Datum: 1. Oktober 2016, 18.30 Uhr Preisverleihung, 20.00 Uhr Aufführung des Siegerbeitrags

Ort: Die Weisse Rose, Martin-Luther-Straße 77, 10825 Berlin (barrierefrei)

Eintritt: der Eintritt ist frei, um eine Spende an den Förderkreis Gedenkort T4 wird gebeten.

Anmeldung: bis zum 26. September bei Stana Schenck (stana.schenck@gedenkort-t4.eu)

 

 


 

 

Der Wettbewerb

 

Im Herbst 2015 rief die AG Gedenkort T4 unter dem Motto Andersartig Gedenken on Stage‘ bundesweit Schultheater sowie inklusive Theatergruppen dazu auf, die Lebensgeschichte eines NS-‚Euthanasie‘-Opfers auf die Bühne zu bringen.

 

Gefördert vom Paritätischen Berlin, der Stiftung EVZ, der Bundesvereinigung der Lebenshilfe sowie der Lebenshilfe Berlin, knüpfte ‚Andersartig Gedenken on Stage‘ direkt an die Idee des Vorgängerwettbewerbs, ‚Andersartig Gedenken‘, an. Das Ziel war auch diesmal, junge Menschen zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit der Geschichte von Ausgrenzung und Inklusion zu motivieren. Doch statt der Gestaltung eines Denkmals ging es nun um die Entwicklung eines Theaterstücks.

 

Ein so dunkles Kapitel deutscher Geschichte darstellerisch zu verarbeiten, war keine leichte Aufgabe. Es bedeutete Mut, Einfühlungsvermögen und eine kompetente pädagogische Begleitung. Vierzehn Schauspielgruppen haben diesen Mut bewiesen, haben ein Theaterstück konzipiert, aufgezeichnet und eingesandt. Als Basis für die inhaltliche Arbeit diente den Jugendlichen das unter Gedenkort T4 frei zugängliche Onlinegedenkbuch. Dort sind Biografien von Menschen zu lesen, die zwischen 1939 und 1945 Opfer der nationalsozialistischen Patientenmorde wurden.

 

Eine unabhängige Jury bestimmte schließlich Anfang Juni 2016 die sieben Preisträger_innen. Die Wahl, das lässt sich ganz klar sagen, fiel nicht leicht. In einer intensiven, beinahe zwölfstündigen Sitzung diskutierte die Jury die eingesandten Beiträge, beleuchtete Stärken und Schwächen der Stücke.

 

 

Im Rahmen der Preisverleihung wird auch der Siegerbeitrag „KÄTHE“ aufgeführt. (Foto: Christiane Matthäi)

 

 

Die Preisträger_innen

 

Zunächst wurde der 5. Platz (500 Euro) vergeben. Dieser geht an die Theatergruppe der Geschwister-Scholl-Oberschule Bad Laer, die mit ihrem Beitrag ‚Rupprecht Villinger – Recht auf Leben‘ den Bogen in die Gegenwart schlagen konnte. Auf Basis der Menschenrechte und des Grundgesetzes setzten sich die Schüler_innen damit auseinander, wie Menschen früher miteinander umgingen und wie dies heute der Fall ist.

 

Die Produktion ‚Kannst Du schweigen – Ich auch‘ des Theaters Backnang, die gleich an mehrere Backnanger Bürger_innen erinnert, erhält den 4. Platz (500 Euro). Anhand der Darstellung einzelner Charaktere und deren Rollen im System näherten sich die jungen Schauspieler_innen dem Thema Verantwortung an.

 

Den 3. Platz (1.000 Euro) vergibt die Jury an Schüler_innen des Ernst-Mach-Gymnasiums und der Mittelschule Haar, die sich mit ihrem Stück ‚Spurensuche  – Was für ein Mensch willst Du sein?‘ für eine dokumentarisch-performative Inszenierung entschieden haben. Sie eröffnen in ihrem Stück einen historischen Kontext, der von der ersten Londoner Eugenik-Konferenz bis hin zur Flüchtlingskrise der Gegenwart reicht. „Es ist diese Arbeit am kollektiven Gedächtnis, die das Theaterprojekt ‚Spurensuche‘ vor allem auszeichnet“, sagt Florian Kemmelmeier, der in der Jury für die historische Expertise verantwortlich war. „Nicht einzelne Biografien standen im Vordergrund, nicht die Geschichte an sich, sondern vielmehr die Mechanismen von Einteilung, Stigmatisierung und Ausgrenzung“.

 

Das Stück ‚Geheimnisse im Kopf‘, inszeniert von einer Kooperation des Carl-Orff-Gymnasiums und des Heilpädagogischen Centrums Augustinum aus Unterschleißheim, konnte sich den 2. Platz (1.500 Euro) sichern. Als Grundlage diente den Darsteller_innen ein Roman von Elisabeth Zöller, die die Geschichte ihres Onkels aufgearbeitet hat. Besonders lobenswert sei bei dieser Einsendung, so Schauspieldozentin und Jurymitglied Sigrid Kolster, dass durch die theaterpädagogische Arbeit eine intensive Begegnung von Schüler_innen des Gymnasiums und Mitarbeiter_innen der Werkstatt zustande kam.

 

Am meisten überzeugte die Jury das Stück ‚KÄTHE – Ein Opfer der Euthanasie im Nationalsozialismus‘, das einstimmig den 1. Platz (2.000 Euro) zugesprochen bekam. Entwickelt und inszeniert wurde das Stück von Schüler_innen des Schulzentrums ‚Geschwister Scholl‘ in Bremerhaven. Als Grundlage diente ihnen die Biografie Käthe Spreens, einer jungen Frau aus Bremerhaven, die 1941 in Hadamar ermordet wurde. Basierend auf Originaldokumenten und ergänzt durch fiktive Inhalte, zeigt es neben Käthes Sicht auch die Perspektive von deren Cousine Henrita. Denn wie in vielen betroffenen Familien, so herrschte auch bei Käthes Angehörigen Ungewissheit und Stillschweigen über ihren Tod.

 

„Wir wünschen uns, dass durch das Stück die Erinnerung an Käthe lebendig bleibt und deutlich wird, dass alle Menschen in ihrer Verschiedenheit respektiert und integriert werden müssen.“ – aus dem Begleitschreiben der Schüler_innen des Schulzentrums ‚Geschwister Scholl‘

 

Das vergleichsweise kurze Theaterstück setze einen intensiven Prozess in Gang, begründet Sigrid Falkenstein – Jurymitglied und selbst Angehörige eines ‚Euthanasie‘-Opfers – die Entscheidung. „Es baut Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Käthes Biografie, der Suche ihrer Angehörigen und den eigenen Lebenserfahrungen der jungen Darsteller_innen“. Dies, so Falkenstein, geschehe ohne die Überfrachtung mit historischen Fakten und ohne den mahnenden ‚pädagogischen Zeigefinger‘.

 

 

Die Sonderpreisträger_innen

 

Zusätzlich zu den allgemeinen Preisen waren auch ein Sonderpreis für eine besonders gelungene Umsetzung des Inklusionsgedankens (Inklusionspreis der Lebenshilfe Berlin) sowie ein Förderpreis für eine herausragende schauspielerische Einzelleistung ausgelobt.

 

Über den Inklusionspreis der Lebenshilfe Berlin dürfen sich die Mitglieder des Theaters 36 aus Hamburg freuen. Deren Stück ‚Der Brief – Ein Spiel zwischen Gestern und Heute‘, so die Jurorin Prof. Dr. Marianne Hirschberg, zeige gleich mehrere inklusive Strukturen, die jedoch nicht als ‚besonders‘ dargestellt seien. Vielmehr würden gesellschaftliche Differenzen wie Alter, Geschlecht und Nicht_Behinderung als selbstverständlich angesehen – etwas, das weder historisch noch gegenwärtig immer der Fall ist. Zudem breche ‚Der Brief‘ mit klassischen Rollenverteilungen und somit auch mit dem gängigen Muster ‚Menschen mit Behinderung spielen Menschen mit Behinderung‘.

 

Der Förderpreis für eine herausragende schauspielerische Einzelleistung geht an Kai Bosch vom Theater Backnang. Ihm, so der Regisseur Michael Stacheder, sei eine authentische und reflektierte Darstellung gelungen, die unmittelbar unter die Haut gehe.

 

Unter www.andersartig-gedenken.de sind die Trailer aller ausgezeichneten Stücke abrufbar.

 

 

Die Preisverleihung

 

Am 1. Oktober 2016 um 18.30 Uhr ist es so weit: Im Kulturzentrum ‚Weisse Rose‘ in Berlin werden die Preisträger_innen geehrt. Im Anschluss an die Vergabe der Preise wird auch der Siegerbeitrag ‚KÄTHE‘ live zu sehen sein.

 

Mit Ulla Schmidt (Bundesvorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags), Prof. Barbara John (Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Berlin) und Günter Saathoff (Vorstandsvorsitzender der Stiftung EVZ) werden auch Vertreter von Fördererseite der feierlichen Preisverleihung beiwohnen.

 

„Wir hoffen und wünschen uns“, so der Juryvorsitzende Michael Stacheder, „dass der Theaterwettbewerb ‚Andersartig Gedenken on Stage‘ auch in den nächsten Jahren kontinuierlich weitergeführt und weitergedacht wird. Denn die daraus entstehenden Projekte können die Gesellschaft nachhaltig für ein inklusives Miteinander sensibilisieren, prägen und voranbringen“.