Johanna Herzing (Jg. 1982) ist Kulturwissenschaftlerin und Hörfunk-Journalistin. Sie widmet sich beruflich überwiegend politischen und historischen Fragestellungen sowie der Region Ostmitteleuropa. Das Schicksal ihrer Urgroßtante Gertrud Ferchland, die 1943 in der Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde ermordet wurde, hat sie in einem Feature für den Deutschlandfunk verarbeitet.

 

 

Johanna und Trude

Johanna Herzing und ihre Urgroßtante Gertrud „Trude“ Ferchland.

 

 

Julia Frick: Wann haben Sie begonnen, über das Schicksal der Schwester Ihrer Urgroßmutter nachzuforschen? Können Sie sich an einen Moment erinnern, der ausschlaggebend für den Beginn Ihrer Recherchen war?

 

Johanna Herzing: Beschäftigt haben mich meine Urgroßtante Trude und ihre Familie schon lange. Das ist aus verschiedenen Gründen eine spannende Familiengeschichte, die mir meine Großmutter schon nahegebracht hat, als ich noch ein Kind war. Trude, so hieß meine Urgroßtante, hatte in den Erzählungen immer einen festen Platz. Meine Großmutter hat ihre Tante sehr bewundert. Trude, so hieß es immer, sei so schlau gewesen, so gebildet, so fleißig; eine Lehrerin, aber in gehobener Position, in der Lesebuchkommission aktiv usw. Eine ledige Frau, die ihre Angehörigen (Schwester, Neffen, Nichten) auch finanziell unterstützt hat. Das wurde alles oft und gern wiederholt. Auf diese Lobrede folgte dann immer deutlich knapper und mit Bitterkeit der Satz: „Die Nazis haben die Trude in der Nervenklinik verhungern lassen“. Ich habe das lange nicht hinterfragt.
Als meine Großmutter starb, tauchte plötzlich ein Koffer mit Dokumenten auf – darin die Sterbeurkunde von Trude. Im Internet fand ich dann sehr schnell mehr heraus über die dort genannte „Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde“, der Ort, an dem Trude gestorben war. Auf einmal wurde alles viel konkreter. Ich glaube, ich hatte Trudes Tod lange Zeit nicht als gezielte Tötung betrachtet, sondern vielleicht eher als eine Art schlimme, aber letztlich nicht planvolle Fahrlässigkeit, die der NS-Ideologie entsprach und entgegenkam.

 

 

Julia Frick: Was waren Ihre ersten Schritte und Anlaufstellen?

 

Johanna Herzing: Schon vor dem „Koffer-Fund“ hatte ich von Zeit zu Zeit in Archiven und im Internet nach Spuren und Dokumenten zu Trudes Familienzweig gesucht. Angefragt hatte ich zum Beispiel bei mehreren Archiven, die ich den verschiedenen Wohnorten von Trude und ihrer Familie zuordnen konnte. Nachdem Trudes Sterbeurkunde aufgetaucht war, hatte ich dann neue Anhaltpunkte für die Recherche. Der Ort, an dem sie gestorben war, Meseritz, heißt heute Miedzyrzecz und liegt in Polen. Eines Tages fand ich einen Eintrag in einer polnischen Datenbank:

Die Krankenakte von Trude lagerte offenbar im Archiv von Gorzow Wielkopolski. Ich fragte beim Archiv an und bekam eine Kopie der Akte zugeschickt. Ich war sehr aufgeregt und berührt, als ich die Akte zum ersten Mal durchging. Die „Trude“ war mir eben durch die Erzählungen meiner Großmutter und ihrer Geschwister sehr präsent. Das war nicht einfach irgendeine entfernte Verwandte! Ich besitze Fotos, Briefe und Kleinigkeiten von Trude, eine Hut-Brosche, eine Nadeldose, Kreuzworträtsel, die sie sich für ihre Schwester, meine Urgroßmutter, ausgedacht hat…

 

 

Julia Frick: Was konnten Sie herausfinden?

 

Johanna Herzing: Trude lebte nach ihrer Einlieferung in Meseritz-Obrawalde nur noch wenige Tage. Sie war aus einem städtischen Krankenhaus in der Nähe ihrer Arbeitsstelle dorthin verlegt worden. Offenbar hatte sie kurz zuvor einen Nervenzusammenbruch erlitten, in einem Dokument ist außerdem von „Depressionen im Klimakterium“ die Rede. Ihre körperliche Verfassung scheint bei der Aufnahme in Meseritz-Obrawalde im Prinzip recht gut gewesen zu sein. Deshalb ist es eher unwahrscheinlich, dass sie dort verhungerte – es war also anders als es die Erzählungen in meiner Familie nahelegten. Sehr wahrscheinlich wurde sie gezielt umgebracht. In Meseritz-Obrawalde geschah das meist durch Überdosierung bestimmter Medikamente, manchmal auch durch Luftinjektionen.
Maßgeblich beteiligt an der Verlegung bzw. der Aufnahme in Meseritz-Obrawalde war Trudes jüngerer Bruder Heinz gewesen, der kurze Zeit vorher als ihr Pfleger eingesetzt worden war, das ging ebenfalls aus der Akte hervor. Für mich war das eine wichtige Information, weil ich vorher dachte, dass die Familie mit Trudes Einweisung nichts oder kaum etwas zu tun hatte. Die Frage aber, inwiefern auch die Angehörigen der „Euthanasie“-Opfer das Schicksal ihres Familienmitglieds beeinflusst haben, ist doch sehr relevant. Der Historiker Götz Aly, mit dem ich in Kontakt stand, war so freundlich, Trudes Krankenakte durchzugehen und mir einige Fragen zu beantworten. Der Akte zufolge wurde Trudes Leichnam ins Krematorium nach Frankfurt an der Oder überführt; die Familie erhielt auch eine Urne, die in Dresden-Hellerau beigesetzt wurde. Laut Götz Aly ist es aber unwahrscheinlich, dass sie wirklich Trudes Asche enthielt. Insofern ist Trudes Urnengrab eher ein symbolischer Ort der Erinnerung.

 

 

„Vergangenheit und Gegenwart sind nicht zu trennen. Trude hat meine Familie bewusst und unbewusst über mehrere Generationen hinweg beeinflusst. Diese Einflüsse der Vergangenheit wahrzunehmen und aufzudecken, kann nur hilfreich sein, wenn wir Gegenwart und Zukunft besser und menschlicher gestalten wollen.“

 

 

Julia Frick: Wie hat Ihre Familie bzw. Ihr Umfeld auf Ihr Engagement und auf die neuen Informationen reagiert?

 

Johanna Herzing: Die meisten Reaktionen auf meine Recherchen waren sehr positiv. Viele der noch lebenden näheren Angehörigen von Trude (die Schwestern meiner Großmutter etwa) erinnern sich ja im Prinzip sehr gern an Trude. Über Trudes Tod zu sprechen war da schon schwieriger – vor allem was die Frage anging, ob Trudes jüngerer Bruder Heinz seine Schwester bewusst dem Risiko ausgesetzt hatte, in Obrawalde ermordet zu werden. Denn auch Heinz hat einen festen und sehr positiven Platz in der Erinnerung der Familie. Der ist ihm schwer streitig zu machen, und letztlich fühle ich mich dazu auch nicht im Recht, denn unter welchen Umständen er Trudes Aufnahme in Meseritz-Obrawalde begleitete, kann ich nicht beurteilen.
Die meisten meiner Angehörigen waren jedenfalls sehr neugierig und interessiert an dem, was ich Schritt für Schritt herausfand. Eine entscheidende Rolle spielt sicher der Umstand, dass es auch in den Generationen nach Trude Fälle von psychischen Erkrankungen und geistiger Behinderung in der Familie gab und gibt. Dadurch ist Trudes Schicksal alles andere als abstrakt und berührt meine Familie auf besondere Weise.

 

 

Julia Frick: Wie würden Sie den Einfluss beschreiben, den Ihre Recherchen auf Sie selbst hatten und haben?

 

Johanna Herzing: Mir hat es noch einmal deutlich gemacht, wie groß das gesellschaftliche Stigma psychischer Erkrankungen und geistiger Behinderung war und in Teilen bis heute ist. Da ich direkte Angehörige habe, die davon betroffen sind, hat mich das traurig gemacht.

 

 

Julia Frick: Was treibt Sie und Ihre Arbeit an?

 

Johanna Herzing: Vergangenheit und Gegenwart sind nicht zu trennen. Trude, ihre Erkrankung und ihr Schicksal, hat meine Familie bewusst und unbewusst über mehrere Generationen hinweg beeinflusst. Diese Einflüsse der Vergangenheit wahrzunehmen und aufzudecken, kann nur hilfreich sein, wenn wir Gegenwart und Zukunft besser und menschlicher gestalten wollen.

 

 

Hier können Sie die Biografie von Trude Ferchland nachlesen.

 

Hier finden Sie das Deutschlandfunk-Feature „Tante Trude“.

Lesen Sie die bisher erschienen Interviews hier und hier.