Andreas Hechler studierte in Berlin Europäische Ethnologie und Gender Studies und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Bildungsreferent bei Dissens, einem Forschungs- und Bildungsinstitut mit Sitz in Berlin. Schwerpunkte seiner Arbeit in den letzten Jahren waren geschlechterreflektierte Neonazismusprävention, Intergeschlechtlichkeit in der Pädagogik, Männlichkeit, sexualisierte Gewalt und der Themenkomplex NS-„Euthanasie“, Familienbiografien, Ableismus und Erinnerungspolitik.

 

Im Gegensatz zu den meisten anderen Familien in Deutschland wurde in seiner Familie offen darüber gesprochen, dass ein früheres Familienmitglied, nämlich seine Urgroßmutter Emilie Rau, im Dritten Reich ermordet worden war. Die tiefere und in diesem Zuge auch wissenschaftliche Erforschung dessen hatte jedoch einen Anlass, der von außen kam. 

 

 

 

Emilie Listmann vor ihrer Hochzeit mit Christian Rau (Quelle: Hechler).

Julia Frick: Wann hast du begonnen, über das Schicksal deiner Urgroßmutter nachzuforschen? Kannst du dich an einen Moment erinnern, der ausschlaggebend für den Beginn deiner Recherchen war?

 

Andreas Hechler: Ich stoße mich zugegebenermaßen an dem Begriff „Schicksal“, weil es eben kein „Schicksal“ war, sondern die Geschichte auch anders hätte verlaufen können. „Schicksal“ hat etwas Unabänderliches und individualisiert ein gesellschaftliches Verhältnis – in diesem Fall die systematische Ermordung von als „krank“ und „behindert“ stigmatisierten Menschen.

 

 

Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass in unserer Familie jemand umgebracht wurde und dass das Unrecht war. In meiner Familie wurde offen darüber gesprochen – im Gegensatz zu vielen anderen Familien, in denen es NS-‚Euthanasie‘-Opfer gibt. Allerdings wusste ich nichts Genaues.

 

Als mich dann Mitte der 1990er-Jahre der deutsche Staat zwingen wollte, Kriegsdienst zu leisten und mir sehr klar war, dass ich das nicht will (im Rahmen des Konzepts der Gesamtverteidigung sehe ich auch den sog. ‚Zivildienst‘ als einen Kriegsdienst) und staatliche Zwangsdienste in jeglicher Hinsicht ablehne, hat mich mein damaliger Anwalt gefragt, ob es in meiner Familie ein NS-Opfer gibt. Ich erinnerte mich dunkel und habe dann innerfamiliär nachgefragt. Die Ermordung meiner Urgroßmutter Emilie Rau war zu diesem Zeitpunkt dank der unermüdlichen Arbeit meiner Großmutter gut in mehreren Ausstellungen und Begleitbänden (so zum Beispiel „Verlegt nach Hadamar“) dokumentiert, und so konnte ich recht einfach nachweisen, dass ich ein direkter Nachfahre einer Verfolgten des Naziregimes bin. Damit war ich aus dem Zwangsdienst raus. Die genauen rechtlichen Hintergründe sind mir nicht bekannt, aber es ist wohl so, dass direkte Nachfahr_innen von NS-Opfergruppen nicht dienen mussten (aber durften, wenn sie wollten). Auf jeden Fall war das alles der Anlass, mich noch mal genauer mit dieser Geschichte zu beschäftigen.

 

Fast 20 Jahre später haben Bekannte von mir dann den Sammelband „Gegendiagnose“ geplant und mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, etwas zu meiner Familiengeschichte zu schreiben. Ich wollte eigentlich nur einen ganz kurzen Essay zu der Frage schreiben, warum die Namen der im Rahmen der NS-‚Euthanasie‘ Ermordeten nicht genannt werden – doch herausgekommen ist dann ein 50-Seiten-Text zu den innerfamiliären Folgen der Ermordung meiner Urgroßmutter. Hierfür habe ich 2013 intensive Recherchen angestellt und u.a. Interviews mit der dritten und vierten Generation meiner Familie geführt, die Krankenakte meiner Urgroßmutter gelesen und den ganzen Schriftverkehr meiner Großmutter mit Behörden, Krankenhäusern und anderen Institutionen und Personen.

 

 

 

Julia Frick: Was waren dabei deine ersten Schritte und Anlaufstellen?

 

Andreas Hechler: Eines der Spezifika des Nationalsozialismus ist ja, dass er in Deutschland nicht nur Gesellschaftsgeschichte, sondern auch Familiengeschichte ist. Insofern habe ich da angefangen, wo die meisten – Opfer- wie Täter_innen-Nachfahr_innen – anfangen: bei meiner Familie. Ich hatte das Glück, dass meine Großmutter Marie Hechler in jahrzehntelanger Recherchearbeit einen riesigen Materialkorpus zusammengetragen hatte.

 

 

Julia Frick: Wie hat deine Familie bzw. dein Umfeld auf dein Engagement reagiert?

 

Andreas Hechler: Sehr positiv und unterstützend. Das Thema war ja schon lange ‚durch‘ aufgrund der Arbeiten meiner Großmutter in den 70er- und 80er-Jahren. Alle in meiner näheren Familie wissen zumindest rudimentär Bescheid, empfinden den Mord an Emilie Rau als große Ungerechtigkeit und standen mir für Interviews zur Verfügung. Meine Großmutter (Emilie Raus Tochter) war in dieser Hinsicht prägend für die ganze Familie.
Es gibt allerdings einen Teil meiner Familie zweiten Grades, der ein Unbehagen mit meinen Nachforschungen und meiner Textproduktion hat(te), innerfamiliär nicht über die Ermordung Emilie Raus spricht und – ganz klassisch – Scham empfindet. Dies ist ein Teil der Familie, den ich auch erst durch meine Recherchen kennengelernt habe.

 

Mir ist hier wichtig zu sagen, dass ich die innerfamiliäre Tabuisierung zwar falsch finde, aber diesen Umgang partiell auch nachvollziehen kann. Wir leben in einer ableistischen (behindertenfeindlichen) Gesellschaft und es gibt ganz real die Stigmatisierung von Menschen und Familien, die etwas mit Diagnosen und Psychiatrie zu tun haben.
Vor diesem Hintergrund denke ich, dass die immer wieder reproduzierte Rhetorik der ‚Scham in den Familien‘ mehr vernebelt als erklärt: die Ursache für das Schweigen in den Familien ist Ableismus, nicht Scham. Letztere ist Effekt des Ersteren, Scham ist nicht die eigentliche Ursache für das Schweigen. Diese gesellschaftliche Dimension muss zentral hervorgehoben werden, wenn über das Thema gesprochen und geschrieben wird; es liegt nicht (nur) in der Verantwortung der einzelnen Familien(mitglieder)!

 

 

 

Hätte meine Urgroßmutter vor ihrer Ermordung nicht schon Kinder gehabt, gäbe es mich nicht. Das zu realisieren ist krass.

 

 

 

Julia Frick: Wie würdest du den Einfluss beschreiben, den deine Recherchen auf dich selbst hatten und haben?

 

 

Andreas Hechler: Ich bin ja durch meine Recherchen sehr tief in das Leben meiner Urgroßmutter und der verschiedenen Generationen nach ihr eingetaucht, eine Zeit lang hat mich das richtig reingesogen. Eine Erkenntnis daraus war, dass die Ermordung eines Familienmitglieds eine sehr langfristige Wirkung auf die Familie haben kann. Das ist nicht neu, aber mir ist die Tiefendimension dessen anhand meiner eigenen Biografie noch mal klarer geworden. Nicht zuletzt der Umstand, dass ich lebe. Hätte meine Urgroßmutter vor ihrer Ermordung nicht schon Kinder gehabt, gäbe es mich nicht. Das zu realisieren ist krass.

 

Ich fand es auch interessant, meine eigenen Familienmitglieder unter einem spezifischen Fokus zu interviewen. Ich habe vieles erfahren, was ich nicht wusste. Es hat mich einigen von ihnen näher gebracht, von anderen habe ich mich eher etwas entfernt.

 

Ich muss(te) mich auch selbst in Ambiguitätstoleranz üben, sind doch den klaren Bildern von meiner Urgroßmutter als Opfer und meiner Großmutter als aufrechter Antifaschistin nun Gegennarrationen zur Seite gestellt worden, die etwas an mir nagen. Hier meinen eigenen Wunsch nach klar geschiedenen Täter-Opfer-Dichotomien zu erkennen war nicht so leicht.

 

Schlussendlich habe ich mich noch mal verstärkt dem Themenfeld Ableismus zugewendet, insbesondere unter einem Fokus, unter dem er selten verhandelt wird, nämlich einer historischen Dimension. Folgende Fragen haben für mich einen größeren Stellenwert erhalten: Warum gibt es Ableismus, warum gibt es ihn immer noch und wie ist seine spezifische Ausprägung in Deutschland? Und vor allem: Wie bekämpfen wir ihn?!

 

 

 

Julia Frick: Was treibt dich und deine Arbeit an?

 

 

Andreas Hechler: Mein großes Empfinden für (Un-)Gerechtigkeit, das Wissen um die Gewordenheit von Gesellschaft und dass diese veränderbar ist, das Wissen um die Notwendigkeit des Blicks zurück in die Geschichte, um die Gegenwart zu verstehen und für eine bessere Zukunft kämpfen zu können, meine familiäre Prägung und nicht zuletzt Unterstützung durch Freund_innen und Kampfgefährt_innen – ohne diese würde gar nichts gehen.
Ich freue mich auch, dass das Thema in den letzten zwei Jahren mehr Aufmerksamkeit erfährt und ich für Zeitungs- und Filminterviews, Artikel und Konferenzen zu dem Thema angefragt werde. Also diese Form der Anerkennung gibt mir auch Motivationsschübe.