Ulrich Raschkowski (Jg. 1945) ist pensionierter Lehrer aus Wolfsburg und der Neffe von Kurt Georg Vogt, der 1941 in Pirna-Sonnenstein ermordet wurde. Vor sieben Jahren hat sich Ulrich Raschkowski auf die Suche nach den Spuren seines Onkels begeben.

 

Kurt Georg Vogt wurde 1941 in Pirna-Sonnenstein ermordet. 70 Jahre später beginnt sein Neffe Ulrich, das Schicksal seines Onkels zu erforschen.

 

 

Julia Frick: Wann haben Sie begonnen, über das Schicksal Ihres Onkels nachzuforschen? Können Sie sich an einen Moment erinnern, der ausschlaggebend für den Beginn Ihrer Recherchen war?

 

Ulrich Raschkowski: Es muss um 1990 herum gewesen sein, als ich ein Familienbuch erbte, in dem mir ein Eintrag besonders ins Auge sprang. Dort stand: „Nr. 182 am 20ten August 1941 zu Hadamar-Mönchberg (Lahn) verstorben.“ Es war der Eintrag zu meinem Onkel Kurt Vogt. Also wandten wir uns an die Gedenkstätte Hadamar, um herauszufinden, was es mit dieser Information auf sich haben könnte. Wirklich intensiv mit dem Schicksal meines Onkels habe ich mich dann aber erst seit meiner Pensionierung im Jahr 2010 befasst.

 

 

Julia Frick: Was waren Ihre ersten Schritte und Anlaufstellen?

 

Ulrich Raschkowski: Nach unserer Anfrage in Hadamar waren wir nach Berlin weiterverwiesen worden und konnten dort tatsächlich eine Kopie der Krankenakte unseres Onkels erhalten. Darin fehlten aber die Angaben zu seinem Tod, über den ich dann schließlich 2012/13 durch Kontakt mit der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein informiert wurde. Auch die in der Akte fehlende Karteikarte der Anstalt Zschadraß, in der mein Onkel sich zeitweise aufgehalten hatte, erhielt ich dort. So ergaben sich Schritt für Schritt Orte und Abläufe seines Anstaltsaufenthalts, denen ich nun gezielt nachgehen wollte. Außerdem wollte ich mehr über seine Krankheiten und deren Behandlung erfahren.

 

 

Julia Frick: Was konnten Sie herausfinden?

 

Ulrich Raschkowski: Mein Onkel Kurt Vogt wurde am 21. September 1912 in Königsberg geboren. Aus Erzählungen und Andeutungen seiner Schwester, also meiner Mutter, wussten wir, dass mein Onkel Epileptiker gewesen war. Zuerst hatte die Familie ihn zu Hause gepflegt und versorgt, doch irgendwann kamen sie mit ihm nicht mehr  zurecht und gaben ihn dann Ende April 1924 in die Anstalt Carlshof bei Rastenburg, wo sie ihn regelmäßig besuchten. Auch Familienbesuche seinerseits hatte es laut Akte gegeben. Ebenso war dort von „guter Führung“ die Rede, aber auch davon, dass Kurt „geistig recht tiefstehend“ sei. Gleichermaßen waren der Akte die Anstalten Kortau und Zschadraß zu entnehmen, nichts aber von Hadamar, von wo aus nach Erinnerung meiner Mutter die Nachricht über seinen „plötzlichen Tod“ am 20. August 1941 und der „sofort notwendigen Einäscherung“ eingetroffen war.

Die Mutter meines Onkels hatte seine Asche offenbar auch geordert und eine Urne erhalten – jedoch soll sie sich schon damals ziemlich sicher gewesen sein, dass es nicht die Asche ihres Sohnes war. Und sie sollte Recht haben: Denn in Wahrheit wurde mein Onkel nicht in Hadamar, sondern in Pirna-Sonnenstein ermordet und seine Asche auf dem vorliegenden Abhang „beseitigt“ – wie ich es Anfang 2013 in der dortigen Gedenkstätte erfahren habe.

Sein Leidensweg hatte ihn davor noch über zwei Zwischenanstalten geführt. Im Dezember 1940 wurde er in Kortau aufgenommen, im Juli 1941 dann nach Zschadraß in Sachsen verlegt. Von dort wurde er schließlich am 4. August 1941, wohl mit einem der sogenannten „Grauen Busse“, nach Pirna-Sonnenstein gebracht und direkt nach seiner Ankunft ermordet. Die Todesmitteilung aus Hadamar war also – wie auch die angebliche Übersendung der Asche und das angegebene Todesdatum – eine Täuschung gewesen, eine Täuschung der Familie und der Provinzialanstalt Ostpreußen, die dadurch über Kurts Tod hinaus noch bis zum angegebenen Todesdatum das Pflegegeld bezahlen musste.

 

 

„Ich bedauerte es zutiefst, mich nicht schon früher mit meiner Familiengeschichte befasst zu haben – und gleichzeitig wuchs in mir unweigerlich ein Gefühl des direkten Betroffen-Seins: Das ist mein Onkel gewesen!“

 

 

Julia Frick: Wie hat Ihre Familie bzw. Ihr Umfeld auf Ihr Engagement und auf die neuen Informationen reagiert?

 

Ulrich Raschkowski: Zu Beginn meiner aktiven Nachforschungen lebte kein direkter Angehöriger meines Onkels mehr. In meiner, also der nachfolgenden Generation stieß ich mit meiner Arbeit tatsächlich durchgehend auf Akzeptanz und auf positives Interesse. In meinem Freundeskreis rief mein Vorgehen teilweise großes Erstaunen hervor – außer mir schien sich niemand einer solchen Recherche zu widmen.

 

 

Julia Frick: Wie würden Sie den Einfluss beschreiben, den Ihre Recherchen auf Sie selbst hatten und haben?

 

Ulrich Raschkowski: Durch die Recherche zum Mord an meinem Onkel hat sich mein Interesse an einem würdigen Gedenken und an der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“-Morde immer mehr verstärkt. Ich wollte die Organisation und den Ablauf dieses Mordprogramms verstehen und auch den Umgang mit diesem Teil der deutschen Geschichte – von 1945 bis heute – nachvollziehen. Ich selbst bedauere es, mich nicht schon früher mit meiner Familiengeschichte befasst zu haben. Und gleichzeitig wuchs in mir unweigerlich ein Gefühl des direkten Betroffen-Seins: Das ist mein Onkel gewesen!

 

 

Julia Frick: Was treibt Sie und Ihre Arbeit an?

 

Ulrich Raschkowski: Ich spüre, dass dieses Kapitel noch nicht abgeschlossen ist, für mich nicht und auch nicht für die deutsche Gesellschaft. Ich möchte alleine für mich selbst alle Informationen, an die ich irgendwie noch kommen kann, soweit es geht (be)greifbar machen und dadurch meine Empathie weiter wachsen lassen, besonders auch für den heutigen Umgang mit Minderheiten und Kranken. Aber auch für die kommenden Generationen sollen die Dokumente und Informationen zugänglich sein, damit mein Onkel und die Schicksale dieser Opfergruppe nicht vergessen werden.

 

 

 

Die Biografie von Kurt Georg Vogt wird in Kürze auf Gedenkort-T4.eu erscheinen.