NS-Medizinverbrechen ein wichtiges Thema.

 

Von Eva Buchholz1)Die Autorin organisiert ebenfalls ein Symposium auf dem WPA-Kongress. Zuvor nimmt sie an der Kundgebung des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE) e.V. teil und demonstriert für Menschenrechte und gegen Zwang und Gewalt in der Psychiatrie. Thema ihres Symposiums ist: „Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in der Psychiatrie: Brauchen wir eine neue Psychiatrie-Enquête?“ Abstract

 

Bild: Südeingang, Messe Berlin GmbH
(Tagungsort des 17. Weltpsychiatriekongresses der WPA)

 

Vom 8. bis zum 12. Oktober 2017 findet in Deutschland der 17. World Congress of Psychiatry (Weltpsychiatriekongress) der World Psychiatric Association (WPA) statt. Veranstaltungsort ist das Kongressgelände Messe Berlin, Gastgeberin ist neben der WPA die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), die den Kongress ausrichtet. Nach Angaben der Kongress-Webseite finden mehr als 900 Einzelveranstaltungen statt, erwartet werden rund 10.000 Besucherinnen und Besucher. Die nationalsozialistischen Medizinverbrechen im Namen von „Euthanasie“, ihre Aufarbeitung, das Gedenken an die Opfer sowie die Situation von Überlebenden (z.B. Zwangssterilisierten) werden im Kongressprogramm in verschiedenen Veranstaltungsformaten behandelt: Als Key Note Lecture des ehemaligen DGPPN-Präsidenten Prof. Dr. Dr. Frank Schneider, in mehreren Symposien, Podiumsdiskussionen, Filmvorführungen sowie durch weiteres Begleitprogramm (Ausstellungen, Führung zu Gedenkorten). Auch wenn das Thema nicht als eigenständiger „Topic“ des Kongresses aufgeführt wird, so stellt es aufgrund der Vielzahl der Veranstaltungen doch einen inhaltlichen Schwerpunkt dar.

 

Rund um den Weltpsychiatriekongress der WPA gab und gibt es auf Seiten von Betroffenenverbänden einige Ambivalenzen: Manche Verbände beteiligen sich im Programm und bringen die aus Betroffenensicht relevanten Themen und die eigene Perspektive ein; andere Verbände entschieden sich dafür, aufgrund der vielen ungelösten menschenrechtlichen Kontroversen in der Psychiatrie, sich vom Kongress zu distanzieren bzw. gegen ihn zu protestieren.2)Die beiden größten Psychiatrie-Erfahrenen-Verbände (BPE, Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. und Die-BPE, Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener e.V.) entschieden sich dafür, den WPA-Kongress offiziell nicht zu unterstützen, sondern gegen ihn zu protestieren und die WPA symbolisch wieder „auszuladen“. Dies erfolgte bereits im Dezember 2015 (veröffentlicht im BPE Rundbrief 1/2016, S. 14. Link: http://www.bpe-online.de > Rundbrief > 2016 > Nr. 1.) sowie auf der Webseite von Die-BPE Auf letzterer sind neben dem Protestschreiben, ein Brief mit offizieller Ausladung („disinvitation letter“), umfängliche Korrespondenz mit dem WPA-Präsidenten Dinesh Bhugra sowie Mitgliedern des „Ethics and Review Comittee“, ein Demoaufruf sowie eine WPA-Protestzeitung einsehbar. Auch „der BPE“ organisiert eine Protestveranstaltung anlässlich des Kongresses und lädt ein zur Kundgebung und Demonstration für Menschenrechte und gegen Zwang und Gewalt in der Psychiatrie. „Der BPE“ und „Die-BPE“ sind trotz ähnlich klingender Namen zwei verschiedene Organisationen. Die Ehrenvorsitzende des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener (BPE) e.V., Dorothea Buck – Überlebende der Zwangssterilisation und langjährige Aktivistin für eine menschliche Psychiatrie – konnte für ein offizielles Grußwort für den Kongress gewonnen werden.3)Videobotschaft auf der Webseite des Kongresses „Künstlerin und Betroffene: Dorothea Buck im Kurzinterview“

 

Im Folgenden soll denjenigen mit Interesse am Kongress ein Überblick über die angebotenen Veranstaltungen zum Thema der NS-Medizinverbrechen sowie einige praktische Informationen zum Programm und der Teilnahme gegeben werden.

 

Einige praktische Infos vorab

 

Die Teilnahmegebühren sind für einen Kongress dieser Größe wahrscheinlich nicht ungewöhnlich, dennoch höher als normale Tagungsgebühren: Die Beiträge (für Personen aus Deutschland, Country Group A) variieren zwischen 100 EUR (Betroffene, Angehörige), 200 EUR (Studierende), 250 EUR (Pflegekräfte, Sozialarbeiter/innen u.a.) bis hin zu 660 EUR (Ärzt/innen) bei Buchung bis zum 28. September 2017 (Gebühr für letztere danach höher). Das Programm lässt sich auf der Kongresswebseite im Online-Programm nach Kategorien recherchieren, z.B. nach inhaltlichen Schwerpunkten (44 verschiedene Topics), Tagen, deutschsprachigen Veranstaltungen (German Programme) oder Veranstaltungsformaten (Session Type). Zudem gibt es ein ePaper (komplettes Kongressprogramm zum Download) sowie eine App.

 

 

How to not lose your nerve…
Einige praktische Infos zur gezielten Recherche von Veranstaltungen

 

Wenn man eine Veranstaltung gezielt suchen und z.B. auch die Abstracts (Zusammenfassungen) der Vorträge lesen möchte, kann man sich entweder durch die verschiedenen Kategorien des Online-Programms (s.o.) durchklicken. Im ePaper lässt sich zwar ein schneller Überblick über die Gesamtheit der Veranstaltungen gewinnen, allerdings sind dort nicht die Abstracts enthalten. In der folgenden Zusammenstellung finden sich die Links zu den Gesamtabstracts (Beschreibung der Veranstaltung als Ganzes). Allerdings lässt sich von dort leider nicht zu den einzelnen Vorträgen und deren Abstracts weiterklicken. Um diese lesen zu können, muss die Veranstaltung nochmal gesondert im Online-Programm recherchiert und aufgerufen werden.

 

Dies versucht man entweder über die „Lupe“ (Suchfunktion als Icon, Bildschirm oben links) oder über die zweite Suchfunktion (dort sind die Suchergebnisse eindeutiger). Diese ist zu finden, wenn man unter dem Link des Online-Programms ganz nach unten scrollt. Bei „Enter search term here…“ kann dann ein Name oder Stichwort eingegeben werden, und die in Frage kommende(n) Veranstaltung(en) werden angezeigt. Von dort kann man sich dann zu den einzelnen Beiträgen weiterklicken (complicated, but eventually you get there…). Das Programm kann auch als App auf mobilen Endgeräten installiert werden, da ist die Bedienung einfacher (bei der Suche über „Speaker“ wird bspw. die ganze Veranstaltung inkl. aller Vorträge und verfügbaren Abstracts angezeigt) (empfehlenswert).

 

 

Kongressprogramm
(Veranstaltungen in chronologischer Reihenfolge)

 

Confronting the Nazi era – lessons from the German experience

Vortrag von Frank Schneider im Rahmen des Symposiums “Psychiatry and national security: challenges in a time of terrorism” (englischsprachig)

09.10.2017, 08:15 – 09:45 Uhr, Hall Helsinki 2

Abstract

 

Traumatisierung und Scham – die Aktivitäten von NS-Tätern in der Bundesrepublik und ihre Opfer

Symposium von Margret Hamm (Chair) und Andreas Scheulen (Co-Chair) (deutschsprachig)

09.10.2017, 10:00 – 11:30 Uhr, Room Lindau 3

Abstract

  • Vortrag 1 (Margret Hamm): Was bedeutet für Zwangssterilisierte und Euthanasie-Geschädigte der Einfluss von NS-Tätern in Politik und Gesellschaft? Versuch einer Bestandsaufnahme
  • Vortrag 2 (Andreas Scheulen): NS-Täter und Euthanasie-Geschädigte: Folgen für die Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland
  • Vortrag 3 (Dorothee Wirling): Zwangssterilisation und Euthanasie als erzählte Erfahrung – autobiographische Verarbeitungen von Betroffenen

 

National Socialism and psychiatry: accounting for the past and future prospects

Podiumsdiskussion mit Frank Schneider (Chair), Arno Deister (Co-Chair), Margret Hamm, Uwe Neumärker, Volker Roelcke und Hartmut Traub (englischsprachig)

09.10.2017, 11:45 – 13:15 Uhr, Hall A4

Abstract

 

German and international responses to Nazi Euthanasia at the Nuremberg Trials

Vortrag von Paul Weindling im Rahmen des Symposiums „Human rights abuses in psychiatry“ (englischsprachig)

09.10.2017, 13:30 – 15:00 Uhr, Hall Paris 2

Abstract des Symposium (kein Einzelabstract vorhanden)

 

The sky and beyond / Himmel und mehr (subtitled in Englisch)

Filmvorführung, mit anschließendem Gespräch mit Regisseurin Alexandra Pohlmeier und Prof. Dr. Thomas Bock

Himmel und mehr – Dorothea Buck auf der Spur (deutschsprachig, mit englischen Untertiteln)

Kino-Dokumentarfilm, Dtschl. 2009, Regie: Alexandra Pohlmeier

09.10.2017, 15:15 – 17:45 Uhr, Hall London 1

Abstract

 

Confronting psychiatry during the Nazi period – a concluded chapter?

Symposium von Maike Rotzoll (Chair) und Volker Roelcke (Co-Chair) (englischsprachig)

10.10.2017, 11:45 – 13:15 Uhr, Hall New York 3

Abstract

  • Vortrag 1 (Hans-Walter Schmuhl): Resources for each other: the Society of German Neurologists and Psychiatrists and Nazi biopolitics
  • Vortrag 2 (Maike Rotzoll): Give them back a part of their dignity – research on the victims of patients’ murder (‘Euthanasia’) and its significance for understanding national socialist psychiatry
  • Vortrag 3 (Paul Weindling): Brain tissues as a legacy of Nazi psychiatry and their post-war use, 1940-2000
  • Vortrag 4 (Volker Roelcke): Psychiatric dissertations between 1930 and 1960: programs and practices of ‘normal’ research at university psychiatric departments during the Nazi period and beyond

 

Artists as victims and survivors of National Socialism – commemoration in Germany and the challenges today

Symposium von Andreas Spengler (Chair) und Thomas Röske (Co-Chair) (englischsprachig)

10.10.2017, 11:45 – 13:15 Uhr, Room M4/M5

Kein Gesamt-Abstract der Veranstaltung verfügbar.

Einzelabstract des Chairs

  • Vortrag 1 (Thomas Röske): Artists as victims of National Socialism: life, oevre, and commemoration
  • Vortrag 2 (Andreas Spengler): Artists as survivors in the post-war period: life, oevre, and commemoration
  • Vortrag 3 (Marc Steene): Art in psychiatric context or so called outsider art: the international perspective

 

Neue historische Kommission der DGPPN – Psychiatrie in Deutschland nach 1945

Symposium von Frank Schneider (Chair) und Heiner Fangerau (Co-Chair) (deutschsprachig)

10.10.2017, 15:15 – 16:45 Uhr, Room M6

Abstract

  • Vortrag 1 (Heiner Fangerau): Vorstellung der Historischen Kommission nach 1945
  • Vortrag 2 (Maike Rotzoll): Versorgungslandschaft(en) – Psychiatrie in der BRD vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Enquête
  • Vortrag 3 (Franz-Werner Kersting): Der lange Schatten des NS-Krankenmords – Psychiatriereform und „Vergangenheitsbewältigung“ 1955 – 1975
  • Vortrag 4 (Steffen Dörre): Die Psychiatrie nach 1945: West- und Ostdeutschland im Vergleich

 

The aftermath of exiled German psychiatry, 1933-1945: how the forced emigration of psychiatrist during the Third Reich shaped psychiatry in Europe, the USA and the Soviet Union

Symposium von Lara Rzesnitzek (Chair) und Uwe Henrik Peters (Co-Chair) (englischsprachig)

11.10.2017, 11:45 – 13:15 Uhr, Hall London 1

Abstract

  • Vortrag 1 (Uwe Henrik Peters): The aftermath of exiled German psychiatry, 1933 – 1945: Introduction
  • Vortrag 2 (Oleg Aizberg): Erich Sternberg and Arthur Kronfeld: about mild schizophrenia, insulin coma, Siberia and the establishment of old psychiatry
  • Vortrag 3 (Stephen Pow): What ensured an émigré psychiatrist’s successful transition to the North American work and research environment? Searching for patterns in the case studies
  • Vortrag 4 (Edith Sheffer): After emigration: Hans Asperger and the Nazi origins of autism

 

Nebel im August

Filmvorführung (deutschsprachig), Chair: Michael von Cranach

Film über das Schicksal von Ernst Lossa und die NS-“Euthanasie”-Morde in einer Heil- und Pflegeanstalt Anfang der 1940er Jahre (Spielfilm, Dtschl./Ö. 2016, Regie: Kai Wessel)

11.10.2017, 13:30 – 16:00 Uhr, Hall London 3

Abstract

 

Psychiatry in National Socialism: remembrance and responsibility

Key Note Lecture von Frank Schneider. Chair: Robert Herz, Co-Chair: Hans-Walter Schmuhl (englischsprachig)

11.10.2017, 17:00 – 18:00 Uhr, Hall A6/7

Abstract

 

The first public document on Nazi euthanasia in Germany – a French médecin-commandant, his encounter with German psychiatric hospital staff in Württemberg, 1945-46, and the consequences

Vortrag von Thomas Mueller im Rahmen des Symposiums “Ethics, religiosity and history”

11.10.2017, 17:00 – 18:30 Uhr, Room R5

Abstract

 

Break out into art – The cell of Julius Klingebiel / Ausbruch in die Kunst – Die Zelle des Julius Klingebiel (subtitled in English)

Filmvorführung (deutschsprachig, mit englischen Untertiteln), mit anschließendem Gespräch

Chairs: Thomas Röske und Asmus Finzen, Diskussant: Andreas Spengler

Dokumentarfilm, Dtschl 2016, Regie: Antje Schmidt

12.10.2017, 11:45 – 13:15 Uhr, Hall London 1

Abstract

 

 

Begleitprogramm

 

Ausstellungen im Rahmen des Kongresses:
Info

 

  • Travelling exhibition „Registered, persecuted, annihilated”
    (Wanderausstellung der DGPPN „Erfasst, verfolgt, vernichtet: Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“)4)Weitere Informationen zur Ausstellung der DGPPN „Erfasst, verfolgt, vernichtet: Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ unter: https://www.dgppn.de/schwerpunkte/psychiatrie-im-nationalsozialismus/wanderausstellung.html
    8. – 12.10.2017, Hall B
  • Documentary and exhibition about Dorothea Buck
    8. – 12.10.2017, Hall B
  • Exhibition „Artists as Victims and Survivors of Nazi Psychiatry”
    8. – 12.10.2017, Hall B

 

Scientific Visits:
Info

 

  • Berlin in the 1940’s – in memoriam of the victims (englischsprachig)
    Visit the Topography of Terror and T4 Memorial in Berlin
    Führung zu Gedenkorten in Berlin (für internationale Gäste)
    12.10.2017, 15:00 – 18:00 Uhr

 

Einzelnachweise   [ + ]

1. Die Autorin organisiert ebenfalls ein Symposium auf dem WPA-Kongress. Zuvor nimmt sie an der Kundgebung des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE) e.V. teil und demonstriert für Menschenrechte und gegen Zwang und Gewalt in der Psychiatrie. Thema ihres Symposiums ist: „Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in der Psychiatrie: Brauchen wir eine neue Psychiatrie-Enquête?“ Abstract
2. Die beiden größten Psychiatrie-Erfahrenen-Verbände (BPE, Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. und Die-BPE, Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener e.V.) entschieden sich dafür, den WPA-Kongress offiziell nicht zu unterstützen, sondern gegen ihn zu protestieren und die WPA symbolisch wieder „auszuladen“. Dies erfolgte bereits im Dezember 2015 (veröffentlicht im BPE Rundbrief 1/2016, S. 14. Link: http://www.bpe-online.de > Rundbrief > 2016 > Nr. 1.) sowie auf der Webseite von Die-BPE Auf letzterer sind neben dem Protestschreiben, ein Brief mit offizieller Ausladung („disinvitation letter“), umfängliche Korrespondenz mit dem WPA-Präsidenten Dinesh Bhugra sowie Mitgliedern des „Ethics and Review Comittee“, ein Demoaufruf sowie eine WPA-Protestzeitung einsehbar. Auch „der BPE“ organisiert eine Protestveranstaltung anlässlich des Kongresses und lädt ein zur Kundgebung und Demonstration für Menschenrechte und gegen Zwang und Gewalt in der Psychiatrie. „Der BPE“ und „Die-BPE“ sind trotz ähnlich klingender Namen zwei verschiedene Organisationen.
3. Videobotschaft auf der Webseite des Kongresses „Künstlerin und Betroffene: Dorothea Buck im Kurzinterview“
4. Weitere Informationen zur Ausstellung der DGPPN „Erfasst, verfolgt, vernichtet: Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ unter: https://www.dgppn.de/schwerpunkte/psychiatrie-im-nationalsozialismus/wanderausstellung.html