In Berlin-Buch ist eine Straße nach Robert Rössle benannt. Im Skulpturenpark des Wissenschaftscampus wird durch einen Bronzekopf zusätzlich an ihn erinnert. Es gibt öffentlich zugängliche Hinweise, dass der Geehrte ein Verfechter der nationalsozialistischen Ideologie war, für den sich eine derartige öffentliche Ehrung verbieten sollte. Allerdings blieben mehrere Anschreiben an das Bezirksamt Pankow, in denen um eine Umbenennung gebeten wurde, bisher unbeantwortet.

Büste des Pathologen Robert Rössle. Geschaffen 1960 von Gerhard Thieme. Standort auf dem biomedizinischen Campus Berlin-Buch vor der Robert-Rössle-Klinik. Date 6 July 2010

Büste des Pathologen Robert Rössle. Geschaffen 1960 von Gerhard Thieme. Standort auf dem biomedizinischen Campus Berlin-Buch vor der Robert-Rössle-Klinik.
6 July 2010 CC BY 3.0. DE Axel Mauruszat

Robert Rössle war Pathologe und Anatom. Ab 1929 hatte er in Berlin den Lehrstuhl für Pathologie an der Charité inne. Eines seiner Arbeitsgebiete war die Pathologie der Familie, die er durch Leichensektionen an ganzen Familien studierte. Im Nationalsozialismus hatte er dazu besonders viele Gelegenheiten und nützte, wie er es in einer seiner Publikationen selbst ausdrückte, „die plötzlichen Massentodesfälle in Familien“ aus (aus R. Rössle, Virchows Archiv Bd. 308, 495ff, 1942). Weshalb damals ganze Familien den Freitod wählten, ist hinlänglich bekannt.

 

Im Jahr 1942 war Robert Rössle bereits 66 Jahre. Er hätte sich emeritieren lassen können. Er ließ sich jedoch in den wissenschaftlichen Senat des Heeressanitätswesens berufen, wo er die Folgen von Luftstoßschäden und der Druckfallkrankheit untersuchte. Für wie wichtig er seine zweifelhafte Arbeit hielt, wird in folgendem Zitat deutlich: „Bei dem Gewicht, welches die staatiche Gesundheitsführung heute der Erhaltung und Förderung gesunder Sippen, der Ausmerzung Iebensunwerten Erbgutes beimißt, sollte der Beitrag, den die Pathologischen Institute durch ihre Arbeit zur Klärung erbpathologischer Zusammenhänge zu leisten vermögen, nicht unterschätzt werden.“ (aus R. Rössle, Virchows Archiv Bd. 308, 485ff, 1942).

 

Für „die Ausmerzung lebensunwerten Erbgutes“ war Karl Brandt, einer der Hauptverantwortlichen der Aktion T4,  zuständig. Der war nicht nur Hitlers Begleitarzt, sondern führte den verschleiernden Titel Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen. Rössle wurde 1944 in den wissenschaftlichen Beirat von Brandts Generalkommissariat berufen. Dem wissenschaftlichen Kuratorium des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung, das aktiv an der T4-Aktion beteiligt war, gehörte Rössle bereits ab 1932 ununterbrochen an.

 

Robert Rössle ist wahrscheinlich kein NSDAP-Mitglied gewesen. Dennoch machen ihn seine aktive Laufbahn in herausgehobener Position, seine Beteiligung an Menschenversuchen für die Luftwaffe und seine Nähe zum Krankenmord der Nationalsozialisten zu einem Mittäter der NS-Greuel, nach dem keine Straße benannt werden darf. Zu einer ähnlichen Einschätzung kam auch Prof. Thomas Beddies vom Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité. Er bestätigte in einer ersten historischen Einordnung, dass „Hinweise auf eine NS-Belastung vorhanden sind, die es aus heutiger Sicht undenkbar erscheinen lassen würden,“ Robert Rössle „durch die Benennung einer Klinik oder einer Straße positiv herauszustellen“.

 

Als Ärztin ist es mir ein Anliegen, dass die Adresse einer renommierten medizinischen Forschungseinrichtung (Max-Delbrück-Centrum, Robert-Rössle Str. 10, 13125 Berlin) nicht den unrühmlichen Namen eines Mannes in die Welt trägt, der mit den menschenverachtenden Taten der Nationalsozialisten in Zusammenhang steht. Das im Skulpturenpark des Campus Berlin-Buch befindliche Mahnmal „Zur Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Euthanasieverbrechen“ von Anna Franziska Schwarzbach wird, meines Erachtens, durch die gleichzeitige Präsenz des Bronzekopfes von Robert Rössle entwertet. Meine Großmutter, Katharina von Keutz, war eines von Tausenden Opfern der „T4-Aktion“. Auch ihr bin ich es schuldig, dass ich mich dafür einsetze, dass niemand, der mit diesen abscheulichen Taten in Verbindung stand, heute noch geehrt wird.

 

Dr. Ute Linz, 12621 Berlin