Am 29. Juni 2016 fand im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin eine Konferenz mit einem sperrigen Titel statt: Den Opfern einen Namen geben – Gedenken und Datenschutz im Zusammenhang mit der öffentlichen Nennung der Namen von NS-Opfern in Ausstellungen, Gedenkbüchern und Datenbanken.

Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien, betonte in ihrem Grußwort die Brisanz und Wichtigkeit dieses nicht leicht (in Worte) zu fassenden Themas. Während die öffentliche Nennung von Vor- und Zunamen der Holocaustopfer – sei es in Gedenkstätten oder online in Gedenkbüchern – schon lange Praxis ist, wird dies im Zusammenhang mit den Opfern der NS-“Euthanasie“ noch immer kontrovers diskutiert.

Die gestrige Konferenz war keineswegs die erste ihrer Art: Bereits im November 2013 fand eine vergleichbare Veranstaltung in München statt.

Nicht vergleichbar aber sind der Verlauf und der daraus hervorgegangene Konsens der aktuellen Debatte. Noch vor drei Jahren argumentierten die Gegner vor allem damit, dass durch eine öffentliche Bekanntgabe der vollen Namen „schutzwürdige Belange Dritter“ berührt würden. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem sehr offen gehaltenen Begriff?

 

Eine „stahlbetonharte Wand aus Paragraphen“

Es gehe darum, so Dr. Ehrhart Körting (Ehem. Innen und Justizsenator Berlins), dass manche Angehörige der Opfer in der angeblichen Erbkrankheit ihrer ermordeten Vorfahren eine Stigmatisierung ihrer selbst sähen und sich daher gegen die Nennung der Namen und die damit möglicherweise einhergehende Verbindung zu ihrer Person aussprächen. Faktisch handle es sich hier aber um eine „bloße Reflexwirkung“, der man nicht mit einer prophylaktischen Anonymisierung begegnen könne. 1)Mehr zum Standpunkt von Erhart Körting ist in seinem diesbezüglichen Gutachten aus dem Jahr 2014 zu lesen: http://gedenkort-t4.eu/de/content/gutachten-namensnennung-ns-euthanasieopfer ,letzter Zugriff am 30.06.2016.

Erhart Körting

Erhart Körting auf der Konferenz

Im Tagungsbericht von 2013 ist zu lesen, dass „an den beschriebenen Diskursmodi nicht gerüttelt [wurde]: Für die Archivare und Juristen […] galten axiomatisch die schutzwürdigen Belange Dritter, für die Historiker und Angehörigen die Würde der Opfer, die gebiete, dass man die Namen nenne. So kam man nicht zusammen.“ Vor gerade einmal drei Jahren als konnte die „stahlbetonharte Wand aus Paragraphen und Vorschriften“ in München nicht durchbrochen werden – wie erfreulich anders sah es da gestern in Berlin aus! Unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Nachama (Stiftung Topographie des Terrors) und Uwe Neumärker (Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas) diskutierten Fachleute aus Geschichtswissenschaft, Gedenkarbeit, Archivwesen, Medizinethik und Rechtswissenschaft vor und mit ca. 180 Gästen.

 

Über inkonsistente Archivgesetze und den mutmaßlichen Willen der Opfer

Im ersten Teil der Konferenz lag der Fokus auf rechtlichen Belangen. Den Anfang machte Dr. Erhart Körting, der noch einmal eindringlich darauf hinwies, dass eine Orientierung am mutmaßlichen Willen des Verstorbenen geboten sei. Zwar gebe es das sogenannte postmortale Persönlichkeitsrecht (über dessen Schutzfrist sich jedoch niemand so recht einig sei), dieses sei jedoch nur berührt, wenn der oder die Verstorbene posthum erniedrigt oder herabgewürdigt werde. Dass dies bei einer Nennung von Namen und Sterbedaten im Kontext des Opfergedenkens und der Aufklärung nicht der Fall sei, müsse eigentlich nicht diskutiert werden.

Auch Dr. Michael Hollmann vom Bundesarchiv sprach sich im Namen seiner Kolleginnen und Kollegen für eine öffentliche Nennung der Opfernamen aus. Bisher sei der Zugang zu den Daten in den Archiven zwar trotz § 1 BarchG (Nutzungsrecht für jedermann) erschwert, dies wolle man jedoch in Zukunft ändern.

Im Anschluss gab der Historiker und Polonist Robert Parzer Einblicke in die durchaus kuriosen Archivpraxen in Deutschland und Polen. Trotz manchmal gleicher Gesetzeslage (konkret: NRW) sei die Praxis der Zugänglichmachung uneinheitlich. Vom Kopierverbot bis zum Versenden von Originaldokumenten habe er bereits alles erlebt. Parzers Conclusio: Polnische Archive sind, gerade was die Zugänglichkeit von Daten angeht, fortschrittlicher als deutsche.

 

Medizin- und datenschutzrechtliche Aspekte

Mit Prof. Dr. Thomas Beddies vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Berliner Charité hatte nun der Medizinhistoriker das Wort. Beddies stellte die klare Trennung von Opfergedenken und Wissenschaft in den Mittelpunkt seines Vortrags. Details aus Krankenakten beispielsweise sollten auf keinen Fall veröffentlicht werden, da dies zum einen die ärztliche Schweigepflicht verletze und zum anderen für das Andenken Verstorbener nicht von Bedeutung sei. Für die Forschung hingegen sei das Studium dieser Akten von großer Wichtigkeit, hier würden die Informationen aber anonymisiert, weil im wissenschaftlichen Kontext eben die Identität der Opfer nicht relevant sei. Was die schlichte Nennung der vollen Namen und der Geburts- und Sterbedaten angeht, sprach sich auch Beddies klar dafür aus. Auf den Stolpersteinen, so sein simples wie einschlägiges Argument, stünden schließlich auch – öffentlich – die Namen der Opfer.

Als letzter Redner vor der Mittagspause brachte Ministerialdirektor Diethelm Gerhold die datenschutzrechtliche Perspektive in die Debatte ein. Bei der Nennung von Opfernamen in Gedenkstätten habe er überhaupt keine Bedenken – anders sehe dies jedoch bei Onlineveröffentlichungen aus. Dort drohe, so Gerhold, der absolute Kontrollverlust über die Daten, weil eben jeder „Feld-, Wald- und Wiesennutzer“ mit ihnen hantieren und sie willkürlich mit Informationen verknüpfen könne.

 

Die Vergessenen ins Gedächtnis zurückholen – ethische Aspekte

Der Fokus des zweiten Teils der Konferenz lag nun auf den ethischen und persönlichen Aspekten der Debatte. Anstelle von PD Dr. Gerrit Hohendorf, der leider verhindert war, trat Herr Dr. Michael von Cranach (München) ans Rednerpult. Auch er betonte den mutmaßlichen Willen der Opfer, der – zusammen mit einem gesellschaftlichen Interesse an Aufklärung und Erinnerung – über den vermeintlichen „Belangen Dritter“ stünde. Ganz klar plädierte auch von Cranach für die öffentliche Namensnennung: Nur so könne man die Vergessenen ins individuelle und kollektive Gedächtnis zurückholen.

Margret Hamm vom Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten  sorgte mit ihrem Vortrag für eine Überraschung. Waren doch bisher alle Redner miteinander konform, zeichnete sich doch eine klare Richtung für die zukünftige Praxis ab – Frau Hamm als Stimme der Betroffenen selbst sprach sich gegen die öffentliche Namensnennung aus. Man solle sich, so Hamm, an den noch wenigen Lebenden orientieren, die laut ihrer Aussage allesamt nicht wollten, dass man ihre Namen im Kontext der NS-“Euthanasie“ und der Zwangssterilisierungen öffentlich nenne.

Dr. Georg Lilienthal, langjähriger Leiter der Gedenkstätte Hadamar, gab anschließend Einblicke in die bisherige Praxis der verschiedenen NS-“Euthanasie“-Gedenkstätten. So schreiben Brandenburg, Pirna-Sonnenstein und Grafeneck die Namen der Opfer mittlerweile konsequent aus, Hartheim und Hadamar nur in Rücksprache mit Angehörigen.2)Aus der Gedenkstätte Bernburg lag keine Stellungnahme vor.Lilienthal betonte aber auch die Notwendigkeit der Überarbeitung, da einige Dauerausstellungen mittlerweile in die Jahre gekommen seien.

 

„Daß über den Namen hinaus etwas von uns verbleibe“

Als letzte Rednerin des Tages äußerte sich Dr. Gabriele Hammermann von der KZ-Gedenkstätte Dachau zur Praxis der Namensnennung von Menschen aus verschiedenen Opfergruppen. Sie schloss mit einem Zitat des italienischen Schriftstellers und Holocaustüberlebenden Primo Levi, das nun auch hier zum Abschluss wiedergegeben werden soll:

„Man hat uns die Kleidung, die Schuhe und selbst die Haare genommen; sollten wir reden, so wird man uns nicht anhören, und wird man uns auch anhören, so wird man uns nicht verstehen. Auch den Namen wird man uns nehmen; wollen wir ihn bewahren, so müssen wir in uns selbst die Kraft dazu finden, müssen dafür Sorge tragen, daß über den Namen hinaus etwas von uns verbleibe, von dem was wir einmal gewesen 3)Primo Levi: Ist das ein Mensch?, 1991.

 

Wessen Name nicht genannt wird, der ist ungedenkbar

Ja – wäre nicht schon lange Zeit (illegalerweise) eine Liste mit Namen von NS-“Euthanasie“-Opfern online, hätten so manche Angehörige ihre Vorfahren nicht ins individuelle und kollektive Gedächtnis zurückholen können, um noch einmal von Cranachs Worte aufzugreifen. Denn wessen Name nicht bekannt ist, wessen Name nicht genannt wird, der ist ungedenkbar.

Die Stigmatisierungen, die für manche Angehörige scheinbar noch immer mit den angeblichen Diagnosen der nationalsozialistischen Ärzte einhergehen, sind Reproduktionen alter Bilder – indem ich etwas als Makel ansehe, mache ich es oft erst zu einem. Dennoch lässt sich nicht verleugnen, dass Behindertenfeindlichkeit ein noch immer existierendes Problem in unserer Gesellschaft ist.

Der allgemeine Konsens der gestrigen Veranstaltung war, dass man dieser realen Feindlichkeit und den ebenso realen Ängsten nur entgegenwirken kann, indem man aufklärt. Und genau im Licht dieser Schlussfolgerung wurde im Anschluss an die Konferenz in den Räumen des Tagesspiegels der Förderkreis des Gedenk- und Informationsortes Tiergartenstraße 4 für die Opfer der NS-“Euthanasie“-Morde e.V. gegründet.

Einzelnachweise   [ + ]

1. Mehr zum Standpunkt von Erhart Körting ist in seinem diesbezüglichen Gutachten aus dem Jahr 2014 zu lesen: http://gedenkort-t4.eu/de/content/gutachten-namensnennung-ns-euthanasieopfer ,letzter Zugriff am 30.06.2016.
2. Aus der Gedenkstätte Bernburg lag keine Stellungnahme vor.
3. Primo Levi: Ist das ein Mensch?, 1991.