Es wäre wohl nicht übertrieben, Sigrid Falkenstein (Jg. 1946), als Vorreiterin derjenigen Angehörigen von „Euthanasie“-Opfern zu bezeichnen, die mit ihren Recherchen an die Öffentlichkeit gingen. Den Anfang machte im Jahr 2003 ein überraschender Fund im Internet. Was dann geschah, ist vielen bereits bekannt – im Interview mit Julia Frick erzählte die Autorin und pensionierte Lehrerin die Geschichte ihrer Recherche noch einmal in ihren eigenen Worten.

 

Erinnern als Verpflichtung: Sigrid Falkenstein und ihre Tante Anna Lehnkering (1915-1940). Fotos: Falkenstein.

 

Julia Frick: Wann hast Du begonnen, über das Schicksal Deiner Tante nachzuforschen? Kannst Du Dich an einen Moment erinnern, der ausschlaggebend für den Beginn Deiner Recherchen war?

 

Sigrid Falkenstein: Ich erinnere mich noch genau an jenen Abend im Herbst 2003, als ich aus purem Zufall im Internet auf den Namen meiner Tante stieß. Auf der Suche nach genealogischen Daten hatte ich den Namen meiner Großmutter in die Suchmaschine eingegeben. Sie hieß wie ihre Tochter, Anna Lehnkering.
Zuerst war ich verwirrt, dann schockiert, denn der Name stand auf einer Liste von Personen, die – so hieß es dort in englischer Sprache – von deutschen Ärzten während der NS-Zeit ermordet worden waren, also auf einer Liste von Opfern der NS-„Euthanasie“. Aufgrund des Geburtsdatums konnte ich schlussfolgern, dass es sich um „Änne“, die fünf Jahre ältere Schwester meines Vaters, handeln musste. Bis dahin kannte ich lediglich ein Foto von ihr und wusste, dass sie jung gestorben war. Und ich konnte mich nicht erinnern, dass in unserer Familie jemals über Anna gesprochen worden war.

 

 

Julia Frick: Was waren Deine ersten Schritte und Anlaufstellen?

 

Sigrid Falkenstein: Natürlich habe ich zuerst meinen Vater mit der Entdeckung dieses „Familiengeheimnisses“ konfrontiert. Er bemühte sich um Antworten, doch seine Erinnerungen waren sehr bruchstückhaft. Es schien, als ob er die schlimmen Geschehnisse ausgeblendet hätte. Doch was ich erfuhr, war, dass Anna „irgendwann Mitte der 1930er-Jahre in irgendeine Anstalt eingewiesen worden war, und irgendwann während des Krieges in irgendeiner Anstalt gestorben sei“.

Meine Spurensuche wäre wohl in einer Sackgasse gelandet, wenn ich auf besagter Internetseite nicht einen Hinweis auf Annas Patientenakte im Bundesarchiv bekommen hätte. In dieser Akte aus der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau fand ich viele Informationen und Querverweise auf andere Unterlagen. Ich nahm unter anderem Kontakt zur Klinik in Bedburg-Hau und zur Gedenkstätte Grafeneck auf, kontaktierte das Archiv des Landschaftsverbands Rheinland und kommunale Archive im Ruhrgebiet.

Das Studium der Quellen war für mich als Laie manchmal ziemlich schwierig. Einerseits muss man die Akten aus der NS-Zeit mit Vorbehalt lesen, denn sie spiegeln den Zeitgeist der nationalsozialistischen Rassenhygiene. Vieles war lediglich zwischen den Zeilen zu lesen und ließ nur spekulative Rückschlüsse auf Annas Persönlichkeit zu. Andererseits wurde das Lesen zusätzlich durch die teilweise sehr undeutliche Sütterlin-Schrift erschwert.

Bis 2003 war mein Wissen über die NS-„Euthanasie“ eher oberflächlich. Danach begann ich, mich genauer zu informieren, unter anderem mithilfe des Internets. Auch habe ich verschiedene Bücher gelesen, vor allem die von Ernst Klee haben mir dabei geholfen, Annas Lebensgeschichte in einen größeren geschichtlichen Zusammenhang einzuordnen. So gelang es mir, nach und nach ihre Biografie aus vielen kleinen Puzzleteilen zusammenzusetzen.

 

 

 

Julia Frick: Was konntest Du herausfinden?

 

Sigrid Falkenstein: Im Laufe meiner Spurensuche habe ich nicht nur eine Menge über Anna und unsere Familie erfahren, sondern auch über die Geschichte und die Gesellschaft unseres Landes.

Hier einige biografische Fakten über Anna, hinter denen sich unendlicher Kummer und Leid verbergen: Sie wurde 1915 im Ruhrgebiet geboren. Anscheinend entwickelte sie sich bis zu ihrem vierten Lebensjahr normal. Dann zeigte sie zunehmend Auffälligkeiten, war laut Akte „nervös, ängstlich und schreckhaft“. 1924 kam sie wegen Lernschwierigkeiten in eine Hilfsschule. Nach ihrer Schulentlassung 1929 erlernte sie keinen Beruf, sondern half der Mutter im Haushalt. Rund zwei Jahre später erstellte die Bonner „Kinderanstalt für seelisch Abnorme“ die Diagnose „Schwachsinn“, ein damals üblicher Begriff für „geistige Behinderung“. 1935 wurde Anna auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ im Evangelischen Krankenhaus der Stadt Mülheim an der Ruhr zwangssterilisiert. Ende 1936 wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau (Kreis Kleve) eingewiesen. Anfang März 1940 wurde sie schließlich im Rahmen der „Aktion T4“ nach Grafeneck deportiert und dort als angeblich erbkranker und damit nach damaligem Gedankengut lebensunwerter Mensch in der Gaskammer ermordet.

 

 

 

„Wer – wenn nicht wir als Angehörige – könnte glaubwürdiger bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren?! Wer – wenn nicht wir – könnte ihnen besser Gesicht und Namen zurückgeben!“

 

 

 

Julia Frick: Wie hat Deine Familie bzw. Dein Umfeld auf Dein Engagement und auf die neuen Informationen reagiert?

 

Sigrid Falkenstein: Ich bin sehr froh, denn im Unterschied zu manchen anderen betroffenen Familien ist meine Spurensuche und Erinnerungsarbeit in meiner Familie weitgehend auf Interesse und Zustimmung gestoßen. Es war und ist mir sehr wichtig, meinen Kindern, Nichten, Neffen und Enkelkindern zu erzählen, was geschehen ist, denn sie werden die Zukunft mitgestalten. „Annas Geschichte lässt mich dankbar sein für die Zeit, in der ich leben darf und erinnert mich daran, wie wichtig Toleranz und Nächstenliebe in unserer Gesellschaft sein sollten“, so eine meiner Töchter. Sie hoffe, sagte sie weiter, dass dadurch dem ein oder anderen klar werde, wie wichtig es ist, dass wir respektvoll miteinander umgehen – mit jedem, so unterschiedlich wir auch sein mögen. Und was Anna selbst angeht: Sie ist heute fest im Familiengedächtnis verankert.

 

 

 

Julia Frick: Wie würdest Du den Einfluss beschreiben, den Deine Recherchen auf Dich selbst hatten und haben?

 

Sigrid Falkenstein: Die Erinnerungsarbeit für Anna hatte und hat großen Einfluss auf mein Leben und hat es in vielerlei Hinsicht verändert. Das liegt vor allem daran, dass sich aus den rein privaten Anfängen meiner Spurensuche nach und nach ein bürgerschaftliches Engagement gegen das Vergessen entwickelt hat.
Als ich 2004 eine Internet-Gedenkseite für Anna veröffentlichte, war das, als hätte ich einen Stein ins Wasser geworfen, der immer mehr Wellen erzeugte. Seitdem ich 2012 das Buch „Annas Spuren“ veröffentlicht habe, hat die öffentliche Aufmerksamkeit weiter zugenommen. Beteiligung an bürgerschaftlichen Initiativen, Vorträge, Lesungen, TV-Auftritte meinerseits waren die Folge und führten zu zahlreichen Begegnungen mit beeindruckenden Menschen an den verschiedensten Orten – Erlebnisse, die mein Leben bereichert haben und die es ohne Anna nie gegeben hätte.

Im Verlauf meiner Erinnerungsarbeit habe ich viel gelernt. So habe ich erfahren, dass man als einzelner Mensch etwas anstoßen bzw. verändern kann. Aber dazu braucht man Netzwerke und eine möglichst breite Unterstützung durch Politik, Institutionen, Verbände und nicht zuletzt durch die Presse. Um das zu organisieren, ist eine Menge Hartnäckigkeit und Ausdauer nötig.

Es ist manchmal schwierig für mich, ein „öffentlicher Mensch“ zu sein, und es bringt psychische und physische Belastungen mit sich. Aber wenn man sich „so weit aus dem Fenster lehnt“ wie ich, muss man lernen, das öffentliche Interesse auszuhalten. Dabei hilft mir, dass ich meine Erinnerungsarbeit als Aufgabe, als Verpflichtung Anna gegenüber verstehe.

 

 

 

Julia Frick: Was treibt Dich und Deine Arbeit an?

 

Sigrid Falkenstein: Am Anfang wollte ich einfach wissen, was geschehen ist. Ich war entsetzt über das, was ich erfuhr. Anna ist unfassbares Unrecht geschehen – das Auslöschen der Erinnerung gehört dazu. Ich fühlte mich verantwortlich dafür, das Schweigen zu brechen und an sie zu erinnern. So wollte ich ihr wenigstens symbolisch etwas von ihrer Identität und Würde zurückgeben – sozusagen als Akt später Gerechtigkeit.

Darüber hinaus haben mich Fragen über unsere Familie beschäftigt, über die Lebensumstände, die auch mein Leben geprägt haben. Ich wollte verstehen, wie es zu dem Teufelskreis von Schweigen und Verdrängen kommen konnte. Je mehr ich mich mit den rassehygienischen und gesellschaftspolitischen Hintergründen befasste, umso klarer wurde mir, warum die Themen Zwangssterilisation und „Euthanasie“ in vielen betroffenen Familien tabuisiert wurden – teilweise bis heute.

Ich habe in meiner Familie erlebt, dass Schweigen krankmachen kann. Es kann heilsam sein, die Vergangenheit aufzuarbeiten und über das Erlebte zu sprechen. Das wollte ich anderen Betroffenen mitteilen und sie zur Spurensuche ermutigen. Wer – wenn nicht wir als Angehörige – könnte glaubwürdiger bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren?! Wer – wenn nicht wir – könnte ihnen besser Gesicht und Namen zurückgeben!

Ich finde es wichtig, Geschichten wie die von Anna zu erzählen, denn es sind meiner Meinung nach Einzelschicksale, die jenseits anonymer Zahlenkolonnen Geschichte begreifbar machen. Wir können, wir müssen aus der Geschichte lernen, denn die alten Denkmuster von Ausgrenzung und Diskriminierung, rassistische Vorurteile und Vorbehalte gegenüber Minderheiten existieren nach wie vor. Der Mensch als Gegenstand ökonomischer Kosten-Nutzen-Rechnung, das sind Formen der Abwertung, auf die wir auch heute achten müssen. Vielleicht fassen die Worte von Max Mannheimer gut zusammen, was mich antreibt: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“

 

 

ANNAS SPUREN – Ein Opfer der NS-‚Euthanasie“ von Sigrid Falkenstein (unter Mitarbeit von Prof. Dr. Dr. Frank Schneider ist 2012 im Herbig-Verlag erschienen. 2015 erschien es zudem in Leichter Sprache.

 

 

Auch auf Gedenkort T4 ist Anna Lehnkerings Biografie zu lesen.