Wir starten eine kleine Reihe dazu, wie das Theater dazu beitragen kann, die Erinnerung an NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen wach zu halten. Den Anfang macht Michael Stacheder mit seinem Plädoyer, das Leben zu zeigen, nicht das Töten und Sterben. Demnächst kommen zwei weitere Texte, die im Zusammenhang mit dem Theaterwettbewerb andersartig gedenken on stage entstanden sind. Dieser wird von der Stiftung Erinnerung-Verantwortung-Zukunft gefördert.

 

 Zeigt das Leben!

Wie das Theater die zukünftige Erinnerungsarbeit bereichert.
von Michael Stacheder, Junges Ensemble Schauspiel München

 

Ich bin kein großer Fan von hohen Stelen oder monströsen, geometrischen Denkmälern, die eher aufgrund ihrer modernen Architekturkunst für Aufsehen sorgen, als dass sie zum Weiterdenken und zum Weitertragen der Geschichte anregen. Ein bloßes Denkmal, in den meisten Fällen nur durch eine mit den nötigsten historischen Daten und Fakten bestückter Gedenktafel ergänzt, ist starr, unbeweglich, kalt. Das Denkmal mahnt, es setzt nur schwer etwas in Bewegung. Es kommt nichts in Gang. Es bleibt stehen, verharrt in ihrer beeindruckenden Architektur aus Beton, Glas oder Stein. Für mich hat “Erinnern” sehr viel mit Bewegung und Austausch zu tun. Der Prozess eines heutigen “Erinnerns für die Zukunft” muss lebendig und emotional gestaltet werden.

 

Um so mehr überzeugt und freut mich der Theaterwettbewerb andersartig gedenken on stage für Schul- und Amateurtheatergruppen, denn er macht das Erinnern emotional greifbar. Ein wichtiges Projekt, welches neue Wege in der Erinnerungsarbeit für die Zukunft auslotet und beschreitet.
Für mich ist das “Erinnern” an die nationalsozialistische Diktatur und die damit verbundenen Gräueltaten und Massenmorde mehr als ein “mahnen”, sondern viel mehr ein “weitergeben”, ein “weitertragen” und ein weiterdenken” bis in die Gegenwart hinein. Mahnen hat für mich immer sehr viel mit “schlechtem Gewissen” zu tun und ein “schlechtes Gewissen” muss die junge Generation, der ich mit meinen 35 Jahren ebenfalls noch angehöre, nicht mehr haben. “Schlechtes Gewissen” lähmt den kritischen Umgang mit der Geschichte. “Schlechtes Gewissen” lähmt auch den kreativen Umgang mit dem Erinnern, den wir in den nächsten Jahrzehnten so dringend benötigen. Wir können nichts für die Taten der letzten Generationen. Aber wir haben die Verantwortung, dass die Taten und die Opfer die sie forderten, nie in Vergessenheit geraten.

 

Während ich an diesem Text arbeite, entdecke ich das Buch von Philip Meinhold, welches in diesem Jahr erschienen ist. Philip Meinhold erzählt in seinem Buch von der Auseinandersetzung dreier Generationen einer deutschen Familie mit der Shoah und der eigenen Vergangenheit. Er gibt seinem Buch ganz treffend den Titel: “Erben der Erinnerung”.

 

“Wir, die Zeitzeugen, sind nicht nur Zeugen der Zeit, sondern auch Zeugen auf Zeit. Unsere Pflicht ist es, weiterzugeben, was gewesen ist.”
(Max Mannheimer)

 

Ja, wir sind die Erben der Erinnerungen einer Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die sich bis in die späten 1980er Jahre schwer tat, mit dem Erlebten umzugehen, darüber zu sprechen, sich mitzuteilen. Aber weniger sind wir Nachlassverwalter, als lebendige Übermittler der Erinnerung. Ich meine damit nicht die historischen Fakten zu verändern, zu beschönigen oder gar wegzulassen, nur um sie erträglicher zu machen. Nein. Wir müssen die Erinnerungen, die uns Zeitzeugen wie Max Mannheimer, Ruth Klüger oder Esther Bejarano in den letzten Jahrzehnten hinterlassen, annehmen, bewahren und ohne sie zu verfälschen weitererzählen. Das Gut der Erinnerung wird von Generation zu Generation weitergegeben. “Letztlich versagt unser Sprachvermögen, wenn wir über das “Unsägliche” wie Theodor Adorno es nennt, sprechen wollen.”, so Max Mannheimer in seiner Rede anlässlich des Gedenktages “Jom Haschoa” an die Opfer des Holocaust 1999.

 

“Jede Generation muss für sich das Erinnern neu formulieren”.

 

Die Zeit der Zeitzeugen wird in wenigen Jahren zu Ende gehen. Die Stimmen der Zeitzeugen werden verstummen. Was machen wir mit den vielen offenen Fragen der Generationen nach uns? Können wir sie überhaupt guten Gewissens beantworten? In den letzten Jahren hat man versucht, die Stimmen der Zeitzeugen der Shoah, der NS-Greultaten wie der sogenannten NS-”Euthanasie” oder der Verfolgung von Homosexuellen und Sinti und Roma zu archivieren. In unserer fortgeschrittenen, digitalisierten Welt kein großes Unterfangen. Doch reicht das? Kommt uns mit dem Ende der Zeitzeugen nicht etwas ganz Entscheidendes abhanden? Was zeichneten die direkten Lebenserzählungen der Zeitzeugen so besonders?
Es war diese unmittelbar spürbare Emotionalität, die von dem Gegenüber ausging, die uns zutiefst beeindruckte und zugleich verstörte. Diese Emotion wird in digitaler Form nur bedingt und begrenzt übertragbar sein.

 

“Theater ist emotionales Erinnern.”

 

Das Theater wird nach der “Zeit der Zeitzeugen” einen festen Platz innerhalb der Erinnerungskultur einnehmen und diesen festigen. Das deutschsprachige Theater versuchte in den Nachkriegsjahren bis heute immer wieder aufs Neue, die unfassbaren Geschehnisse der nationalsozialistischen Diktatur für die Gegenwart zu thematisieren und aufzuarbeiten, sowie Stücke über den Widerstand auf die Bühne zu bringen.
Aber kann man z.B. einen Schreckensort wie das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau realistisch auf die Bühne bringen? Nein, man kann es nicht. Das “Unsägliche” würde zu unsäglichem “Holocaust”-Kitsch verblassen. Das “Unaussprechliche” würde mit aller Gewalt zurückschlagen. Man muss es auch nicht. Die Bilder, die wir alle aus den unzähligen Dokumentationen und Gedenkausstellungen kennen, sind in uns präsent genug, um Assoziationen herzustellen. Viel mehr geht es darum, das Publikum, den Zuschauer und Zuhörer, emotional zu berühren. Assoziationsflächen für die Phantasie des Publikums zu schaffen, um Geschichte erlebbar werden zu lassen.
Der Großteil meiner bisherigen Regiearbeiten hat das Erinnern an diese dunkle Zeit des 20. Jahrhunderts bestimmt und maßgeblich beeinflusst. Was vor elf Jahren mit der Uraufführung eines Schauspiels über die Münchner Widerstandsgruppe “Die Weiße Rose” seinen Anfang nahm, setzte sich mit der Beschäftigung des Schicksals von “Mala und Edek” fort und nahm 2014 die Fortsetzung mit der “Judenbank”, einem Volksstück, indem der Protagonist am Ende Opfer der sogenannten T4-Aktion der Nationalsozialisten wird: Theater als emotionales Erinnern.

 

Zeigt das Leben!

 

Als ich gefragt wurde, was würden sie den Teilnehmern des Wettbewerbs andersartig gedenken on stage mit auf dem Weg geben, antworte ich spontan: Sie sollen das Leben zeigen! Ja, zeigt das Leben! Zeigt nicht das Sterben, das Töten. Das Ende ist uninteressant. Erzählt die Lebensbiografien nicht vom Ende ausgehend, sondern erzählt vom Leben.
Jedes einzelne Leben der ca. 300.000 Opfer der NS-”Euthanasie” ist es wert auf die Bühne gebracht zu werden.

 

Es geht nicht darum, irgendein voyeuristisches Gefühl der Zuschauer zu befriedigen. Das Töten und Sterben liest sich in den Protokollen zu den T4-Aktionen, den Akten und Briefen immer gleich. Das behördliche Töten der Nationalsozialisten war ein unmenschlicher, lapidarer Vorgang, der im stillen, ohne viel Aufsehens zu erzeugen, vollzogen wurde.

 

Die Stücke, die aus den zur Verfügung gestellten Lebensbiografien entstehen werden, müssen das Leben zeigen. Das Theater ist ein wunderbares Mittel, welches Brücken zwischen den Welten baut, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen fremden und eigenen Lebensgeschichten. Den Schauspielern meiner Weißen Rose-Inszenierung habe ich jeden Tag während den Proben folgendes zugerufen: “Zeigt nicht das Fallbeil! Hinterfragt die Protagonisten! Geht kritisch mit ihnen um! Zeigt sie als Menschen, mit ihren Fehlern und Abgründen. Zeigt sie mit ihrem Idealismus und ihrer Naivität! Zeigt sie mit ihrem starken Willen, etwas zu verändern. Lasst sie kämpfen, mit sich und der Welt. Lasst das Fallbeil nicht das ganze Stück über allem schweben. Zeigt das Leben, das bewegt mich als Zuschauer mehr als alles andere.”

 

Das Theater darf und muss von Menschen erzählen, von ihren Sehnsüchten, ihren Hoffnungen und Wünschen, ihren Ängsten und Träumen, ihrer Wut und Ohnmacht, ihrer Verzweiflung. So wird für die Zuschauer greifbar, dass es Menschen wie “Du und ich” waren. (Dies gilt ebenso für mögliche Täter-Figuren!) Es gilt, die Lebensdaten und Fakten mit Leben zu füllen. Vieles wird man aus den vorliegenden Archivmaterial bestimmen und nachvollziehen können, einiges wird im Unklaren bleiben. Die biografischen “Leerstellen” können aber auch behutsam mit Hilfe der Rollen- und Biografiearbeit ergänzt werden. Das erfordert eine hohe Sensibilität und Empathie. Aber nur Mut, im Laufe der Beschäftigung mit den einzelnen Lebensbiografien werden die “Protagonisten” zu sprechen beginnen:

 

Durch diese fiktive Ergänzungen gibt man ihnen vielleicht sogar ein wenig Würde und Leben zurück, um das man sie durch das mörderische Verbrechen beraubt hat.

 

Es gibt viele Methoden der Rollen- und Biografiearbeit. Wichtig ist bei historischen Stückentwicklungen, dass man die vorhandenen Quellen genauestens prüft, historisch belegbare Fakten berücksichtigt und diese korrekt wiedergibt, sowie in die Charakterisierung der Figuren einarbeitet. Biografische Eckdaten und charakteristische Eigenschaften ergeben eine Persönlichkeit.

 

Damit die Findung der jeweiligen Figur für die Darstellenden eine spannende und bereichernde Entdeckungsreise wird, sollte man eines nicht aus dem Auge verlieren: alles ist ein (Theater) Spiel! Wir bauen Empathie zu den Protagonisten der Opferbiografien auf, verlieren uns aber nicht in unseren Emotionen und Gefühlen. Darauf sollte und muss geachtet werden. So sollte trotz aller Ernsthaftigkeit vor allem bei den Proben der Humor nicht zu kurz kommen und nach schwierigen, oftmals sehr emotionalen Szenen hilft z.B. ein Nach-Gespräch bei einem gemeinsamen Ensemble-Essen. Der Austausch hilft dem Einzelnen besser mit den “Erfahrungen des Erinnerns” umzugehen und gleichzeitig entwickelt das Ensemble ein Gefühl von Zusammengehörigkeit.

 

Die Entwicklung der Rollenbiografie kann man nicht kreativ genug angehen. Neben den historischen belegbaren Fakten ist es die eigene Phantasie und das Einfühlungsvermögen des Einzelnen, welche die Figur auf der Bühne zu neuem Leben erwachen lässt. Der Autor des Stücks, die Schauspieler und der Regiesseur geben den Opfern ihre Stimme.

 

Wie ich schon erwähnte, gibt es viele Methoden die Rollenbiografien zu entwickeln. Jeder Schauspieler, Regisseur entwickelt im Laufe seines Berufslebens seine ganz eigene, persönliche Methode, um die Figuren lebensnah auf die Bühne zu bringen. Es sind die einfachen Dinge, die eine Rolle lebendig werden lässt. Wie hat die Rolle/der Mensch gelebt? Wie hat er neben seiner Arbeit sein Leben gestaltet? Was hat er gerne unternommen? Hat er gerne gelesen? Falls ja, was hat er gelesen? Welche Musik hat er gerne gehört? Ging er gerne in Konzerte? Welches war sein Lieblingsessen und warum? Welche Geschichte verbindet er mit seinem Lieblingsgericht? Einfache Fragen, die uns eine ganze Welt eröffnen, denn aus den Fragen ergeben sich Antworten und daraus wieder neue Fragen. Am Ende werden wir gar nicht mehr aufhören können zu fragen.

 

Diese Findungsphase kann man auch ganz kreativ gestalten. So gibt es z.B. seit einigen Monaten in den Sozialen Medien eine Aktion, die immer am 12ten eines Monats stattfindet: #12von12.* Blogger dokumentieren fotografierend ihren ganz persönlichen 12ten Tag im Monat und posten im Laufe des Tages 12 Fotos mit kleinen Notizen, Anmerkungen, Geschichten auf Instagram, Twitter oder Facebook. Deshalb auch der Hashtag #12von12. Hier könnte man sich z.B. Anregungen für seine eigenen Biografien zusammensuchen oder wie wäre es, wenn man selber als “Rolle” einen Tag dokumentieren würde? Wie hätte ein Tag für die Rolle ausgesehen? Ein spannender, wie kreativer Versuch sich an eine Rollenbiografie anzunähern.

 

Auch gibt es die Möglichkeit, sich über Porträtaufnahmen oder Familienaufnahmen an das Leben der Protagonisten anzunähern. Wenn z.B. Bilddokumente vorliegen, welche die Protagonisten zusammen mit ihren Familien zeigen, empfiehlt es sich unter anderem die Körperhaltung der Protagonisten zu studieren, um sie so später ins Spiel auf der Bühne integrieren zu können. Die Bilder verraten daneben sehr viel aus dem Alltagsleben der Menschen. Daraus können sich viele Geschichten oder Szenen entwickeln, welche wiederrum die Stückentwicklung als Ganzes bereichern.

 

Ich wünsche den Teilnehmern des Theaterwettbewerbs andersartig gedenken on stage viele spannende, emotionale Momente des Erinnerns und ein großes Toi Toi Toi für ihre Arbeiten.

 

Geht auf Spurensuche!

 

Michael Stacheder
14. Dezember 2015

 

weiterführende Informationen:
draussennurkaenchen.blogspot.de