Wir freuen uns im Folgenden einen Rückblick auf die Tagung des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisationen in Löbau im Frühjahr 2015 aus der Feder von Udo Dittmann zu präsentieren.

 

  • Freitag, 5. Juni 2015 – Aula der Kreismusikschule, Löbau

 

Begrüßung:
Andreas Schönfelder, Gedenkstätte Großschweidnitz
Stefan Zinnow, Landeszentrale für politische Bildung, Sachsen
Dr. Jürgen Trogisch: Einführung in die Geschichte der NS-„Euthanasie“ und ihrer Aufarbeitung in der Region Oberlausitz
In der Oberlausitz gab es erst nach der Wende 1990 ein Gedenken an die NS-„Euthanasie“- Opfer, damals wurde auch bald ein Gedenkgottesdienst gefeiert.
Dieser Beitrag beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Katharinenhof in Großhennersdorf. Der Leiter war früher Dr. Meltzer, der durch sein Buch „Das Problem der Abkürzung ‚lebensunwerten‘ Lebens“ aus dem Jahr 1925 bekannt wurde. Es war eine Reaktion auf das Buch von Binding und Hoche „Über die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (1920) gewesen. (Meltzer hatte damals eine Umfrage an die Angehörigen von Pfleglingen des Katharinenhofes gemacht. Das für ihn überraschende Ergebnis war, dass fast 70 Prozent der Angehörigen mit einer „Euthanasie“ einverstanden gewesen waren. Anm.U.D.) Er selbst hatte eine ablehnende Haltung zur Euthanasie gehabt und sich durch die Umfrage eine Unterstützung erhofft. – Der Nachfolger von Meltzer war dann Dr. Daniel.
In der DDR tat man sich mit der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ schwer. Man war froh, wenn sich die innere Mission um die Behinderten kümmerte. Noch Ende der 70er Jahre gab es ca. 260 Kinder am Katharinenhof, die alle in Massenquartieren lagen, z.T. galt das auch für Mitarbeiter.
Zum einen bemühte sich Thom in der DDR um Aufarbeitung. Er war bei der Tagung des Arbeitskreises in Leipzig gewürdigt worden. Dann gab es aber auch noch Kurt Nowak, der ein Werk über „Euthanasie“ und Sterilisation im 3.Reich geschrieben hatte, die auf der Dissertation von 1969/ 70 aufbaute. Leider fand sich bisher niemand, der Nowak stärker gewürdigt hat.

 

Dr. Uwe Kaminski: Dezentrale Euthanasie – (Selbst)steuerung eines katastrophenpolitisch motivierten Mordes
Die 2. Phase der „Euthanasie“ wird oft auch als „dezentrale Euthanasie“ oder „wilde Euthanasie“ bezeichnet. Dazu gehört u.a. die „Aktion Brandt“, die zur Schaffung von Ausweichskrankenhäusern diente. Außerdem gab es die Ausbildung regionaler Tötungszentren (Hadamar, Meseritz-Obrawalde). Seit 1943 kommt eine zentrale Medikamentenvergabe hinzu. Tod durch Medikamente, Gift und Hunger (hier z.B. der bayerische Hungererlass vom Nov.1942) mit mehreren 10.000 Opfern. Das Hungersterben war auch verursacht durch die Verringerung der Kostsätze seit den 1930er Jahren. Insgesamt ist die genaue Opferzahl unbekannt.
Während es vorher bei der „Aktion T4“ noch Meldebögen gegeben hatte, war dies bei der dezentralen Aktion nicht der Fall. Der Stopp der „Aktion T4“ war nach Götz Aly und auch Ernst Klee eher ein strategischer Stopp. Es hatte viele Widerstände gegeben, z.B. die Gedenkschrift von Pastor Braune im Jahr 1940, dann vor allem auch die Predigt des Kardinals von Galen. Dieser schaffte erstmals Öffentlichkeit. Diese Predigt erzielte eine große Breitenwirkung und war auch in Rom bekannt. Der polnische Untergrund wollte sie damals übersetzen.

 

  • Samstag, 6. Juni 2015 – Sozialzentrum des Sächsischen Krankenhauses, Großschweidnitz

 

Dr. Holm Krumpolt: Von der Sächsischen Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz zum modernen Fachkrankenhaus
Die Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz wurde 1902 eröffnet, in ländlicher Lage und erholsamer Umgebung. Früher war es ein Rittergut gewesen. – Viele gute Ideen entwickelten sich; ein Schwerpunkt war u.a. die Arbeitstherapie. – Die Jahre im 1.Weltkrieg waren Mangeljahre; 1917 lag die Mortalität bei 42,9%.
In der Mitte der 20iger Jahre stieg die Bettenzahl auf über 700 an. Im 3.Reich erfolgte ein Niedergang der Anstalt, die im Rahmen der T4-Aktion auch als Zwischenanstalt genutzt wurde. Von 1939-44 wurden in 152 Sammeltransporten 6.726 Patienten nach Großschweidnitz verlegt. In der Phase der „zentralen Euthanasie“ erfolgten diese Massenverlegungen nahezu ausschließlich zur späteren Verlegung in die Tötungsanstalten, hauptsächlich nach Pirna/ Sonnestein. Davon waren ca. 2500 Männer und Frauen betroffen. – In der Phase der „dezentralen Euthanasie“ wurden ca. 5000 Patienten durch Medikamente, Mangelernährung und Vernachlässigung gezielt getötet. – Großschweidnitz kann daher im Grunde wie Meseritz-Obrawalde oder Hadamar zu den großen Tötungsanstalten gezählt werden.
Außerdem gab es ab 1943 eine Kinderfachabteilung, in der ca 270 Kinder ermordet wurden.
Nach dem Krieg wurden 2 Ärzte und 5 leitende Schwestern der Heil- und Pflegeanstalt 1947
zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt.
In der DDR wollte man nichts mit dem Thema „NS-Euthanasie“ zu tun haben. Erst 1990 kam ein Gedenkstein. Noch in DDR-Zeiten herrschte eine starke Überlegung, und die Bausubstanz verfiel allmählich. Nach der Wende gab es dann eine stürmische Entwicklung.

 

Dr. Boris Böhm: Das Gedenkbuch für die sächsischen Euthanasieopfer – Ein Projekt der Stiftung Sächsische Gedenkstätten
Die Arbeit am Gedenkbuch für Opfer aus Sachsen begann nach der Fertigstellung des Gedenkbuches für Pirna/ Sonnenstein im Nov. 2012 und wird noch ca. 2 Jahre dauern. Die Medikamenten-Euthanasie und das Hungersterben spielt dabei eine große Rolle.

 

Christoph Hanzig, M.A.: Die NS- Krankenmorde in Großschweidnitz – Ergebnisse der Probeerfassung der Großschweidnitzer Opfer
Viele der Opfer in Großschweidnitz kamen aus den Heil- und Pflegeanstalten in Waldheim, Alt-Scherbitz und Tschadrass, Anders als es Götz Aly in seinem Buch „Die Belasteten“ beschrieb, setzten sich viele der Angehörigen ein, meist jedoch ohne Erfolg.- Eine wichtige Rolle spielte Pfarrer Achs, der jeweils die Beileidsbriefe schrieb.

 

Josephine Kunze, M.A.: Heime und Pflegeeinrichtungen der Oberlausitz im Spiegel der NS-Krankenmorde – erste Ergebnisse
Eine wichtige Frage war, ob die Bewohner in kleineren Heimen besser geschützt waren.
Es gab: a. Altersheime und b. Versorgungsheime, die jeweils kommunal verwaltet wurden. Als Ergebnis ist festzustellen, dass die Bewohner in diesen kleineren Heimen nicht besser geschützt waren als in den Großeinrichtungen.
Ab 1938 änderte sich die Wortwahl. Man sprach jetzt von „geisteskrank“ und „asozial“, und Altersheime wurden in die Meldebogenaktion mit einbezogen, wenn es dort „Geisteskranke“ gab. In der Meldebogenaktion wurden ca. 800 Einrichtungen erfasst. Eine große Auswirkung hatte vor allem die Senkung der Pflegesätze, die erhebliche Auswirkungen auf die Insassen hatte.

 

Dr. Dietmar Schulze: Die Entwicklung Psychiatrischen Krankenhauses Großschweidnitz nach 1945
Die Untersuchung gehört mit zum Heidelberger Projekt, in dem neben Großschweidnitz drei weitere Heil- und Pflegeanstalten behandelt werden (für den Zeitraum vom 8.5.45 – 31.12.49).
In Großschweidnitz gab es in der Zeit von 1945- 1955 insgesamt 17.337 Aufnahmen. Ein großer Treck kam in der Zeit vom 7.Mai – 16.Mai 1945 an. Von Juli 1945 an stand die Einrichtung unter sowjetischer Besatzung. Weiterhin kamen Flüchtlinge aus dem Sudetenland und Schlesien. – In manchen Monaten gab es bis zu 30 Todesfällen, auch noch bis 1955/ 56, wobei die Todesursache zum Teil unklar ist.

 

Besichtigung der Gedenkstätte Großschweidnitz

 

Dr. Michael Wunder/ Dr. Gerrit Hohendorf:

 

 

Aktuelle bioethische Fragen: Der Appell gegen eine gesetzliche Erlaubnisregelung der ärztlichen Sterbehilfe
Zu Beginn wurde das frühere Statement von Udo Reiter angeführt. Dieser führte vor seinem Selbstmord an, dass er nicht als Pflegefall enden wollte. Die weitere Frage war. Ist der Suizid ein Akt der Freiheit oder ein Akt der Verzweiflung.
Derzeit gibt es ca. 100.000 Suizidversuche pro Jahr, mit ca. 10.000 Suiziden. Früher war die Zahl wesentlich höher. Dies ist vielleicht auch ein Ergebnis der Suizidpräventon. Eine öffentliche Berichterstattung wird oft vermieden, auch wegen möglicher Nachahmer. Bei Medikamenten sollten die Barrieren höher liegen, um die Tötung durch diese Mittel zu erschweren.
In der Schweiz gibt es seit 2005 neue Regelungen bezüglich der Sorgfaltspflicht. – Es sei zu berücksichtigen, dass ein Angebot auch eine Nachfrage nach sich ziehen kann. Die Linke und auch Künast treten in Deutschland sehr emotional für die Sterbehilfe ein. – 75% der Personen, die Sterbehilfe wünschen, möchten nicht ins Pflegeheim. – Die Ärzte, die Sterbehilfe befürworten, sollten wegen der NS-Erfahrungen etwas vorsichtiger und bescheidener sein.
Klaus Dörner verwies anschließend auf den Hausarzt von Goethe, Hufeland, der sich 1806 gegen Sterbehilfe wandte und ausdrückte, dass dann der Arzt zum gefährlichsten Mann im Staate werde.
Bisher gab es im Bundestag 3 Anträge zum assistierten Suizid: 1. von der CDU (die ein Verbot fordert), 2. von Carola Reimann und Lauterbach, sowie 3. von Sitte (Die Linke) und Gudrun Künast. Der Arbeitskreis „Euthanasieforschung“ hat dazu eine Erklärung vorbereitet, die vor der Abstimmung im Bundestag an alle Abgeordneten verschickt wird. Diese Erklärung wird von Gesundheitsminister Gröhe (CDU) unterstützt.

 

  • Sonntag, 7.6.2015, Aula der Kreismusikschule Löbau

 

Dr. Werner Brill, Dr. Ingo Harms: NS-Täterforschung im öffentlichen Diskurs
Als Beispiel für den öffentlichen Umgang mit Tätern wurde Oscar Orth (1876-1958) angeführt. Er war seit 1922 Leiter des Landeskrankenhauses Homberg/ Saar, bis zu seiner Emeritierung 1947. In der Zeit von 1935-39 war er an Zwangssterilisationen beteiligt. Die Diagnose war oft „angeborener Schwachsinn“ gewesen.
Drei Phasen lassen sich im öffentlichen Umgang mit Orth unterscheiden:
1. Phase der Ehrungen: 1946 wurde ihm die Ehrenbürgerwürde der Stadt Ensheim (seinem Geburtsort) verliehen, 1948 erfolgte dort eine Benennung einer Straße (sowie eines Brunnens) nach ihm. 1957 erhielt er das große Bundesverdienstkreuz.
2. Phase (Diskussion): 1993 erschien eine Magisterarbeit über Zwangssterilisationen im Saarland, in der nachgewiesen wurde, dass Orth an zahlreichen Zwangssterilisationen selber beteiligt war. Das führte zu Diskussionen über die Rolle von Orth.
3. Phase (öffentliches Abrücken): 1993 änderte die Stadt Homberg den Namen ihres Preises von „Oscar-Orth-Preis“ in „Wissenschaftspreis der Stadt Homberg“. 1997 wurde die Oscar-Orth-Straße in Homberg (und 2001 in Ensheim) umbenannt. Die Ehrenbürgerschaft ist mit seinem Tod erloschen.

 

Ingo Harms: Zur Gedenkstätte in Wehnen (Oldenburg)
Nach anfänglichen Planungen und der Unterstützung durch das Krankenhaus in Wehnen kam ein plötzlicher Stopp. Es war kein Geld mehr dafür da. – Andererseits erfolgte zu der Zeit die Gründung eines Museumsdorfes in Cloppenburg, das großzügig unterstützt wurde. Dieses Dorf ist inzwischen sehr bedeutend; kritische Forschung dort gibt es aber nicht. – Inzwischen gibt es eine Gedenkstätte auf dem Gelände der heutigen Karl-Jaspers-Klinik, die 1997 von Betroffenen bzw. von Angehörigen der damaligen Heil- und Pflegeanstalt gegründet wurde.
Zur Forschung in Wehnen: Dort gab es ab 1934 eine starke Reduzierung der Fürsorgekosten von 3,1% auf 1,8%, so dass dadurch insgesamt sogar noch ein Überschuss von 40% erzielt wurde. Die Ökonomie stand für die Heil- und Pflegeanstalt ganz im Vordergrund.
Zur weiteren Situation in Niedersachsen: Als einziges Bundesland hat Niedersachsen keine Landeszentrale für politische Bildung mehr (sie wurde von Christian Wulff abgeschafft). Dafür gibt es aber die Stiftung niedersachsischer Gedenkstätten, die jedoch keine Forschung zur NS-„Euthanasie“ betreibt.

 

Dr. Klaus Dörner: Euthanasiegedanken nach einer Rumänienreise heute

 

 

Bei der Betrachtung sei ein längerer „historischer Atem“ nötig. Seit 1800 gibt es den Verwertungsgedanken. Auch ginge es dabei um Leistungssteigerung. Klaus Dörner erinnert an den Arzt Hufeland, der damals ausdrückte, dass der Arzt zum gefährlichsten Mann im Staate werden könnte. Er bezog sich dabei auf die Sterbehilfe.
Später – im 1. Weltkrieg gab es ca. 70.000 Tote unter den Insassen von Pflegeeinrichtungen. Ein wichtiger Grund dafür war, dass die Rationen in diesen Einrichtungen geringer waren als für andere.
Die Ausgrenzung von Menschen sei eine Erfindung der Psychiatrie, was in guten Zeiten kein Problem sei. Allerdings sei schon dies eine „soziale Euthanasie“, was dann bei den Nazis zur „biologischen Euthanasie“ wurde. Dort habe es mit der Hungerkost eine Art „sozialverträgliches Frühableben“ gegeben.
In Gütersloh habe man daher das Landeskrankenhaus weitgehend aufgelöst. Viele haben den Heimaufenthalt gar nicht benötigt. Vor 25 Jahren folgten ähnliche Schritte in den Alsterdorfer Anstalten (Hamburg) und in Ravensburg. – In Rumänien habe es die Züchtung des sozialistischen Menschen gegeben. Heute hat sich dort aber viel verändert. Es gäbe auch Schlösser und Klöster, in denen Behinderte leben, auch in abgelegenen Gebieten. Auch gäbe es inzwischen die Entwicklung, dass viele in einer eigenen Wohnung leben.

 

Dr. Helga Bose: Die NS-Euthanasie im Gau Thüringen. Von der Einrichtung der gesetzlichen Voraussetzungen zur Durchführung der „Euthanasie“ bis zur Durchführung der „T4- Aktion“
Sie gab einen kurzen Überblick über Maßnahmen zur Zwangssterilisation und NS-„Euthanasie“ im Gau Thüringen in der Zeit von 1938- 1945. – Etwa 790 Insassen von thüringischen Heilanstalten wurden nach Sachsen verlegt, meist in die Zwischenanstalt Tschadraß. Ein Transport von der LHA Hildburghausen ging mit 124 Insassen direkt in die Tötungsanstalt Pirna/ Sonnenstein.
Wichtigster Gutachter für die „Euthanasie-Patienten“ im Gau Thüringen war Prof. Hans Berger, der auch Antragsteller und Beisitzer am Erbobergesundheitsgericht Jena gewesen war. Bis zu seiner Erimitierung im Okt. 1938 war er Leiter der Psychiatrie-Klinik in Jena. Diese Klinik trägt noch heute seinen Namen.

 

Dr. Sabine Hiekisch: Kinder- und Jugendpsychiatrie als Spiegel der Gesellschaft – Ein Erfahrungsbericht
Zu DDR-Zeiten gab es noch keine eigentliche Kinder- und Jugendpsychiatrie in Großschweidnitz (obwohl diese offiziell den Namen „Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie“ seit 1967 trug). Es bestand eher eine Ablehnung dagegen. Auch die NS-Euthanasie“ war in der DDR kein Thema, lange Zeit wurde sie tabuisiert. Erst gegen Ende der DDR setzte eine Auseinandersetzung dazu ein.
In der DDR gab es besondere Probleme: Wer förderungsunfähig bzw. bildungsunfähig war, kam in die Psychiatrie. Viele Angehörige gaben ihre Kinder ab und fragten nicht viel. – Nach der Wende wurden dann alle Kinder und Jugendlichen wieder förderungswürdig. Allerdings gab es neue Probleme. Viele Eltern konnten mit der neuen Freiheit nicht gut umgehen. Teilweise standen sie morgens nicht auf oder überließen ihren Kindern viele Entscheidungen. Auch hier setzte erst langsam ein Lernprozess ein.

 

Udo Dittmann (Oktober 2015)