[UPDATE 13.7.2016: Es berichteten das Wiesbadener Tagblatt, das Lokalportal Idstein live und der Vitos Konzern gab bereits am 7.7. eine Pressemitteilung heraus, in der er die Verkaufsabsichten bestritt. Wie dann wohl die Immobilienanzeige zu Stande kam, erklärt er nicht.]

[UPDATE 12.7.2016: Das ZDF-Magazin heute in Deutschland brachte einen Beitrag über die aktuelle Situation am Kalmenhof, am Minute 10:00]

Der Kalmenhof in Idstein, im Jahr 1888 als interkonfessionelle Bürgerstiftung vor allem auf Initiative des Frankfurter Bankiers, Philanthropen und Sozialreformers Charles Hallgarten gegründet und heutzutage ein Standort von „Vitos Teilhabe gemeinnützige GmbH“, erlebte eine wechselvolle Geschichte.

1933 wurde die vormals privat finanzierte Einrichtung gleichgeschaltet, der private Trägerverein zerschlagen. Der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) übernahm mit seiner Gründung 1953 die Trägerschaft und das Eigentum des Kalmenhofes.

 

Während der Zeit der „Euthanasie“-Morde fungierte der Kalmenhof als Zwischenanstalt; von dort aus wurden viele Menschen zum Zwecke ihrer Ermordung in Tötungsanstalten deportiert.

 

Auch auf dem Gelände des Kalmenhofes wurde im Kontext der „dezentralen Euthanasie“ in großem Umfang gemordet.

 

Im 1927 erbauten Krankenhaus war 1941 eine „Kinderfachabteilung“ eingerichtet worden. Hunderte Menschen wurden dort bis zum Frühjahr 1945 planvoll getötet und auf dem Gelände verscharrt.

 

Ehemaliges Kalmenhof-Krankenhaus (Kinderfachabteilung) Foto M. Hartmann-Menz 2015

Ehemaliges Kalmenhof-Krankenhaus (Kinderfachabteilung) Foto M. Hartmann-Menz 2015

Im Bereich der vermuteten Massengräber wurde 1987 eine mit Bundesgeldern finanzierte Gedenkstätte errichtet. Die hier begrabenen Opfer sind namentlich bekannt; eine genaue Lokalisierung der Gräber auf dem Gelände ist bisher nicht erfolgt.

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Blick auf Gedenkstätte und vermutete Gräberfelder. Teilausschnitt mit Inschrift. Die Geländeanteile liegen unmittelbar neben dem zum Verkauf stehenden Gebäudekomplex. Fotos: C. Frohn (2016), M. Hartmann-Menz (2015)

Nun stehen das Krankenhausgebäude, die ehemalige Leichenhalle sowie 8000m² dazugehöriges Gelände in einem großen Immobilienportal zum Verkauf. Im Anzeigentext werden weder die Geschichte der Gebäude noch die Gedenkstätte erwähnt.

Screenshot immoblienscout24.de. Zugriff am 5.7.2016

Screenshot immoblienscout24.de. Zugriff am 5.7.2016

Ehemalige Leichenhalle nahe dem Kalmenhof-Krankenhaus Foto C. Frohn (2016)

Ehemalige Leichenhalle nahe dem Kalmenhof-Krankenhaus Foto C. Frohn (2016)

Es stellt sich die Frage, ob es dem LWV überhaupt zusteht, die Veräußerung von derart geschichtsträchtigen Gebäuden und Grundstücken zu betreiben? Schließlich wurden diese ursprünglich privat gestiftet und konnten nur infolge der Übernahme durch den NS-Machtapparat in öffentliche Hand gelangen.

In einer Publikation des LWV anlässlich des 125-jährigen Jubiläums (2013) heißt es: „Dagegen ist die Mittäterschaft beim Krankenmord … das schwärzeste Kapitel der Kalmenhof-Geschichte. Diese Verbrechen dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Dafür tritt der LWV als Rechtsnachfolger des Trägers ein.“

 

Wird der LWV diesem Anspruch gerecht, indem er plant, den Ort des Gedenkens zu veräußern? 

Hinweis auf Gräberfeld und Gedenkstätte Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Hinweis auf Gräberfeld und Gedenkstätte Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Inschrift im Gedenkrondell Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Inschrift im Gedenkrondell Foto M. Hartmann-Menz (2015)

Wir halten es für notwendig, diese Information weiträumig weiterzuleiten.

 

Detaillierte Himntergrundinformationen zum Kalmenhof, der juristischen Aufarbeitung und dem Gedenken vor Ort erhalten Sie auch auf der Website von Lutz Kälber (Universität Vermont)