Von Eva Buchholz

 

Heute, am 5. April 2017 wird Dorothea Buck 100 Jahre alt. Ein stolzes Alter, das eine Würdigung ihrer Person bzw. den Versuch, einen Blick auf ihr Lebenswerk zu richten, geradezu einfordert. Letzteres ist aber gar nicht so einfach, da Dorothea Bucks Wirken und ihr Lebenswerk sehr umfangreich und vielfältig sind. Es lässt sich nicht reduzieren auf ihre Erfahrung, in den 1930er und 1940er Jahren aufgrund mehrerer psychotischer Schübe in  Heilanstalten Behandlungen erlebt zu haben, die wir heute als „Misshandlung“1)Diese Einordnung und Wertung wird von der Autorin dieses Blogbeitrags vorgenommen, die zudem darauf verweist, dass keine der genannten „Behandlungsformen“ ausschließlich während der Nazizeit auftraten, sondern sowohl VOR 1933 als auch NACH 1945 angewandt worden sind. Es waren keine nationalsozialistischen Erfindungen, wenn man so will. Eugenisches Denken, das die Abwertung von Menschen mit Beeinträchtigung beinhaltete (Stichwort „lebensunwertes Leben“), ging dem Nationalsozialismus voraus – wenngleich auch dieses die Diskriminierung und Abwertung beeinträchtigter Menschen nur bedingt erklären kann. verstehen (insbesondere in ihrem Zusammenspiel und wenn es keine Wahl gibt) und auch so benennen sollten, u.a. Dauerbäder, Kaltwasserkopfgüsse, „nasse Packungen“, Zwangsmedikation (Cardiazol-Schocktherapie, später auch Neuroleptikagaben), angeordnete Sprachlosigkeit und Redeverbot, Elektroschocks, Insulin-Koma-„Behandlung“, Zwangssterilisation, dann kamen noch dazu: Berufswahlverbot, Heiratsverbot).2)Wer sich mit Psychiatriegeschichte nicht auskennt, weiß kaum, was hinter dem scheinbar so harmlos klingenden Begriff wie der „nassen Packung“ zu verstehen ist. In ihrer „Eröffnungsrede zur Einweihung des Mahnmals für die in Bethel von 1934 bis 1945 zwangssterilisierten Menschen“ schreibt Dorothea Buck: „An der hellgrünen Wand mir gegenüber stand in großer Schrift das Jesuswort »Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!« Erquicken nicht mit einem freundlichen Wort, um unsere Angst vor der ungewohnten Einsperrung zu nehmen, oder durch ein Aufnahmegespräch, das es hier nicht gab. Erquicken nicht mit einer Beschäftigung, sondern »erquicken« mit den hier üblichen Kaltwasserkopfgüssen; Dauerbädern, in denen ich unter einer über die Wanne gespannten Segeltuchplane 23 Stunden von einer Visite zur nächsten lag. Mein Hals war in einem steifen Stehkragen eingeschlossen. »Erquicken« mit der gefürchteten »nassen Packung«, in kalte, nasse Tücher so fest eingebunden, dass man sich nicht mehr bewegen konnte. Die Tücher wurden durch die Körperwärme erst warm, dann heiß. Ich schrie vor Empörung über diese unsinnige Fesselung in den heißen Tüchern. Dass Bethel das Vernünf[t]ige und Natürliche wie Gespräche und Beschäftigung durch diese quälenden Beruhigungsmaßnahmen mit ausschließlichem Strafcharakter ersetzte und das unter dem Jesuswort, fand ich so unheimlich, dass ich allen Ernstes glaubte, hier dem Teufel, den Jesus als den »Vater der Lüge« bezeichnet hatte, ausgeliefert zu sein.“ Quelle: http://www.bpe-online.de/infopool/geschichte/pb/buck_verleugnet.htm (Abruf: 1.4.2017).

 

Dorothea Buck und Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks.: BGV/Ahrendt

Dorothea Buck und Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks.: BGV/Ahrendt

 

Zu Dorothea Buck können viele verschiedene Verdienste und Lebensleistungen angeführt werden, u.a. ihr gesellschaftspolitisches Engagement (sie hat den „Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten“ und auch den Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. mitgegründet), ihre menschenrechtsorientierte Selbstvertretung und zahlreichen Initiativen, kritischen Briefe und Stellungnahmen, mit denen sie sich an Ärzt*innen, Politik und Gesellschaft für die Anerkennung des erlittenen Unrechts der Opfer von NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen wandte und sich für Ächtung psychiatrischer Gewalt einsetzte, ihre künstlerischen Arbeiten als Bildhauerin, und sie ist auch als Theoretikerin zu entdecken (insb. zu Gesundheits- und Krankheitstheorien, speziell: Genesungsprozessen bei psychotischen Erkrankungen, Selbsthilfe-Potenzialen, aber auch Anforderungen an stationäre psychiatrische Behandlung).

 

Diesem Aspekt widmet sich aktuell ein Buchprojekt, das anlässlich des 100. Geburtstages von Dorothea Buck 100 Stimmen zum Thema „Psychose als Selbstfindung“ sammelt. Im Aufruf zur Beitragseinreichung heißt es: „Dorothea Buck ist schon längst berühmt, aber als originelle Denkerin ist sie wohl erst noch richtig zu entdecken.“3)Vgl. den Aufruf zur Beitragseinreichung für die Fest- und Feierschrift anlässlich Dorothe Bucks 100. Geburtstag: http://files.feedplace.de/vielfalter/fest_und_feierschrift.pdf (Abruf: 1.4.2017).

 

Ihre zentralen Themen waren und sind u.a. Würde, Selbstbestimmung, Freiheit von Zwang und psychiatrischer Gewalt, respektvolle Kommunikation, Dialog und Trialog, Freiheit von ungewollter Medikation, Gedenken und Einforderung der Aufarbeitung gesellschaftlichen Unrechts aus der Zeit des Nationalsozialismus. Einer angemessenen Würdigung von Dorothea Bucks „Lebenswerk“ komme ich mit meinen wenigen Stichpunkten wohl nicht einmal ansatzweise nahe, da dieses sehr vielschichtig ist und noch viele Aspekte zu entdecken und herauszuarbeiten sind. Ich verweise im Folgenden deshalb auf einige Links, wo die Auseinandersetzung mit ihr bei Interesse vertieft werden kann:

 

Unter dem Link http://www.irremenschlich.de/download/func-startdown/267/ ist das Programm des „Trialogischen Symposiums zum 100. Geburtstag von Dorothea Buck. Auf der Spur des Morgensterns. Menschenwürde und Menschenrechte in der Psychiatrie“ einzusehen, das morgen (am 6. April 2017) an der Universität Hamburg stattfinden wird. Es werden wichtige Etappen ihres Lebens nachgezeichnet und Perspektiven für Akutpsychiatrie, Eingliederungshilfe, Peer-Arbeit und Zusammenleben nach den Maßstäben von Dorothea Buck aufgezeigt. Dorothea Buck wird per Skype zugeschaltet sein, zudem werden Film-Ausschnitte von der Regisseurin des Films über Dorothea Buck „Himmel und mehr“, Alexandra Pohlmeier, gezeigt.

 

Auf der Webseite des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE) finden sich die wohl umfassendsten Informationen zu ihrem Leben und Wirken (Biographisches, Veröffentlichungen von und über sie, Gratulationen und Auszeichnungen, etc.): http://www.bpe-online.de/buck Die Seite wird von Peter Lehmann betreut und stets aktualisiert.

 

Schließlich möchte ich auch noch auf die Webseite der Stadt Hamburg verweisen, die Dorothea Buck am 22. Februar 2017 die höchste Hamburger Auszeichnung verliehen hat: die „Medaille für Treue Arbeit im Dienste des Volkes“ in Silber für ihr Lebenswerk: http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/8217658/2017-02-22-bgv-dorothea-buck/ Eine berührende Laudatio der Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks ist dort ebenfalls abrufbar.

 

Dorothea Buck gehört zu der Gruppe der so genannten „vergessenen“ bzw. „verleugneten Opfer“, über die – gerade auch um den 27. Januar dieses Jahres herum viel gesprochen wurde. Seit 1996 gilt der 27. Januar als gesetzlich verankerter Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Der Deutsche Bundestag widmet sich in einer Gedenkstunde jedes Jahr einer bestimmten Gruppe oder einem besonderen Aspekt der Erinnerung und des Gedenkens. 2017 standen als Opfergruppe zum ersten Mal Menschen mit psychischen, geistigen oder körperlichen Erkrankungen, Beeinträchtigungen oder Behinderungen (sowie Menschen, die derart diagnostiziert und stigmatisiert wurden), und die von Ärzten und medizinischem Pflegepersonal im Namen eugenischer Vorstellungen während der Naziherrschaft zwangssterilisiert, psychisch und körperlich misshandelt, für Menschenversuche missbraucht und/oder ermordet wurden, im Fokus des offiziellen Gedenkens.4)Eine Dokumentation der Gedenkstunde im Bundestag findet sich (inklusive Fotos, Redebeiträgen und Video-Aufzeichnung) unter folgendem Link: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2017/kw04-de-gedenkstunde/490478 (Abruf: 4.2.2017).

 

Der Deutsche Bundestag hat die Überlebenden der Zwangssterilisationen bis zum heutigen Tag jedoch immer noch nicht offiziell als Verfolgte des Nationalsozialismus anerkannt. Es gibt immer noch Überlebende der „Aktion T4“: „Euthanasie“-geschädigte und zwangssterilisierte Menschen. Wir sollten nicht warten, bis die Betroffenengruppe verstorben ist.

 

100 Jahre sind ein stolzes Alter. Ich gratuliere Dorothea Buck von Herzen!

Einzelnachweise   [ + ]

1. Diese Einordnung und Wertung wird von der Autorin dieses Blogbeitrags vorgenommen, die zudem darauf verweist, dass keine der genannten „Behandlungsformen“ ausschließlich während der Nazizeit auftraten, sondern sowohl VOR 1933 als auch NACH 1945 angewandt worden sind. Es waren keine nationalsozialistischen Erfindungen, wenn man so will. Eugenisches Denken, das die Abwertung von Menschen mit Beeinträchtigung beinhaltete (Stichwort „lebensunwertes Leben“), ging dem Nationalsozialismus voraus – wenngleich auch dieses die Diskriminierung und Abwertung beeinträchtigter Menschen nur bedingt erklären kann.
2. Wer sich mit Psychiatriegeschichte nicht auskennt, weiß kaum, was hinter dem scheinbar so harmlos klingenden Begriff wie der „nassen Packung“ zu verstehen ist. In ihrer „Eröffnungsrede zur Einweihung des Mahnmals für die in Bethel von 1934 bis 1945 zwangssterilisierten Menschen“ schreibt Dorothea Buck: „An der hellgrünen Wand mir gegenüber stand in großer Schrift das Jesuswort »Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!« Erquicken nicht mit einem freundlichen Wort, um unsere Angst vor der ungewohnten Einsperrung zu nehmen, oder durch ein Aufnahmegespräch, das es hier nicht gab. Erquicken nicht mit einer Beschäftigung, sondern »erquicken« mit den hier üblichen Kaltwasserkopfgüssen; Dauerbädern, in denen ich unter einer über die Wanne gespannten Segeltuchplane 23 Stunden von einer Visite zur nächsten lag. Mein Hals war in einem steifen Stehkragen eingeschlossen. »Erquicken« mit der gefürchteten »nassen Packung«, in kalte, nasse Tücher so fest eingebunden, dass man sich nicht mehr bewegen konnte. Die Tücher wurden durch die Körperwärme erst warm, dann heiß. Ich schrie vor Empörung über diese unsinnige Fesselung in den heißen Tüchern. Dass Bethel das Vernünf[t]ige und Natürliche wie Gespräche und Beschäftigung durch diese quälenden Beruhigungsmaßnahmen mit ausschließlichem Strafcharakter ersetzte und das unter dem Jesuswort, fand ich so unheimlich, dass ich allen Ernstes glaubte, hier dem Teufel, den Jesus als den »Vater der Lüge« bezeichnet hatte, ausgeliefert zu sein.“ Quelle: http://www.bpe-online.de/infopool/geschichte/pb/buck_verleugnet.htm (Abruf: 1.4.2017).
3. Vgl. den Aufruf zur Beitragseinreichung für die Fest- und Feierschrift anlässlich Dorothe Bucks 100. Geburtstag: http://files.feedplace.de/vielfalter/fest_und_feierschrift.pdf (Abruf: 1.4.2017).
4. Eine Dokumentation der Gedenkstunde im Bundestag findet sich (inklusive Fotos, Redebeiträgen und Video-Aufzeichnung) unter folgendem Link: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2017/kw04-de-gedenkstunde/490478 (Abruf: 4.2.2017).