von Stana Schenck

 

Auf der Berlinale 2016 lief der Film „24 Wochen“ als einziger deutscher Wettbewerbsbeitrag. Der offizielle Text zum Film beschreibt die Handlung:

„Astrid und Markus stehen mit beiden Beinen fest im Leben. Astrid lebt und liebt ihren Beruf als Kabarettistin, ihr Mann und Manager Markus unterstützt sie besonnen und liebevoll. Doch als die beiden ihr zweites Kind erwarten, wird ihr Leben aus der Bahn geworfen: Bei einer Routineuntersuchung erfahren sie, dass das Baby schwer krank ist. Die Diagnose trifft sie wie das blinde Schicksal, das sie auf sich nehmen müssen. Gemeinsam wollen sie lernen, damit umzugehen. Doch während Heilungspläne, Ratschläge und Prognosen auf sie niederprasseln, stößt ihre Beziehung an ihre Grenzen. Die Suche nach der richtigen Antwort stellt alles in Frage: die Beziehung, den Wunsch nach einem Kind, ein Leben nach Plan. Je mehr Zeit vergeht, desto klarer erkennen sie, dass nichts und niemand ihnen die Entscheidung abnehmen kann, die eine Entscheidung über Tod und Leben ist.“

 

Am 28. April 2017 erhielt der Film die Silberne Lola. „24 Wochen“ ist damit offiziell der zweitbeste deutsche Film der Saison und wird bald zur besten Sendezeit im ZDF laufen.

 

Im Programmhefter der Berlinale wurde das Ende des Films nicht verraten: wird Astrid, die ein Kind mit Down Syndrom erwartet, dieses Kind abtreiben, oder nicht? Und so hatte ich große Hoffnungen. Dass es gut ausgeht. Dass die Filmfamilie es schafft, dieses Kind zu bekommen. „24 Wochen“ will aber authentisch und realistisch sein. Es kommt daher anders, als ich es mir wünschen würde.

 

Film Still 24 Wochen

Film Still 24 Wochen

 

 

Zunächst habe ich mich dagegen entschieden, den Film anzusehen. Und dann plötzlich, begegnete mir „24 Wochen“ dort, wo ich es am wenigsten erwartet hätte: in meiner slowakischen Heimatstadt. Ein einzelnes Poster, das ich zufällig entdeckt habe, wies auf das Filmfestival  B2C hin. Unter den vertretenen Filmen aus Cannes und der Berlinale 2016 war auch „24 Wochen“, der an genau dem kalten Herbsttag gezeigt wurde. Das war kein Zufall. Mein Mann und ich sollten reingehen.

 

Wir wussten während meiner Schwangerschaft nicht, ob unser Kind eine Behinderung haben würde oder nicht. Wir wissen also nicht, wie sich ein Entscheidungsprozess wie in „24 Wochen“ anfühlt. Was wir aber wissen, ist, wie sich das Leben mit unserem bald 18-jährigen Sohn mit Down Syndrom anfühlt. Wir leben unser Leben mit einem besonderen Mehrwert. Es ist ein sehr erfülltes Leben. Dank unserer Kinder, die, jedes für sich, besondere Menschen sind. Wir fühlen uns sehr reich, sehr stolz und glücklich.

 

Nun sahen wir uns gemeinsam „24 Wochen“ an und sahen ein Elternpaar, das bereits in der Schwangerschaft erfährt, dass ihr Ungeborenes das Down Syndrom hat. Diese Information wurde von den Ärzten im Film ungefragt an den Hinweis gekoppelt, dass sie das Kind bis in die späte Schwangerschaft hinein abtreiben könnten. Und so fangen Astrid und Markus an abzuwägen. Ab sofort ist das Leben ihres ungeborenen Kindes in Frage gestellt. Sie wollen möglichst viel wissen, gehen zu Fachleuten, besuchen einen Chor von Menschen mit Down Syndrom.

 

Und sie entscheiden sich zunächst für das Kind. An dieser Stelle bin ich ganz froh über die Zwischenbotschaft des Films. Wo aber „24 Wochen“ komplett versagt, ist, Menschen mit Down Syndrom als Persönlichkeiten abzubilden. Die Regisseurin Anne Zohra Berrached hat keine Idee von der Vielfältigkeit und der Lebenslust dieser Menschen. Wir lernen in ihrem Film keinen Menschen mit Down Syndrom näher kennen. Sie bleiben eine Momentaufnahme, festgehalten durch die Filmszene im Chor, sie sind für den Zuschauer nicht greifbar. Eine vertane Chance angesichts des weiteren Verlaufs der Geschichte.

 

„24 Wochen“ hat einen starken Fokus auf die Mutter. Die Rolle ist vielschichtig, Astrid wird in ihrer Komplexität durch Julia Jentsch, sicher zurecht gelobt, in allen ihren Facetten als Mutter eines 4-jährigen Kindes mit einem interessanten Beruf, als Ehefrau und Tochter hervorragend dargestellt.  Ihre Zerrissenheit, das Wechselbad der Gefühle ist glaubwürdig. Dennoch nimmt Astrid immer mehr Abstand zu der, mit ihrem Mann Markus gemeinsam getroffenen Entscheidung, das Kind bekommen zu wollen. Als die Eltern erfahren, dass das Kind auch noch einen schweren Herzfehler hat, rückt die Mutter ganz von der Möglichkeit ab, ihr Kind auszutragen. Anne  Zohra Berrached will unbedingt glaubhaft machen, dass die Entscheidung alleine die Mutter treffen kann und darf. Nur worauf begründet sich diese Entscheidung? Wogegen entscheidet sie sich? Da der Zuschauer zuvor keinen ebenso vielschichtigen Menschen mit Down Syndrom kennenlernen durfte, keine Familie mit einem Kind mit Behinderung zur Sicht bekam, den Hauptfiguren keine Eltern von Kindern mit Down Syndrom und einem Herzfehler begegneten, bleibt die Meinung der Ärzte und damit die medizinische Sicht auf das Leben omnipräsent.

 

Mich erschreckt die Szene sehr, in der Astrid und Markus zwei Herzspezialisten gegenüber sitzen. Die Experten werden von echten Ärzten gespielt. Es gibt kein Drehbuch zu ihren Texten. Sie sprechen das, was sie in solchen Situationen immer sagen. „Sie müssen wissen, dass sie mit dieser Belastung ihr ganzes Leben lang zu tun haben werden“ – sagt einer der Ärzte.

Nein!“– geht mir durch den Kopf. So manipulativ darf ein Arzt nicht sprechen! Er muss sachlich aufklären, erläutern, welche Eingriffe, Operationen geplant sind. Er darf aber das Kind NICHT als Belastung werten, er darf nicht das Leben mit einem Kind mit Behinderung für die Eltern vorverurteilen!

 

Ob es der Herzfehler, das Down Syndrom oder beides war, weshalb Astrid letztlich abgetrieben hat, bleibt, nach ihrer ursprünglichen Entscheidung, ein Kind mit DS bekommen zu wollen, unklar. In der Realität ist ein Herzfehler als Grund für Abtreibung kaum Gegenstand des Diskurses zur Pränataldiagnostik. Das Down Syndrom dagegen steht im Mittelpunkt. In 95 von 100 Fällen, in denen in der Schwangerschaft das Down Syndrom beim Kind festgestellt wird, wird eine Abtreibung vorgenommen.

 

Eigentlich wäre für mich der Film an der Stelle zu Ende, als Astrid ihre Koffer packte und in die Klinik fuhr. Wir wurden aber mitgenommen, sind mit Astrid gemeinsam den Weg bis in den Kreissaal hinein gegangen. Wir sahen die Kaliumspritze, die für das kleine Herz bestimmt war und wir sahen den Wehen zu, die das tote Baby durch den Geburtskanal leiteten. Wir nahmen Abschied von dem Bündel, das Astrid nach der Totgeburt auf den Arm nahm. Wir sahen sie traurig zuhause aufwachen ohne Bauch und ohne Kind. Da liefen mir längst schon die Tränen und ich dachte an unseren Sohn, der so ein wunderbarer Mensch ist.

 

Ja, es war mutig, die Spätabtreibung fast dokumentarisch in einen Spielfilm einzubauen. Aber spätestens jetzt wäre es gut gewesen, einen Schlusspunkt zu setzen und die Zuschauer damit alleinzulassen, was da gerade geschah. Es wäre besser gewesen, wenn „24 Wochen“ keine Position bezogen hätte. Leider wollte Anne Zohra Berrached uns unbedingt ihre Wertung unterschieben, indem sie ihre Astrid (die als öffentliche Person kurz nach der Spätabtreibung ein Interview gibt) klar, selbstbewusst und sogar leicht lächelnd in die Kamera sagen lässt: „ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht war, es war von allem etwas“. Diese Ambivalenz tut weh, sie ist für mich kaum auszuhalten. Der letzte Satz ist das Fazit von „24 Wochen“ und es nimmt den Zuschauern das eigene Urteil vorweg ohne eine reale und authentische Vorstellung vom Leben mit Behinderung mitzuliefern.

 

„24 Wochen“ ist trotz seines heftigen, aufwühlenden Inhalts ein Verstärker von Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderung .  „24 Wochen“ wird gefeiert. Ich feiere nicht mit.

 

 

Stana Schenck arbeitet seit 2010 in der AG Gedenkort-T4.eu mit. Sie war für die Durchführung des Wettbewerbs „andersartig gedenken on stage“ verantwortlich. Sie ist gebürtige Slowakin und lebt mit ihrem Mann Stefan und ihren fünf Kindern, darunter einem Jungen mit Down Syndrom, in Berlin.