Ein Hotspot für Public History ist Minsk nicht gerade. Eine zumindest autoritäre Staatsführung kontrolliert recht genau, wer was wie im öffentlichen Raum erinnert. Die Erinnerung gibt es: So findet der Spaziergänger an mehreren Orten im Stadtzentrum Denkmäler in Form von Tafeln und Skulpturen, die an bedeutende Politiker der belarussischen kommunistischen Partei erinnern. Etwa eine Stunde von Minsk entfernt befindet sich die Gedenkstätte Chatyn, die als symbolisch gestaltete Erinnerungslandschaft emotional durchaus aufrüttelnd an die „Politik der verbrannten Erde“ der deutschen Besatzer erinnert. Seit kurzem befindet sich auch am Ort des Massenmordes an Juden aus dem Minsker Ghetto und aus Teilen Europas in Maly Trostinez eine Gedenkstätte, die ein persönliches Projekt des Staatspräsidenten Aleksander Lukaschenka war.

 

Minsk ist allerdings keine Erinnerungslandschaft im engeren Sinne: Man kann durch die Stadt laufen, ohne wie etwa in Berlin, andauernd auf Erklärungen zur Geschichte „komplizierter Orte“, auf Denkmäler und Gedenkinstallationen zu treffen. Unübersehbar ist lediglich die Erinnerung an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, dessen Geschichte in einer leicht nationalisierten Form entlang der selben Diskurslinien wie vor 1989 erzählt wird – was auch bedeutet, dass es beispielsweise keine Markierung von Orten der deutschen Besatzungsherrschaft gibt.

 

Vieles wirkt wie eine Scharade: Wenn etwa ein zentraler Platz nach 1989 seines Namenspatrons verlustig ging und jetzt von der Freiheit kündet, aber der U-Bahnhof unter ihm immer noch Lenin preist. Und auch, wenn man aus der Stadt raus fährt, um Chatyn zu besuchen und dabei am Hauptsitz des belarussischen KGB vorbeifährt, der nicht umbenannt wurde und einen dabei die Statue von Felix Dscherschinskij grüßt…

 

In diesem Klima ist die Ausstellung От дегуманизации к убийству: судьбы психиатрических больных в Беларуси (1941-1944 гг.) [Von der Entmenschlichung zum Mord: Das Schicksal psychiatrischer Patienten in Belarus 1941-1944] über Eugenik und Patientenmorde, die für ein paar Wochen in Minsk zu sehen war, wie ein frischer Wind in einer vom feinen Staub der Geschichte zugedeckten Stadt. Was den Machern Oleg Aizberg, Alexei Bratochkin, Andrei Zamoiskii, Vasilii Matoh und Oxana Jguirovskaia mit dem Zentrum für Public History des European College of Liberal Arts in Minsk gelang, ist nichts weniger, als einen mittelgroßen Raum der unabhängigen Kunstgalerie “Ў” in einen lebendigen Lernort zu verwandeln. Sie spannen dabei einen großen Bogen, der vom Beginn der „eugenic frenzy“ als eine der Leitideen des beginnenden 20. Jahrhunderts über die Sterilisationen und Massenmorde im Nationalsozialismus bis hin zum Gedenken heute reicht.

 

 

Dabei gelang es, den Blick offen zu halten für Entwicklungen in den Nachbarländern Belarus‘, wie anhand der Entwicklung der eugenischen Ideen im Polen der Zwischenkriegszeit hin zu einer Massenbewegung gezeigt wird. Ein weiteres großes Verdienst der Ausstellung ist es, die Opfer als Individuen zu eigen. Dass dies im belarussischen Kontext nicht selbstverständlich ist, davon kann sich der Besucher der Dauerausstellung des Museum des Großen Vaterländischen Krieges leicht überzeugen. Dort wird nach wie vor die Einheit beschworen: der Nation, der Armee, des Gedächtnisses. In der Kunstgalerie hingegen etwa nehmen die einzigartigen Zeichnungen von Wilhelm Werner breiten Raum ein, ebenso wie Biografien von Opfern und individuelle Erinnerungsprojekte von Angehörigen in Deutschland. Besonders beim letzten Punkt wird eine Kluft zwischen den Erinnerungskulturen deutlich: Während in Deutschland immer mehr Angehörige von Opfern an die Öffentlichkeit treten, ist dies in Belarus überhaupt nicht der Fall.

 

Ob es hier zu einem Wandel kommen wird oder ob die starren von oben gelenkten Narrative dies überhaupt ermöglichen, wird sich erst zeigen. Diese Ausstellung ist möglicherweise ein erster Schritt dahin. Auf jeden Fall ist sie Ausdruck davon, dass das Konzept einer offenen, demokratischen public history, die althergebrachte Erzählungen herausfordert, auch in Belarus funktionieren kann. Den Machern ist zu wünschen, dass die Kraft haben und die Möglichkeiten finden, weiterhin Geschichte als einen offenen Prozess der gesellschaftlichen Selbstverständigung zu betreiben.

Der Stiftung Erinnerung-Verantwortung-Zukunft ist zu gratulieren und zu danken, dass sie das Projekt finanziell unterstützt hat.