Jörg Waßmer ist 40 Jahre alt, lebt in Berlin und ist als Historiker am Jüdischen Museum tätig. Bereits im Kindesalter begann er, seine Großmutter über ihre Familie zu befragen und ahnte nicht, was er damit in Bewegung setzen würde. Vor einigen Wochen konnte ich ihn in Berlin treffen – und er erzählte mir eine der bewegendsten Geschichten meiner bisherigen Arbeit.

 

 

Jörg Waßmer begann im Alter von 12 Jahren, das Schicksal seines Großonkels Alois zu erforschen. Auf der einzig erhaltenen Fotografie ist dieser (links hinter den Baumstämmen) kaum erkennbar. (Fotos: David M. C. Miller / Archiv Waßmer)

 

 

Julia Frick: Wann hast Du begonnen, über das Schicksal deines Großonkels nachzuforschen? Kannst Du Dich an einen Moment erinnern, der ausschlaggebend für den Beginn Deiner Recherchen war?

 

Jörg Waßmer: Ja, so einen Moment gab es. Das war 1989, da war ich gerade einmal 12 Jahre alt – und hatte wohl ein recht außergewöhnliches Hobby für ein Kind dieses Alters: Ich interessierte mich für Familiengeschichte. Ich begann, meine Großmutter zu unserer Familie zu befragen, vor allem zu ihren Eltern und Geschwistern. Sie erzählte mir daraufhin unter anderem, dass sie einen Bruder namens Karl-Friedrich gehabt habe, der aber schon „ganz klein“ gestorben sei.

 

Was sie nicht ahnen konnte: Für meine 12 Jahre war ich schon ziemlich professionell unterwegs! Ich schrieb das Standesamt in Bleichheim an, weil ich mich für die Geburts- und Sterbeurkunde interessierte. Doch von dort sollte ich eine äußerst seltsame Antwort erhalten. Einen Karl-Friedrich Zähringer habe es nie gegeben, da müsse wohl eine Verwechslung vorliegen. Ein Alois Zähringer hingegen sei verzeichnet.

 

Ich forderte also die Kopien an und staunte nicht schlecht. Denn abgesehen davon, dass Karl-Friedrich offenbar Alois geheißen hatte, war dieser Alois auch nicht „klein“ gestorben. In einer Randnotiz konnte ich die Jahreszahl 1940 entziffern – da wäre Alois 18 Jahre alt gewesen – und als Ortsangabe „Grafeneck, Württemberg“. Da das Thema NS-“Euthanasie“ in meinem Schulunterricht in den 80er und 90er Jahren keine Rolle gespielt hatte, sagte mir und auch meiner Familie dieser Ort zunächst nichts. Und das, obwohl wir damals im Schwarzwald lebten, also gar nicht allzu weit entfernt von der Schwäbischen Alb.

 

Im Herbst 1990 stieß ich dann in der Lokalzeitung auf einen Artikel, in dem es darum ging, dass in Grafeneck eine Gedenkstätte für die Opfer der NS-“Euthanasie“ eingeweiht worden sei. Ich erfuhr, dass dort im Jahr 1940 mehr als 10.000 Menschen ermordet worden waren – und begann zu kombinieren. Meine Großmutter hatte offenbar einen Bruder namens Karl-Friedrich erfunden, so dachte ich, weil sie sich dafür schämte, einen „Kranken“ in der Familie zu haben.

 

 

Julia Frick: Was waren Deine ersten Schritte und Anlaufstellen?

 

Jörg Waßmer: Mein erster Schritt, nachdem ich den Zeitungsartikel gelesen hatte, war, dass ich das Samariterstift Grafeneck anschrieb. Von dort bekam ich die Auskunft, dass es keinerlei Akten aus der NS-Zeit mehr gebe und sie mir daher auch nicht weiterhelfen könnten. Ich besorgte mir dann noch die einzige Publikation, die es damals zu Grafeneck gab. Aber im Endeffekt war meine Recherche zum damaligen Zeitpunkt vorerst am Ende – bevor sie richtig angefangen hatte.

 

Erst sieben Jahre später startete ich einen neuen Anlauf. Da konnte ich mir dann Einblick in die Sterbebücher der Pfarrei seines Geburtsortes verschaffen. Und ich nahm Kontakt mit der letzten noch lebenden Halbschwester meiner Großmutter auf, mit der sie bereits viele Jahre zuvor gebrochen hatte.

 

 

Julia Frick: Was konntest Du herausfinden?

 

Jörg Waßmer: In den Sterbebüchern fand ich überraschenderweise einen Sterbeeintrag zu Alois Zähringer und zudem noch eine Notiz zu einer Heilanstalt, nämlich der St.-Josephs-Anstalt Herten. Ich wandte mich dorthin und man konnte mir bestätigen, dass mein Großonkel dort ab 1928 Patient gewesen war. Außerdem wurde mir mitgeteilt, dass und wann er von dort nach Emmendingen in eine sogenannte „Zwischenanstalt“ verlegt worden war. So konnte ich nun zumindest grob seinen letzten Weg rekonstruieren. Eine Patientenakte habe ich jedoch leider bis heute nicht, was insofern erstaunlich ist, als dass Alois‘ Name in der International Claims List auftaucht – die ja wiederum auf den Namen der Opfer beruht, zu denen im Bundesarchiv Akten vorhanden sind.

 

Letztlich war es dann meine Großtante Margarethe, die Licht ins Dunkel brachte, als ich sie etwa fünf Jahre nach dem Tod meiner Großmutter kontaktierte. Sie erzählte mir, dass meine Großmutter, die ganze neun Jahre älter gewesen war als Alois, oft auf ihren kleinen Bruder aufpassen musste. Eines Tages sei es dabei zu einem Unfall gekommen: Als sie Alois auf dem Arm hielt, fiel er ihr herunter, was offenbar zu einer schweren Verletzung mit bleibenden Folgen führte.

 

Ich vermute stark, dass meine Großmutter sich dadurch ihr Leben lang schuldig gefühlt hat. Schuldig an dem Unfall, schuldig an der Behinderung ihres Bruders und damit auch an seinem Tod.

 

 

„Es ist die Erinnerung um ihrer selbst Willen, die mich dazu bewegt, weiterzumachen. Ich will Alois dem Vergessen entreißen. Die Nazis haben ihn ermordet, haben ihn ausgelöscht, haben seine Spuren verwischt. Und meine Familie hat in dem Sinn kollaboriert, dass sie ihn auch „vergessen gemacht“ hat. Mir geht es darum, das nicht fortzuführen.“

 

 

Julia Frick: Wie hat Deine Familie bzw. Dein Umfeld auf Dein Engagement und auf die neuen Informationen reagiert?

 

Jörg Waßmer: Meine Großmutter hatte recht schnell begriffen, in welche Richtung meine Recherchen gehen würden, und da begann sie zu blocken. Meine Eltern hingegen haben mich von Anfang an unterstützt und waren zum Beispiel auch 1999 mit mir zusammen erstmalig in Grafeneck und später auch noch in Herten und Emmendingen.

 

Den Mut, Kontakt zu Halbgeschwistern meiner Großmutter aufzunehmen, hatte ich wie gesagt erst nach ihrem Tod. Margarethe, die mir auch von dem tragischen Ereignis in Alois‘ Kindheit erzählt hatte, schickte mir das einzige Foto, das es von Alois gibt.

 

Das Erschreckende daran ist, dass sie selbst ihn auf diesem Foto nicht wahrgenommen hat. Erst ich entdeckte den nur schemenhaft zu erkennenden Jungen am linken Bildrand. Sie bestätigte mir daraufhin, dass es sich nur um Alois handeln konnte. Für mich unterstreicht dieses Foto die ganze Geschichte auch noch einmal symbolisch: Mein Großonkel war immer abseits, ist offenbar nie Teil der Familie gewesen. Bereits als Siebenjähriger kam er in die Anstalt und lebte fortan fernab seiner Familie. Einschränkend muss ich sagen, dass nach seiner Ermordung zumindest die Urne aus Grafeneck angefordert und im Familiengrab beigesetzt wurde.

 

2010 habe ich dann vor seinem Elternhaus einen Stolperstein verlegen lassen. Dort leben heute noch Kinder eines Halbbruders meiner Großmutter, die ich demnach auch kontaktierte. Sie waren erfreulicherweise von Anfang an sehr offen. Und gerade neulich erreichte mich eine E-Mail von einem Großcousin, der jetzt – sechzehnjährig – in der Schule eine Arbeit über Alois schreiben möchte. Das hat mich extrem gefreut, da tatsächlich einmal die Initiative nicht von mir ausging!

 

 

Ins Gedächtnis zurückgeholt: Heute liegt unweit der Stelle, an der Alois hier saß, ein Stolperstein, der an ihn und sein Schicksal erinnert.

 

 

Julia Frick: Wie würdest Du den Einfluss beschreiben, den Deine Recherchen auf Dich selbst hatten und haben?

 

Jörg Waßmer: Meine Recherche hat mich auf jeden Fall geprägt, da ich dadurch schon früh erkannt habe, dass die NS-Verbrechen Bezug zu meiner eigenen Familiengeschichte haben. Sie blieben nichts Abstraktes für mich, ich wusste, ich bin mit dieser Geschichte verwoben, ob ich will oder nicht. Außerdem habe ich einen gesunden Zweifel entwickelt was Familiengeschichten angeht. Ich glaube, manchmal muss man Geschichten gegen den Strich lesen, um dem eigentlichen Kern auf den Grund zu gehen.

 

Meinen ohnehin schon existenten Wunsch, Geschichte zu studieren, hat diese frühe Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte sicher noch verstärkt. Meine Magisterarbeit habe ich letztlich sogar zu Grafeneck geschrieben, und heute arbeite ich als Historiker im Jüdischen Museum in Berlin. Ich glaube, dass meine eigene Rechercheerfahrung bei meiner beruflichen Tätigkeit von Vorteil ist, da sie mich sensibilisiert hat. Denn auch wir bekommen ja viele Anfragen von forschenden Familienangehörigen.

 

 

Julia Frick: Was treibt Dich und Deine Arbeit an?

 

Jörg Waßmer: Manchmal fühle ich mich tatsächlich regelrecht als Getriebener, kann schlecht aufhören, weil ich immer denke, dass ich vielleicht noch etwas finde. So habe ich ja bis heute kein Porträt von ihm – und ich gäbe viel dafür, eines zu haben. Es ist diese Hoffnung, dass so ein Foto vielleicht noch in irgendeinem Archiv schlummert und nur darauf wartet, gefunden zu werden, die mich immer wieder antreibt.

 

Ansonsten ist es einfach die Erinnerung um ihrer selbst Willen, die mich dazu bewegt, weiterzumachen. Ich will Alois dem Vergessen entreißen. Die Nazis haben ihn ermordet, haben ihn ausgelöscht, haben seine Spuren verwischt. Und meine Familie hat in dem Sinn kollaboriert, dass sie ihn auch „vergessen gemacht“ hat. Mir geht es darum, damit zu brechen, das nicht fortzuführen.

 

Außerdem ist es mir wichtig, öffentlich an ein Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern, das verhältnismäßig wenig Spuren hinterlassen hat. Ursächlich hierfür ist vor allem, dass er seit frühen Kindertagen eine schwere Behinderung hatte und deshalb auch mehr als die Hälfte seines Lebens hinter Anstaltsmauern verbrachte. Alois hatte keinen Beruf, hat keine Familie gegründet, er ist deshalb so wenig fassbar.

 

In „Euthanasie“-Gedenkstätten liegt der Fokus oft auf Menschen, zu denen viel Material vorhanden ist und zu denen man viel erzählen kann. Das ist ja einerseits auch notwendig, wenn man Besucher dazu anregen will, sich mit jemandem ein Stück weit zu identifizieren. Aber andererseits ist es auch ein Dilemma, denn solche Opfer wie Alois, über die es nur wenige Informationen gibt, die fallen sozusagen hinten herunter.

 

 

Hier können Sie die ausführliche und von Jörg Waßmer verfasste Biografie Alois Zähringers lesen.