Tötungsanstalt Hadamar im Jahr 1941  Ansicht von Norden mit Blick auf Busgarage Quelle Fold 3

Tötungsanstalt Hadamar im Jahr 1941 Ansicht von Norden mit Blick auf Busgarage Quelle Fold 3

In der Gaskammer der früheren Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar wurden von Januar bis August 1941 (T 4 Aktion) ca. 10.000 Patientinnen und Patienten ermordet. Nach einer Pause von einem Jahr nahm die Anstalt Hadamar die Funktion einer Tötungsanstalt wieder auf. Als solche war sie eingebunden in die „zweite Mordphase“, bei der noch einmal von August 1942 bis Kriegsende ca. 4.500 Menschen in Hadamar getötet wurden. Dies geschah vor allem durch Verabreichung von überdosierten Medikamenten, Spritzen und gezielter Mangelernährung.

 

Vom Personal in Hadamar waren an den Morden in den Jahren von 1941 bis 1945 aktiv beteiligt: fünf Ärzte, ein Verwaltungsleiter und weibliche sowie männliche Pflegekräfte. Sie mussten sich in zwei Nachkriegsprozessen für die von ihnen begangenen Verbrechen verantworten. Während Ärzte und Verwaltungsleiter aus heutiger Sicht mit geringen Gefängnisstrafen davon kamen, wurden drei Pfleger, die an der Tötung von Patienten durch Medikamente und Spritzen direkt beteiligt waren, durch Befehl Nr. 4 der Militärkommission des Befehlshabers der Siebenten Armee der Vereinigten Staaten, am 14. März 1946 gehängt.

 

1980 wurde Dr. Wulf Steglich  neuer Chefarzt der Psychiatrie Hadamar.
Er beschreibt in seinem Buch: „Begegnung mit der Euthanasie in Hadamar“ 1)Wulf Steglich, Gerhard Kneuker (Hrsg.): Begegnung mit der Euthanasie in Hadamar, Psychiatrie-Verlag 1985, ISBN 978-3-88414-068-0 / Neuauflage Heimdall Verlag 2013, ISBN 978-3-939935-77-3
die Schwierigkeiten eines Neuanfanges und Umdenkens in der Behandlung der Patienten und die erheblichen Behinderungen seiner Aktivitäten zur Einrichtung einer Euthanasie-Gedenkstätte im Keller der Psychiatrie Hadamar.

 

Chefarzt Dr. Wulf Steglich traf in der Psychiatrie Hadamar offenbar chaotische Zustände an. Zeitzeugen berichten heute, dass es unter anderem in der Anstalt Hadamar noch bis in die späten sechziger Jahre vorkam, dass Patienten mit Wasserstrahl, Elektroschock und Schlägen traktiert wurden.2)Vgl. Ernst Klee: Bis ins letzte Bett geprügelt. In: Die Zeit v. 4.1.1980

 

Steglich wollte die Psychiatrie Hadamar, die nach dem Krieg vom Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) teilweise noch bis 1970 mit Pflegepersonal aus der NS-Zeit und nach den veralteten Methoden früherer Ärzte geführt wurde, erneuern. Er erreichte viel beachtete und gefeierte Anfangserfolge, stieß dabei aber auch auf erhebliche Widerstände.

 

Keller der Psychiatrie Hadamar mit Patientenakten aus der NS-Zeit 1983. Foto Dieter Fluck

Keller der Psychiatrie Hadamar mit Patientenakten aus der NS-Zeit 1983. Foto Dieter Fluck

 

Zum Eklat  kam es dann, als er und sein Team die Keller der Psychiatrie Hadamar öffneten, Patientenakten der Euthanasieopfer sichteten, aufarbeiteten und endlich am Buß- und Bettag 1983 erstmals die von Steglich und seinen Aktivisten eingerichtete Gedenkstätte der Öffentlichkeit zugängig machten.

 

Nach Auffassung des LWV Hessen, dem Bürgermeister, den Geistlichen beider Konfessionen und der Kommunalpolitik ein schlimmes Vergehen, denn sie hatten die in der Kleinstadt Hadamar praktizierten Strukturen des „Schweigens und Vergessens“ durchbrochen.

 

Dafür haben die Aktivisten um Steglich und Kneuker teuer bezahlt:
Ihre Aufarbeitung der Euthanasieakten wurde behindert wo es nur ging. Die Verwaltungsleitung der Psychiatrie verbot ihnen sogar, das Kopiergerät der Klinik zu benutzen. Die Aktiven wurden argwöhnig überwacht und kontrolliert, ob sie neben ihrer Forschungsarbeit auch genügend für die Klinik leisten. Sie empfanden sich gemobbt verspürten blanken Hass.

 

Dr. Steglich schreibt im Buch:
„Es kann von uns nicht so einfach weggesteckt werden, das Projektionsziel der Aggression von Mitarbeitern – kommunaler, institutioneller und politischer – zu sein.“

„Intrigen, Kündigungsversuche, Querelen um alles und nichts lähmen, binden Kräfte. Heute, Jahre danach, stockt an dieser Stelle die Niederschrift des Buches. Wieder und wieder erhebt sich die Frage, wie in dieser Klinik mit dieser schrecklichen Vergangenheit (heute noch d. Red.) mit Patienten und Mitarbeitern umgegangen wird.“

 

Steglich weiter:
„Viel Positives erfahren wir zu unserer Arbeit. Misstrauen begegnet mir aber auch. Zu gerne hätte ich mit meiner Familie weiterhin in diesem landschaftlich schönen Ort gelebt. Das Befassen mit der Vergangenheit hat mich jedoch vor die Frage gestellt, ob ich unter unwürdigen Arbeitsbedingungen weiterarbeiten und resignieren will – ähnlich vieler „Täter“ in der Euthanasie – oder ob ich unter dem Eindruck wieder aufkommender früheren Strukturen, da die Vergangenheit nicht bearbeitet ist, aus dieser Klinik ausscheide.“

 

Politische Psychiatrie
Dr. Steglich am 15. Juni 1983 –
„ Nur noch wenig Zeit bleibt uns, um das geplante erste Hadamarer Psychiatrie-Symposium zu belegen. Es soll im November stattfinden. Wir stehen im Zielkonflikt zwischen weiterem Dahindämmern und positiver Öffnung. Gerade das Befassen mit der schrecklichen Vergangenheit der Klinik macht uns deutlich, dass wir nur dann hier weiterarbeiten können, nur dann mit Patienten im humanistischen Sinne umgehen, wenn wir uns den immer drängender werdenden Fragen in der Psychiatrie stellen. Ganz besonders drängt sich in Hadamar das Problem auf, wie politische Psychiatrie damals war und heute sein darf.

Gern gesehen ist unser Projekt allerdings nicht. Zu allem Überfluss haben wir auch noch die verrückte Idee, am Buß- und Bettag, der in die Veranstaltungsreihe fällt, einen Euthanasie-Gedenktag einzubauen. Wer wird uns helfen, die uns nun bekannten Räume der Mordaktion zu einer würdigen Informations- und Gedenkstätte herzurichten? Werden überhaupt Besucher kommen? Wer wird die hohen Aufwendungen tragen? Wo werden wir die Zeit, – neben unserer üblichen Klinikarbeit – hernehmen, um das massenhafte Material durchzusehen, uns weiter sachverständig zu machen?

 

Buß- und Bettag 16. Nov. 1983 – Die Dokumentations- und Gedenkstätte Hadamar wird eröffnet.
Dr. Wulf Steglich schreibt in seinem Buch:
„Heute haben wir den – Euthanasie-Tag – des 1. Hadamarer Psychiatrie-Symposiums. Noch am Morgen sind wir ungewiss, welches Interesse gerade diesem Thema entgegengebracht wird, Der vollbesetzte Festsaal beseitigt unsere Zweifel. Viele Gespräche am Rande der Veranstaltung machen uns deutlich, dass eine Menge von uns erwartet wird. Objektive Aufklärung wird verlangt. Heute eröffnen wir die in den letzten Wochen mit viel Mühe entstandene Gedenkstätte in den ehemaligen Vergasungs- und Verbrennungsräumen des Hauses 5. Gestern ließ sich der Landesdirektor diese Dokumentations- und Gedenkstätte zeige. Er war voll des Lobes über unsere Arbeit. Heute haben wir bereits mehrere hundert Gäste in den entrümpelten Räumen. Viele für die Zukunft wichtige Kontakte knüpfen wir an diesem Tag.

Zweifel schleichen sich auch ein in unsere Gespräche heute. Aus unserer Erfahrung und aus der Arbeit mit Patienten wissen wir, dass immer dann, wenn Verdrängtes aufgedeckt wird, heftiger Widerstand erfolgt. Wann wird man auf uns die ersten Steine werfen?“

 

Abmahnung und Kündigung zum 30.Juni 1985
Für Dr. Steglich völlig überraschend, wurde er Ende 1984 vom LWV Hessen abgemahnt, zur Kündigung seines Arbeitsverhältnisses aufgefordert und zum 30.Juni 1985 vom LWV entlassen. Gerhard Kneuker kündigte wissend, dass für ihn unter den gegenwärtigen institutionellen Gegebenheiten eine Weiterarbeit nicht mehr möglich war.

 

Anderen Mitstreitern erging es ähnlich. Sie wurden gemobbt bis zur eigenen Kündigung oder gingen freiwillig. Mehrere mussten ihre Lebensplanung völlig ändern, da man ihnen nach meiner Informationen auch gedroht hatte: „Wir werden dafür sorgen, dass ihr im Kreis Limburg keinen Arbeitsplatz mehr finden werden!“ Einige verließen die Klinik, weil sie nicht in einer Psychiatrie arbeiten wollten, die offensichtlich selbst nicht bereit war, ihre Geschichte aufzuarbeiten und die sich daraus notwendig ergebenden Schlüsse in die Tat umzusetzen. Hadamar ist heute wieder eine der Zwangsbehandlung offenstehende Anstalt.

 

Dr. Steglich schreibt am 30.Juni 1985:
„Wir wollen für uns bekennen, dass wir mit unserer Hoffnung, dem „neuen Hadamar“ und einer „neuen Klinik“ dienen zu können, gescheitert sind.
Die zukünftige Betrachtung wird uns bestätigen: Eine Veränderung ist ohne Aufarbeitung nicht möglich. Eine moderne, humane, soziale und transparente Psychiatrie muss sich ihrer eigenen Geschichte stellen, besonders in Hadamar“.

 

Zweite Kammer Arbeitsgericht Limburg.
Dr. Steglich klagt vor dem Arbeitsgericht gegen die Kündigung. Der Richter stellte fest, dass die Differenzen zwischen Personalrat und Chefarzt nicht einseitig angelastet werden könne. Dem LWV hielt er vor, im wahrsten Sinne Punkte gegen den Arzt gesammelt und nicht deutlich genug geschlichtet zu haben.

Der Verteidiger von Dr. Steglich führte aus, dass sein Mandant bei seinem Amtsantritt in Hadamar „Chaotische Verhältnisse vorgefunden hat.“ Bei dem Neuaufbau der Klinik und der Umstrukturierung sei es zwischen Mitarbeitern und Personalrat zu Differenzen gekommen, die es immer und überall gebe. Dem LWV warf der Verteidiger mangelnde Fürsorge gegenüber dem Chefarzt vor.

Der Richter stellte fest: Die Kündigung sei vor Gericht nicht wirksam. Da der Mediziner als leitender Angestellter jedoch anderen Kündigungsschutzbestimmungen unterliege, werde das Arbeitsverhältnis dennoch beendet, weil es der Arbeitgeber beantragt habe.

 

Die Aufteilung der Gerichtskosten zeigt auch die Aufteilung der Schuld: ¼. Dr. Steglich – ¾ . der LWV Hessen.  Beim Vergleichstermin vor dem Arbeitsgericht im Dez. 1985 3)nnp 19.12.1985 spricht dieses Dr. Wulf Steglich eine Abfindung von rund 80.000 DM zu.

 

 

Weiterführung der Gedenkstätte nach Dr. Steglich
Dr. Steglich und seine Unterstützer befürchten die Schließung der Gedenkstätte nach seiner Entlassung und wenden sich diesbezüglich im Mai 1985 an den LWV Hessen und die Kirchen.

 

Danach haben sich die Zeiten geändert. Bereits im Jahr 1988 war eine Gedenkstätte für die Euthanasie-Verbrechen des NS-Regimes zu haben, nicht schlimmes mehr. Opportunismus war Mode geworden.
Zusammenfassung:
Dr. Steglich ist aus den vorstehend aufgeführten Sachverhalten als Gründer der Gedenkstätte Hadamar anzusehen. Bis heute wird dies vom LWV Hessen, den bisherigen Verantwortlichen der Gedenkstätte Hadamar und der Kommunalpolitik verschwiegen.
Dr. Wulf Steglich wird die Anerkennung seiner richtungweisenden Leistungen als Gründer der Gedenkstätte Hadamar bis heute vorenthalten und verweigert.

 

Einzelnachweise   [ + ]

1. Wulf Steglich, Gerhard Kneuker (Hrsg.): Begegnung mit der Euthanasie in Hadamar, Psychiatrie-Verlag 1985, ISBN 978-3-88414-068-0 / Neuauflage Heimdall Verlag 2013, ISBN 978-3-939935-77-3
2. Vgl. Ernst Klee: Bis ins letzte Bett geprügelt. In: Die Zeit v. 4.1.1980
3. nnp 19.12.1985