Hier der zweite Teil unserer Reihe dazu, wie das Theater dazu beitragen kann, die Erinnerung an NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen wach zu halten. Nachdem Michael Stacheder im vorigen Beitrag zu Wort kam, berichtet nun Gisela Höhne vom Theater Ramba Zamba über ihre Arbeit zum Thema. Mehr dazu auf der Website unseres Theaterwettbewerbes andersartig gedenken on stage.

 

EUTHANASIE. Was für ein schreckenerregendes Wort, wenn man ein Kind mit Down Syndrom hat und die Bücher von Klee und Götz Aly gelesen hat.
Ein Wort, das mich verpflichtet, hochgradig sensibilisiert und mich nichts entschuldigen läßt, auch wenn Götz Aly zu gewissem den Umständen geschuldeten Verständnis mahnt.

 

In der Theaterarbeit von RambaZamba gab es dreimal Erfahrungen mit dem Thema. Das erste Mal bereiteten wir 1994 eine Matinee im Deutschen Theater Berlin vor, in der Giora Feidmann zusammen mit Künstlern von Sonnenuhr, so hieß damals der Verein, auf der Bühne musizierte und bekannte Schauspieler des Deutschen Theaters Texte von Augenzeugen lasen. Schon in den Vorbereitungsworkshops verließen uns Teilnehmer, weil allein das Wort Euthanasie sie tief erschreckte. So berichteten es uns die Betreuer, die über die Reaktionen tief beunruhigt waren. Diese Menschen waren zu jung, um es erlebt zu haben, aber doch alt genug, um die Stigmatisierung in beiden deutschen Staaten erlebt zu haben, aber auch den Nicht-Umgang mit diesem Verbrechen spürten, das insgeheim immer noch viele Deutsche in Ordnung fanden. Menschen mit geistiger Behinderung haben einen ungeheuer starken Draht zu allem, was verschwiegen wird. Giora Feidmann hatte sehr spät verstanden, daß es darum geht und war entsetzt. Er wollte keine Aufarbeitung, sondern diese Menschen glücklich machen. In der Matinee lief es dann so, daß die Teilnehmer mit einer Behinderung die Bühne verließen, wenn die Texte gelesen wurden.

 

 

Das nächste Mal beschäftigten wir uns in der Vorbereitung zu dem Stück „Mongopolis“ mit der Auslese unperfekter Lebewesen zugunsten perfekter. Ein Sciencefiction-Krimi-Comic nannten wir ihn. Frech, witzig, unsentimental. Es spielte in der Zukunft, alles „ungefährlich“. Aber dann gab es die Probe, in der Adam die letzten drei Perfekten auswählen sollte und damit auch die bestimmen, die „aussortiert“ werden. Der Adam-Darsteller wählte versehentlich vier aus. Der Teufel-Darsteller schrie: „Drei und nicht vier!“ Schon bevor der Darsteller erneut gewählt hatte, brach einer der vier zusammen und weinte, und plötzlich war allen klar, worum es ging. Nicht nur er weinte, alle, und wir konnten lange nicht proben und haben viel Zeit für die Stabilisierung der Spieler gebraucht. Die Lösung, die wir dann stets spielten, war für alle keine Belastung mehr, denn das Publikum wird aufgefordert, die drei auszuwählen, die , angesichts knapper Wasserresourcen, geboren werden sollen. Die Kamera fährt die Gesichter ab und projeziert sie groß. Die Spieler spüren, daß sie die Aufgabe los sind und fühlen sich, eingebettet in das Stück, sicher. Das Erschrecken liegt beim Publikum, das bis dahin viel gelacht hatte. Nur Publikumsgespräche gehen gar nicht mit ihnen. Hier brachen sie jedes Mal in heftiges Weinen aus. Darum gibt es das nicht mehr. Es zeigt, wie dünn die Haut ist und wie genau sie um ihre fragile Existenz wissen.

 

 

Das dritte Erlebnis hing mit der Buchvorstellung von Götz Alys Buch „Die Belasteten“ im Jahr 2013 in der Berliner Charite zusammen. Er hatte uns gebeten, ein Programm mit ihm zusammen zu erarbeiten. Die Gruppe war zu diesem Zeitpunkt schon sehr erfahren und konnte gut reflektieren. Wir ließen zwei Darsteller, die im Rollstuhl sitzen und keine geistige Beeinträchtigung haben, einige Kapitel aus dem Buch lesen, die Aly zusätzlich erklärte. Andere Schauspieler sangen Lieder aus der „Winterreise“, die wir seit einigen Jahren als szenisches Musikstück spielen und Gedichte von Else Lasker-Schüler und Inge Müller sprechen. Di, die sie aus „Orpheus ohne Echo“ kannten. Es wurde ein tief bewegender Abend von großer künstlerischer Qualität und starker Wirkung. Die Schauspieler waren geschützt durch die künstlerische Form ihrer Beiträge, die Künstler im Rollstuhl Nur eine Schauspielerin kam erst in der Aufführung mit den Buchtexten in Kontakt. Sie begann immer mehr zu weinen und wurde sanft hinausgeführt. Noch eine ganze Weile hallte in den gekachelten Fluren ihr lautes Weinen und begleitete das Programm. Sie kam wieder und sang gefaßt ihr Lied. Was für eine Kraft!