Emilie Rau ist eines der T4-‚Vorzeigeopfer‘ in der Bundesrepublik. Seit Anbeginn wird sie in der Dauerausstellung in der Gedenkstätte Hadamar porträtiert, mit ihrer Biografie wird im pädagogischen Begleitprogramm von vielen Gruppen gearbeitet, sie wird in wissenschaftlichen Studien, Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung, Zeitungsartikeln, Filmdokumentationen und privaten wie offiziellen Webseiten erwähnt.

 

Emilie Rau mit Familie

Emilie Rau mit Familie

 

So beginnt ein Text, der weit mehr ist, als ein Versuch, die Biografie eines Opfers der NS-„Euthanasie“ zu rekonstruieren. Andreas Hechler bettet das historische Geschehen in Reflektionen darüber ein, wie in seiner Familie erinnert -oder aber auch nicht- wird – und das verweist dann auf die vielen Abwehrversuche nach 1945, die man als Trias von nicht anerkennen-nicht erinnern-nicht entschädigen fassen kann. Zugleich ist die Biographie ein Kapitel im Sammelband Cora Schmechel u.a. (Hrsg.): Gegendiagnose. Beiträge zur radikalen Kritik an Psychologie und Psychiatrie. edition assemblage, Münster 2015, der an dieser Stelle ebenfalls zu empfehlen ist.

 

Angesichts dieser Öffentlichkeit wirkt die Präsentation auf der Website der Gedenkstätte Hadamar zunehmend befremdlicher. Dort ist sie, Gepflogenheiten der Rücksichtnahme auf Datenschutz und den angeblichen Schutz von Angehörigen folgend, als Emilie R. zu finden. Andreas Hechler hat dazu die richtigen Argumente gefunden:

 

Sollten der Veröffentlichung der Namen tatsächlich rechtliche Hindernisse im Weg stehen, so möchte ich als einer, auf den sich da standardmäßig bezogen wird, als ›heute lebender Verwandter‹ sagen: Das passiert nicht in meinem Namen! Und auch nicht im Namen eines Teils meiner Familie. Mein Vater hält die Anonymisierung für »Quatsch« und mein Cousin Sebastian antwortet auf die Frage, ob der NS-›Euthanasie‹-Opfer mit vollem Namen gedacht werden sollte: »Ja. Die haben genau so ein Recht wie alle anderen, die ermordet worden sind.« Meine Großmutter schrieb schon 1989: »Speziell für mich ergibt sich daraus die Forderung, daß meine unglückliche Mutter nicht anonym unter einem Denkmal versteckt bleibt!

 

Die Biographie in Kurzform und einen Link zum langen Text finden Sie hier.