Über Twitter sind wir auf ein spannendes Projekt in Heidelberg aufmerksam geworden: (Danke @DerGuenther !).  Eine studentische Initiative, die sich  mit Prozessen des „Othering“ im NS in Heidelberg beschäftigt. Dabei geraten auch die NS-Krankenmorde in der Stadt in den Blick. Im Folgenden ihre Selbstdarstellung, verfasst vom Projektleiter, Felix Pawlowski.

 

Wer wir sind:

 

Der studentische Verein “Heidelberger Lupe – Verein für Historische Forschung und Geschichtsvermittlung” befindet sich seit Februar 2016 in Gründung und hat es sich zum Ziel gesetzt, die Regionalgeschichte Heidelbergs im Nationalsozialismus zu erforschen und didaktische Zugangsmethoden für den Schulunterricht zu entwickeln. Er besteht derzeit aus zwölf aktiven Mitgliedern und kooperiert mit dem Arbeitsbereich „Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa“ des Lehrstuhls für Zeitgeschichte der Universität Heidelberg, der Jüdischen Kultusgemeinde, dem Dokumentation- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, der Stadt und diversen Schulen Heidelbergs. Hervorgegangen ist die Gruppe aus früheren Projekten des Arbeitsbereiches, mit dem sie u.a. im Januar 2015 die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Rathaus der Stadt Heidelberg gestaltet und im Oktober des Selben Jahres die Ausstellung „Herausgerissen – Deportation von Heidelbergern 1940“ konzipiert und umgesetzt hat. Im Zuge dieser Ausstellung kamen Lehrer und Lehrerinnen aus Heidelberg auf die Gruppe zu und fragten ob die Möglichkeit bestünde regionalgeschichtlich fokussierte Zusatzmaterialien zur Verfolgung von Minderheiten für den Geschichtsunterricht zu entwerfen.

 

Konzept:

 

Wir konzipieren und planen eine fächerübergreifende Handreichung für Lehrer und Lehrerinnen und außerschulische Bildungseinrichtungen und wollen gleichermaßen Erinnerungsorte in Heidelberg mit einbeziehen und didaktisch zugänglich machen. Nicht nur für den Geschichtsunterricht, auch für den Deutsch, Kunst oder Religionsunterricht sollen die Textbausteine, Arbeitsblätter und das Begleitmaterial das wir erstellen werden nutzbar sein. Der Holocaust ist fest verankert im Curriculum vieler Fächer. Da die gängigen Schulbücher aber von großen und überregionalen Verlagshäusern gedruckt werden, geht der regionale Fokus dabei verloren. Uns ist es jedoch wichtig zu zeigen, dass die Verfolgung von Minderheiten kein entrücktes Thema ist, sondern auch in der unmittelbaren Umgebung stattfand. Durch Stereotypisierungsprozesse und ‚Othering’  wurden auch Heidelberger Mitbürger*innen im Nationalsozialismus fremd gemacht und verfolgt. Durch den Fokus auf persönliche Schicksale und Biographien, sollen die nationalsozialistischen Stereotype aufgebrochen werden. Schüler*innen sollen den konstruktiven Charakter von Stereotypen erkennen und ähnliche Mechanismen in aktuellen Diskursen kritisch hinterfragen. Wir glauben, dass eine Geschichtsvermittlung zum so wichtigen Thema Nationalsozialismus und Verfolgung erfolgreicher sein kann, wenn man diese den Schülern anhand von vertrauten Orten und Personen zeigt die um sie herum sind oder waren, die sie vielleicht täglich unbewusst wahrnehmen und mit denen sie sich vielleicht auch leichter identifizieren können. Dieser direkte Bezug soll die Möglichkeit bieten, das komplexe und doch emotional sehr aufgeladene Thema leichter zu verstehen und einzuordnen.

 

Im Zuge des Besuchs jüdischer ehemaliger Heidelberger im Mai 2016, hatte unsere Gruppe von der Stadt Heidelberg die Möglichkeit erhalten, Zeitzeugeninterviews zu führen und persönliche Schicksale zu dokumentieren. Wir waren so in der Lage mit Video- und Audioaufnahmen die Geschichten der letzten sieben jüdischen Heidelberger Zeitzeugen zu dokumentieren. Auch diese Aufnahmen fließen direkt in unser Projekt ein.

 

Die Gruppe hat sich dazu entschlossen das gesamte Projekt aufgrund seines Umfangs in mehreren Phasen vorzubereiten. Zunächst werden die am Projekt beteiligten Studierenden anhand ausgewählter Themen und Erinnerungsorte bis Ende des Jahres ein Muster an Arbeitsmaterialien erstellen. Mit diesen Materialien werden wir anschließend in verschiedenen Schulklassen von Heidelberger Gymnasien den Praxistest machen und die Verwendbarkeit innerhalb des Unterrichts eruieren. Danach entscheidet sich ob das Projekt erweitert wird und die restlichen vorgesehenen Themenbereiche bearbeitet werden. Der Gesamtumfang des Projektes erstreckt sich von 1933-1945. Dieser Zeitraum wird in der Geschichtswissenschaft üblicherweise in mehrere Phasen eingeteilt:

 

I. 1 Phase 1933-35: Verdrängung von Minderheitengruppen aus dem wirtschaftlichen Leben

II. 2 Phase 1935-38: Nürnberger Gesetzte + Folgen → Themenschwerpunkt: Konstruktion von „Anderssein“ und realgesellschaftliche Folgen

III. 3 Phase 1938-39: Novemberpogrom + Kriegsausbruch

IV. 4. Phase 1939-45 (weitere Unterteilung möglich)

 

Für die Erstellung der ersten Materialien wird lediglich die Phase 2 bearbeitet und der Schwerpunkt dabei auf die Konstruktion des „Anderssein“ gelegt.

 

Erste Themenfestlegung:

 

Die Themenwahl innerhalb der Verfolgen-Gruppen geschieht nach Orten und Personen in Heidelberg:

–              „Geisteskranke” à „Entartete“ Kunst?; Euthanasie + Kliniken HD + Grafeneck, (Kunstbezug über die Sammlung Prinzhorn) Sammlung Prinzhorn + Gedenkstelle für die Opfer der Euthanasie, Bruno Oppenheimer, Maja Bitsch, Wilhelm Werner.

Gedenkstein in Heidelberg

Gedenkstein in Heidelberg

–              „Widerständler“ vs Volksgemeinschaft à Thingstätte und Thingbewegung; BDM und HJ in HD → Thingstätte (Volksgemeinschaft), Widerstand von Studentischer Seite, Helmut Meyer, Hermann Maas

–              „Homosexuelle“ + „Politisch Verfolgte“ à Gedenkstätte auf dem Bergfriedhof, Max Brosch

–              „Juden“ à Synagogenplatz, Wohnorte,  Zeitzeugeninterviews mit Hans Flor, Ronald & Eric Kay, Michael Pinkuss, Mia Forscher, Henry Baer und Rahel Anili

–              „Sinti“ à Gedenkplakette Steinstraße, Wohnorte (lokale Häufung, u.a. Friedrich-Ebert-Haus): Sinti in HD + Vertreibung, Fam. Meinhardt, Fam. Birkenfelder

–              „Intellektuelle“ à Ort Bücherverbrennungen (Bildung, Universität)

 

Jeder Themenkomplex wird von ein bis zwei Studierenden bearbeitet. Im kommenden September findet zudem ein erster Didaktikworkshop mit Dozenten aus den Bildungswissenschaften, Lehrern, dem Stadthistoriker Dr. Norbert Giovannini und dem Holocaust-Education Experten Dr. Bertram Noback (angefragt) statt. Das Projekt des Vereins ist offiziell am Arbeitsbereich „Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa“ des Lehrstuhls für Zeitgeschichte der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg angesiedelt und wird inhaltlich von diesem betreut.

Verantwortliche Betreuer sind Dr. Birgit Hofmann und M.A. Daniela Gress. Projektleiter und –koordinator ist B.A. Felix Pawlowski.