Die Neubrandenburger Pflegehistorikerin Anja K. Peters hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um ihre Doktorarbeit über die „Reichshebammenführerin“ Nanna Conti (1881-1951) als Buch herausgeben zu können. Conti war als Leiterin der „Reichshebammenschaft“ wie als Mutter des „Reichsärzte- und -gesundheitsführers“ Leonardo Conti in die mörderische Gesundheitspolitik des Deutschen Reichs involviert.

Nanna Conti

Nanna Conti. Quelle: Communications of the International Midwives‘ Union. No 7 1938, S. 8.

Im September 1941 sandte Leonardo Conti ein Rundschreiben an die Reichsstatthalter, Regierungspräsidenten, den Berliner Polizeipräsidenten, den dortigen Oberbürgermeister sowie an alle Gesundheitsämter. Darin bemängelte er, dass die Meldungen „missgebildeter“ Neugeborener durch Hebammen nur spärlich eingehen würden. Möglicherweise kamen viele Hebammen der Meldepflicht nicht nach, da sie befürchteten, das Vertrauen ihrer Patientinnen in den meist ländlichen, überschaubaren Gemeinschaften zu verlieren.  Gleichzeitig wies Leonardo Conti jedoch darauf hin, dass in einigen Bezirken die Hebammen eifrig Kinder meldeten. Wie viele Kinder von Hebammen als „erbkrank“ denunziert wurden, lässt sich in Zahlen derzeit nur punktuell darstellen: Im thüringischen Hauptstaatsarchiv in Weimar liegen vereinzelte Abrechnungen vor. So beantragte der Amtsarzt von Eisenach 1942 die Barerstattung von jeweils RM 2,- für die Hebammen Lina Arndt und Luise Meisterhagen, die je ein Kind gemeldet hatte. Als „Art der Mißbildung“ wurden „Hermaphroditismus maskularis pseudo“ [sic] und „Hydrocephalus“ angegeben.  Aus den vorliegenden Akten kann derzeit nicht geschlossen werden, ob sich die Hebammen der Konsequenzen ihrer Meldungen voll umfänglich bewusst waren.

Gleiches gilt für Nanna Conti. In einem Brief schrieb sie 1946 über ihren Sohn:

 

(…) Ich nehme an, daß man meinem Sohn die Euthanasie, auf ausdrücklichen Befehl von Adolf Hitler durchgeführt, aber auch seiner eigenen Überzeugung entsprechend, als „Massenmord“ anrechnete und, da auch einige russische Geisteskranke getötet oder erlöst [sic] waren, Rußland als Ankläger auftrat. Vielleicht sollte er auch nach Rußland ausgeliefert werden. Etwa am 1. Okt. war das „Urteil Hadamar“. Da sagte ich mir:“ Mein armer Junge! Das ist auch dein Todesurteil!“ (…)

 

Allerdings kann sie auch nicht völlig unwissend gewesen sein, wie ein weiter Abschnitt desselben Briefes belegt:

 

(…) Mein Sohn nahm es im übrigen mit der Schweigepflicht sehr genau; er sprach nicht mit mir über solche Dinge, ausgenommen die letzte große Aussprache im April unter vier Augen, als er sein ganzes Herz ausschüttete. Aber andere sprachen mit mir über alles, vielleicht in der Meinung, daß ich ohnehin unterrichtet wäre. (…)

 

Wenn sie aber, wie hier angedeutet wird, von den Morden wusste und dennoch die Einbindung der Hebammen dabei durch die Meldepflicht unterstützte, muss sie als Reichshebammenführerin nach ihrem eigenen Amtsverständnis für die daraus resultierenden Morde verantwortlich gemacht werden. Zu diesem Schluss allerdings kam Nanna Conti – zumindest in den vorliegenden Unterlagen – nie. Sie verdrängte vielleicht auch Wissen oder zumindest den Gedanken an die tatsächliche Umsetzung der von ihr propagierten „ Notwendigkeit aller bevölkerungspolitischen Maßnahmen“. Der Verleger der Hebammenzeitschrift, Kurt Zickfeld, schrieb später:

Nur ganz am Schluß des Krieges im Frühjahr 1945 hat Frau Conti einmal anklingen lassen, dass sie um ihren Sohn, den Reichsärzteführer Leonardo Conti, Angst habe. Aber auch, dass viele Dinge, die sie von ihm erfahren hatte, so schrecklich waren, dass sie sie lieber nicht erzählen wollte und auch lieber nicht daran denken wollte.

 

Alle Quellenangaben bei Anja K. Peters.

Informationen zur Verfasserin unter www.anja-peters.de

Der Link zur Crowdfunding-Kampagne: https://www.startnext.com/nanna-conti