „pragmatische“ Gründe, wegen derer man die Insassen ermordete, etwa mit dem Argument, man benötige die Gebäude oder weil man sich so genannter unnützer Esser entledigen wolle? Oder war es vielmehr das ideologische Primat, das auch im Altreich bekannten Stratgemen von In- und Exklusion folgte und das Endziel einer reinen Volksgemeinschaft vorgab?

 

Nun konnten erstmalig mit Hilfe von Unterlagen des Instituts des Nationalen Gedenkens in Łódź einige kleinere Institutionen, in denen in der 2. Polnischen Republik im Stadtgebiet von Łódź Behinderte betreut worden war, ausfindig gemacht werden. Sie alle, so ergaben -jedoch mit Vorsicht zu betrachtende- Feststellungen des Staatsanwalts des Instituts des Nationalen Gedenkens 3)AIPN  Łódź, Staatsanwaltschiftliches Aktenzeichen S 56/10/Zn wurden im Frühjahr 1940 „geräumt“, d.h. die Patienten sollen von einem Sonderkommando unter Führung des Kriminalpolizisten Herbert Lange ermordet worden sein. Man kennt bisher nur die ungefähre Zahl der Opfer (mit Ausnahme der Einrichtung in der ul. Narutowicza). Es handelte es sich ausschliesslich um kirchliche Einrichtungen. Eine eingehende wissenschaftliche Beschäftigung erscheint auch daher umso lohnender, als die NS-Politik gegenüber den Kirchen im besetzten Polen immer noch nahezu eine terra incognita ist.4)vgl. Jonathan Huener: Nazi Kirchenpolitik and Polish Catholicism in the Reichsgau Wartheland, 1939–1941. In: Central European History 47 (2014), 105–137. doi:10.1017/S0008938914000648

 

Ich konnte drei ehemalige Heime aufsuchen und fotografisch dokumentieren. Das Interessanteste ist die ehemalige katholische Einrichtung Johannesheim im Stadtteil Radogoszcz. Hier steht ein sicherlich mehr als hundert Jahre altes zweistöckiges Haus, das nahezu original erhalten ist. Ein kurzes Gespräch mit einer Bewohnerin ergab, dass es weder an das Wasser- noch an das Kanalnetz angeschlossen ist. Zeugt dies von einer fortgesetzten Marginalisierung von sozial schwachen Menschen, die die Stadt in die in ihrem Besitz sich befindliche Immobilie einweist? Wie auch immer, die Geschichte das Hauses ist vor Ort nicht präsent, es gibt kein Gedenken, keine Erinnerung an die 37 Menschen, die von hier aus an ihren ebenfalls noch unbekannten Todesort gebracht wurden.

 

 

Etwas anders gelagert ist die Situation in dem etwas näher am Stadtzentrum gelegenen, ebenfalls von der katholischen Kirche getragenenen ehemaligen Behindertenheim in der Tkackastrasse. Hier ist keine originale Bausubstanz mehr erhalten. Aber auch hier kennt man weder die Namen der Opfer noch die genaueren Umstände ihrer Ermordung. An dem heute dort stehenden Gymnasium wurden ebenfalls keinerlei Erinnerungszeichen angebracht.

 

Die einzige ehemalige Behindertenhilfeeinrichtung, deren Geschichte als solche gekennzeichnet ist, befindet sich an dem heute als Collegium Anatomicum genutzten Gebäude der Universität Łódź in der Narutowiczastrasse 60. Es muss sich um eine größere Institution gehandelt haben, auch wenn hier keinerlei Opferzahlen bekannt sind. Die am Gebäude befestigte Informationstafel schweigt sich jedenfalls über diesen Teil der Geschichte aus. Dies ganz im Gegensatz zur der einen großen Institution in  Łódź, dem Krankenhaus Kochanówka, an dem dank einer bürgerschaftlichen Initative im Jahr 2013 eine Gedenktafel enthüllt werden konnte.

 

TL;DNR: Es gibt noch viel zu forschen zum NS-Krankenmord in Polen. Eine Erinnerungskultur ist nur in Ansätzen vorhanden. Zu den Tätern weiss man fast nichts.

 

Einzelnachweise   [ + ]

1. Volker Rieß: Die Anfänge der Vernichtung lebensunwerten Lebens in den Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Warthegau 1939/40. Frankfurt/Main 1995
2. Tadeusz Nasierowski: Zagłada osób z zaburzeniami psychicznymi w okupowanej Polsce: Początek ludobójstwa. Wasrschau 2008.
3. AIPN  Łódź, Staatsanwaltschiftliches Aktenzeichen S 56/10/Zn
4. vgl. Jonathan Huener: Nazi Kirchenpolitik and Polish Catholicism in the Reichsgau Wartheland, 1939–1941. In: Central European History 47 (2014), 105–137. doi:10.1017/S0008938914000648